Fated: The Silent Oath im Test

(Artikel)
Rian Voß, 11. Juli 2016

Fated: The Silent Oath im Test

Stille Wasser sind seicht

Minispiele in der Virtual Reality sind ja schön und gut. Aber als gestandener Gamer kann man Jobsimulatoren, spaßige Katapulte und Bogenschießen nur eine gewisse Zeit tolerieren, bevor man sich nach richtigen Spielen verzehrt. Ihr wisst schon - so polierte Schmuckstücke, die nicht nur einfach eine wilde Highscorejagd aus der nächsten Arcadehalle darstellen. Und während sich die Oculus Rift über Quasi-Triple-A-Titel wie Edge of Nowhere freuen kann, sieht es für die HTC Vive noch recht mau aus. Kann da vielleicht Fated: The Silent Oath Abhilfe schaffen?

In Fated schlüpfte ich wortwörtlich in die Haut des Nordmanns Ulfur, der gerade einen ziemlich miesen Tag hinter sich hatte - denn er ist gestorben. Während meine Frau Freya mich auf einem Pferdewagen verzweifelt anschreit, erscheint mir aber eine Göttin. Sie bietet mir einen Tausch an: Mein Leben gegen meine Stimme. Klingt eigentlich nach einem fairen Deal, also nicke ich mit dem Kopf und kann kurz darauf zwar nicht mehr sprechen, aber Freya ist doch recht froh, dass ich zumindest wieder bei Bewusstsein bin. Währenddessen erklärt mir die Göttin, dass ich mein Leben benutzen soll, um ein anderes zu retten. Na gut.

fated01Wir bekommen unsere zweite Chance.

Fated: The Silent Oath ist grafisch das polierte Spiel, das ich mir schon seit einer Weile erhofft habe. Die nordische Landschaft ist hübsch detailliert und abwechslungsreich. Wir schlagen uns durch Büsche, Kavernen, starren Schluchten hinab und bereisen enge Bergpfade. Auch die Figuren sehen trotz einiger cartoonhafter Stilisierung und etwas hölzener Animationen gut aus - man muss nur auf den Große-Augen-Look stehen. Aktuelle Konsolengrafik muss zwar keiner erwarten, aber mit einer Xbox 360 konkurriert Fated allemal.

Auch die musikalische Untermalung weiß zu überzeugen. Im Laufe unseres Abenteuers gibt es immer wieder ruhige und aufregende Passagen, die das Orchester wunderbar begleitet. Ob wir nun wundersame Vorrichtungen in uralten Höhlen entdecken oder zu Pferde rasant das Weite suchen - Fateds Soundtrack trifft immer die richtige Stimmung.

fated03Im trauten Kreis unserer engsten Freunde und Familie.

Klingt vielversprechend! Aber...
Die Story ist eine Katastrophe. Nun, vielleicht keine Katastrophe. Ich meine, es ist alles Ansichtssache, nicht wahr? Also, wenn man keine Ansprüche hat oder aus einem zwanzigjährigen Koma erwacht ist und in der Zeit kein Fernsehen gucken oder narrativ getriebene Videospiele spielen konnte, dann ist Fated vielleicht ganz okay! Für den normalsterblichen Medienkonsumenten hält die Geschichte aber nichts bereit, für das sich die ausgesprochen kurze Investition von rund 80 Minuten lohnen könnte.

Für diejenigen unter euch, die sich das Elend selbst anschauen wollen, will ich keine großen Plotentwicklungen vorwegnehmen. So viel gesagt: Nichts wird in dieser Geschichte erreicht. Es werden mannigfaltige interessante Handlungsstränge angerissen - von einem möglichen Verräter im Clan unseres Schwiegervaters über die Rückkehr der Riesen in eine magielose Welt und unserer eigenen Ausgewähltheit und Prüfungen, die wir für die Götter absolvieren sollen. Das alles führt aber zu nichts.

fated04Diese Göttin hat keine Ahnung, was sie tut.

Insbesondere der Grund für Ulfurs Wiedererweckung verpufft lächerlich am Ende des Spiels. Es war so eine unglaublich enttäuschende Erfahrung, dass ich das Ende zweimal spielen musste, um sicher zu gehen, dass ich nicht eine falsche Entscheidung getroffen habe. Und der Versuch, kurz vor Schluss einen emotionalen Schlag in die Magengrube zu landen, wird über das Spiel so offensichtlich aufgebaut, dass ich nur mit den Augen rollen konnte. Unterm Strich haben die Charaktere so viel Einfluss auf die Handlung wie der Dude in The Big Lebowski - nur dass die Coen-Brüder Ahnung davon haben, eine sinnfreie Geschichte unterhaltsam zu erzählen.

Nicht für VR optimiert
Fated bringt kaum Gameplay auf die Waage. Im Zeitalter der Walking Simulators ist das keine Sünde mehr, auch wenn ich mich wundere, dass die recht ausgereiften Spielmechaniken nicht in einem größeren Rahmen eingesetzt wurden. Wir dürfen mit Ulfur bogenschießend auf die Jagd gehen, einen Pferdewagen durch einen Hindernisparcours steuern und leichte Rätsel lösen. Besonders die letzten beiden Ereignisse machen viel Spaß. Die Pferdehatz steuert sich gut und wird von einer, ahem, gigantischen Bedrohung begleitet. Ich war beim Halten der Zügel wirklich gestresst, saß am Rande des Stuhls und habe erleichtert aufgeatmet, als ich in Sicherheit war. So darf VR sein!

fated02Geschossen wird dorthin, wohin man guckt.

Auch die Rätsel sind, wenn schon nicht anspruchsvoll, so gut in Szene gesetzt, dass sie allein durch die Immersion Spaß machen. Hier darf man einfache Runenfolgen nach Simon-Says-Schema auf Altaren imitieren oder muss bröckelige Bodenplatten in einer bestimmten Reihenfolge betreten. Wenn man einmal abstürzt und in die ewige Tiefe fällt, passt man beim zweiten Mal gleich doppelt auf.

Das Spiel funktioniert sehr gut, solange man in eine Richtung gucken oder gehen muss. Sobald ich aber freie Areale betreten und ein (ganz klein wenig) erkunden durfte, wurde mir unglaublich schwindelig. Das liegt in erster Linie daran, dass weder Areale noch die Steuerung für VR gemacht sind. Wir bewegen Ulfur mit Controller und typischer Egoshooter-Kontrolle. Das beinhaltet auch das Drehen um die eigene Achse mit dem rechten Stick. Eigentlich eine alltägliche Sache - in VR dreht sich allerdings die Welt um einen herum, während man still steht.

Ich habe eigentlich einen sehr festen Magen, was VR angeht, und schwinge mich in Windlands mit Greifhaken von Ast zu Ast oder rase in InCell eine mikroskopische Bio-Autobahn entlang. Wenn ich mich aber in Fated einmal um mich selber drehe, will ich sofort eine Pause machen. Der Fairness halber sei gesagt, dass das Spiel auch eine Snap-Drehung ohne gleitende Übergänge und fliegende Objekte unterstützt, an denen sich das Auge besser orientieren kann. Gegen den Karusselleffekt hat das nichts gebracht. Da Fated aber sehr gemütlich ist, habe ich letztendlich bei jeder Drehung präventiv die Augen geschlossen. Das ging.

fated05Die stationären Pferderitte gehören zu den Highlights von Fated.

Immer langsam
Obwohl Fated sehr kurz ist, zieht es sich enorm in die Länge. Die okayen Synchronsprecher machen viele Pausen und reagieren aufeinander mit gewaltigen Verzögerungen. Ich habe ganze Konversationen damit verbracht, gelangweilt auf meine riesigen Polygonpranken zu starren. Noch gediegener ist die Laufgeschwindigkeit. Ich nehme an, dass die Entwickler ebenfalls rasch Übelkeitsgefühle erlitten, ansonsten kann ich mir nicht erklären, warum Ulfur sich mit der Muße eines einbeinigen Neunzigjährigen bewegt, während alle anderen NPCs mit doppelter (also sechzigjähriger) Geschwindigkeit davonlaufen. Der reine Content des Spiels ohne Pausen und mit annehmbarer Laufgeschwindigkeit würde wohl gerade 30 Minuten füllen.

Fazit
Fated: The Silent Oath ist ein ziemlicher Reinfall für VR-Besitzer. Es findet seine guten Momente in der actiongeladenen Verfolgungsjagd, seiner Präsentation und der allgemeinen Immersion. Allerdings verschüttet es eimerweise Potential mit der unausgegorenen Steuerung und einer enttäuschenden Story. Wer sich von emotionalen Geschichten auf einem absoluten Basisniveau beeindrucken lässt, kann dem Spiel vielleicht etwas abgewinnen. Wer dagegen schon Kaliber wie Telltale-Adventure hinter sich hat, sollte dieses Fated meiden. Bessere Erzählspiele für VR werden kommen.

Fated: The Silent Oath wurde auf PC (Windows 10 64-Bit, 16 GByte RAM, Intel Core i5-4690, Nvidia GeForce GTX 970) mit HTC Vive getestet. Ein Testmuster wurde uns von Frima Originals zur Verfügung gestellt.

Fated: The Silent Oath

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

Kommentare

Talis
12. Juli 2016 um 09:26 Uhr (#1)
Aber immerhin bisher einer der wenigen Titel die mal Stroy für VR haben! Werde es wohl dennoch nicht spielen. Was ist mit Windlands?

Zu unbewegte Bewegung in VR: Man steht auf einer kleinen Plattform und rast durch die Welt und immer wenn man anhält kippt man in die jeweilige Richtung. Jede Drehung lässt einen Taumeln, weil die Welt um einen herum sich bewegt und nicht man selbst sich in der Welt bewegt. Ich habe es in Spell Fighter VR erlebt und auch ich finde mich hart im nehmen was sowas angeht, aber ich habe meine Zeit gebraucht mich etwas daran zu gewöhnen. Ich habe sogar versucht auf der Stelle mit zu laufen, das brachte aber leider wenig. Von der Erzählung her scheint aber in Spell Fighter VR die Geschwindigkeit wesentlich höher zu sein^^
Rian
12. Juli 2016 um 18:04 Uhr (#2)
Windlands kommt noch! Ich habe es noch nicht lange genug für ein Review gespielt.
Gast
31. März 2020 um 15:19 Uhr
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RELEASE
28. April 2016
PLATTFORM
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Oculus Rift
Plattform
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.
Playstation VR
Plattform

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