Overwatch im Test

(Artikel)
Rian Voß, 26. Mai 2016

Overwatch im Test

Nicht originell, aber verdammt gut geklaut

"Sieht hübsch aus, aber ist das nicht nur Team Fortress 2 mit neuem Anstrich?" Das waren meine ersten Gedanken, als Overwatch angekündigt wurde. Und ja, Blizzards erster veröffentlichter Shooter teilt sich viel mit Valves neun Jahre altem teambasierten Chaos. Es gibt aber genügend Unterschiede, so dass Fans des einen Titels nicht automatisch den anderen lieben.

Theoretisch riesige Story
Blizzard hat einen sehr guten Ruf, was Lore und Hintergrundinformationen angeht. Das zeigt sich etwa im WarCraft-Universum, wo mir Lore-Junkies aus dem Bekanntenkreis jeden NPC mit Namen und Lebensgeschichte aufsagen können. Ich habe dagegen in dem einen Monat, den ich mir mal World of WarCraft angesehen habe, jedes Textfeld sofort weggeklickt.


Ähnliches Prinzip, anderes Spiel: Overwatch gibt dem Interessierten enorm viel Story an die Hand. Vom Aufstieg der Overwatch, einem internationalen Heldenbündnis, der Krise mit den androiden Omnics, dem Fall der Overwatch sowie den Einzelschicksalen der Helden - auf der offiziellen Homepage gibt es tonnenweise Tipps, Charakterbiographien, Comics sowie mehrminütige Kurzfilme. Es ist der schiere Wahnsinn.

Umso trauriger, dass die Story komplett ausgelagert wurde. Warum Tracer die Scharfschützin Widowmaker nicht ausstehen kann oder was die Beziehung zwischen Cyborg-Ninja Genji und dem Bogenschützen Hanzo ist, kommt im Spiel selbst nie durch. Auch ein Grund, warum die Helden wieder und wieder in den Matches gegeneinander antreten, ist nicht ersichtlich. Das ist für einen reinen Multiplayer-Shooter zwar kein Beinbruch, aber ich komme nicht umhin zu sagen: schade. Die ganzen Medien im Internet hätte man doch als Extras integrieren können, damit es zumindest irgendwie im Spiel ist.

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Nicht Team Fortress 2
In Overwatch treten immer zwölf Spieler in Teams aus sechs Helden gegeneinander. Spieler wählen aus 21 Helden, die sich in vier Kategorien aufteilen: Offensive, Defensive, Tank und Unterstützung. Hier finden sich schon eine Menge Unterschiede zum Genre-Methusalem. Die breite Auswahl an kunterbunten und hervorragend designten Figuren öffnet viele Möglichkeiten, um seinen eigenen Stil zu finden. Wo man in Team Fortress als zurückhaltender Spieler nur den Engineer oder den Medic wählen kann, gibt es in Overwatch eine ganze Bandbreite von Heilern, Geschützbauern und Fallenstellern. Wenn einem Torbjörns fettes Turret nicht passt, dann sind vielleicht Symmetras sechs Mini-Turrets eher euer Ding? Oder wenn euch der Cowboy McCree im Angriff zu langsam ist, dann ist vielleicht der flinke Genji genau eure Kragenweite?


Mehr Infos zu allen Helden bekommt ihr in unserem Tipps-Artikel.
Overwatch lässt sich außerdem von MOBA-Spielen wie Dota 2 oder League of Legends inspirieren und führt Fähigkeiten mit Cooldown-Timer ein. Alle paar Sekunden kann der manische Junkrat dann eine Sprengfalle legen oder das chinesische Mädchen Mei lässt eine schützende Eiswand aus dem Boden schießen. Alle Figuren sind dabei flexibel genug, um sie auf mindestens zwei Weisen zu spielen. Einfaches Beispiel: Die engelsgleiche Mercy heilt Spieler mit einem Strahl und schaltet mit einem Tastendruck zum Schadensverstärker um. Soldier: 76 ist dagegen als offensiver Charakter zwar als Auspacker gedacht, kann mit seinem Heilfeld aber auch wunderbar Kameraden in der Nähe verarzten.

Hinzu kommen die Ultimates: Diese Fähigkeiten laden sich nur langsam auf, drehen aber nicht selten das ganze Spiel von einer drohenden Niederlage zum Sieg um. Mercy belebt alle gefallenen Helden in der Nähe wieder, der Roboter Bastion verwandelt sich in einen Panzer oder D.Va lässt ihren Mech explodieren und tötet damit alles im Umfeld.

Unterm Strich sind die Figuren klasse gebalanced, auch wenn es einige Charaktere gibt, die besonders Einsteigern das Leben zur Hölle machen. Bastion springt da in den Sinn, der auf riesige Entfernung so viele Kugeln ausrotzt, dass ein überraschter Spieler eigentlich sofort tot ist, wenn er um die Ecke kommt. Auch treiben sich derzeit enorm viele hochbegabte Spieler auf den Servern herum. Das ist natürlich keine Kritik am Spiel, aber die Menge an Hanzo-Headshotgöttern da draußen ist echt unheimlich und manchmal auch etwas frustrierend.

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Teamspiel
Wie bei den meisten Online-Shootern ist auch bei Overwatch cleveres Teamspiel enorm wichtig. Talentierte Einzelgänger können die Gegner zwar ordentlich aufmischen, aber wenn nicht die ganze Gruppe mitzieht, dann bekommt man den Payload nicht von Punkt A nach B oder man schafft es nicht, ein Gebiet einzunehmen und zu halten. Hier ist es besonders wichtig, dass sich Spieler mit ihrer Heldenwahl immer an den aktuellen Fluss anpassen. Wer einen engen Pass verteidigen muss, der wird es mit weichen Auspackern wie Tracer oder Reaper schwer haben - stattdessen glänzen die Sniper-Helden, die lebensstarken Tanks und die Turrets. So kann es durchaus passieren, dass sich die Heldengruppen am Anfang und am Ende der Runde komplett unterscheiden.

Im Gegensatz dazu kann es aber auch sehr frustrierend sein, wenn Mitspieler auf ihre Helden bestehen und partout nicht wechseln wollen, auch wenn sie ständig auf die Schnauze kriegen. Ich muss aber zugeben, dass ich mich da selbst schuldig gemacht habe - schließlich will man mit unvertrauten Figuren ja auch mal ein wenig üben. Da Overwatch mit den relativ kleinen Gruppengrößen etwas langsamer ist als das unglaubliche Durcheinander bei Team Fortress 2, ist die Sterbefrequenz für Neulinge zum Glück nicht so schrecklich hoch und die Aufbauzeit vor dem Rundenbeginn gibt einem meist genug Zeit, um die sehr einfachen (aber tiefgründigen) Figurenfähigkeiten zu lernen.

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Runde Packung
Overwatch bietet derzeit zwölf abwechslungsreiche Karten, 21 Charaktere und zwei Spielmodi. Gerade der letzte Punkt gibt Grund zum Mäkeln: Man darf entweder Punkte einnehmen und halten oder muss asymmetrisch angreifen und verteidigen. Wenn jemand einen dieser Spielmodi schon nicht mag, dann bleibt nicht mehr viel übrig, woran man an Overwatch Freude finden kann. Ein typisches Deathmatch fehlt komplett, ergibt bei diesem rollenbasierten Spiel zugegebenermaßen aber auch nicht viel Sinn. Trotzdem kann man nur hoffen, dass Blizzard in Zukunft noch ein oder zwei Modi nachlegt - eine Capture-the-Flag-Variante wäre da sehr wünschenswert. Immerhin kann man mit seinen Freunden Custom Games erstellen, in denen sich die Spielregeln ändern lassen. Und pro Woche gibt es einen besonderen, öffentlichen Spielmodus. In der Einstiegswoche war das etwa "Mayhem" - doppelte Lebensenergie und stark verkürzte Cooldowns.

Im Übrigen hat Blizzard versprochen, dass sämtliche neuen Karten und Figuren gratis sein werden. In einer Zeit, wo Mappacks zu horrenden Preisen vertickt werden und eine Community effektiv aufsplitten, setzt das ein großartiges Zeichen dafür, dass Blizzard Overwatch lange, lange am Leben halten möchte und nicht einfach nächstes Jahr durch Overwatch 2 ersetzt.

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Wer mehr Geld ausgeben will, kann sich stattdessen Loot-Kisten kaufen. Die Kisten enthalten zufällige kosmetische Items, wie neue Skins oder Graffitis, und es gibt sie auch gratis bei jedem Level-Up. Aber wer unbedingt alle Items haben möchte, kann auf diese Weise etwas abkürzen. Schade ist nur, dass es derzeit keine echte Möglichkeit gibt, sich Gegenstände gezielt zu kaufen. Manchmal bekommt man Gold aus einem Lootpack und doppelte Items werden automatisch für Währung vertickt, aber ein "Hier, ich zahle drei Euro für diesen Skin" wäre irgendwie netter. Stattdessen zahlt man zwischen 2 und 40 Euro für Lootboxen.

Fazit
Overwatch ist einfach ein sehr guter Shooter. Das Design der Karten, Helden und des Interfaces ist hübsch, klar, durchdacht und (typisch Blizzard) zeitlos. Wie Team Fortress 2 wird auch dieses Spiel in zehn Jahren noch sympathisch aussehen. Das Spielprinzip, wenn auch in keiner Weise neu erfunden, macht sofort süchtig und die Masse an Figuren lädt zum stundenlangen Ausprobieren ein, bevor man seine Lieblingshelden gefunden hat. Das Spiel könnte eigentlich nur noch eine kleine Prise Balancing und ein oder zwei weitere Spielmodi vertragen - aber da Blizzard allen spielerischen DLC gratis anbieten wird, wird sich auch dieser Kritikpunkt bald erledigt haben. Sehr schade ist eigentlich nur, dass die interessante Story ins Internet ausgelagert wurde.

Und nein, Team-Fortress-2-Spieler müssen sich nicht vor plötzlich entvölkerten Servern fürchten - die Spiele sind unterschiedlich genug, dass sie nebeneinander existieren können. ;)

Overwatch wurde auf dem PC (Windows 10 64-Bit, 16 GByte RAM, Intel Core i5-4690, Nvidia GeForce GTX 970) getestet. Ein Testmuster wurde uns von Blizzard zur Verfügung gestellt.

Overwatch

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

blackmaniac
26. Mai 2016 um 21:49 Uhr (#1)
Ich finde bei Overwatch auch sehr interessant, dass ein klassisches Scoreboard fehlt und man somit auch nicht dazu verfällt in den direkten Vergleich mit seinen Teamkameraden zu gehen. Vorallem weil das bei den unterschiedlichen Helden auch keinen Sinn machen würde.
Ben
27. Mai 2016 um 13:44 Uhr (#2)
Man muss bei Overwatch wirklich das ausgefeilte Design loben. Das Artdesign ist durchweg stimmig und die Musik einprägsam. Das ganze Spiel fühlt sich hochwertig und durchdacht an - etwas, das vielen Releases heute fehlt.
Gast
14. November 2019 um 03:12 Uhr
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RELEASE
24. Mai 2016
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.
Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

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