Uncharted 4: A Thief's End im Test

(Artikel)
Adrian Knapik, 15. Mai 2016

Uncharted 4: A Thief's End im Test

Bittersüßer Genuss

Darauf haben alle Playstation-Jünger gewartet: Der neue Teil der Uncharted-Reihe ist da. Mit Uncharted 4: A Thief's End soll der Reihe aber auch gleichzeitig ein Ende gesetzt werden – zumindest, wenn man dem Namen glauben mag, wird es nach diesem Spiel keine weitere Geschichte um den Protagonisten Nathan Drake mehr geben.

Bei aller Euphorie auf einen hoffentlich großartigen Abschluss setzte allerdings im Hauptmenü Ernüchterung bei mir ein. Während bei allen Vorgängern das Uncharted-Musikthema die Menükulisse zierte und fantastische Hintergründe Lust aufs Entdecken machten, hält sich der vierte Teil hier deutlich zurück. Keine laute Musik, keine schönen Landschaften – sondern nur leise Töne und ein Skelett, das im Käfig von der Decke baumelt. Das hier soll der spektakuläre, letzte Teil sein? Also, wirklich einladend ist das ja nicht.

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Das schönste PS4-Spiel aller Zeiten
Glücklicherweise beginnt die Story von Uncharted 4 dann doch äußerst eindrucksvoll – da könnt ihr euch drauf verlassen. Und ab diesem Zeitpunkt saß ich quasi nur noch mit offenem Mund da. Die Inszenierung der Geschichte liegt auf einem ganz neuen Level, was ich von einem Spiel bisher so noch nie erlebt habe. Die Grafik ist atemberaubend. Die Charaktere erscheinen alle authentisch und sind detailreich modelliert, die Umgebungstexturen sind der Wahnsinn und die Beleuchtung erzeugt eine tolle Stimmung, sodass ein Gesamtpaket geschnürt wird, das eindeutig den Titel des schönsten PS4-Spiels, wenn nicht sogar des schönsten Spiels überhaupt verdient.

Aber die Grafik ist nur ein Teil, der zur fantastischen Inszenierung beiträgt. Die flüssigen Übergänge zwischen den Spielsequenzen und den Zwischensequenzen sorgen für volle Immersion. Alle Zwischensequenzen werden live gerendert, sodass man keine Ladezeiten oder störende Unterbrechungen im Übergang hat. Oftmals ändert sich dann die Kameraposition einfach zurück in die bekannte Third-Person-Perspektive, womit signalisiert wird, dass die Zwischensequenz jetzt vorbei ist. Dadurch entsteht ein so nahtloses Spielerlebnis, dass man besonders schnell die Zeit vergisst.

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Action, Spannung, Trauer
Auch die Story liefert einhundert Prozent. Uncharted 4 setzt abermals auf die bekannte Mischung aus Witz und Biss und der Spagat gelingt diesmal besonders gut. Und auch wenn die Story an einigen Stellen nur Standard-Kost ist, gibt das grandiose Drumherum den richtigen Pepp. Weniger peppig, aber keinesfalls weniger gut, verhält es sich mit den langsameren Passagen. Bei trauriger Musik und gedrückter Stimmung der Figuren kann man fast spüren, wie Naughty Dog mit blutendem Herzen auf den Abschluss der Serie zurückblickt. Das sind diese Momente, in denen ich komplett in die Story hineingezogen wurde und alles andere vergaß.

Gerade, dass Nathan Drake und seine Mitstreiter während Erkundungspassagen über ihre Vergangenheit reden, bringt Leben in das Story-Konstrukt. Hier zeichnet sich auch wieder die Liebe zum Detail aus: wenn man während eines solchen Gespräches etwas Wichtiges entdeckt oder durch irgendeine Art und Weise das Gespräch unterbrochen wird, setzt sich die Unterhaltung nicht einfach bei der nächsten Gelegenheit fort, sondern wird mit Floskeln wie "Wo waren wir stehengeblieben... Ach, ja..." wiedereingeführt. Das sind so Kleinigkeiten, die Begeisterung bei mir auslösen.

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Ganz geheim...
Uncharted 4: A Thief's End ist, wie die Vorgänger, ein klassischer Deckungsshooter aus der Third-Person-Perspektive. Das heißt: in Deckung gehen, ballern und Leute verkloppen. Neu ist allerdings das Entdeckungssystem - also wie Gegner einen aufspüren und wie sie mit Positionswechseln umgehen. Während man in den Vorgängern nur einmal entdeckt werden musste und dann einfach alle Gegner Bescheid wussten, haben alle Gegner nun eine Aggro-Anzeige. Die färbt sich gelb ein, wenn sie misstrauisch werden, oder orange, wenn sie einen gefunden haben. Nun gibt es aber die Möglichkeit, sich aus dem Gebiet zu entfernen oder gut zu verstecken, wodurch die Gegner den Kontakt verlieren und denken, dass man vollkommen abgehauen ist. So kann man auch großen Gefechten entgehen, auch wenn es oft alles andere als einfach ist, wieder zu verschwinden.

Neu ist auch die Möglichkeit an nahezu allen Stellen mit vielen Gegnern den Stealth-Weg zu nehmen – und nicht immer alles in ein riesigen Schusswechsel ausarten zu lassen. So könnt ihr euch oft im neuen hohen Gras verstecken und so auch Gegner leise per Nahkampf ausschalten. Danach wird der Gegner auch automatisch im Gras verborgen, sodass keine weiteren Patrouillen die Leiche entdecken können. Dadurch ergibt sich ein gutes Zusammenspiel aus Deckungssystem und hohem Gras, mit dem ihr gut herumexperimentieren könnt.

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Geöffneter Schlauch
Unterstützend wirkt die geöffnete Spielwelt, wodurch mehrere Pfade vorhanden sind und oftmals das Gefühl verloren geht, dass man einen Schlauch-Level bearbeitet. Oftmals gibt es sogar mehrere Kletterwege, sodass man nicht das Gefühl hat, immer dem einen richtigen Weg folgen zu müssen. Gerade dadurch funktioniert das Wechselspiel zwischen Stealth und Rambo auch so gut. Auch dass man Gegner per Klick auf den linken Stick markieren und damit ihre Bewegungeng die ganze Zeit nachvollziehen kann, unterstützt das Schleichen als Vorgehensweise sehr gut.

Nicht nur das Kampfsystem wurde erneuert – auch das Klettersystem erstrahlt in neuem Glanz. Mit dem Enterhaken könnt ihr euch nun an allen Stellen, die entsprechend markiert sind, entlanghangeln, an Wänden entlanglaufen oder euch einfach nur hinauf- oder abseilen. Der neue Enterhaken wird aber auch für kleine Rätsel eingesetzt, bei denen ihr zum Beispiel Kisten in die richtige Position schieben müsst, um danach euren Enterhaken an diesen befestigen zu können. Dadurch wird das ohnehin schon perfekte Klettersystem hervorragend erweitert – und gerade durch das freie Herumschwingen werden auch einige tolle Panoramen geboten, die man nicht gesehen hätte, wenn man an derselben Stelle an der Wand kraxelt und nur Drakes Popo an der Wand hangeln sieht. Die Kirsche auf dem Törtchen ist dann noch die Möglichkeit, sich mit dem Enterhaken fallen zu lassen und somit Gegner von oben per Nahkampf töten zu können – fantastisch.

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Motor-Power
Durch die deutlich offenenere Spielwelt musste sich Naughty Dog auch eine Möglichkeit ausdenken, den Spieler schneller durch die Gegend reisen zu lassen. Denn wenn man die ganzen Wege nur zu Fuß erkunden würde, säßen wie wahrscheinlich über 100 Stunden an der Story. So wird erstmals in der Uncharted-Reihe der Jeep als Fortbewegungsmittel eingeführt. In den frei erkundbaren Jeep-Arealen schreitet auch die eigentliche Story am langsamsten voran – hier muss jeder selbst entscheiden, ob er sich von der Geschichte etwas entfernen und jeden Winkel absuchen möchte, oder versucht so schnell wie möglich voranzuschreiten und nicht zu viel Tempo herauszunehmen. Die großen Areale bringen auf jeden Fall Spaß, denn an vielen Stellen sind dann kleine Ruinen versteckt, an denen ihr Hintergrundinformationen über die Story oder weitere Schätze finden könnt.

Auch mit dem Jeep dürft ihr kleine Rätsel lösen, auch wenn die nicht wirklich anspruchsvoll sind. An einigen Stellen müsst ihr euch zum Beispiel mithilfe einer Seilwinde, die ihr am Jeep befestigt, diesen einen matschigen Hügel hochziehen. Dafür klettert ihr den Hügel hoch und befestigt die Seilwinde an einem großen Baum und gebt dann mit dem Jeep Vollgas. An anderen Stellen müsst ihr aussteigen, weil eine größere Ruine schon von den Gegenspielern infiltriert wurde und der einzige Weg zum Ziel dort durch führt. Ihr könnt aber auch versuchen, einfach volle Granate mit dem Jeep durch die Basis zu brettern und dabei so viele Gegner wie möglich mitzunehmen - aber im Auto seid ihr ein offenes Ziel und sterbt besonders schnell, wodurch das wohl der schwierigste Weg von allen ist. An anderen Stellen landet ihr in einer Verfolgungsjagd und könnt euch selbst den Weg durch eine Stadt bahnen. Der Jeep ist in jedem Fall nicht nur ein nettes Gimmick, sondern eine klasse Ergänzung zur sonstigen Fuß-Expedition und wird wirklich meisterhaft in das Spielgeschehen integriert.

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Multiplayer
Wechseln wir zur zweiten Spielhälfte: dem Multiplayer. Dieser überzeugt durch gut aufgebaute Karten, die durch den Enterhaken und die damit fixere Fortbewegung gut ergänzt werden. Besonders gefallen mir die vielen Vertikalen, sodass man immer aufpassen muss, dass keine Gefahr von oben droht. So heißt es: ständig in Bewegung bleiben, umschauen und Gegner erledigen. Während das Klassensystem gleich bleibt, wurde ein Shop im Spiel integriert. In dem kann man mit dem durch Aktionen verdienten Geld während eines Matches zusätzliche Ausrüstung wie Granaten, schwere Waffen, Helfer und Mystikfähigkeiten kaufen.

Die Mystikfähigkeiten sind Relikte mit mächtigen Auswirkungen, ähnlich wie Ultimates aus MOBAs. Beispielsweise der "Zorn von El Dorado", der ein großes Totem beschwört, aus dem Geister hervorspringen und alle Gegner in der Nähe attackieren. Der "Stab von Ayar Manco" hingegen wird in den Boden gerammt und zeigt für kurze Zeit alle Gegner auf dem Radar. Aktuell gibt es fünf Mystikfähigkeiten, die zwar sehr stark, aber nicht übermächtig sind. Und es bringt wirklich Spaß, sie zu benutzen – solange euer Team sie einsetzt und nicht der Gegner ständig am Zug ist.

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Ihr könnt euch außerdem einen von vier Helfern herbeirufen. Hier gibt es zum Beispiel den "Unmenschen", der besonders stark gepanzert ist und alle Gegner in eurem Umkreis mit einer Minigun niedermäht. Auf der unterstützenden Seite gibt es den "Retter", der Munition verteilt und Verbündete in Notsituationen wiederbelebt. Im richtigen Moment eingesetzt, bieten die vier Retter auf jeden Fall Potenzial, um ein Match auch mal komplett zu drehen.

Jede Waffe und jedes Kaufobjekt kann unter anderem mit verschiedenen Modifikationen versehen werden, die ihrerseits auch Ausrüstungspunkte kosten. Wer viele Punkte aus dem Pool in eine Modifikation pumpt, muss bei anderen Boni sparen. So wird sichergestellt, dass man nie übermächtig ist. Der Multiplayer bringt auf jeden Fall viel Spaß und bietet viele Dinge zum Freischalten und Entdecken, denn auch die Charaktere müssen entriegelt werden – und bis ihr die alle habt, wird schon einiges an Zeit vergehen.

Fazit
Uncharted 4: A Thief's End ist ein herausragendes Action-Adventure, das nicht nur in der Technik neue Maßstäbe setzt, sondern auch mit der Story das bisherige Erfolgsrezept mit lauter Kleinigkeiten perfektioniert. Ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß mit einem Singleplayer. Den von Uncharted 4 hätte ich am liebsten in einem Ruck durchgespielt, denn einen guten Zeitpunkt für eine Pause zu finden, ist fast unmöglich. Abgerundet wird das Gesamtpaket mit einem tollen Multiplayer, der lange Motivation bietet. Zum Ende lässt sich nur sagen: Ich bin absolut begeistert. Adrian

Uncharted 4: A Thief’s End wurde auf der PS4 getestet. Ein Testmuster wurde uns von Naughty Dog zur Verfügung gestellt.

Uncharted 4: A Thief's End

(Ranking)
S
RANK
Herausragend. S-Spiele erweitern Horizonte. Sie bieten intensive Erlebnisse oder halten den Spieler noch lange am Bildschirm gefesselt. Selbst wenn man sie nicht jedem empfehlen kann, will man doch mit jedem über sie reden.

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28. Februar 2020 um 19:18 Uhr
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RELEASE
10. Mai 2016
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Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.

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