To Burn in Memory im Test

(Artikel)
Vivian R., 23. Januar 2016

To Burn in Memory im Test

Ein Kunstwerk in Worten

Bücher und Filme sind ja längst nicht mehr die einzige Form, um eine Geschichte zu erzählen. Text-based Adventures kommen zwar aus einer Zeit, in der es mit der Grafik nicht ganz so gut bestellt war, eröffnen Spieleentwicklern mit wenig Budget aber die Möglichkeit, interaktive Geschichten zu erzählen und sie ansprechend zu präsentieren. Während Filme oft teuer sind (oder man ihnen ein niedriges Budget dann auch ansieht) und Bücher meistens nur aus einem weißen Blatt Papier und schwarzen Buchstaben bestehen, bieten Computerspiele selbst für eine rein durch Texte erzählte Geschichte ganz neue Möglichkeiten: Musik und effektiv genutztes Artdesign sowie der interaktive Charakter, den kein Buch nachmachen kann, machen sich viele Spiele zunutze, um auf ganz neue Weise eine Geschichte zu erzählen.

To Burn in Memory ist ein solches modernes text-based Adventure, das für den Interactive Fiction Competition 2015 eingereicht wurde, und nun zwar nur in englischer Sprache, dafür aber für lau bei Steam erhältlich ist. Obwohl es bei dem Wettbewerb nur den 33. Platz gemacht hat, ist To Burn in Memory ein ganz besonderes Spieleerlebnis und für jeden etwas, der sich zwei Stunden düstere Atmosphäre gönnen will.

TBiM Symbolic

In einer geisterhaft verlassenen und vom Krieg versehrten Stadt folgen wir den Erinnerungen von Eugénie, einer Kommunistin, und Marcel, eines Soldatens wider Willens, die zur Zeit der Besetzung in einer unbenannten Stadt irgendwo am Rhein gelebt haben. Dabei müssen wir gedankliche Bastelarbeit leisten, um uns die Geschichte zusammenzusetzen, da wir nicht in chronologischer Reihenfolge auf diese Fetzen stoßen. Allzu viel möchte ich von der Handlung aber nicht verraten. Da das Spiel mit seinen knapp zwei Stunden auch relativ kurz ist, wäre fast jedes Wort schon zu viel.

Das Spielprinzip ist typisch für die alten Text-based Adventures: Wir klicken uns durch die Beschreibungen von verschiedenen Orten, gehen mal rechts, mal links, mal Treppen hinauf und wieder hinab. Auf unseren Erkundungen finden wir Schlüssel, die wiederum Türen zu neuen Orten öffnen, und weitere Gegenstände, die diese Türen erst offenbaren.
Im Gegensatz zu anderen Adventures müssen wir die gefunden Dinge aber nicht selbst anwenden: Sobald wir mit dem richtigen Gegenstand den richtigen Ort erreichen, wird dieser ganz automatisch benutzt und eröffnet uns weitere Optionen. Wir als Spieler sind daher eher passiv tätig, was vielleicht gut ist, da unsere Gehirnleistung für das Entdecken der Geschichte und das Navigieren durch die Welt beansprucht wird. Aber dazu gleich!

TBiM Marcel III

Das Setting wird einerseits durch Beschreibungen und die zuvor erwähnten Erinnerungsfetzen von Marcel und Eugénie erzählt. Wir als Spieler befinden uns in einer namenlosen Stadt, die – einstmals pompös und elegant – nun vom Krieg und langer Besatzungszeit durch die Deutschen gezeichnet ist. Vor allem aber ist sie eines: leer. Und so wandeln wir in traumhaft ätherischer Manier durch Türme und über Plätze auf der Suche nach einer Frau, die zu Beginn unserer Reise mit uns spricht: "Find me then, in the orchards." Um zu diesem Weinfeld zu kommen, müssen wir aber zuerst Schlüssel finden und kleinere Rätsel lösen, um die verschlossenen Türen, auf die wir immer wieder stoßen, zu öffnen.

Zwar ist die Stadt zerstört und trägt Spuren eines Krieges. Erst in den Erinnerungen, die wir finden, wird aber deutlich, um welchen Krieg es sich handelt: Die meisten Erinnerungen stammen aus dem Jahr 1907 und beschreiben die anhaltende Gefahr des langsam dräuenden Ersten Weltkriegs. Die melancholischen aber traumhaften Beschreibungen brechen dabei stark mit dem Ton der Erinnerungen. Denn die Welt, in der Eugénie und Marcel leben, ist gefüllt mit stetig präsentem Terror und Gewalt, die wir im Spiel nur als etwas längst Vergangenes erleben.

Dabei erinnert To Burn in Memory an eine Mischung aus Valiant Hearts und dem Browserspiel Fallen London: Es schwankt irgendwo zwischen der Brutalität des Krieges und der bleigläsernen Eleganz europäischen Steampunks. Das historische Setting wird immer wieder durch magische und technologische Absonderlichkeiten gebrochen: Bücherverbrennungen, krude Erinnerungskulte und Pistolen, die einen Mann in der Mitte zerfetzen können. Der Schrecken des Krieges und die Stimmung unter deutscher Besatzung werden subtil aber kraftvoll dargestellt. Sätze wie "He survived the war with three of his limbs intact" treffen richtig inszeniert härter als detailliert dargestellte Blutspritzer und Gehirnmatsch. Und Beschreibungen der Stadt mit ihren Glasgewächshäusern, Uhrmacherwerkstätten und kleinen, eleganten Restaurants namens "Lárent's 27" knüpfen direkt an unsere Vorstellungen vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an.

Hier liegt definitiv die Stärke von To Burn in Memory: Das Medium der interaktiven Geschichte passt so gut zu der erzählten Handlung, die ganz ohne Grafiken und in nur wenigen Worten starke Bilder im Leser/Spieler hervorruft und so eine einzigartige, dichte Atmosphäre schafft. Die subtile und sparsam eingesetzte Musik unterstützt dies noch. Nach langer Zeit, in der wir still Beschreibungen gelesen haben, begrüßen uns beim nächsten Öffnen einer Erinnerung schwere Piano-Töne.
Wie das Spielprinz ist auch das Artdesign minimalistisch gehalten, dafür sind die Elemente aber umso effektiver. Der schwarze Hintergrund und die weiße Schrift unterstützen die melancholische und düstere Stimmung der Handlung und brechen schön mit den detallierten Ortsbeschreibungen und lassen viel Raum für Fantasie.

TBiM safe

Mit seinen zwei Stunden Spielzeit ist To Burn in Memory relativ kurz. So viel länger dürfte das Spiel aber auch gar nicht sein, denn man sollte es, wenn möglich, direkt am Stück durchspielen. To Burn in Memory bietet nämlich keine Speicherfunktion und leider auch kein Steam Overlay. Auch das Navigieren durch die Welt ist schwierig und verkommt selbst mit detallierten Notizen zu einer verwirrten Klickorgie. Wie die alten text-based Adventures bietet auch To Burn in Memory keine Karte oder sonstige Navigationshilfen. Schon ein "Back to X" oder "Return to X" in die Handlungsoptionen zu implementieren, wäre enorm hilfreich gewesen, findet sich aber leider nur in wenigen Fällen. Steamuser MemoriaParadox interpretiert das herrlich optimistisch: "Perfect for a game about memories", schreibt er und entlarvt damit wohl meine gehirnliche Faulheit.
Auch die Entwickler schienen sich dieser Schwierigkeiten bewusst gewesen zu sein: Zu jedem Zeitpunkt des Spiels können wir den Free Roam-Mode aktivieren. Dieser öffnet alle Türen und bietet uns so Zugriff zu allen Erinnerungen und dem Ende der Geschichte, ohne dass wir auf die Suche nach den richtigen Gegenständen gehen müssen.

TBiM Beschreibung

To Burn in Memory ist nicht nur wunderschön und eindrucksvoll erzählt, sondern auch gespickt mit kulturellen und historischen Anspielungen, ohne dabei altklug oder hochnäsig zu wirken. Ein wenig geschichtliches und kulturelles Wissen hilft sicher, sich in die Handlung atmosphärisch besser einzudenken, damit die Geschichte seine Wirkung entfaltet, wird das aber nicht vorausgesetzt. To Burn in Memory ist definitiv ein kleines Juwel, das starke Bilder im Spieler heraufbeschwört und für jeden etwas bietet, der vor Minimalismus nicht zurückschreckt.

To Burn in Memory wurde auf dem PC getestet. Das Spiel ist gratis auf Steam erhältlich.

To Burn in Memory

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Ben
25. Januar 2016 um 10:41 Uhr (#1)
Klasse, dass man es kostenlos bekommt. Es sollte wieder mehr Text Adventures geben :)
Gast
22. Januar 2020 um 19:40 Uhr
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RELEASE
01. Oktober 2015
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

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