Minecraft: Story Mode

(Artikel)
Benjamin Strobel, 24. November 2015

Minecraft: Story Mode

Episode 1: Order of the Stone im Test

Ein Oxymoron ist eine rhetorische Figur, bei der eine Formulierung aus zwei gegensätzlichen Begriffen gebildet wird. Minecraft: Story Mode ist ein Oxymoron. Mojangs Minecraft, der spielgewordene Inbegriff kreativer Freiheit, trifft auf den Märchenonkel Telltale Games. Heidewitzka, da rumpelt's gehörig in meiner Dunstkiepe!

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Mojang und Telltale - haben die noch alle Latten am Zaun? Himmel, Arsch und Zwirn! Das ist ja wie Kakao mit Saft zu trinken. Jeder Dreijährige weiß aus erster Hand, dass es nicht schmeckt! Wie kommt man auf die Idee, aus dem Lego-esken Klötzebauen eine emotionale Geschichte zu stricken? Was kommt als nächstes, Tetris - A Love Story? Es sagt ja andersrum auch niemand, dass The Last of Us ein tolles Match-3-Game abgeben würde. Mit aller Dreistigkeit möchten Telltale einmal mehr beweisen, dass sie nehmen können, was sie wollen, und ein großartiges Adventure daraus machen. Selbst wenn es überhaupt keine Grundlage dafür gibt. Und was tun die Penner? Sie ziehen es verdammt noch mal durch.

In Minecraft: Story Mode entfällt die kreative Leistung auf die Entwickler statt auf den Spieler. Es ist beachtlich, dass Telltale sich an eine Marke heran getraut hat, zu der es (in-game) keine Geschichte gibt. Noch beachtlicher ist, dass sie dieses Vakuum mit eigenen Ideen hervorragend füllen können. Telltale haucht der Welt von Minecraft Leben ein wie ein Kind, das sich zu seinen Legosets Geschichten ausdenkt. Es geht dabei um Freunde, die gemeinsam ein Abenteuer erleben - in einer Welt aus Blöcken. Eine Welt, in der es normal ist, Bäume mit den Fäusten zu hacken, nachts Zombies mit dem Schwert zu erschlagen oder die Welt in Minecarts zu bereisen. Story Mode zollt geschickt seinen Tribut ans Original, in seinen besten Momenten nickt es der Vorlage zu, verfolgt im Kern aber sein eigenes Ziel: eine Geschichte zu erzählen.

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Figuren, die man liebt
Eine wichtige Entscheidung trifft man gleich im Menü: Zum ersten Mal in einem Telltale-Adventure kann man sich entscheiden, ob die Hauptfigur Jesse männlich oder weiblich ist. Auch die Hautfarbe darf man frei wählen! Außer auf Aussehen und Stimme hat diese Wahl aber keine Auswirkung. Jesse, ihre blockigen Freunde und das Hausschwein Reuben besuchen gemeinsam die EnderCon, eine Convention zu Ehren des Order of the Stone, eine Gruppe von Leuten, die der Legende zufolge den Ender Dragon besiegt haben soll. Als ein gefährliches Monster auf der Messe beschworen wird, bleibt den jungen Abenteurern nur eine Wahl: Die Mitglieder vom Order of the Stone zusammentrommeln, um gemeinsam die Kreatur zu besiegen, die nun ihr Unwesen treibt.

Ohne Telltales Künste abzuwerten, kann man sagen, das Spiel funktioniert nach dem bekannten Telltale-Prinzip: in Dialogen kann man reden oder schweigen, Kämpfe trägt man überwiegend in Quick-Time-Events aus und so manches Mal muss man unter Zeitdruck über moralische Dilemmata entscheiden. Ob ein Spiel mit diesen Voraussetzungen gut wird, steht und fällt mit der Geschichte und ihren Figuren. In Minecraft: Story Mode ist den Entwicklern erneut ein geschickter Kunstgriff gelungen: Hausschwein Reuben hat man ab Sekunde eins ins Herz geschlossen und ist fortan bereit, seine Freunde oder das Schicksal der Welt für den kleinen rosa Freund aufzugeben. Nicht selten drehen sich Entscheidungen darum, ob und wie man Reuben retten kann. Und weiß man bei wichtigen Entscheidungen nicht weiter, kann man stets den Gesichtsausdruck des Schweins zu Rate ziehen. Ähnlich wie in The Walking Dead - Season 1 kommt dem nächsten Begleiter damit eine wichtige Funktion zu, die selbst dann funktioniert, wenn man sich dieser Sache bewusst ist. Die übrigen Nebenfiguren lassen mein Herz zwar nicht so hoch schlagen wie bei Schweinchen Reuben, aber die Chemie zwischen den Charakteren stimmt. Da hört man ihnen auch gerne zu.

Den Ernst des Lebens sucht man in Minecraft: Story Mode vergebens. Die lockere Abenteuer-Geschichte kommt mit viel Humor und einer prise Slapstick. Und die oft absurde Logik der Minecraft-Welt sorgt wie von selbst für ein paar gute Lacher. Damit sortiert sich Story Mode eher in Richtung Tales From the Borderlands ein, ist aber deutlich besser auch für Kinder geeignet.

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Originaltreue
Story Mode ist von Kopf bis Fuß eine interaktive Geschichte. Man wird also nie Ressourcen sammeln oder sich stundenlang durch Höhlen graben. So bleibt das Spiel auch zugänglich für Spieler, die bisher nichts mit Minecraft anfangen konnten. Trotzdem gibt es immer wieder schöne Referenzen auf das Original, die den Minecraft-Spielern gekonnt zuzwinkern. So muss man beispielsweise entscheiden, ob man lieber ein Baumhaus oder ein Unterschlupf am Boden baut. Den Figuren kann man dann im Zeitraffer dabei zusehen, wie sie die Blöcke stapeln. Zahlreiche Items, die man auf seiner Reise findet, können an verschiedenen Stellen für Crafting verwendet werden. Natürlich geht auch hier alles streng nach den etablierten Rezepten auf einem 3x3-Gitter.

Optisch ist Story Mode eine täuschend echte Kopie von Minecraft. Wie schon bei Tales From The Borderlands haben Telltale den visuellen Stil perfekt imitiert. Nicht nur besteht die Welt aus den bekannten Blöcken, auch die Anordnung und Struktur könnten der Vorlage direkt entsprungen sein. Allein bei den Figuren wurden etwas mehr Freiheiten ausgekostet - eine gute und wichtige Entscheidung, um die Charaktere besser unterscheiden zu können. So variieren die Chars nicht nur in Skins, sondern auch mit Frisuren und in der Körpergröße. Das gilt auch für eine Vielzahl von Gesichtsausdrücken, die selbst in ihrer minimalstischen Art Emotionen gut herüber bringen - wenn auch nicht in derselben Bandbreite, die wir sonst von Telltale kennen.

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Technisch läuft Minecraft: Story Mode einwandfrei auf der Xbox One. Untertitel und Sprachausgabe sind synchron. Laderuckler, die einige Tellatle-Spiele plagen, konnte ich nicht feststellen.

Die erste Episode von Minecraft: Story Mode etabliert die Figuren und die Idee für eine Geschichte im Minecraft-Universum recht überzeugend. Ob das lockere Setting genug Momentum für eine spannende Geschichte über fünf Episoden aufbauen kann, bleibt abzuwarten. Für den Start kann das Adventure mit seinen Figuren überzeugen. Viele Referenzen zum Original zeigen schon jetzt, dass die Franchise nicht nur verholzt, sondern ernstgenommen wird. Minecraft: Story Mode ist nicht das Oxymoron, das ich erwartet hatte. Ich bin gespannt, wie sich das Spiel entwickeln wird. Ben

Episode 1: Order of the Stone im Test von Minecraft: Story wurde auf der Xbox One getestet. Ein Testmuster wurde uns von Flashpoint zur Verfügung gestellt.

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