Dungeon Travelers 2 im Test

(Artikel)
Haris Odobaši?, 28. September 2015

Dungeon Travelers 2 im Test

Der Bibliothekar und die Monstermädchen

Dungeon Travelers 2 gehört zu der Welle an Nischentiteln, die so noch vor ein paar Jahren niemals hierzulande erschienen gewesen wären. Als Spin-Off eines Eroge erdacht, erschien der Vorgänger für die PSP nur in Japan, ehe wir nun den zweiten Teil auch in westlicheren Gefilden begrüßen dürfen. Doch durch die Vorgeschichte sollte man sich nicht täuschen lassen, denn immerhin entwickelt hier Sting Entertainment, die einige der besten Strategie-RPGs der letzten Jahre zu verantworten hatten. Kann also Dungeon Travelers 2 mit solch talentierten Entwicklern im Rücken mehr als nur eine Fanservice-Party bieten?

Wie man es bei diesem Genre schon fast erwarten würde, ist die Story kein Höhepunkt. Ihr seid Fried, ein Libra – jemand, der sich dem akademischen Studium von Monstern verschrieben hat – im Dienste der königlichen Bibliothek. Aufgrund einer akuten Monsterplage werdet ihr trotz eures Novizenstatus an die Front befördert, seid aber als Bücherwurm natürlich kaum dafür geeignet, selbst aktiv zu kämpfen. Während ihr also nach den Ursachen forscht, rekrutiert ihr nach und nach Mitglieder für eure Party, um euch gegen die Bedrohung behaupten zu können.

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Es ist eine Geschichte, die sich niemals auch nur einen Millimeter weit weg vom Klischee entfernt und die in ihrer Vorhersehbarkeit so sicher ist, wie der Twist in einem Film von M. Night Shyamalan. Einen Ausgleich schaffen hier aber die vielen rekrutierbaren Charaktere, die ein weites Spektrum an Persönlichkeiten abdecken und damit zumindest die Dialoge und Interaktionen unterhaltsam gestalten, wenn schon die Story nur mäßig unterhalten kann. Wobei hier Fried das ganze Geschehen etwas hinunterzieht, bleibt er doch größtenteils eindimensional und hat eher die Rolle des passiven Kommentators inne, statt sich wirklich in den Vordergrund zu drängen. Seine Reaktionen sind immer nur eine logische Konsequenz der gegeben Situation, Eigeninitiative zeigt er nicht. Die ansonsten fast ausschließlich weiblichen Figuren hingegen sind komplex charakterisiert und liebenswert. Zwar fehlt es im Ensemble an herausragenden Figuren, aber dafür fällt auch kein Charakter wirklich negativ auf oder ist irgendwie nervig.

Allerdings sind wir hier bei einem Dungeoncrawler und in diesem Genre ist Story meistens nur schmuckes Beiwerk für den Hauptgang: Kämpfe sowie Dungeons - und hier zeigt Dungeon Traveler 2 zum Glück keinerlei Blöße. Die Balance im Kampf ist exzellent: selbst wer ein bisschen grindet, wird gegen die Monsterhorden im Dungeon nur selten das Vergnügen haben, nach nur einer Runde fertig zu sein. Fiese Feinde fordern euch alles ab, wobei ihr aber dank des hervorragenden Klassensystmsm auch die nötigen Mittel zur Verfügung habt, um euch dieser zu erwehren. Das Klassensystem ist sowieso – entschuldigt den schlechten Wortwitz – eine Klasse für sich, bietet es doch viele Entwicklungsmöglichkeiten und entsprechend Potenzial zum Experimentieren. Es geht mit fünf Basisklassen los, die aber über zwei Zwischenstufen insgesamt sechzehn Endklassen ergeben, aus denen ihr wählen müsst. Neben dem üblichen Standardkram wie Heiler, Kämpfer und Magier gibt es auch etwas abgedrehtere Charakterklassen - wie Magical Girls, die sowohl starke Zauber haben, aber sich auch im Nahkampf behaupten können. Es ist ein Bereich, in dem Dungeon Travelers 2 nicht nur mit den Genrebesten mithalten kann, sondern diese sogar übertrumpft.

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Doch auch die Verliese haben es in sich und zählen zur Oberklasse. Sie sind knifflig gestaltet, oftmals gibt es Teleporterfelder, versteckte Pfade, Fallen und Goodies, die zum Entdecken einladen, aber euch natürlich auch immer wieder zum Verhängnis werden können. Der Schwierigkeitsgrad ist dabei relativ hoch und die Komplexität der Verliese steigert sich merklich. Eine gute Vorbereitung ist deswegen das A und O.

Was besonders auffällt, ist, wie stark Dungeon Travelers 2 mit visuellen Stimuli arbeitet. Ob eine beispielsweise Tür ein- oder zweiwegig ist, erkannt man nicht auf den ersten Blick, aber wer aufmerksam auf Farbgebung und Ähnliches achtet, kann dies dennoch deduzieren und sein Dungeon-Abenteuer entsprechend besser planen. Und wer nicht darauf achtet und sich in einer vertrackten Situation wiederfindet, muss auch nicht verzweifeln: Dungeon Travelers 2 ist herausfordernd, aber überaus fair. So könnt ihr jederzeit speichern, was bei Dungeoncrawlern nicht zur Tagesordnung gehört.

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Allerdings ist Dungeon Travelers 2 auch voll visueller Stimuli ganz anderer Art: dem vielgeliebten und vielgehassten Fanservice. Für die einen willkommene, optische Abwechslung und geschätzter Begleiter in der Pubertät, für die anderen sicheres Zeichen des Unterganges unseres christlich-jüdischen Abendlandes. Dungeon Travelers 2 ist auf jeden Fall bis zum Brechen voll damit.
Das fängt schon bei den Gegner an, die vorwiegend dem aktuellen Monster-Girls-Trend aus Japan folgen und entsprechend gerne als Hydras oder Kraken in mehr oder minder sexualisierten Outfits angetanzt kommen. Und wer Bossgegner besiegt, kriegt gleich ein Bildchen nachgeschoben, das die Kontrahentin in kompromittierten Posen zeigt. Aber auch das Klassensystem spielt hier zu, bedeutet ein Klassenwechsel eben auch einen Kleidungswechsel, welcher häufig etwas knapper erfolgt. Dabei ist das Artdesign durchaus hochwertig und die vielen CGIs sehr gut gezeichnet. Dungeon Travelers 2 ist das wohl fanserviceintensivste Spiel, welches jemals bei uns im Handel veröffentlicht wurde. Wer also sowieso Spiele mag, die in diese Richtung gehen, kriegt hier ein zusätzliches Schmankerl.

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Ansonsten ist die Präsentation eher schlicht gehalten. Die Dungeons, die man in 3D aus der ersten Person erforscht, sind grafisch abwechslungsreich, aber nicht sonderlich detailliert dargestellt und auch die Effekte bei Magieeinsatz laufen eher auf Sparflamme. Dafür ist die Musik wunderbar, insbesondere, weil man mehrere Kampfthemas hat, die von Dungeon zu Dungeon rotieren. So hört man sich nie wirklich an einem Stück satt, obwohl das Spiel alleine in der Hauptstory für 50 Stunden fesselt, um dann Endgame-Inhalte, wie besonders fiese Dungeons, nachlegt, die nochmals gut und gerne weitere 50 Stunden Spaß bieten.

Während meiner Zeit mit Dungeon Travelers 2 erinnerte ich mich an eine Kolumne auf Polygon, die Atlus sagte, dass der amerikanische Publisher es doch besser machen können. Jetzt, nachdem ich Dungeon Travelers 2 durchgespielt habe, kann ich sagen: Nein, können sie nicht. Zumindest nicht, wenn es um Dungeoncrawler geht, denn in diesem Bereich ist Dungeon Travelers 2 ohne Frage König auf der Vita. Sting Entertainment mögen vor allem für ihre innovativen SRPGs bekannt sein, doch hier zeigen sie, dass sie auch das Genre der Dungeoncrawler auf hohem Niveau beherrschen. Gerade das Klassensystem zählt zu dem Besten, was ich bisher spielen konnte und bietet viele Möglichkeiten zur Individualisierung der Party, was bei den knackigen Dungeons auch wahrlich nötig ist. Schade nur, dass man die sympathischen Charaktere in einer belanglosen und vorhersehbaren Story unterbringt, denn so fehlt das Tüpfelchen auf dem i.

Allerdings hat die Kolumne natürlich einen berechtigten Einwand gebracht, denn so viel Fanservice wie Dungeon Travelers 2 bietet, kann man dies kaum ignorieren. Wer es nicht zumindest tolerieren kann, dem bleibt das fantastische Gameplay und die herausfordernden Dungeons entsprechend für immer verschlossen. Wer es genießen kann, ist hier aber gleich doppelt im Glück: tolles Spiel und toller Fanservice. Haris

Dungeon Travelers 2 wurde auf der PS Vita getestet. Ein Testmuster wurde uns von NIS America zur Verfügung gestellt.

Dungeon Travelers 2: The Royal Library & The Monster Seal

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Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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12. November 2019 um 15:34 Uhr
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RELEASE
16. Oktober 2015
PLATTFORM
PS Vita
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