Amnesia: Memories im Test

(Artikel)
Haris Odobašić, 09. September 2015

Amnesia: Memories im Test

Immer wieder neu verlieben

Ihr solltet euch nicht davon abschrecken lassen, dass Amnesia: Memories mit dem Hauptcharakter ohne Gedächtnis das Japan-Klischee Nummer Eins bedient. Denn nein, hier geht es nicht etwa darum, eine generische Weltrettungsstory zu erleben, sondern etwas so Banales, dass es sich gerade dadurch unheimlich frisch anfühlt: die Geschichte um ein Mädchen, das mit ihren Erinnerungen auch ihre Liebe vergisst und nun versucht, eben diese wiederzugewinnen, um die große Frage zu beantworten, ob sie sich noch mal neu in ihren Liebsten verlieben kann.

Ihr startet das Spiel mehr oder weniger in euren Gedanken gefangen, wo euch der Geist Orion begrüßt. Der kleine Junge mit den Antennen auf dem Kopf ist nämlich irgendwie mit euren Gedanken kollidiert und hat so den Platz eingenommen, der sonst euren Erinnerungen gehört. Entsprechend wisst ihr nun fast nichts mehr, aber habt zumindest eine Stimme im Kopf als Begleiter, damit ihr euch gemeinsam in dieser Zweckgemeinschaft auf die Suche nach der Vergangenheit machen könnt, damit ihr irgendwann hoffentlich wieder getrennte Wege gehen könnt.

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Kaum ist das Vorgeplänkel vorbei, werdet ihr schon vor die vielleicht wichtigste Entscheidung im Spiel gestellt: in welche Welt wollt ihr reisen? Hier ist das Spiel leider etwas abstrus, verbirgt sich hinter den Welten doch im Endeffekt der Junge, den ihr daten sollt.

Shin (Heart World)amnesia-memories-shinDer Badboy unter den Jungs, der immer auf cool und irgendwie rebellisch macht – er hat immerhin ein Piercing über der Brust! Seine Art zur Hauptfigur ist meistens herrisch, aber natürlich hat er auch eine süße Seite zu bieten. In seiner Welt wacht ihr nach einem schweren Unfall in einem Krankenhaus auf, es gilt also nicht nur eure Liebe wiederzuentdecken, sondern auch aufzuklären, was hinter dem Unfall steckte.

Ikki (Clover World)amnesia-memories-ikkiIkki sieht zwar super creepy aus mit seinen Handschuhen und der Sonnenbrille, aber ist ein echter Frauenschwarm. Scheinbar haben seine Augen eine magische Wirkung, die ihm einen echten Fanclub beschert, der ihm keine ruhige Minute lässt. Wer seine Route wählt, hat also gleich mehrere Konkurrentinnen, gegen die es sich durchzusetzen gilt.

Kent (Spade World)amnesia-memories-kentKent ist der stereotype Mathematik-Student, der vollkommen besessen von seiner Arbeit ist und mit weltlichen Phänomenen wie Liebe nur schwer umzugehen weiß. Entsprechend versucht er auch in seine Beziehung mit der Hauptfigur eine gewisse Systematik reinzubringen, was entsprechend kuriose aber auch lustige Resultate zur Folge hat.

Toma (Diamond World)amnesia-memories-tomaEin alter Kindheitsfreund, der für euch die Rolle des großen Bruders einnimmt. Sorgt sich immer um die Hauptfigur, würde fast alles für sie tun. Tomas Route ist besonders interessant, weil das Spiel euch hier zweifeln lässt, ob er nicht etwa ein doppeltes Spiel mit euch treibt.


Das System mit den Welten müsst ihr euch ungefähr wie Paralleldimensionen vorstellen: zwar gibt es Gemeinsamkeiten, ihr arbeitet zum Beispiel immer in einem Maid-und-Butler-Café, aber natürlich sind die Beziehungen zwischen den Charakteren entsprechend anders, da euer Geliebter in jeder Welt jemand anderes ist. Kaum habt ihr also eure Welt und damit euren Freund gewählt, findet ihr euch am 1. August wieder und müsst fortan versuchen, bis zum Ende des Monats so viel wie möglich über euch selbst herauszufinden, aber andererseits natürlich euch nicht anmerken lassen, dass ihr euer Gedächtnis verloren habt, denn bei der Art von Amnesie, unter der ihr leidet, hilft natürlich kein Krankenhausaufenthalt und Orion scheint jetzt auch nicht die Art von Kerlchen zu sein, der sich von einem Exorzisten vertreiben lässt.

Entsprechend lest ihr also viel Text, dürft aber an eigentlich jedem Tag eine, manchmal sogar mehrere Entscheidungen treffen, die relativ viel Einfluss haben. Denn ein bisschen Spiel findet sich im Visual Novel wieder in Form eines Systems, welches ein paar wichtige Faktoren visualisiert – wie viel Vertrauen ihr zu eurem Liebsten aufgebaut habt, wie stark eure Liebe ist und schließlich wie verdächtig ihr euch verhaltet. Dieses System reflektiert im Endeffekt, was eure Entscheidungen bewirkt haben und dient als primärer Leitfaden auf dem Weg zu den unterschiedlichen Enden, von denen jeder Charakter mehrere hat. Das Ziel in jeder Welt ist es im Endeffekt, euch erneut zu verlieben und so mit eurem Freund richtig zusammen zu kommen, was euch das beste Ende beschert. Aber unterwegs gibt es natürlich viele Fallstricke. Wer sich zum Beispiel zu auffällig verhält und den Gedächtnisverlust in den Dialogen nicht gut genug kaschiert, findet sich plötzlich in der Situation wieder, dass Mitte August Schluss gemacht wird, weil euer Freund fest davon überzeugt ist, dass ihr im Wichtiges verheimlicht.

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Insgesamt ist jede Route gut geschrieben und insbesondere auch gut lokalisiert. Die Storylines sind zwar selten wirklich extravagant - es geht eher um lockere Teenieliebe statt um großes Drama -, doch der hohe Unterhaltungsfaktor und insbesondere der sehr spannende Aufbau treibt einen immer weiter. Denn natürlich will man die kleinen und großen Ungereimtheiten in jeder Welt aufklären, herausfinden, was für eine Person die Hauptfigur denn vor ihrer Amnesie war, und hat so einen großen Motivationsbrunnen, aus dem man schöpfen kann.

Was mir aber richtig gut gefallen hat, ist, dass man wenn man für jeden der normalen Charaktere das gute Ende freischaltet, eine weitere Route kriegt für einen fünften Jungen. Dieses mysteriöse Kerlchen hat in den anderen Storylines immer Gastauftritte, aber seine Geschichte ist die definitiv spannendeste, agiert sie doch quasi als Verbindungsglied, welches einen schönen Aha-Effekt zur Folge hat - insbesondere im Bezug auf das große Mysterium im Spiel: die parallelen Welten.

Bedenken sollte man aber natürlich, dass das Spiel komplett Englisch ist. Auch wenn die Texte nicht sehr anspruchsvoll sind - wer nicht zumindest sein Schulenglisch sicher im Griff hat, wird leider nur wenig Spaß mit dem Spiel haben können.

Amnesia: Memories ist eine spannend erzählte, zuckersüße und gerne auch mal urkomische Liebesgeschichte. Auch wenn man dem Spiel vorwerfen kann, dass die Story etwas kurz ist - jeder Charakterplot dauert nur so ungefähr zwei bis drei Stunden -, fühlte ich mich gut unterhalten. Vermisst habe ich nur das Drama. Amnesia mangelt es zwar nicht an emotionalen Momenten, aber immer wenn das Spiel droht, eine etwas dramatischere Richtung einzuschlagen, wird der Plot schnell wieder aufgelöst. Die Beziehung zwischen den Figuren wird nie wirklich einer richtigen Belastungsprobe unterzogen und selbst wenn es mal traurig wird, kratzt das nie am Heile-Welt-Anstrich. Dennoch ist es ein mehr als solider Vertreter des Genres, der gerade durch den leichten Mystery-Touch sich von der Konkurrenz abhebt.Haris

Amnesia: Memories wurde auf der PS Vita getestet. Ein Testmuster wurde uns von IdeaFactory International zur Verfügung gestellt.

Amnesia: Memories

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

Kommentare

Ben
10. September 2015 um 09:56 Uhr (#1)
Ich habe mir dein Review jetzt nur durchgelesen, damit ich nie wieder ausversehen an dieses Amnesia denken muss!
Rian
10. September 2015 um 13:28 Uhr (#2)
Ich muss im Namen der Gleichberechtigung nach all den typischen Hentai-Visual-Novels ja eigentlich auch noch mal niedliche Jungs daten. Wo kommen wir denn sonst dahin?
Ben
10. September 2015 um 14:20 Uhr (#3)
Und du musst es vor aller Augen im Let's Play tun. Wie bei den Sims!
Ben
10. September 2015 um 14:21 Uhr (#4)
Oder hatte das der Paul gemacht? Ich komme da immer durcheinander. Ihr seid euch ja manchmal schon irgendwie ähnlich.
Gast
13. Dezember 2018 um 02:50 Uhr
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28. August 2015
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PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
PS Vita
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