Blues and Bullets - Episode 1 im Test

(Artikel)
Kristin Riedelsberger, 31. August 2015

Blues and Bullets - Episode 1 im Test

Kleine Monster auf großen Pfaden

Kleine Wissensfrage: Welcher Developer befindet sich derzeit in puncto Adventure auf einem absoluten Höhenflug, macht die erfolgreichsten US-Serien zum Spielerlebnis und heimst durch ein Story-Design, bei welchem die Entscheidungen des Spielers wirklich von Bedeutung sind, einen Preis nach dem anderen ein? Richtig: Telltale! Eigentlich kein Wunder, dass nun ein Entwicklerteam mit dem entzückenden Namen A Crowd Of Monsters auf den Zug aufgesprungen ist. Blues and Bullets ist so sehr telltale-ig, dass sich wohl jeder eingefleischte Fan der Spieleschmiede auf die Füße getreten fühlen wird: Es müssen Entscheidungen getroffen werden, die am Ende mit denen anderer Spieler verglichen werden können. Es gibt Quick-Time-Events und kleinere Schießereien, die gemeistert werden wollen. Und es gibt die obligatorischen fünf Episoden (à fünf Euronen), von denen bisher nur Episode 1 veröffentlicht worden ist. Auch für mich.

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Die Fragen sind also folgende: Hat Blues and Bullets Potential? Ist es ein gelungener Telltale-Abklatsch? Mit der Antwort tue ich mich schwer – besonders, nachdem ich für den zweiten Teil von Broken Age eine euphorische Prognose abgegeben habe, die sich beim Spielen der (viel zu spät!) erschienenen Fortsetzung als völlig falsch erwiesen hat... Aber gut, ich will es versuchen!

Ihr schlüpft in die Rolle von Eliot Ness, einem ehemaligen Kommissar, der endlich seine wahre Bestimmung in Form seines eigenen kleinen Diners, dem Blues and Bullets, gefunden hat. Jedenfalls glaubt er das, bis sein alter Erzfeind Al Capone wieder auf der Bildfläche erscheint und Ness – ganz entgegen dessen schlimmen Befürchtungen – um Hilfe bittet. Al Capones Tochter ist wie vom Erdboden verschluckt, genau wie eine Menge weiterer Kinder, deren Vermisstenanzeigen schon die Wände des Blues and Bullets tapezieren. Und weil Ness ein Herz für Kinder hat, macht er sich arglos auf die Spurensuche.
Wir hingegen wissen schon nach der Anfangssequenz, wo sich die Kinder aufhalten. Und es sieht übel aus. Richtig übel. Blues and Bullets ist psycho, gewalttätig und enthält eine ordentliche Portion Gore. Damit wir als Spieler das besonders schätzen können, sind sämtliche Blutlachen und frisch abgetrennte Armstumpen in leuchtendem Rot hervorgehoben. Der Rest ist schwarz-weiß, wie es sich für Krimi-Geschichten, die in den 1950er Jahren spielen, gehört. Wer schwache Nerven hat, der spielt am besten bei Tageslicht und nach dem Mittagsschlaf.

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Tatsächlich ist die Geschichte, in die uns Blues and Bullets in der ersten Episode ja bloß einführt, so fesselnd, dass es nicht jedem leicht fallen dürfte, den Controller (oder die Tastatur, je nachdem) vor Anbruch der Dunkelheit beiseite zu legen. Obwohl man eigentlich gar nicht mehr sehen möchte von den maskierten Monstern, die die Kinder in ihrer Gewalt haben, so will man doch genau wie Ness wissen, was eigentlich für ein Motiv hinter den Entführungen steckt. Von daher: Punkt für A Crowd of Monsters!

Was dem Entwicklerteam allerdings lange nicht so gut gelungen ist, ist die Sache mit den Entscheidungen. So hatte ich beispielsweise in einer Situation die Auswahl zwischen "Drohen" und "Anschnauzen" – das empfinde ich jetzt nicht wirklich als Wahl. In anderen Situationen wiederum war mir nicht klar, wo die Stichworte, die um Ness‘ Kopf herumschwirrten, denn hinführen sollten. So war meine Entscheidung am Ende doch nicht mehr als ein Klick auf gut Glück.

Dafür liefert Blues and Bullets ein anderes interessantes Feature: die kriminologische Chart. Hier müssen die Hinweise, die an einem Tatort gefunden werden, sortiert und miteinander in Zusammenhang gebracht werden. Ich empfand sie zwar in der ersten Episode nicht als große Herausforderung, kann mir aber vorstellen, dass die Indizien-Jonglage in den weiteren Episoden um einiges anspruchsvoller wird.

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Kopfschmerzen machen mir letzten Endes vor allem zwei Dinge. Zum einen wäre da die Kameraführung. Obwohl Blues and Bullets in 3D designt worden ist, ist es nicht möglich sich umzugucken. Außerdem sind die Bewegungsrichtungen stark eingeschränkt – obwohl die Gestaltung der teils pompösen Schauplätze das Gegenteil vermuten lässt. Das führt mitunter zu absurden Situationen. Ich habe zum Beispiel einen Messerwerfer bei der Arbeit erschreckt (obwohl Top-Kommissar, scheint Ness manchmal nicht ganz der Hellste zu sein), woraufhin ich zwar die Assistentin schreien hörte, das Spiel mir aber verbot, einen Blick in die Richtung zu werfen, aus der der Schrei gekommen war.

Der zweite Punkt, der mich beinahe den Spielspaß gekostet hätte, ist das Geh-Tempo von Ness. Ernsthaft jetzt: Eine Schnecke ist schneller. Jedes Mal, wenn ich einen längeren Weg vor mir hatte, konnte ich es mir nicht verkneifen, lauthals zu jammern. Das Geschleiche nimmt dem Spielgeschehen jede Dynamik und macht es zu einer echten Qual, irgendwo hinzugehen – und sei es auch nur auf die andere Seite eines Raumes.

Um also zum vorläufigen Urteil zu kommen: Wenn A Crowd of Monsters Eliot Ness noch ein paar Hummeln in den Hintern drücken und noch etwas mehr Feingefühl bei der Benennung der Entscheidungsoptionen erweisen könnte, dann könnte Blues and Bullets tatsächlich zu einem Spiel werden, das an Telltale-Qualität heranreicht. Eine vielversprechende Story hat es jedenfalls. Oder scheint es zu haben.

Ach ja, die Episoden-Games...

Blues and Bullets wurde auf dem PC getestet. Ein Testmuster wurde uns von A Crowd of Monsters zur Verfügung gestellt.

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06. Oktober 2022 um 12:13 Uhr
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