Early Access auf Konsolen

(Artikel)
Adrian Knapik, 12. Juli 2015

Early Access auf Konsolen

Wer hat euch denn ins Gehirn geschissen?

Die E3 2015 bot so einige Überraschungen. Was, Noch ein Artikel zur E3? Wie langweilig! Aber hier dreht es sich nicht primär um Vorgestelltes auf der größten Spielemesse der Welt - vielmehr möchte ich das Thema "Early Access" ansprechen. Wie vermutlich jeder von euch weiß, existiert dieses nicht gerade unerfolgreiche Konzept seit einiger Zeit auf Steam. Jetzt, ein paar Jahre nach der Einführung, hat Microsoft auf der Pressekonferenz ihren eigenen Early Access-Service mit dem Namen Game Preview für die Xbox vorgestellt. Und da dies noch nicht genug ist, kamen vor Kurzem auch noch in einem Interview mit einem Mitarbeiter von Nintendo Pläne über ein Early-Access-Programm bei den Japanern ins Gespräch. Der Trend führt also dazu, auf Konsolen das Konzept der käuflichen Beta zu etablieren. Aber genau dies ist der falsche Weg!

Doch was genau ist Early Access eigentlich? Ein Entwickler kann sein Spiel in unfertigem Zustand beispielsweise in Steams Early-Access-Programm veröffentlichen und so während der laufenden Entwicklung finanzielle Hilfe von interessierten Spielern bekommen. Die Kunden erhalten als Gegenleistung eben jenes Spiel, welches sich allerdings ja noch aktiv in Entwicklung befindet und deshalb in den meisten Fällen noch von Problemen wie wenig Inhalt und unheimlich vielen Bugs heimgesucht wird. Der Spieler bezahlt also für ein unfertiges Spiel, in der Hoffnung, irgendwann mal die gute, fertige Version vor sich liegen zu haben. Im schlimmsten Fall hat das Entwicklerstudio aber finanzielle Probleme und die Entwicklung wird eingestellt, womit das Geld aus Sicht des Kunden fehlinvestiert wurde - das sind nun einmal die Risiken von Early Access.
Aber gerade diese aktive Finanzierung ist durchaus ein positiver Aspekt dieser Verkaufsstrategie, vor allem da es sich bei diesen Titeln meist um solche handelt, die von kleinen, unabhängigen Entwicklerstudios herausgebracht werden. Aus Spielersicht ist es außerdem natürlich etwas Spannendes, ein gutes Spiel bei seiner Entwicklung zu beobachten, vielleicht durch aktives Feedback auch noch an der Fehlerbehebung mitzuhelfen - vorausgesetzt, man interessiert sich dafür. Umso ärgerlicher ist es aber, wenn ein Spiel so durchzogen mit Fehlern ist, dass man es kaum spielen kann - ob nun auf dem PC oder auf den Konsolen.

eakonsolen_xboxgamepreviewDie Vorstellung von Xbox Game Preview auf der E3 2015.

Auf PCs, der Heimat der Indie-Entwicklung, ist das ja noch alles schön und gut, doch wollen wir unfertige Spiele wirklich auf unseren Konsolen? Sind es nicht die Konsolen, die noch den letzten Rest der Philosophie halten, dass ein Spiel immer funktioniert? Während man auf PCs - nicht zuletzt wegen unterschiedlicher Hardware - immer wieder das Problem hat, dass etwas nicht einwandfrei funktioniert oder ein Titel gar nicht erst startet, gilt doch auf den Heimkonsolen immer noch das Prinzip "CD rein, Spiel an" - falls es einmal keinen Day-One-Patch geben sollte. Aber gerade dieses Prinzip wird mit einem Early-Access-Programm von Grund auf verraten und durch den Dreck gezogen. Während alleine schon die Möglichkeit, Patches zu verteilen, den Entwicklern einen größeren Spielraum für fehlerbehaftete Releases gibt, wird ihnen hier endgültig der Freifahrtschein in die Hand gedrückt, der sagt: "Mach, was du willst, Hauptsache du veröffentlichst dein Spiel auf unserer Plattform." Was bedeutet das für den Spieler? Genau das, was auch auf dem PC eingetreten ist: Es erscheinen Titel mit schlechter Performance, einer Unmenge an Bugs und im schlimmsten Fall unausgereiften Spielkonzepten - also wird unser Spielerlebnis immens dadurch gestört, dass die Prinzipien der Konsolen nicht mehr eingehalten werden. Gerade den durchschnittlichen Konsolenspieler wird das in seiner Zufriedenheit mit der Konsole und dem Spiel, welches er sich gekauft hat, absolut senken, was nur Nachteile für den Konsolenhersteller und den Entwickler hat, weil auch das Vertrauen sinkt und somit die Bereitschaft, auch in Zukunft gut Geld auszugeben.

Was ich auch noch als großes Problem ansehe, ist die Größe der Entwicklerstudios in Kontrast zu der Aufgabe, die mit einer Multiplattform-Entwicklung einhergeht. Mit der Möglichkeit, auf verschiedenen Platformen Early-Access anzubieten, wird es nicht lange dauern, bis die ersten unfertigen Spiele auf mehreren Konsolen erscheinen. Aktuell dauert es allein schon auf dem PC bei dem Großteil der Spiele gefühlte Ewigkeiten, bis ein fertiges Produkt ausgespuckt wird. Wenn aber jetzt noch eben diese plattformübergreifende Entwicklung dazu kommt, befürchte ich eine vollkommene Überlastung der kleinen Entwicklerstudios. Das könnte in zwei Szenarien enden: Entweder, die Entwicklung wird für bestimmte Plattformen wieder eingestellt, um überhaupt ein vernünftiges, zeitnahes Endprodukt sicherzustellen, oder es wird am Vorhaben festgehalten und die Entwicklungszeit verlängert sich bis zum Jüngsten Tag. Letzteres würde voraussichtlich dann auch noch mit einem Qualitätsverfall einhergehen, was natürlich zum Nachteil aller Käufer werden würde. Im schlimmsten Fall kommt dann auch noch die neue Konsolengeneration raus - woraufhin sowieso niemand mehr mit der alten was am Hut haben möchte. Also: Geld ausgegeben, aber nie ein fertiges Spiel gesehen. Scheiße, oder?

eakonsolen_dayzDayZ kommt für Xbox Game Preview. Bei der derzeitigen Entwicklungszeit ist es aber fraglich, ob es in der Lebensspanne der derzeitigen Konsolengeneration überhaupt fertiggestellt wird.

Zum weiteren Nachteil zählt auch noch die deutlich komplexere Patch-Politik der Konsolenhersteller. Jeder Patch wird von den Herstellern Sony und Microsoft auf Fehler und auf eventuelle Gefahren für das System überprüft, was bei Early-Access-Spielen die Weiterentwicklung noch weiter verzögern würde. Und was passiert, wenn mal aus Versehen ein kaputter Patch ausgeliefert wird, der das Spiel unspielbar macht? Hach, Mist, dann doch noch mal ein paar Tage warten, bis der nächste Patch durch die Kontrollen durch ist, damit wieder alles funktioniert. Und was passiert, wenn plötzlich die Entwicklung eingestellt wird? Ob nun aus Bosheit oder aus finanziellen Problemen - bisher gibt es kein System auf den Konsolen, welches es ermöglicht eine Rückerstattung der bezahlten Summe anzufordern. Gut, bei einer Pleite des Entwicklerstudios sollte man vielleicht davon absehen, noch sein Geld zu verlangen, mal abgesehen davon, dass dies nun mal zu den Risiken eines Early-Access-Kaufes dazugehört, aber trotzdem hat man dann halt unfertigen Mist auf der Festplatte liegen, der doch nur Speicherplatz blockiert. Auch hier würde mehr Ärger für den Kunden verursacht werden - und der Konsolenspieler ist nun mal noch ein wenig eingeschnappter als der moderne PC-Spieler. Hier sollte man sich seinen Ruf nicht verscherzen.

Mit der Einführung von Early Access müsste es also meiner Meinung nach auch eine Einführung eines Rückerstattung-Systems geben, das hätte es auch auf Steam schon von Beginn an geben müssen. Allein aus dem Grund, dass einem ein Spiel absolut nicht gefallen kann, ist es schon ein großer Schritt auf den Kunden zu, wenn er dieses dann einfach mit ein paar Klicks wieder zurückgeben kann. Es könnte genau so geregelt werden, wie es auf Steam jetzt gehandhabt wird: solange man nicht eine bestimmte Spielzeit überschreitet, ob nun zwei oder drei Stunden, und das Spiel nicht länger besitzt als zwei Wochen, sollte man als Kunde die Möglichkeit haben das Spiel zurückzugeben. Wenn diese Fristen überschritten sind kann man das Spiel offiziell als "gekauft" markieren und dem Entwickler sein Geld überweisen - und der Entwickler gerät in keine finanziellen Schwierigkeiten.

eakonsolen_wiiu3dsSehen wir bald ein Early-Access-Programm auf Wii U und 3DS?

Nun noch mal zum Punkt Nintendo. Ich musste wirklich lachen, als ich die Nachrichten zum Interview vom Mitarbeiter las, der klar machte, dass Early Access für die Japaner durchaus ein Thema ist. Und obwohl ich lachen musste, wurde ich umso trauriger, es gerade von dieser Firma zu hören. Ist Nintendo nicht einer der einzigen Entwickler sowie Publisher, die die letzten wirklichen Konsolenspiele rausbringen? Perfekt zum Release abgestimmt und mit nahezu keinen Bugs, gilt hier immer noch das Prinzip "CD rein, Spiel an". Erstkäufer müssen (überwiegend) keinen 10GB-Day-One-Patch laden, damit alles korrekt funktioniert. Ich bin der Meinung, dass man gerade darauf stolz sein sollte bei Nintendo und unbedingt dafür sorgen muss, dass dies beibehalten wird. Early Access wäre hier nur ein großer, schmerzhafter Schritt in die falsche Richtung - und wenn Nintendo es tatsächlich nur aus Mangel an Third-Party-Spielen an ihrer Hauptkonsole Wii U bedenkt, dann sollten sie sich trotzdem fragen, ob sie das überhaupt wollen.

Ich kann mich mit der Idee von Early Access auf Konsolen absolut nicht anfreunden, ich glaube, das konnte man merken. Am wichtigsten ist für mich dabei dieses Konsolen-Prinzip des immer funktionierenden Spiels, welches damit nicht nur endgültig weggeschmissen wird, sondern noch fünfmal zerhäckselt und anschließend mit lodernden, unheilvollen Flammen abgefackelt wird. Ich möchte damit aber nicht Weiterentwicklungen auf Konsolen verurteilen - auch Patches haben viele Vorteile. Aber trotzdem empfinde ich diese Richtung als nicht richtig. Ich werde auf jeden Fall hier aktiv die weitere Entwicklung verfolgen und schauen, wie das Konzept bei Konsolenspielern ankommt. Aber wenn es wirklich erfolgreich sein wird, werden Sony und Nintendo nachziehen und den nächste große Bruch in der Konsolenlandschaft herbeiführen. Adrian

Die Meinung in Beiträgen mit dem Tag "Jetzt spreche ICH!" muss nicht unbedingt der des ganzen DPads entsprechen. Kann! Muss aber nicht.

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