NOT A HERO

(Artikel)
Paul Rubah, 18. Mai 2015

NOT A HERO

Blutbad für Perfektionisten

Ein Wahlkampf ist ja meist ein ziemlich abgekartetes Spiel. Da werden Stimmen gekauft, Magnaten der Wirtschaft ins Boot geholt und viele Versprechen gemacht, die keiner halten kann. Aber in dieser Stadt gibt es noch einen, der sich den Posten verdient hat! Einen Unbestechlichen! Einer, der weiß, was die Menschen wollen, und sich nicht scheut, es ihnen zu geben! BUNNYLORD! Ein Mann mit einer lilafarbenen Hasenmaske auf dem Kopf, dessen einzige Wahlkampfstrategie es ist, mit spotzenden Kanonen und Sprengstoff sämtlichen Gangsterbossen der Stadt noch vor dem Wahltag das Handwerk zu legen. Und wir sind die braven Wahlkampfhelfer.

nah-action-closeSURPRISE, MOTHERFUCKER!

Ich bin ja immer froh, wenn ich ein Spiel nahezu vollständig aus anderen Titeln zusammensetzen kann. Dann kann ich sagen: "Wenn ihr das und das und das mögt, dann mögt ihr auch das." Nun, NOT A HERO ist ein Mix aus Hotline Miami, OlliOlli und dem Mega-Drive-Klassiker Bonanza Bros. Wenn ihr einen dieser Titel mögt, dann ist NOT A HERO eigentlich schon was für euch. Aber ich drösele das natürlich gerne noch einmal weiter auf.

Bonanza Bros.: Die Perspektive
NOT A HERO beschreibt sich als 2-1/4-D-Shooter. Das ist natürlich ein peinliches Kunstwort, aber ganz falsch ist es nicht: Man läuft üblicherweise als Pixelheld mit Knarren im Anschlag auf einer 2D-Ebene herum, kann aber auch Säulen, Kisten oder andere Hindernisse benutzen, um sich dahinter zu verstecken. Insofern ist NOT A HERO eigentlich ein reiner 2D-Shooter mit Deckungssystem. Anstatt aber nur zu ballern, kann man die Deckung - eben wie auch im Ganoven-Klassiker Bonanza Bros. - auch benutzen, um sich an Feinde anzuschleichen und sie klammheimlich zu erdolchen. Einige Spielfiguren können sogar die Türen eintreten und sie so zur Waffe umfunktionieren! Es ist, als wäre ich wieder sechs Jahre alt.

nah-bunnycopterPowerups, wie Handgranaten oder besonders mächtige Schüsse, können einem Helikopter ganz gut Beine machen.

Hotline Miami: Die Geschwindigkeit
Anders als 16-Bit-Shooter ihrer Zeit, ist NOT A HERO brachial schnell. Das liegt daran, dass die Figuren nicht nur schießen, sondern auch zur nächsten Deckung rutschen können. Insgesamt benötigt das Spiel drei Tasten: schießen, rutschen und Special. Schießen sollte soweit klar sein. Hier gilt: Je näher man am Feind ist, desto tödlicher die Kugel. Im besten Fall jagt man dem Kerlchen auf der anderen Seite der Säule mit nur wenigen Kubikzentimetern Luft zwischen Lauf und Nase das Blei in den Schädel. Gleichzeitig will man natürlich nicht dumm rumstehen, denn auch wenn die Lebensenergie schnell regeneriert, sackt die Figur nach wenigen Treffern aus jeder handelsüblichen MG blutüberströmt zu Boden.

Die Lösung: Gar nicht erst laufen! Stattdessen rutscht die Figur wie auf Ecstasy mit wundem Po von Deckung zu Deckung. Diese Technik geht schnell ins Blut über und wird zur Fortbewegungsmethode der Wahl, was dem Spiel einen sehr twitchigen Charakter gibt. Hinzu kommen die Executions: ein umgerutschter oder anderweitig betäubter Gegner kann mit einem weiteren Angriff an Ort und Stelle erledigt werden. Das spart Kugeln. Nicht, dass man nicht sowieso unendlich hätte, aber Nachladen kostet Zeit und die Feinde hören es, wenn die Pistole jämmerlich leer vor sich hin klickt. Das nehmen sie als Gelegenheit wahr und stürmen die Position. Dann will man lieber ganz woanders sein. Ist man aber nicht immer, was dazu führt, dass einen kleine Fehler und manchmal auch einfach ein bisschen Pech direkt zum Levelanfang zurück führen. Manch einer kennt das von Hotline Miami: Manchmal kommt man mit totalem Flow im ersten Anlauf durch das Level und fühlt sich wie ein Gott, manchmal braucht man zwei, drei, vierzig Versuche. Das macht aber nichts, da einen die Abwesenheit von Ladezeiten und ein furioser, rhythmischer Soundtrack immer im Fluss halten.

nah-action2-closeManchmal überraschen einen gescriptete Ereignisse.

OlliOlli: Der Anspruch
Falls ihr es nicht wisst: Roll7 entwickelte neben NOT A HERO auch das Skateboardspiel OlliOlli. Und man spürt das. Jede Mission hat nicht nur ein Ziel (meist "Töte X", "Zerstöre Y" oder "Sammel Z"), sondern auch drei optionale Aufgaben. Manchmal muss man innerhalb eines Timers an einem bestimmten Ort sein, manchmal muss man zehn Gegner ohne einen Gegentreffer töten, Geiseln retten, nur eine bestimmte Anzahl von Schüssen abfeuern oder versteckte Gegenstände finden. Alleine geht das ja noch, aber alle drei Aufgaben in einem Anlauf durchzuführen und dann auch noch unbeschadet zum Exfiltrationspunkt zu gelangen, kann richtig, richtig schwierig sein. Da insbesondere Limits wie Timer und Kugeln den Spielstil einschränken, muss der Spieler das Level von vorne bis hinten kennen lernen, zum Dinner ausführen, ins Bett kriegen und eine langjährige Beziehung aufbauen, um letztendlich erfolgreich zu sein. Da muss man Gegnerpositionen kennen, wissen, in welcher Reihenfolge man welchen Raum absolviert, failen, neustarten, sterben und es noch einmal versuchen, nur um kurz vor Ende wegen eines dummen Fehlers alles noch einmal machen zu müssen. Na ja, ich sage "müssen" - muss man nicht. Die Aufträge sind optional. Aber da NOT A HERO ohne diese zusätzlichen Herausforderungen mit seinen 18 Missionen relativ fix durchgespielt wäre, will man natürlich den ultimativen Rang des Global Megalord in allen Leveln ergattern.

nah-charactersFarbenfrohes Gesindel.

Also lernt man die Choreographie, tänzelt von Raum zu Raum, wird zu einem rutschenden Wirbelwind des messernden Todes und schreit vor Glück, wenn die Finger den erdachten Plan mit Gusto in die Realität umsetzen. Manchmal kann das mächtig schnell gehen, aber insbesondere das letzte Drittel kann richtig unfair sein. Da gibt es Gegner mit One-Hit-Kills, die auch mal zeitweise unsterblich sind, und manchmal muss man durch Türen gehen, auf deren anderer Seite rein zufälligerweise ein Typ vorbei patrouilliert. Der puncht einem dann ins Gesicht und der Auftrag "Don't get punched" ist gescheitert. GRRR. Das ist mal wieder der typische Sprung ins Ungewisse, der schon bei den OlliOllis verachtenswert war - und nun sein Comeback mit einer Zufallskomponente feiert. Bah.

Was dem Plan übrigens auch nicht zuträglich ist: Ruckler. Alle Jubeljahre ruckelt das Spiel einmal kurz. Nicht lang. Eine halbe Sekunde oder so. Aber eine halbe Sekunde des Kontrollverlusts ist in diesem Spiel die Garantie für den Neustart.

nah-bunnylordLeicht nachvollziehbares Wahlprogramm.

Auch wenn man begierig alle Sonderaufträge wie ein Zwangsneurotiker abhakt, ist NOT A HERO für geübte Tastenjongleure kein Spiel, das länger als ein Wochenende durchhält. Glücklicherweise bieten die neun spielbaren Charaktere noch etwas Anreiz zum Wiederkehren. Jede Figur bringt ihre Eigenheiten mit auf Mission. Mike ist superschnell, exekutiert leise binnen Augenblicken und ballert mit zwei Schrotflinten - muss aber nach zwei Schuss nachladen. Samantha kann im Laufen schießen (und hat einen wehenden Mantel!), Clive kann beide Richtungen gleichzeitig bedienen und Kimmy schießt, während sie einem Feind das Katana im Brustkorb versenkt. Insgesamt bietet NOT A HERO Speedrunnern viel Gelegenheit, um das perfekte Rezept für jede Mission zu finden.

Und dann ist da noch Bunnylord. Äh... Bunnylord übernimmt das Mission Briefing und lädt einen nach getaner Arbeit in Tante Rubys Café zum Frühstück ein. Es wäre in keinster Weise übertrieben zu sagen, dass Bunnylord random sei. Nicht nur verlangt das Kaninchen vollkommen bescheuerte Sachen von einem, wie etwa Käse aus dem Keller eines Mobsters zu befreien, sondern was der zukünftige Bürgermeister sagt, ist tatsächlich zufällig: Stücke seiner Texte - und manchmal auch die Sprites der Sammelobjekte - werden willkürlich aus einer Liste ausgewählt. Manchmal soll man den Gangstern in ihre fiesen Fressen schieße, manchmal in ihre sexy Fressen. Das ist von der Idee her ganz lustig, aber nach einer Weile fielen mir beim Lesen der Monologe die Augen zu. Man spürt einfach den Unterschied zwischen gut geschriebenem Wahnsinn und der pseudo-zufälligen Tollheit.

NOT A HERO fühlt sich definitiv frisch und unverbraucht an. Es ist ein schöner, kleiner, gut durchdesignter Shooter, der Perfektionisten glücklich macht und den Spieler in einen Rausch versetzt. Ein paar kleine mechanische Schwächen und der etwas dürftige Umfang blockieren dann aber den Pfad zu wahrer Größe.

NOT A HERO wurde auf dem PC getestet. Ein Testmuster wurde uns von Devolver Digital zur Verfügung gestellt.

NOT A HERO

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Bisher hat dieser Artikel keine Kommentare. Sei der erste, der einen Kommentar veröffentlicht!
Gast
20. November 2019 um 09:09 Uhr
GASTNAME
E-MAIL (nicht öffentlich)
      
SICHERHEITSFRAGE
Mit wie vielen "d" schreibt sich "dailydpad"?
ANTWORT

Themen

NOT A HERO
Spiel
Review
Sparte - Wenn es nicht bei drei auf dem Baum ist, testen wir es.

Gefällt dir unser Artikel?

Spiele des Artikels

RELEASE
14. Mai 2015
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.
PS Vita
Plattform
Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

Ähnliche Artikel