Hotline Miami 2: Wrong Number im Test

(Artikel)
Torsten Ingendoh, 24. März 2015

Hotline Miami 2: Wrong Number im Test

Ich musste es tun!

Was würdet ihr tun, wenn jemand ständig Nachrichten auf eurer Mailbox hinterlassen würde, die euch dazu auffordern, die russische Mafia aufzumischen? In Hotline Miami ging es genau darum und die Antwort des Protagonisten Jacket war ein unmissverständliches "Ich töte sie alle". Dennations Indie-Hit erforderte gutes Timing, noch bessere Planung und eine Portion Glück. Die meiste Zeit war aber Sterben und das Lernen aus seinen Fehlern angesagt. Mit Wrong Number werden alle diese Tugenden erneut von euch in einem Sequel abverlangt, das alles richtig macht. Hotline Miami 2 ist größer, länger, schwerer, aber auch kranker. Zeit, den inneren Soziopathen mal richtig zu füttern.

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Kontroverse eilte dem Titel dabei schon voraus. Die PAX-Demo von 2013 fing erst mal mit einer Vergewaltigung an. Diese Szene hat es bis ins fertige Spiel geschafft und bildet das Ende des Prologs, dem Tutorial des Spiels. Damit wird auch gleich der Ton der Story angegeben: Schonungslos. Zwar löst sich diese Szene als Filmdreh auf, doch irgendwie bin ich mir immer noch nicht sicher, ob das wirklich einer war oder ob sich die Spielfigur das nur eingebildet hat. Wer das nicht sehen will, wird vor dem Starten des Spiels gefragt, ob man sexuelle Inhalte überspringen möchte. Modern Warfare 2 lässt grüßen.

Die Story ist in sechs Akte unterteilt, die nicht nur wild zwischen mehreren Charakteren umherspringt, sondern auch mehrmals zwischen den 90er und den 80ern wechselt. So muss man noch in einem Level als eine Gruppe von Nachahmerkillern diverse Sündenpfuhle trocken legen, während man im nächsten Level als Polizist mit ungewöhnlicher Arbeitsmoral Kriminelle brutal niederstreckt. Und dann geht es zurück in die 80er, um die Militärkarriere des Ladenbesitzers aus Teil Eins zu erleben.

Die nicht-sequentielle Erzählweise gepaart mit den ständigen Perspektivenwechseln gestaltet es schwierig, der Story einwandfrei zu folgen. Erst nach und nach wird klar, wie die einzelnen Handlungsstränge zueinander passen. Dafür bietet dieses Setup eine Menge Gameplay-Abwechslung. Jede Figur hat einen anderen Spielstil. Das Maskensystem aus dem Vorgänger beschränkt sich auf die Gruppe von Nachahmerkillern, wobei jede Maske für ein anderes Mitglied steht. Der Polizist kann am besten mit Waffen umgehen, während der Journalist in seinen Segmenten seine Gegner nur bewusstlos schlägt - optional kann er sie dennoch tot prügeln. Als Soldat ist man auf eine Schusswaffe und ein Messer begrenzt. Ist die Munition alle, muss man sie sich an bestimmen Kisten wieder auffüllen. So gibt es auch nicht wirklich eine Universalstrategie für alle Level, da man immer umdenken muss.


Das Grundprinzip ist aber immer noch intakt. Jedes Level besteht aus mehreren Abschnitten und Ziel ist es, alle Gegner zu erledigen. Dazu kann man sie entweder schlagen und dann am Boden niederstrecken, mit einer Nahkampfwaffe sofort totschlagen oder gleich mit einer Schusswaffe umnieten. Das klingt einfach, ist es aber nicht, denn der Tod kommt schneller, als einem lieb ist. Die Gegner kennen nämlich nur eine Reaktion, wenn sie euch sehen: Frontalangriff. Das lässt sich aber oftmals geschickt ausnutzen. Kurz ins Sichtfeld hopsen, hinter der Ecke mit einer Waffe lauern und dann alles umhauen, was angebissen hat. Das kann aber genauso gut in die Hose gehen, vor allem, wenn man einen Gegner mit Schusswaffe übersehen hat oder wenn hinter der Ecke bereits jemand mit der Schrotflinte im Anschlag hockt. Aus diesen Fehlern lernt man Schritt für Schritt, wie man erfolgreich wird. Und dann geht wieder was anderes schief, weil der eine Gegner diesmal woanders lang gelaufen ist.
Hat man das Spiel geschafft, darf man die Level dann auch meistern. Punkte gibt es für Kills, für Combos und für die Vorgehensweise. Am Ende gibt es dafür einen Rang und eventuell sogar eine Belohnung, meistens neue Masken oder Waffen.

Ihr werdet fluchen, aber es fühlt sich so gut an, wenn man endlich einen Abschnitt geschafft hat. Vor allem, wenn man dann irgendwann in einen gewissen Fluss kommt und man ohne Halt alles niedermetzelt, was im Weg steht... bis zur nächsten Unachtsamkeit, dann liegt man wieder im Dreck. Es ist diese gute Art von schwer, die einen konfrontiert. Nach dem Ableben kann man ohne Wartezeit sofort einen neuen Versuch starten und das Gefühl, es beim nächsten Mal endlich zu schaffen, treibt einen weiter. Der exzellente Soundtrack tut dazu sein Übriges. Erneut bekommt man nur das Feinste aus der Indie-Elektroszene um die Ohren gehauen, was einen erst recht anspornt, weiter zu machen. Im Vergleich zum Vorgänger fallen die Songs etwas düsterer aus, was die Atmosphäre des Spiels unterstreicht.

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Hotline Miami 2: Wrong Number macht dort weiter, wo der erste Teil aufgehört hat. Die Story ist zwar die meiste Zeit etwas verwirrend und scheinbar zusammenhangslos, bietet aber viele Momente, die im Gedächtnis hängen bleiben. Das verfeinerte Gameplay bietet mehr Abwechslung, mehr Herausforderungen und belohnt einen mit diesem guten Gefühl, eine schwere Aufgabe gemeistert zu haben, nachdem sie einen fast in den Wahnsinn getrieben hat. Gepaart mit dem stylischen Pixellook, der schonungslos brutal alles ungeschönt darstellt, und einem fetzigen Soundtrack, bekommt man hier das Indie-Action-Bonbon geschenkt, an dem man noch lange zu lutschen hat. Wer eher zartbesaitet ist, der hat hier nichts verloren. Wer sich von der eher heftigen Thematik der Story und dem noch heftigerem Schwierigkeitsgrad nicht abschrecken lässt, der sollte sich dieses Spiel unbedingt zulegen. Später wird übrigens noch ein Leveleditor nachgereicht, das sollte dann wohl jeden Rest an Hunger stillen.

Hotline Miami 2: Wrong Number

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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12. November 2019 um 10:21 Uhr
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