The Order: 1886 im Test

(Artikel)
Adrian Knapik, 28. Februar 2015

The Order: 1886 im Test

Hurra, wir sind im Film!

Endlich wieder Nachschub für das gierige Maul meiner Playstation 4! Am 20. Februar rückte The Order: 1886 als nächstes Exklusivspiel für eure Heimkonsole in die Regale der Geschäfte. Von Anfang an war klar, dass hier neue grafische Maßstäbe gesetzt werden, wenn auch in einem komplett eigenen Stil. Da wir es hier außerdem mit einem reinen Singleplayer-Titel zu tun haben, der ausschließlich aus einer Storykampagne besteht, kamen im Internet schnell einige Fragen auf. Wie lange wird die Spielzeit ausfallen? Wie viel gibt es neben der Story zu entdecken? Ist The Order denn überhaupt den Vollpreis wert?

Der Spieler übernimmt die Rolle von Sir Galahad, der Angehöriger eines Ritterordens des britischen Empires im viktorianischen Zeitalter ist und gerne mit Waffengewalt für Recht und Ordnung sorgt. Im Kampf gegen werwolfsartige Monster, die Lykaner, und Rebellen gegen die Krone nutzt der backenbärtige Soldat jedes Mittel, um im finsteren Großbritannien den Frieden wiederherzustellen.

theorder_grafik

Atemberaubend, unglaublich, wunderschön
The Order: 1886 setzt auf einen ganz eigenen, wenn auch realistischen Grafikstil. Ja, sind wir denn hier bei Instagram?! Auf dem Bild liegen so unglaublich viele Filter, dass man ab und an gar nicht weiß, wohin man denn nun schauen soll. Alles leuchtet einem entgegen und überall entstehen Farbspiele durch Spiegelungen. Zusammen mit der absolut fantastischen, realitätsnahen Grafik ergibt sich ein unglaubliches Spektakel für die Augen. Noch nie habe ich so eine beeindruckende Spielwelt erlebt, die einem regelmäßig die Kinnlade herunterklappen lässt - hier stellt der neueste Exklusivtitel von Sony alles in den Schatten, was es bisher auf Konsolen zu bieten gab. An vielen Stellen zeigt sich durch liebevolle Details der grafische Perfektionismus der Entwickler. Das Bild im 21:9-Format und die ausgesprochen gelungene Kameraführung erzeugen außerdem ein Gefühl wie im Film. Außerdem sind die monsterhaften Lykaner sehr detailreich und pelzig modelliert und sehen überaus bedrohlich aus - vor allem die Verwandlung der Menschen in einen Lykaner kommt überragend glaubwürdig rüber. Ich könnte jetzt noch weitere drei Absätze über die geniale Grafik dahinsinnieren, aber ich denke mit einem einfachen "Geil" ist es auch getan.

Unterstützend für das visuelle Spektakel ist der Sound – oder besser gesagt der Soundtrack, der immer in den passenden Situationen einsetzt. Der größte Teil der Songs wurde mit einem Live-Orchester aufgenommen, was sehr zum Stil von The Order passt. So beginnt eine eher mysteriöse, bedrohliche Musik, während wir uns mit unserem Protagonisten durch einen dunklen Keller bewegen, oder eine schnelle und aggressive, wenn uns eine Gegnerhorde überrascht. Aber nicht nur die Musik ist gut, auch Dinge wie Schrittgeräusche, Schussgeräusche und vor allem die deutsche Vertonung wissen zu überzeugen. Selbst wenn an wenigen Stellen der ein oder andere Übersetzungs-Patzer an den Tag tritt, sind die Stimmen der Charaktere rundum gelungen und müssen der englischen Synchronisation in beinahe nichts nachstehen.

In Deckung!
The Order: 1886 ist ein Deckungsshooter im Uncharted-Stil. Gesteuert wird aus der Schulterperspektive und an Häuserfassaden entlang klettern kann der Sir Galahad auch noch! Die Kontrollen gehen sehr gut von der Hand und man hat immer das Gefühl, dass stets das umgesetzt wird, was man ins Pad reinhämmert. Natürlich darf bei einem Deckungsshooter auch nicht die dazugehörige Bewaffnung fehlen, die direkt aus dem Labor von niemand geringerem als Thomas Edisons Erzrivalen Nikola Tesla stammt! Der versorgt einem im Laufe der Story immer wieder mit neuen, verrückten Schießprügeln, die wir an unseren Widersachern ausprobieren dürfen. Von der blitzeschießenden Bogenkanone bis zum explosiven Thermitgewehr ist hier alles Lustige vertreten, was experimentierfreudigen Spielern leuchtende Augen zaubert. Daneben gibt es noch Handgranaten und Rauchgranaten, wobei Letztere irgendwie keine Wirkung zeigen, da man sich selbst die Sicht versperrt und die Gegner einem trotzdem noch eine Kugel nach der anderen in den Leib schießen.
Richtig schön mit anzusehen sind die Details bei Schusswechseln. Wenn man dann etwa mal einen Gegner niederstreckt, kippt der nicht einfach um, sondern rollt sich noch dreimal ab oder fällt über die nächste Brüstung in den Abgrund - eben wie man es von einem guten Drama gewohnt ist.

theorder_teslaGefunden in Teslas Labor, der wohl seinen Konkurrenten nicht all zu gerne hat und ein paar eigene Verschönerungen per Stift vornahm.

Zu kurz?
The Order: 1886 setzt auf eine sehr spezielle Erzählweise. Diese könnte man als eine Mischung zwischen einem Heavy Rain mit massig Drama und einem Uncharted, aus dem auch das Kampfsystem entliehen ist, bezeichnen. Das zeichnet sich hauptsächlich durch viele lange Zwischensequenzen und immer wiederkehrenden Situationen aus, in denen das Spiel die Kontrolle übernimmt und man selbst nur zuschauen darf - natürlich mit dem einen oder anderen eingestreuten Quick-Time-Event. Insgesamt muss man sich darauf einstellen, sich viel zurücklehnen zu dürfen, da die Erzählweise sehr stark auf Sequenzen setzt, in denen man selbst nichts steuern kann. Durch den nahtlosen Übergang zwischen Spiel und Zwischensequenz stört das aber nicht wirklich – im Gegenteil: durch die erzählerische Stärke schaut man immer gespannt dem Geschehen zu und saugt die Story in sich hinein.

Doch so überzeugt ich bisher von The Order im technischen Bereich bin, umso enttäuschter war ich zu Beginn von der Story. Für ein reines Story-Spiel kommt sie einfach zu langsam ins Rollen, obwohl man direkt ins Geschehen hinein geworfen wird und keinen langen Prolog vor sich hat. Das erste Kapitel, welches als Tutorial dient, zieht sich schlichtweg zu lange hin. Vor allem im ersten Drittel hat man außerdem das Gefühl, viel zu viel an die Hand genommen zu werden. Wenn einen zum fünften Mal erklärt wird, wie man etwas zu tun hat, pulsiert so langsam die Wutader an der Stirn.
Auch das Leveldesign von The Order nimmt dem Spieler nie die Stützräder ab: hier gibt es ausschließlich Schlauchlevel der Extraklasse. Also wirklich, schlauchiger geht es nicht. Es gibt eine Richtung, in die man muss, und wenn man Glück hat gibt es noch eine Ecke, in der ein kleines Collectible oder ein Easter Egg zu finden ist, mehr aber nicht. Für mich war der Superschlauch anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, allerdings passt es sehr gut in das ganze Konstrukt hinein, welches sich The Order aufgebaut hat.

theorder_eastereggAuch ein paar Easter Eggs gibt es, wie dieses süße Sackboy-Plüschtier.

Wegen eben dieser schlauchigen Level gibt es auch außerhalb der Hauptstory nicht sehr viel zu entdecken, weshalb kaum ein Wiederspielwert entsteht. Die Spielzeit bewegt sich eher im mittelmäßigen Niveau, als groben Zeitbereich könnte man für den Weg zum Abspann zwischen sechs und zehn Stunden nennen, wobei das individuell sehr stark schwankt. Wenn man die Geschichte einmal durchgespielt hat, zeigen sich viele Parallelen zu einem klassischen Drama auf. Zu Beginn ist das Geschehen noch eher ruhig und es kommt so langsam ins Rollen, während sich ungefähr ab der Mitte bis zum Ende hin die Höhepunkte präsentieren. Und eben dieser Bereich der zweiten Hälfte ist bei The Order unfassbar gut gelungen. Während mich die Geschichte bis zur Hälfte eher mäßig begeisterte, trumpfte die zweite Hälfte mit absolut unfassbarer Dramatik, fantastischer erzählerischer Stärke und einer Megaspannung auf. Hier wurde das Ruder auf einmal komplett herumgerissen! Es ist schade, dass gerade die erste Hälfte so schwach auftritt. Hier besteht die Gefahr, dass der Spieler nicht überzeugt ist und für eine Weile gar nicht erst weiterspielt, doch gerade zum Ende der Story klebte ich gefühlt mit dem ganzen Körper am Fernseher und verfluchte die Entwickler, als der Abspann über den Bildschirm flimmerte.

theorder_thermitDas Thermitgewehr ist hochexplosiv!

Neben der Tatsache, dass es überhaupt so etwas Blödes wie ein Ende gibt, bietet die Geschichte noch einigen Raum für Ärger. So kommt es vor allem in der ersten Hälfte vor, dass Dinge nicht ausreichend erklärt werden und der Spieler im dunklen gelassen wird. Ich habe mich öfter mal gefragt, wieso ich jetzt gerade eigentlich hier bin und was gerade Sache ist. Außerdem wird versäumt, an ein paar Stellen das volle Potenzial auszuschöpfen. So gibt es eine Szene, in der man sich in Teslas Labor wiederfindet und allerlei Erfindungen vor einem auf dem Präsentierteller liegen. Da juckt es doch jedem in den Fingern einmal alles auszuprobieren! Aber anstatt dies auszunutzen, darf man sich nur an eine Sache heranwagen, und das ist ein ganz normalen Scharfschützengewehr. Da wäre deutlich mehr drin gewesen!

Ja, ist denn The Order: 1886 nun der Blockbuster, den jeder Playstation-4-Besitzer gespielt haben muss? Zumindest jeder, der mal Lust auf ein ordentlichen Singleplayer-Erlebnis mit einer gut erzählten Story hat und nicht gleich nach einem Skandal schreit, wenn eine Zwischensequenz mal eine Minute länger ist als der davor spielbare Teil. Gerade die atemberaubende Grafik und der stimmige Soundtrack sind ein Highlight für sich und die Erzählweise setzt sich stark von anderen gängigen Titeln ab. Durch die sich voranschleppenden ersten Kapitel versenkt The Order allerdings unglaublich viel Potenzial und gerade weil die Story hier der tragende Faktor des Spiels ist, schießt man sich sehr schmerzhaft selbst ins Bein. Nach den letzten Kapiteln kann ich aber trotzdem sagen: Ich will mehr – aber bitte ohne solch einen verkorksten Anfang. Adrian

The Order: 1886 wurde auf der PS4 getestet. Ein Testmuster wurde uns von Sony zur Verfügung gestellt.

The Order: 1886

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Ben
02. März 2015 um 15:02 Uhr (#1)
Die ersten Spielstunden fand ich hauptsächlich etwas langweilig. Bei mir hätte der Artikel vermutlich "So schön kann Langeweilse sein" gehießen. Aber ich muss wohl mal weiter spielen!
Adrian
02. März 2015 um 22:37 Uhr (#2)
Ich sag dir, die zweite Hälfte reißt so viel raus.
Gast
19. April 2019 um 22:42 Uhr
GASTNAME
E-MAIL (nicht öffentlich)
      
SICHERHEITSFRAGE
Mit wie vielen "d" schreibt sich "dailydpad"?
ANTWORT

Themen

Review
Sparte - Wenn es nicht bei drei auf dem Baum ist, testen wir es.

Gefällt dir unser Artikel?

Spiele des Artikels

RELEASE
20. Februar 2015
PLATTFORM
Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.

Ähnliche Artikel