WoW: Warlords of Draenor im Test

(Artikel)
Torsten Ingendoh, 14. Dezember 2014

WoW: Warlords of Draenor im Test

Der König verteidigt seinen Thron

Zehn Jahre ist es nun her, seitdem World of Warcraft die MMORPGs revolutionierte und auch dominiert. Zehn Jahre voller Epic Loot, Instanzen und Raidbossen. Die Szene hat sich mittlerweile stark verändert. Bei der Konkurrenz haben Free to Play und Microtransactions die monatlichen Gebühren als Zahlungsmodell verdrängt. Nicht bei Blizzard. Und die Spielerzahlen geben dem Marktführer recht: Eine große, loyale Spielerschaft ist auch nach einer Dekade immer noch bereit die 12-15 Euro pro Monat, je nach Zahlrhythmus, zu bezahlen. Wer von Anfang an ohne Pause dabei ist, der hat übrigens alleine an Spielgebühren schon rund 1500 Euro gelöhnt. Ich gehöre auch dazu. Mit Warlords of Draenor ist die mittlerweile fünfte Erweiterung erschienen und damit mal wieder viel neuer Content, Verbesserungen und ein guter Grund den Account zu reaktivieren.

Wer den letzten Raid von Mists of Pandaria beendet hat, der weiß, was Garrosh Hellscream getan hat und wie er zur Strecke gebracht wurde. Für seine Taten muss er sich nun vor einem Gericht aus Allianz, Horde und Pandaren verantworten. Aber dazu kam es nicht. Ein abtrünniger Bronzedrache verhalf ihm zur Flucht in die Vergangenheit. Genauer gesagt: in die Vergangenheit von Draenor, Heimatwelt der Orcs, die nun als Scherbenwelt bekannt ist. Mit der Technologie der Gegenwart im Gepäck verhalf er so den Orcs zu einer noch nie da gewesenen Stärke. Das führte dazu, dass die Orcs der Brennenden Legion vor den Kopf stießen und deren Blut von Mannoroth ablehnten. Halbwegs lorefeste Spieler wissen, dass damals die Orcs das Blut des Dämons tranken und somit zu Werkzeugen der Legion wurden. Als Eiserne Horde begannen sie eine Schreckensherrschaft auf Draenor und aktivierten das Dunkle Portal. Ihr Ziel: Azeroth der Gegenwart. Hier kommen wir ins Spiel.

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Angeführt von Khadgar beginnt die Offensive gegen die Eiserne Horde rund um Garrosh. Frisch durchs Portal gereist, gilt es erst mal eben dieses zu zerstören, damit die Heimat sicher ist. Das erste Areal der Erweiterung ist ein großer Storybereich, der euch etwa eine Stunde lang beschäftigen wird. Hier zeigt Blizzard gleich mal, wie sie mittlerweile ihre Welt und ihre Story in Szene setzen können. Jeder Bösewicht bekommt sein eigenes kleines Intro und man befreit einige bekannte Draeneigesichter aus den Fängen der Eisernen Horde. Eine zentrale Figur ist Yrel, eine Draenei-Paladina, die viel Potential in sich birgt. Anfangs von der Erwartungshaltung der anderen überwältigt, wandelt sie sich zu einer toughen Kämpferin und starken Anführerin. Ich mag sie. Nach dem starken Intro entfaltet sich der volle Umfang der Erweiterung mit all seinen Neuerungen.

Die Garnison
Wichtigstes Element von Warlords of Draenor ist die Garnison. Die ersten Quests nach dem Intro befassen sich mit dem Bau eurer persönlichen Basis. Sie durchläuft drei Stufen, welche im Laufe des Levelings freigeschaltet werden - die letzte ist mit Level 100 erhältlich. Mit jeder neuen Stufe wächst die Garnison an Größe und bietet neue Bauflächen für Gebäude. Diese sind in drei Größen unterteilt und frei wählbar, je nachdem, was ihr gerne in eurer Basis stehen haben wollt. Nach zehn Jahren endlich so etwas wie Player Housing, wie schön. Zum Bau benötigt man Garnisonsressourcen, die man durch Quests bekommt oder sich über Zeit in einer Kiste neben dem Hauptquartier ansammeln. Jedes Gebäude hat klare Funktionen: Berufsgebäude sind fürs Crafting wichtig, das Gasthaus versorgt uns mit Daily Quests für Instanzen und Sammelgebäude versorgen uns mit Materialien. Zu jeder Garnison gehört immer eine Mine und ein Kräutergarten, in denen man auch ohne Bergbau/Kräuterkunde sammeln kann. Dem zugehörigen NPC kann man auch Arbeitsaufträge geben. Dabei werden "Abfallprodukte", wie draeneiische Samen und draeneiische Steine, in Pflanzen und Erze umgewandelt, was ein wenig Zeit beansprucht. Diese Aufträge gibt es auch bei den Berufgebäuden. So kann ich in meiner Inschriftenhütte draeneiische Pigmente in Kriegsfarben umwandeln, welche fürs Crafting notwendig sind. Das kann ich zwar auch selber, verbraucht aber mehr Pigmente.

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Die Barracke erlaubt es Gefolgsleute zu rekrutieren und auf Missionen zu schicken. Erinnert mich sehr an Assassin's Creed: Brotherhood. Jede Mission kann zwischen 15 Minuten und 12 Stunden dauern. Im Erfolgsfall gibt es Geld, Resourcen oder Items. Die Uhr tickt natürlich auch, wenn man ausgeloggt ist. Die meisten Missionen unter Level 100 bringen Bonuserfahrung für die Gefolgsleute, wenn sie Erfolg haben. Eine gewisse Grunderfahrung gibt es so oder so. Die Chance auf Erfolg hängt stark davon ab, welches Level die Mission im Vergleich zum Gefolgsmann hat und ob man einen Gefolgsmann dabei hat, der eine Fähigkeit des Gegners kontern kann. Wer eine hundertprozentige Erfolgschance will, der braucht zwingend die Konter. Neue Gefolgsleute gibt es entweder per Quest oder bei Fraktionshändlern zu kaufen. Ich bin leider noch nicht weit genug damit, um sagen zu können, was dabei alles so rumkommen kann, aber es ist schon schön zu sehen, wie meine kleinen Helden so wachsen. Mir gefällt die Garnison sehr - mein eigenes kleines Zuhause, das sich auch mit Statuen schmücken lässt, wenn man bestimmte Achievements erfüllt hat.

Der Weg zur 100
Viel hat sich verändert in den letzten zehn Jahren. Am auffälligsten für mich war der Mangel an Downtime, Zeit in der man Lebensenergie und Mana aufladen muss. Das liegt vor allem daran, dass in Warlords of Draenor viele Gegner in den Questgebieten nur noch etwa die Hälfte der Lebensenergie haben wie ein Spieler auf demselben Level. Früher musste man sich nach zwei, maximal drei Gegnern sich hinsetzen und was Essen, da man zuviel Schaden genommen hat. Mittlerweile kann man fast bedenkenlos von Gegner zu Gegner springen. Ich begrüße diese Veränderung, bringt sie doch mehr Dynamik ins Spiel und gestaltet das Leveling entspannter. Blizzard hat erkannt, dass wir dabei nicht gefordert werden wollen, dafür sind schließlich die Instanzen da. So hat man auch viel mehr Zeit die Geschichte zu genießen, wenn man das wirklich will. Ich persönlich überspringe meistens die Questtexte. Das Wichtigste erfährt man eh aus Dialogen und Zwischensequenzen. Langweilig wurde mir beim Leveln seltenst.

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Questdesign ist hierbei die große Stärke. Zwar wird meistens vom Spieler verlangt, in einem Areal eine bestimmte Anzahl an Gegnern zu töten oder gewisse Gegenstände zu sammeln, aber es fühlte sich nicht so repetitiv an, wie man meinen könnte. Oftmals bekommt man für ein Areal mehrere Quests auf einmal, weswegen man selten einen Typus alleine erledigen muss. Und hinzu kommt noch, dass man nie lange an einem Ort bleibt. Das Spiel schickt einen quer durch das Gebiet, wodurch das Leveln zu einer Reise wird. Ebenfalls eine sehr schöne Idee sind die Außenposten in jedem Questgebiet. Man erreicht sie früh in den gebietsspezifischen Questlinien und wird dann vor die Wahl zwischen zwei Gebäuden gestellt. Diese bieten nicht nur unterschiedliche Boni und Fähigkeiten für das Gebiet, sie haben auch einen Einfluss darauf, welche Questreihen man als nächstes bekommt. Ein großer Anreiz dafür, mit Twinks später das andere Gebäude zu wählen. Übrigens: Jede Quest mit Belohnung hat eine Chance, dass man das Item in einer höheren Qualitätsstufe bekommt. Grünes wird zu blau und Blaues zu lila. Immer wieder schön, wenn das passiert.

Instanzen, Levelboost und mehr
World of Warcrafts größte Innovation waren damals die Instanzen. Die Idee, Dungeons für jede Gruppe abzugrenzen, sodass fremde Spieler nicht im Weg stehen können, war ein Segen und ist es immer noch. Und diese Dungeons sind immer noch Steckenpferd von Blizzards MMO. Fürs Leveln sind sie nicht zwingend, bieten aber eine gute Abwechslung zum einsamen Orcschlachten. Das Design der Instanzen ist erneut exzellent. Jeder Boss hat seine eigene Taktik, die man mit einem wachen Verstand recht schnell versteht. Immer mehr finden sich Story-Elemente in den Dungeons eingebaut. Am meisten geschraubt hat man am Loot. Anstatt sich, wie früher, um den Loot eines Bosses zu kloppen, erwürfelt das Spiel für jeden Teilnehmer ob und was er bekommt. Dabei spielt neben der Klasse auch eine entscheidende Rolle, welche Spezialisierung man für seinen Loot ausgewählt hat. Das gilt übrigens nur für die neuen Dungeons, in den alten wird wie gewohnt gewürfelt. Wie aber schon in den früheren Addons sind Dungeons und ihre heroischen Varianten der Mittelpunkt des Endgames. Gefühlt war Leveln per Instanzen etwa gleich schnell wie Questen, wobei man nur als Tank schnell an eine Gruppe kommt.

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Um Neu- und Wiedereinsteigern den Weg nach Draenor zu erleichtern, bekommt jeder Spieler einen Gratis-Boost auf Level 90 für einen Charakter seiner Wahl. Wendet man diesen an, so wird man in die Verwüsteten Lande mit passender Ausrüstung platziert. Ist der Charakter bereits auf Level 60, werden auch die Berufe auf Stufe 600 angehoben. Alle Items in den Taschen warten im Briefkasten, damit nichts verloren geht. Um nicht gleich mit den neuen Zaubern und Fähigkeiten überfordert zu werden, muss man sie sich erst mal in einer Questreihe verdienen, die Spieler bereits mit Patch 6.0 genießen durften. So vorbereitet und ausgerüstet kann man sich sofort in die neuen Gebiete stürzen. Für Twinks kann man entweder 60 Euro zahlen oder wie gewohnt leveln. Das geht von Level 1 bis 90 inzwischen aber verflucht schnell.

Ein Grund dafür ist die neue Skalierung aller Werte. Blizzard hat alle Stats einfach mal nach unten korrigiert, da es mittlerweile doch absurde Dimensionen erreicht hat. Hatte man als voll ausgerüsteter Tank auf Level 60 etwa 10000 Lebenspunkte, konnte man in Pandaria locker die Ein-Mio-Marke überschreiten. Soviel Leben hatte Ragnaros, Endboss des Geschmolzenen Kerns. Jetzt ist alles viel näher zusammengestaucht und man bewegt sich wieder in überschaubaren Regionen. Dafür hat der Level inzwischen einen großen Einfluss darauf, wie viel Schaden man austeilt und wie viel man einsteckt. Früher hat ein Angriff mit nominell 1000 Schaden, ohne Rüstungsabzug, an jedem Ziel 1000 Schaden angerichtet. Ist der Gegner sehr viel niedriger im Level, schlägt man jetzt mit 10.000 oder gar 100.000 Schaden zu. Im Gegenzug nehmen Gegner mit viel höherem Level dann nur noch 100 Schaden. Dafür hat man nicht mehr verringerte Trefferchance gegen höherstufige Gegner.

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Schon mit Patch 6.0 konnte man die neuen Charaktermodelle für die alten Völker bestaunen. Wurde auch endlich mal Zeit. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, alle Figuren profitieren von den neuen Details. Einzig bei den Gnominnen muss ich die Gesichter bemängeln, die ziehen nämlich jetzt permanent eine Schnute, als würde ihnen irgendwas nicht passen. Entsorgt wurden die Gerechtigkeits- und Mutpunkte, die man in Dungeons und Raids sammeln konnte, um sich neue Ausrüstung zu kaufen. Ihr wollt das neue Schwert? Verdient es euch! Sämtliche Restbestände wurden gütigerweise in Gold ausgezahlt und alles, was man vorher mit den Punkten bezahlt hat, kostet jetzt einfach nur Gold. Wer darauf hofft, sich mit Level 100 in Draenors Lüfte zu schwingen, wird sehr enttäuscht sein. Blizzard hat derzeit keine Pläne fürs Fliegen.

World of Warcraft ist zurecht der König der MMOs. Über die Jahre hat Blizzard bewiesen, wie anpassungsfähig ihr Online-Epos ist, und mit jedem Add-on wurde das Spiel modernisiert. Warlords of Draenor ist hier keine Ausnahme. Sinnvolle Neuerungen beleben das bereits zehn Jahre alte Grundgameplay. Sowie Fans, die immer noch spielen, als auch zurückkehrende Spieler werden definitiv viel Freude mit der neuesten Erweiterung haben. Wer ganz neu an WoW rangehen will, kommt hier dank Levelboost auch nicht zu kurz. Das Spiel wird uns wohl noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Ich persönlich bin gespannt, was das Endgame in Sachen Raids zu bieten hat, dazu bin ich bisher noch nicht gekommen (wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgereicht werden). Auf die nächsten zehn Jahre - scheinbar werde ich mich doch nicht so schnell von diesem Spiel lösen können.

World of WarCraft: Warlords of Draenor wurde auf dem PC getestet. Ein Testmuster wurde uns von Activision-Blizzard zur Verfügung gestellt.

World of Warcraft: Warlords of Draenor

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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