Rune Factory 4 im Test

(Artikel)
Haris Odobaši?, 11. Dezember 2014

Rune Factory 4 im Test

Farmen, Daten, Monster metzeln

Als wenn ich nicht schon genug Gründe hätte, böse auf Nintendos Regionenblock zu sein, wären wir Europäer fast nicht mehr in den Genuss von Rune Factory 4 gekommen. Denn das Spiel hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Es wurde ursprünglich für den europäischen Markt angekündigt, war sogar bei Amazon gelistet, ehe eine Pleite des Entwicklers Neverland dazu führte, dass die Releasepläne vollkommen über den Haufen geworfen wurden. Trotz Erscheinen im Oktober letzten Jahres in den USA sah es lange Zeit so aus, wie als wenn Rune Factory 4 nicht mehr unseren Kontinent erreichen würde. Doch dann tauchte vor ein paar Monaten die Bestätigung einer USK-Prüfung auf, und letzte Woche ließ Marvelous die Katze aus dem Sack: Rune Factory 4 würde in Europa erscheinen und das noch dieses Jahr - wenn auch nur als eShop-Release, aber dafür zum Preis von 29,99 Euro. Jetzt, sieben Tage nach der Ankündigung, kommen auch wir dazu, diesen Mix aus JRPG und Harvest Moon zu spielen. Hat sich das Bangen und Warten gelohnt?

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Die Geschichte lässt euch in die Haut eines Jungen oder eines Mädchens auf einer wichtigen Mission schlüpfen. Ihr befindet euch dabei gerade auf einem Luftschiff, um einen besonderen Gegenstand abzuliefern, als Banditen euch überfallen und ihr nach einem Schlag auch noch euer Gedächtnis verliert (urgh... schlimmstes Klischee, ich weiß!). Die ach so wichtige Mission ist vergessen und zu allem Übel werdet ihr dann noch versehentlich vom Luftschiff geschmissen, nur um auf einem rastenden Drachen zu landen. Jedoch heißt es Glück im Unglück, denn es stellt sich heraus, dass dieser Drache eine gutmütige Göttin ist, die über die Stadt Selphia herrscht und euch für ein Mitglied der Königsfamilie hält. Fortan sollt ihr als Prinz oder Prinzessin die Geschicke in dieser Stadt lenken und ihr zu einem florierenden Tourismus verhelfen, während ihr versucht eure lästige Amnesie abzuschütteln.

Auch wenn die Geschichte leicht generisch klingt, lohnt es sich am Ball zu bleiben. Es kann zwar durchaus ein paar Dutzend Spielstunden dauern, bis die Story von Rune Factory 4 richtig in Fahrt kommt, aber das liegt daran, dass das Spiel euch vollkommen überlässt, wann ihr der Geschichte folgen wollt. So ist der Plot eher etwas, was so vor sich dahinplätschert und an den Anstand eines klassisch trainierten Butlers erinnert: Immer da, wenn ihr ihn braucht, aber er wird euch auf keinen Fall unterbrechen, wenn ihr gerade mit anderen Dingen Spaß habt. Entsprechend ist das Ende der Story nicht das Ende des Spieles - auch danach könnt ihr euch noch mit eurem Städtchen vergnügen.

Rune-Factory-4-Schmiede

Habt ihr euch in Selphia eingefunden und die ersten - durchaus umfangreichen - Tutorials überstanden, wird euch in der Gestaltung eures Tagesablaufs ziemlich viel Freiheit geboten. So habt ihr ein kleines Farmfeld, um das ihr euch kümmern könnt, und außerhalb der Stadt warten Dungeons, die in klassischer Action-RPG-Manier erforscht werden wollen. Das sind die zwei Eckpfeiler des Spiels, doch dazwischen wartet quasi ein Universum an Möglichkeiten. So könnt ihr zum Beispiel Monster zähmen, die dann auf eurer Farm arbeiten oder euch im Kampf begleiten. Oder ihr macht einen eigenen Laden auf und verkauft die ganzen Dinge, die ihr erbeutet beziehungsweise anbaut. Wer will, kann auch die Beziehung zu den anderen Stadtbewohnern pflegen, um Freundschaften zu knüpfen oder gar die große Liebe zu finden. Ihr angelt, ihr kocht, ihr schmiedet oder manchmal nehmt ihr einfach nur an einem Fest teil, in dem die Bewältigung kleiner Minispiele den Tourismus stark ankurbeln.

Das Spiel hält euch dabei mit vielen Nebenmissionen auf Trab, denn immerhin sollt ihr als herrschender Monarch in eurer Stadt immer dem Volke dienen. Machmal gilt es also bestimmte Monster zu erlegen oder eine bestimmte Pflanze anzubauen, in anderen Fällen werden von euch aber auch komplexere Dinge erwartet. Dann müsst ihr zum Beispiel eine vielfältige Auswahl an Handelsobjekten aufbauen. Im Austausch für das Erfüllen dieser Missionen erhaltet ihr Prince/Princess Points, die euren Einfluss in der Stadt widerspiegeln. Die Punkte könnt ihr gegen diverse Vorteile eintauschen - dann führen etwa die Läden mehr Gegenstände.

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Schade ist nur, dass ihr trotz eures Status als Prinz oder Prinzessin keine wirkliche Macht habt. Ihr könnt zwar sogenannte "Orders" erteilen, aber die haben keinen Obrigkeitscharakter, sondern fungieren eher wie Upgrades: dann könnt ihr euer Zimmer im Palast ausbauen oder setzt Feierlichkeiten auf den Jahreskalendar. Obwohl diese Mechanik nicht sehr anspruchsvoll ist, empfindet man als Spieler nach und nach doch Stolz, wenn man irgendwann auf seine Stadt blicken kann und von den Einwohnern beschenkt wird, man dauernd neue Gesichter sieht, weil der Tourismus läuft, und man nebenbei auch in der Hauptstory jenseits Selphias Grenzen gute Taten vollbringt.

Besonders motivierend ist das Skillsystem. Rune Factory 4 ist der perfekte Beispiel dafür, wie belohnend es sich anfühlt, wenn man quasi jeder erdenkliche Spielmechanik einen Progressionsbalken anhängt: dauernd ploppt ein "Skill up" auf, ständig macht man winzige Fortschritte. Man kann kaum einen Schritt gehen ohne über ein Leckerli zu stolpern. Denn ja, selbst das Laufen ist Teil des Skillsystems und kann ordentlich gelevelt werden, um Boni auf eure Statistiken zu sammeln. Zu den anderen skillbaren Fertigkeiten zählen Waffen, Farmarbeiten, Kochen, Handeln, Liebe, Baden und sogar Schlafen. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn auch Atmen, Blinzeln oder der Klobesuch auf der Liste gestanden hätte.

Rune-Factory-4-Farm

Fair: Auch wer einem zu starken Gegner begegnet, muss keine panische Angst vor dem Game Over haben. Wenn ihr im Kampf platt gemacht werdet, landet ihr einfach wieder in Selphia und müsst ein paar Kröten an den ansässigen Doktor abdrücken. Und wenn er mal nicht da ist, und stattdessen seine Frau arbeitet, gibt es die Heilung sogar kostenlos!
Das Ausbauen dieser Statistiken ist bitter nötig, weil die Dungeons es gerne mal in sich haben können oder man versehentlich in zu starke Gegner rennt. Auch wenn das Spiel auf ein eher simples Kampfsystem setzt -- ein einziger Schlagknopf, der gemasht werden will, sowie ein paar Skills beziehungsweise Zaubersprüche, um das Arsenal leicht zu variieren -- überraschen euch gerade Bossgegner mit mehreren Kampfformen und langen Energieleisten.

Wer Erfahrung mit anspruchsvolleren Action-RPGs wie der Ys-Reihe und entsprechende Reflexe sowie Fingerfertigkeiten aufgebaut hat, wird hier keinerlei Probleme haben. Aber auch Einsteiger sollten sich nicht allzu sehr fürchten. Wenn man auf einen Gegner trifft, der einem komplett über ist, kann man ziemlich einfach leveln: Man tut einfach das, was man sowieso tun würde, und nach ein paar Tagen Farmarbeit oder viel Geschlafe ist man quasi wie von selbst stärker geworden und kann vormals übermächtige Monstrositäten leicht plätten. So können selbst JRPG-Muffel, die alleine beim Gedanken daran schaudern, auch nur einen Kampf mehr als nötig über sich ergehen zu lassen, Spaß mit Rune Factory 4 haben ohne eventuelle Grind-induzierte Traumata davontragen zu müssen. Selbst wenn ihr grindet, fühlt es sich in Rune Factory 4 überhaupt nicht wie Grinden kann.

Die Dungeons sind aber vielleicht auch der schwächste Part von Rune Factory 4. Optisch ansehnlich, wie der Rest des Spiels, fehlt hier die Detailliebe, die das Spiel sonst auszeichnet. Allzu oft wurde bei der Dungeonstruktur nach Schema F gearbeitet: finde den Raum mit dem Schalter, drücke den Schalter, gehe zurück und in den nächsten Abschnitt. Und dann wiederhole diese Schritte ad absurdum. Ein etwas ausgeklügelteres Design und vielleicht auch das ein oder andere Rätsel hätten hier nicht geschadet.

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Rune Factory braucht knapp 11.000 Blöcke auf eurer SD-Karte.
Besonderes Lob verdient die Lokalisierung, die XSeed übernommen hat. Wie quasi bei jedem Spiel, welches XSeed verlegt, wurde auch hier jeder Text mit viel Liebe übersetzt und nur so vollgepackt mit Anspielungen und mal mehr, mal weniger subtilem Humor. Es lohnt sich, die Beschreibung für jeden Gegenstand auf der Suche nach versteckten Schmunzlern durchzulesen. Und Rune Factory 4 ist die Sorte Spiel, bei der man jeden Tag aufs Neue mit den Charakteren reden will, weil sie immer wieder was Anderes zu sagen haben und die liebevollen Dialoge einfach toll zu lesen sind. Diese Dialoge verleihen auch den ganzen Romanzen und Heiratsoptionen eine zusätzliche Würze und machen es entsprechend einfach, sich für die zur Auswahl stehenden Figuren zu begeistern.
Einen Wermutstropfen gibt es aber: Englischkenntnisse sind Pflicht, deutsche Texte bietet das Spiel nicht. Das ist insoweit schade, weil Rune Factory 4 genau die Art von Spiel ist, die in Deutschland einen weit größeren Anklang in einer übersetzten Fassung gefunden hätte. Da kann man sich beim Bruder im Geiste, der Harvest-Moon-Reihe, noch ein bisschen was abgucken.

Auch wenn dieses Review sich sehr positiv liest, sollte es nicht als Kaufempfehlung, sondern eher als Warnung verstanden werden. Denn wenn ihr euch Rune Factory 4 holt, dann verspreche ich euch, dass ihr aberdutzende Stunden reinstecken werdet, wahrscheinlich ohne es überhaupt zu realisieren. Angetrieben von den süchtig machenden Spielmechaniken, die euch am Fließband belohnen, lässt euch Rune Factory 4 richtig in die Welt eintauchen. Ob man nun täglichen Routinearbeiten nachgeht, Dungeons erforscht, sich von den vielen Sonderereignissen überraschen lässt oder einfach ein bisschen mit den Bewohnern von Selphia flirtet: dieses Spiel weiß zu fesseln - nicht zuletzt dank der großartigen Lokalisierung. Und auch wenn Rune Factory 4 die echten Highlights fehlen und es "nur" durchgehend gut ist, ist es ein weiterer Bote des goldenen JRPG-Zeitalters für 3DS-Besitzer. Haris

Rune Factory 4 wurde auf dem Nintendo 3DS getestet. Ein Testmuster wurde uns von Marvelous zur Verfügung gestellt.

Rune Factory 4

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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20. Februar 2020 um 13:33 Uhr
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RELEASE
11. Dezember 2014
PLATTFORM
Nintendo 3DS
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