J.U.L.I.A. Among the Stars im Test

(Artikel)
Paul Rubah, 24. November 2014

J.U.L.I.A. Among the Stars im Test

Kosmischer Rätselkrimi

Rachel Manners erwacht. Nicht ohne Grund, denn ihr Raumschiff brennt. Damit war Julia, die Schiffs-KI, dann doch überfordert und weckte die Astrobiologin prompt aus dem Kälteschlaf. Das Gute ist, dass sich die Brandherde, Gaslecks und diverse Kurzschlüsse vom Meteoriteneinschlag mit ein paar menschlichen Handgriffen leicht flicken lassen. Ebenfalls gut: Das Schiff befindet sich im Orbit eines Planeten des Sonnensystems, welches das Ziel der größten bemannten Expedition in die weiten des Weltalls war. Nicht so gut: Rachels Crew ist seit 60 Jahren tot.

julia-among-the-stars-datapadMit einem Codeknacker löst man dieses Passwort wie eine Partie Mastermind.

Rachels Aufgabe ist es fortan herauszufinden, was ihren knapp zwei Dutzend Kollegen zugestoßen ist. Da es vollkommen bescheuert wäre, wenn sie dafür persönlich auf einen offensichtlich feindlichen Planeten hinabsteigen würde, schicken Rachel und Julia einen Bergungsroboter namens Mobot los. Mobot sendet seinen Kamerafeed in Form von Standbildern zum Schiff und wir sagen ihm, was er zu tun hat - interagieren über Mausklicks mit der Umwelt in Form von Standbildern und wechseln von Areal zu Areal.
Ganz problemfrei geht das natürlich nicht: Es ist Rätselzeit! Allerdings wirken die Rätsel nicht wild deplatziert, sondern stets thematisch in die momentane Aufgabenstellung eingepflegt. So müssen auf Xenophon erst einmal die Solarpanels kalibriert werden, damit im Inneren der Station Licht brennt. Dort stolpert man dann über Leichen und Datapads. Die toten Körper, benutzte Schusswaffen, Speicherkarten und sonstige Hinweise auf Rachels verlorene Vergangenheit können analysiert werden. Immer mal wieder reimt man sich das Passwort eines Datapads zusammen. Sind Passwörter geknackt, enthüllt sich in Tagebucheinträgen und Chatlogs ein weiterer Teil des Desasters von Xenophon - und eine weitere Spur zum nächsten Passwort.

julia-among-the-stars-journalDatapads geben Hinweise auf die Timeline der Geschichte. Nette Geste: Jedes tote Crewmitglied ist ein Indigogo-Backer.

CBE Software, das sind Jan Kavan und Lukáš Medek. Ja, nur zwei Leute.
J.U.L.I.A. Among the Stars fängt in den ersten Minuten den Spieler meisterlich mit einer Mordgeschichte ein, die man als Detektiv entschlüsselt. Doch auch das letzte Puzzlestück des öden Xenophon klärt nicht alle Fragen. Stattdessen suchen die wissbegierige Rachel, die schnippische Julia und der naive, aber loyale Mobot ihr Heil auf anderen Planeten, die die Expedition vor Xenophon besucht hat. Auf Eis-, Dschungel- , Wüsten- oder Wasserwelten geht JULIA das ganze thematische Spektrum von "Eine Eigenschaft pro Welt" Marke Star Wars durch. Das klingt erst wie eine ordinäre Idee, allerdings grafisch und musikalisch so hübsch in Szene gesetzt ist, dass man dieses Stapelgut gerne verzeiht. Ebenfalls überraschend gut für einen Indie-Titel: die Synchronsprecher. Ich hätte gedacht, dass mir gleich zwei KI-Sprecher nach spätestens fünf Minuten gehörig auf den Wecker gehen, aber Mobot, Julia und auch Rachel haben genügend gute Zeilen und Dialoge auf ihren Erkundungsfahrten, dass ich ihnen sogar gerne zuhörte - auch wenn sie die optionalen Analyseergebnisse einer außerirdischen Baumrinde erörtern. Meinen Respekt.

julia-among-the-stars-station

Was dagegen nicht so gut aussieht, ist Rachels Gesicht. Szenerien, Objekte, Kreaturen und Roboter sind in den Zwischensequenzen gar nicht übel dargestellt, wenn auch etwas hölzern animiert. Dahingegen entspricht Rachel dem Uncanny Valley um die Jahrtausendwende herum und gehört auf den Komposthaufen hinter den Pixar Studios. Glücklicherweise sieht man die Dame nur selten in voller Bildschirmgröße. Dafür ruckeln alle Zwischensequenzen und ich glaube einfach nicht, dass mein System schon so alt ist, dass es Probleme mit vorgerenderten Cutscenes in 720p haben sollte.

Auch auf anderen Planeten muss Rachel feststellen, dass sich ihre Freunde und Kollegen in Skelette und Wasserleichen verwandelt haben. Dabei scheint der Fuckup auf Xenophon nur die Spitze des Eisberges gewesen zu sein. Quasi das Endergebnis einer langen, langen Irrfahrt voller Fehler, die in eine Zeit lange vor der Entdeckung dieses Sonnensystems zurückreicht. Es macht wirklich Spaß, den Hinweisen bis zum Schluss nachzujagen. Hat man genug über einen Subplot erfahren, darf man im Mind-'O'-Matic-Menü versuchen, die Geschehnisse für sich selbst zusammen zu puzzlen. Das hat keine Auswirkungen auf den Spielverlauf, aber man bekommt immerhin eine Bestätigung, wenn man richtig liegt. Das beruhigt irgendwie.

julia-among-the-stars-blueprintIrgendwie haut das mit den Teilen noch nicht hin.

Neben der Story lebt das Adventure zu vielen Teilen vom hervorragenden und abwechslungsreichen Rätseldesign. Jede Denkaufgabe ist sein ganz eigenes Ding. Auf Xenophon sucht man Passwörter, auf einer anderen Welt muss man schrittweise ein gefährliches Alien in eine Falle locken, auf dem Dschungelplaneten untersucht man eine Art von Inka-Apparaten. Man muss außerdem Sprachen lernen, eine komplett aus Zahlen bestehende Nachricht ins Alphabet dechiffrieren und häufiger einmal mit dem Analysetool herumspielen. Dabei können auch Blaupausen für Mobot herauskommen, die seine Fähigkeiten erweitern und neue Areale aufschließen. Diese Upgrades muss man aber erst mal nach den Vorlagen zusammenbauen - und man hat nicht unbedingt die Teile zur Hand, die der Plan vorsieht, also muss man kreativ werden.

julia-among-the-stars-bestes-raetselDas beste Rätsel. Sprachanalysten ejakulieren gerade unfreiwillig.

Trotz einiger knackiger Kopfnüsse dürften sich Rätselprofis nicht allzu lange mit den einzelnen Aufgaben herumquälen. Ich zähle mich selbst zum besseren Durchschnitt und hing an keinem Rätsel mehr als wenige Minuten fest - logischer Aufbau sei Dank. Wer sich alle Textpassagen von den Sprechern vorlesen lässt und für kein Rätsel im Internet eine Lösung sucht, der wird für dieses Spiel wohl etwa zehn bis fünfzehn Stunden benötigen.

J.U.L.I.A. Among the Stars sah schon auf der Gamescom vielversprechend aus. Die Versprechen hat CBE Software gehalten: Die Story ist spannend, die Rätsel motivieren ohne zu frustrieren und dabei ist das Spiel nicht einmal zu kurz. Allerdings fehlt von der nicht-linearen Story jede Spur. Schade. Trotzdem sollte jeder Rätselfreund J.U.L.I.A. Among the Stars gespielt haben.

J.U.L.I.A. Among the Stars wurde auf dem PC getestet. Ein Testmuster wurde uns von CBE Software zur Verfügung gestellt.

J.U.L.I.A. Among The Stars

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Ben
27. November 2014 um 15:00 Uhr (#1)
Alternativer Titel: Space Myst
Rian
27. November 2014 um 18:01 Uhr (#2)
Gibt es eigentlich einen Film mit Kevin Spacey in space? Also, mal abgesehen von Moon?
Ben
28. November 2014 um 10:39 Uhr (#3)
Kev in Space(y). Hehe.
Rian
11. Dezember 2014 um 01:23 Uhr (#4)
...
Gast
25. Juni 2019 um 18:08 Uhr
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12. Oktober 2014
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