Sunset Overdrive im Test

(Artikel)
Benjamin Strobel, 09. November 2014

Sunset Overdrive im Test

Verrückter Combo-Ritt in den Sonnenuntergang

Ich grinde auf bunten Häuserdächern und benutze Autos wie Trampoline. Wenn es sein muss, schieße ich explodierende Teddybären auf rasende Mutanten. Den schnöden Asphaltboden meide ich wie Lava und wo ich durch die Luft zische, schlagen Blitze ein. Ich atme Feuer und kacke Explosionen. Overdrive ist mein Gemüse und Sunset City meine Spielwiese. In Sunset Overdrive.

Sunset Overdrive ist eine abgedrehte Parodie auf die Post-Apokalypse in Videospielen. Und diese Post-Apokalypse ist verdammt noch mal quietschbunt! So bunt, dass Jet Set Radio neidisch darauf wäre. Ein Energydrink hat die Bevölkerung von Sunset City in Mutanten verwandelt und die Security hat die Stadt vollständig abgeriegelt. Die wahnsinnigen Mutationsopfer verschlingen jeden, der nicht schnell genug entkommt - die Fetten hat es natürlich zuerst erwischt. Zum Glück schlüpft man in die Haut der einen Person, die sich wie ein Wahnsinniger durch die Welt bewegen kann und mit Grinds, Sprüngen und Wall-Runs die Akrobatik neu erfindet. Das ist wie Tony Hawk, nur ohne Skateboard. Es ist wie Prince of Persia, nur mit Ballern. Es ist wie Crackdown oder Prototype auf Steroiden.

Neben dem auffällig bunten Artdesign ist vor allem die innovative Navigation durch die offene Spielwelt eine wahnwitzige Besonderheit. Auf dem Boden ist man nicht nur ätzend langsam, sondern seinen Feinden auch schutzlos ausgeliefert. Wenn man im Nahkampf die Keule schwingt, dann nur in größter Not. Schnelle Bewegungen und sicherer Abstand zum Mob sichern das eigene Überleben noch am besten. So zwingt Sunset Overdrive seinen Spieler geschickt dazu, die Bewegungsfreiheit des Spiels auch zu nutzen. Nur wenn man gekonnt von Auto zu Auto hüpft und auf Oberleitungen über seinen Feinden kreist, hat man die Nase vorn - und sieht gleichzeitig gut dabei aus.

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Dabei frönt das Spiel einer Ästhetik der Massenvernichtung, die sich mit schrillen Farben und dummen Sprüchen kontinuierlich selbst auf die Schippe nimmt. Selbst mit gutem Willen hat man keine Chance das Spiel ernst zu nehmen, während man Mutanten zu Hunderten niedermetzelt. Die ehemaligen Energydrink-Enthusiasten zerbersten in Explosionen orangenen Saftes, den sie sich einst einverleibten. Um sich der ständigen Plage durch Mutanten zu erwehren, steht einem ein wachsendes Arsenal kurioser Waffen zur Verfügung. Hier sind Shotgun, Colt und Maschinengewehr die gesitteten Ausnahmen, nicht die Regel. Stattdessen feuert man explodierende Teddybären, Bowlingkugeln oder Harpunen auf seine Feinde. Mit Frostbällen und Elektrostrahlern wird es dann richtig abgefahren. Alle Waffen können durch Amps noch aufgerüstet werden. Dann betäubt man Feinde, steckt sie in Brand oder... verwandelt sie in explodierende Teddies.

Euern Held, der all diese Beinahe-Unmöglichkeiten in die Tat umsetzt, erstellt ihr im Charakter-Editor. Ob kräftig oder schmächtig, ob haarig oder glatzig, ob Männlein oder Weiblein - die äußere Erscheinung der Figur ist ganz euch überlassen. Das trifft im weiteren Verlauf des Spiels auch auf eure Kleidung zu, die ihr für erwirtschaftetes Geld zusammen kaufen könnt. Anzüge, Badekleidung, Schwimmringe, Hüte, Tattoos - oder werft euch eine Schlange um den Hals! Die Klamotten stehen dem verrückten Stil des Spiels in nichts nach.

Ob man springt, grindet oder ballert - jede Aktion treibt den Combozähler nach oben. Das macht nicht nur Spaß, weil die Zahl auf dem Bildschirm immer weiter anschwillt, sondern generiert gleichzeitig auch Style. Je stylischer ihr seid, desto mehr werdet ihr belohnt. Jede der drei Style-Stufen aktiviert einen weiteren Amp-Slot für eure Figur, die ihr mit unterschiedlichen Effekten belegen könnt. Stufe eins verstärkt vielleicht nur einen Nahkampfangriff. Auf der letzten Stufe könnt ihr abgefahrene Fähigkeiten benutzen, wie beispielsweise Blitze, die überall um euch herum einschlagen. Nach einer Weile gewöhnt man sich an Explosionen und den dreistelligen Combocounter als ständige Begleiter.

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Nach der ersten Stunde habe ich mich gefragt, ob das alles ist. Ich habe mich gefragt, ob ich den Rest des Spiels im Kreis grinden und mit Teddybären auf Mutanten schießen würde. Ich habe mich gefragt, ob ich im Wahn von Sammelobjekten untergehe und nur Challenges nachgehen würde, in denen es darauf ankommt, so viele Mutanten wie möglich zu töten. Obwohl es all diese Dinge gibt - sowie Sammelobjekte als auch zahlreiche Challenges - ist das nicht alles. Stattdessen kann man sich rund zehn Stunden in einer großartigen Story verlieren, die an der Oberfläche lapidar wirkt, im Verlauf aber sehr geschickt verschiedene Tropen von Spielen und Spielkultur erforscht und immer wieder mit skurrilen Figuren und verrückten Situationen aufwartet. Nicht zuletzt durchbrechen die Charaktere kokett die vierte Wand, stellen in Frage, wie sie ohne Telefone ständig kommunizieren und werden sich über ihr Dasein als Spielfigur bewusst. Die Geschichte involviert Drachen, Roboter, Live-Action-Rollenspieler und drogeninduzierte Traumsequenzen. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich versichere, dass es ein ziemlicher Trip ist.

Hier und da macht Sunset auch einen Abstecher ins Tower-Defense-Genre. Um aus Sammelobjekten neue Amps herzustellen, benötigt man etwas von dem Energydrink, der wiederum die Mutanten wie verrückt anzieht. Man kann also nicht ungestört neue Upgrades herstellen, sondern muss sich dabei gegen Horden von Feinden verteidigen. Im Vorfeld kann man verschiedene Fallen aufstellen, die es den Monstern erschweren sollen, zu den Kesseln zu gelangen und einem das Zeug wegzunaschen. Einige Fallen funktionieren automatisch, andere müssen durch einen Sprung darauf bedient werden. So muss man sich bedacht über die Karte bewegen und immer dort zur Stelle sein, wo eine neue Horde Monster hereinbricht. Hält man das ein paar Minuten durch, ist die Herstellung neuer Amps erfolgreich. Diese kurzen Abstecher ins Strategie-Genre tauchen in regelmäßigen Abständen auf und bieten eine kleine, willkommene Abwechslung für das Gameplay. Außerdem bekommt man ja neue Amps dafür!

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Abwechslung versucht Sunset Overdrive auch durch seinen Multiplayer-Modus ins Spiel zu bringen. Mit bis zu acht Spielern absolviert man hier gemeinsam eine Reihe von Challenges, bei denen man beispielsweise Objekte oder Personen beschützt. Obwohl man gemeinsam gegen Gegnerhorden spielt, kocht auch jeder sein eigenes Süppchen und wirtschaftet mit jeder Aktion Punkte auf das eigene Konto. Bringt man also gute Waffen und Amps aus dem Singleplayer mit, hat man hier auch bessere Karten. Insgesamt wird das Spiel mit acht Leuten ein ziemliches Chaos, in dem die bessere Ausrüstung gewinnt. Oft gab es so viele Optionen, dass ich nichts mehr erkennen konnte und nur noch blind Teddybären durch die Gegend schoss. Am Ende wartet noch eine Runde Tower Defense und schließlich bekommt man für seine Punkte Geld und neue Items. Leider wirkt der Multiplayer eher halbherzig ins Spiel integriert und lässt einen richtigen Koop-Modus vermissen. Es wäre wirklich nett gewesen, wenn man die Story jedenfalls zu zweit spielen könnte, doch wird dieser Wunsch von Sunset Overdrive nicht erfüllt.

Sunset Overdrive ist ein ziemlich verrückter Ritt durch eine völlig abdrehte Welt. Gerade die Unvorhersehbarkeit macht das Spiel so charmant und hebt es zwischen Genre-Konkurrenten hervor. Die skurrile Akrobatik ist beinahe einzigartig und vereint das Beste aus der Welt der Skating-Spiele mit Elementen aus dem Shooter-Genre. So wird Sunset Overdrive vor allem Freunde unter den Combo-Narren finden, die ihre Freude haben werden, immer neue Rekorde in zahlreichen Challenges aufzustellen. Aber auch fernab der Highscorejagd bietet Sunset Overdrive ein spannendes Abenteuer, das man so wohl in keinem anderen Spiel erleben könnte. Mit derber Komik und abgefahrenen Klamotten kann dann kaum noch etwas schiefgehen. Und wenn die Nacht mit Sunset Overdrive mal länger wird, trinkt einfach einen Energydrink - was soll schon passieren? Ben

Sunset Overdrive wurde für Xbox One getestet. Ein Testmuster wurde uns von Microsoft zur Verfügung gestellt.

Sunset Overdrive

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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20. Februar 2020 um 13:37 Uhr
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RELEASE
31. Oktober 2014
PLATTFORM
Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

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