Tomodachi Life

(Artikel)
Benjamin Strobel, 26. Juni 2014

Tomodachi Life

Wie das wahre Leben. Nur auf Drogen.

Ein guter Freund von mir hatte einen Traum. Seine Frau wurde auf mysteriöse Weise entführt und rief um Hilfe. Da zog er einen pinken Donut aus der Tasche und verwandelte sich mit seiner Hilfe in einen rosafarbenen Superhelden. Bevor er zur Rettung eilte, mahnte er in die Kamera: "Liebe Kinder, vor dem Essen das Händewaschen nicht vergessen!" Kommt euch das irgendwie absurd vor? Das liegt vielleicht daran, dass mein Freund digital ist und auf Eiland wohnt - meiner virtuellen Insel in Nintendos Alltags-Simulation Tomodachi Life.

Personen in Tomodachi Life träumen nachts vom Fliegen, von Geistern oder eben von pinken Donuts. Manchmal haben sie auch Hunger, fotografieren die Insel oder sind auf der Suche nach neuen Freunden. Die virtuellen Bewohner meiner kleinen Insel stammen aus dem Pool der Miis auf meinem 3DS. Alle wohnen unter einem Dach, rollen verwirrt über den Boden, besuchen sich gegenseitig und wenn man nicht hinsieht - davon bin ich überzeugt - treiben sie inzestuöse Gang-Bang-Parties in Nietzsches Darkroom. Ich habe keine Beweise dafür, obwohl ich Nietzsche täglich beobachte, aber es würde in die Gesamtsituation passen. Das Leben auf der Insel ist der ganz normale Wahnsinn, eine virtuelle Seifenoper mit der dominanten Note japanischen Humors. Alles kommt einem so seltsam vor, aber das gehört so.

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Tomodachi Life ist wie Die Sims auf Speed. Ein bisschen wie Animal Crossing, nur nicht so niedlich und erheblich durchgeknallter. Es ist wie das wahre Leben, nur auf Drogen. Und auf einer Insel. Mein eigener Mii war übrigens der erste Einwohner der neuen Inselgemeinschaft. Meine virtuelle Version glotzte in die Kamera und bezeichnete mich erstaunlich offen als ihr Ebenbild, als sie zu mir sprach. Dann quengelte der Lump sofort nach Essen und ich gab mein Startkapital für Salat, Donuts und Lutscher aus. Salat und Lutscher fand er gut, dafür gab es dann Erfahrungspunkte und Geld. Der Donut war nicht so sein Ding, so blieben auch die Boni aus. Löst man die Probleme seiner Inselbewohner, können die nicht nur Level aufsteigen, sondern verschenken auch Gegenstände, die man anschließend verkaufen oder mit seinen Miis benutzen kann. Einmal erhielt ich ein Schaumbad, das nicht zu viel versprach. Ich konnte meinem Mii dabei zusehen, wie er sich im Schaume räkelte und dazu ein fröhliches Lied pfiff. Schnell lernte ich die wichtigste Lektion von Tomodachi Life: Dinge passieren. Und dabei sieht man einfach zu.

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Wenn die Bewohner anfangen zu reden, dann sprechen sie tatsächlich. Laut und mehr oder weniger deutlich in einer robotischen Text-to-Speech-Stimme. Die unwirklichen Stimmen passen dabei perfekt zum surrealen Leben auf der Insel. Bei der Charaktererstellung kann man nicht nur das Aussehen der Figuren im Mii-Editor verändern, sondern auch die Stimme mit verschiedenen Reglern anpassen. Geschwindigkeit und Tonhöhe lassen sich ebenso konfigurieren wie die Intonation beim Sprechen. Zwischen tiefen Brummbären und quietschenden Eichhörnchen ist so ziemlich alles möglich - außer Stimmen, die irgendwie normal klingen. Das ist ein Feature! Nietzsche brummt recht überzeugend "Gott ist tot!" in seinen Bart, wenn er sich freut, während Haris immer mal wieder "Wenn als wie..." vor sich her murmelt.

Für aufgestiegene Level kann man seinen Figuren nicht nur Taschengeld zustecken oder eine komplette Zimmereinrichtung spendieren, sondern auch Phrasen beibringen, die sie ab und zu - mit und ohne guten Grund - von sich geben werden. Nicht umsonst fordert Tomodachi Life aktiv dazu auf, Personen aus dem echten Leben ins Spiel zu integrieren und mit derlei Individualisierungen zum Leben zu erwecken. Nintendo stellt derweil schon QR-Codes ins Netz, die man einfach einscannen kann, um berühmte Persönlichkeiten wie Shaquille O'Neal oder Christina Aguilera in sein Spiel zu holen. Auch über StreetPass können mal Besucher vorbei kommen und ihre verschrobenen Verhaltensweisen im eigenen Spiel ausleben. Hurra!

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Ob berühmt oder erfunden, Freundschaften und Liebe sind ein wichtiges Thema für Tomodachis Miis. Irgendwann schwirren den ganzen Tag nur noch Herzchen um den Kopf einer Figur und man ahnt schon, was kommt: "Ich habe mich verliebt!" Dann muss man mit Rat und Tat zur Seite stehen. Soll er seine Liebe gestehen? Und wenn ja, im Park oder lieber am Strand? Ganz romantisch oder lässig und cool? Und das Wichtigste: was soll man bloß anziehen? Man kann darauf wetten, dass die Kombination dieser Elemente einen ungewöhnlichen Spruch hervorbringt. Im Klassenzimmer werden veschüchterte Blicke ausgetauscht, mit der Frage: "Willst du mit mir gehen?" Nimmt ein Mii bei Kuchen im Café seinen Mut zusammen, kann das Geständnis auch mal anders aussehen: "Mein Leben war ein schwarzer Kaffee. Du bist meine Milch und Zucker." Ich sage euch, das sind die Worte, die Herzen zum Glühen bringen. Bevor jemand fragt: Ja, sie können auch Kinder bekommen.

Traurig ist dagegen, dass schwule und lesbische Liebe keinen Platz in Tomodachi Life haben. Nintendo gab an, dass es zu schwierig sei, eine derartige Änderung in einem Patch nachzureichen, man wolle diesen Wunsch der Fans aber für die Zukunft berücksichtigen. Es ist schade für Tomodachi Life, doch immerhin zeigen die Japaner guten Willen und entschuldigen sich.

Streng genommen ist Tomodachi Life kein richtiges Spiel. Hin und wieder wollen die Bewohner zwar mit einem spielen, aber diese Aktivitäten kommen den Microgames eines Warioware gleich. Mal muss man ein Objekt fangen, mal ein verpixeltes Bild erraten. Auch hier steht das Absurde weit im Vordergrund, Spielen selbst findet dabei kaum statt. Hinter dem Bildschirm ist man eher ein teilnehmender Beobachter, der seinen Figuren hier und da etwas hilft und ihnen die Richtung vorgibt. Wenn die kleinen Lümmel etwas planen, weihen sie den Spieler ein und bitten um Rat. So wollte der virtuelle Haris Odobasic unbedingt Nietzsche kennenlernen und fragte mich, was ich davon halten würde. Sicher hätte ich das verhindern können, aber die Vorstellung, dass die beiden schon bald zusammen Sandburgen am Strand bauen könnten, hat mich dazu gebracht, seiner Idee zuzustimmen. Er ging also ein Zimmer weiter zu Friedrich Nitzsche, der gerade in seinem pechschwarzen Zimmer meditierte. Die beiden unterhielten sich und beschlossen nach einem Kennenlerngespräch, Freundschaft zu schließen. Sandburgen bauten sie bisher zwar keine, aber ich kann versichern, dass sie stundenlang zusammen Angeln waren. Ein guter Anfang.

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Tomodachi Life stellt keine großen Anforderungen an den Spieler und gibt ihm auch nur begrenzte Möglichkeiten, ins Spiel einzugreifen. So kann man nicht mit seiner Spielfigur von Haus zu Haus gehen und mit den Leuten sprechen wie in Animal Crossing. Man kann auch nicht die einzelnen Stühle in den Zimmern seiner Bewohner auswählen oder die Tapetenfarbe ändern wie bei den Sims. Es lebt viel mehr von der Neugier des Spielers, der seine Sprösslinge bei ihren skurrilen Aktivitäten beobachtet, versucht herauszufinden, was die Lieblingsspeisen seiner Figuren sind, welche Miis gut zusammenpassen oder wie ihre Kinder aussehen werden. Es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken, sei es seltsame Kleidung wie das Waschbärkostüm oder der Robotoranzug, sei es der Traum eines Miis oder seine gemeinsame Reise um die Welt mit einem Freund, dokumentiert in Reisefotos. Der verrückte Humor und die Unberechenbarkeit des Spiels machen seinen Charme aus. Es ist kein Spiel, das man lange am Stück spielen kann, sondern jeden Tag ein bisschen. Aber diese Momente sind echte Highlights und machen Tomodachi Life zu einem Überraschungshit auf dem Nintendo 3DS. Ben

Tomodachi Life

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RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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RELEASE
06. Juni 2014
PLATTFORM
Nintendo 3DS
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