Transistor

(Artikel)
Haris Odobašic, 22. Juni 2014

Transistor

Der Prozess holt sie alle

Es ist beeindruckend, wie Transistor viele der einzigartigen Elemente eines Bastion nimmt, und diese so neuinterpretiert, dass es sich trotzdem komplett frisch anfühlt und man nie auf die Idee käme Supergiant Games Recycling oder Selbstplagiat vorzuwerfen. Nicht nur das Genre des Hack 'n' Slay ist geblieben, auch bei den Rahmenbedingungen gibt es viele Parallelen: eure Hauptfigur, eine Sängerin namens Red, ist still und traversiert durch eine desolate Welt, die kurz vor der Zerstörung steht.

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Die offensichtlichste Gemeinsamkeit findet sich bei den Sprechern, oder eher: dem Sprecher. Logan Cunningham, dessen Stimme so gut runtergeht wie heiße Schokolade an einem eisigen Winterabend und mindestens für ein genauso wohliges Gefühl sorgt, stellt nämlich wieder sein Sprachtalent zur Schau. Doch wo er in Bastion die Rolle des Erzählers inne hatte, ist er nun euer Partner in Form des Transistors: Reds Schwert, welches auch die Macht hat, die Welt zu manipulieren, indem es beispielsweise die Überreste der Persönlichkeit verstorbener Figuren in sich aufnimmt.

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Als Teil der aktiven Geschichte interagiert der Transistor mehr mit dem Spielercharakter als der bastionsche Erzähler, der nur beobachtete und beschrieb, ohne viel von sich preis zu geben. Die Rolle von Cunningham in Transitor lässt ihn mit der Spielerfigur sprechen, lässt ihn zu einem Charakter werden, der Emotionen durchlebt, sich entwickeln kann und es so dem Spieler ermöglicht, eine etwas tiefere Beziehung zu der Figur aufzubauen. Wie auch schon bei Bastion macht Cunningham seinen Job einwandfrei – ohne Frage einer der besten Sprecher, die man jemals in einem Videospiel hören konnte – und gibt der Atmosphäre so einen großen Boost.

Auch im Design des Spiels sind die Parallelen und Unterschiede sehr klar. Wie Bastion nutzt Transistor kräftige Farben, doch die Palette ist dezent anders. Bei Bastion dominierten Pastelltöne, Transistors viele Details setzen auf Neon. Der wieder mal großartige Soundtrack von Darren Korb verliert seine Country-Einflüsse und kommt nun etwas aggressiver und noch eine kleine Spur elektrischer daher. Und selbst die Atmosphäre ähnelt sich in ihrer Melancholie, auch wenn die Welt bei Bastion schon zerstört war, als man sie betrat, während man sie bei Transistor langsam zerfallen sieht.

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Problematisch wird es nur etwas bei der Hauptfigur. An und für sich ist Red ein toller Charakter. Das Design ist sehr ansprechend und ein schönes Beispiel, dass man tolle, weibliche Figuren haben kann, ohne sie bis zum Gehtnichtmehr sexualisieren zu müssen. Auch ihre gesamte Vorgeschichte ist interessant und gut umgesetzt, so dass es dem Spieler leicht fällt, sich auf sie einzulassen. Das Problem mit ihr ist aber, dass sie einfach kein guter Hauptcharakter ist. Sie ist nämlich ein stiller Protagonist in einer Welt voller Persönlichkeit. Dem Spieler ist es nicht möglich, sich wirklich in Red hineinzuversetzen, dafür hat sie zu wenig Präsenz. Trotzdem ist sie wegen ihrer Vorgeschichte und ihrer zentralen Positionierung kein unbeschriebenes Blatt, was es unheimlich schwierig macht sie als reinen Avatar des Spielers anzusehen. Das führt zu einem kleinen Bruch, der verhindert, dass man sich voll und ganz von der guten Geschichte fesseln lassen kann. Dass ihre Stummheit im Spiel triftig erklärt ist, kann es auch nicht ganz gutmachen. In Bastion war das noch besser gelöst, weil The Kids Vergangenheit nicht so erdrückend war, sondern eher in den Bereich Irrelevanz abdriftete und damit Platz für die Persönlichkeit des Spielers bot.

Die radikalste Veränderung findet man beim Kampfsystem. Auch dieses bleibt seinen Wurzeln, den der Action-RPGs aus SNES-Zeiten, treu, hat nun aber eine sehr große Prise Taktik abgekriegt. Ihr könnt euch noch immer frei bewegen und eure Attacken ausführen, doch gerade gegen Gegnerhorden ist das nicht sehr effektiv, da ihr gerne überrannt werdet und eure Angriffe teilweise ziemlich langen Cooldown haben. Ganz so flüssig wie bei Bastion läuft das Gekloppe also nicht ab. Dafür habt ihr aber die Möglichkeit, jederzeit die Zeit anzuhalten und in eine Art Planphase zu wechseln, wo ihr eine kleine Menge Aktionen aneinander ketten könnt. Richtig eingesetzt schaltet ihr so selbst fiesere Gegner schnell aus, müsst aber bedenken, dass auch die Planphase wieder ein paar Sekunden braucht, bis sie noch mal einsetzbar ist und man solange auf viele Attacken verzichten muss. Das erfordert vom Spieler, zur richtigen Zeit die richtige Entscheidung zu treffen, gerade, weil es viele unterschiedliche Gegnerarten gibt, die allesamt ihre eigenen Strategien erfordern.

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Taktisch wird es auch beim Ausrüsten von Red, denn regelmäßig schaltet ihr neue Angriffe für den Transistor frei, die ihr aber nicht alle gleichzeitig einsetzen könnt: nur bis zu vier Angriffe, die auf die vorderen Buttons gelegt werden, stehen euch jeweils zur Verfügung, doch die Angriffe, die ihr nicht benutzt, fungieren als Upgrades, die eure Attacken teilweise stark verändern können. Da man bis zu zwei Upgrades pro Angriffsslot einsetzen kann, hat man sehr viele Kombinationsmöglichkeiten, insgesamt wohl eine gut vierstellige Zahl. Hier die für einen selbst richtige Kombination herauszufinden lädt nicht nur zum Ausprobieren ein, sondern macht viel Spaß, insbesondere wenn man eine neue Kombo entdeckt, die besonders effektiv für einen ist.

Um euch zum Ausprobieren zu animieren, benutzt Transistor ein interessantes System für den Spielertod. Sind die HP alle, stirbt man nämlich nicht sofort, stattdessen wird einer der Attackslots mit der dazugehörigen Attacke gesperrt. So habt ihr also insgesamt bis zu drei Leben, ehe es Game Over heißt. Überlebt ihr aber, könnt ihr eure Attackslots wieder belegen, nur eben für einen kurze Zeit nicht mehr mit den Sachen, die vorher drin waren. Gerade durch diese Mechanik habe ich selbst spät im Spiel noch herumexperimentieren müssen und so einige Kombinationen entdeckt, die ich mir gerne schon früher gewünscht hätte.

Transistor-Menue

Ein Fazit über ein Spiel wie Transistor zu ziehen ist sehr schwer: einerseits, weil der von Bastion geworfene Schatten doch ziemlich groß ist, aber auch, weil man durch die Nähe zu eben diesem Spiel das Aha-Erlebnis, welches man damals noch hatte, nun nicht mehr vollständig replizieren kann. Deswegen schlägt Transistor nicht ganz so ein und kann gerade, wenn es darum geht, den Spieler emotional zu fesseln, nicht komplett mit dem Titel aus dem Jahre 2011 mithalten. Doch eigentlich ist das Meckern auf allerhöchstem Niveau, denn knappes Scheitern bei so einer hohen Messlatte sorgt am Ende noch immer für ein absolut großartiges Spiel, für welches man Supergiant Games nur gratulieren kann. Transistor ist bedingungslos für jeden weiterzuempfehlen. Haris

Transistor

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Ben
23. Juni 2014 um 09:11 Uhr (#1)
Ich hatte ja einen S-RANK vermutet. Klingt trotzdem super!
Gast
19. April 2021 um 05:50 Uhr
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