Kurzatmige WM-Party

(Artikel)
Paul Rubah, 19. Mai 2014

Kurzatmige WM-Party

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014

In gar nicht allzu weiter Ferne grätschen sich die Vertreter von 203 Ländern wieder gegenseitig die Waden blutig: Vier Jahre sind vergangen und es ist Zeit für die Fußball-WM 2014 - und EA mit wenig Arbeit und vielen Lizenzen leichte Kohle zu scheffeln.

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014 ist vor allem eins: hervorragend SEO-optimiert. Ein Spin-Off von FIFA 14 mit neuem Anstrich und wenigen mechanischen Änderungen. Aber das kommt nicht weiter überraschend, denn dies ist ein Spiel, das man für das Feeling kauft. Event-Fußball lebt vom Hype der realen Welt, von der Antizipation und vom Kopfkino, wer denn nun letztendlich wen besiegen wird. Und natürlich wird das runde Leder zelebriert und sich so richtig in Stimmung gebracht. Schließlich muss die Laune ja erst den Höhepunkt erreichen, bevor Deutschland dann im Viertelfinale gegen Bosnien-Herzegowina verliert.

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Erster Eindruck: Das Feeling stimmt
Und auf den ersten Blick wirkt FIFAFWMB2014 auch goldrichtig inszeniert. Dem Spieler lacht ein kunterbuntes Menü ins Gesicht, Gute-Laune-Musik tönt aus den Lautsprechern. Die Menge an Optionen ist erst einmal erschlagend: Neben einem Spielmodus, in dem man einen eigenen Spieler zum Kapitän der Nationalmannschaft hochziehen kann, gibt es eine Online-Kampagne, bei der man gegen menschliche Spieler in alle zwölf brasilianischen Stadien bestreiten muss, einen "Geschichte der WM"-Modus, in dem nach jedem Spiel der realen WM neue Challenges gestellt werden sollen, sowie Trainingsmodi mit Minigames. Das ist zu viel! Bloß schnell in die Qualifikationsrunden flüchten!

Hier präsentiert sich FIFA mit der gewohnt starken Planungsvielfalt: Nicht nur kann man alle 203 Nationalteams als seinen Liebling küren, sondern es sind eine Hülle und Fülle an Taktiken, Trikots, Auswechselspielern und Formationen mit dabei. In meinem ersten Spiel - Japan gegen England - ist die Stimmung bombig! Konfetti fliegt durch die Luft, grandiose Kamerafahrten umrahmen das Stadion, die Menge tobt und es wird sogar live in die Heimatstädte der Teams geschnitten, wo die Landsmänner auf offener Straße vor großen Leinwänden oder in Bars jubeln. 19 lizenzierte Trainer, darunter auch der japanische Alberto Zaccheroni und der deutsche Jogi Löw, stehen am Spielfeldrand und feuern ihre Recken an. Frank Buschmann und Manni Breuckmann geben ihr drolliges Palaver zum Besten, stellen Teams vor, warten mit Stadienhistorien auf und erinnern an klassische Spiele vergangener Weltmeisterschaften. So soll das sein, so kann das bleiben.

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Das Rad nicht neu erfunden
Das Spiel selbst ist dagegen schon fast banal gut: FIFA 14, nur in nicht ganz so schön, da exklusiv für die letzte Generation. Warum? Das weiß der Geier. Hier und da merkt man allerdings kleine Tweaks: Für den Eckstoß kann man nun per Steuerkreuz eine von vier Schnelltaktiken auswählen, etwa um den Torwart zu gängeln, und richtig guten Dribblern scheint der Ball nun etwas mehr am Fuß zu kleben. Manchmal scheinen Magneten im Spiel zu sein - das würde zumindest erklären, wie mich vier feindliche Abwehrspieler zwischen ihre verschwitzte Brustbehaarung klemmen konnten und ich mich dennoch für den Torschuss herausgewunden habe. Außerdem kann man der Entscheidungsfähigkeit seiner Mitspieler einfach nicht vertrauen. Zum Beispiel fordern sie einen energisch winkend zum Passen auf, während sie knietief im Abseits stehen.

Um das umzubiegen, da musst du schon ein Meisterbieger sein
Die Ernüchterung auf das bis dahin sehr gute Spielerlebnis folgt einige Begegnungen in die Gruppenphase hinein. Bevor man überhaupt die KO-Runde erreicht, ist die Aufmachung des WM-Begleiters bereits ausgelutscht. Bis zum Achtelfinale hat man schon viermal die gleichen Fans umgeschminkt und mit anderen Trikots bekleidet jubeln oder weinen sehen. Fünfmal beobachtete man dieselben internationalen Fußballgucker vor ausgewechselten, heimischen Hintergründen. Und schmerzhaft oft wiederholen sich die Kommentare der deutschen Labertaschen am Mikrofon. Das gar nicht mal erst nach den vierten, fünften oder sechsten Spiel, sondern bereits im zweiten. Es gab kein einziges Match, das ich gewonnen habe, in dem nicht der Spruch "Um das umzubiegen, da musst du schon ein Meisterbieger sein" fiel.
Das Vokabular des deutschen Moderatoren-Duos wirkt einfach arg limitiert. Ich muss euch ja auch ein kleines Geheimnis verraten: Ich habe nicht nur mit Japan gespielt, sondern gleichzeitig auch mit Deutschland. Das hatte Methode, denn ich wollte wissen, ob Buschi und Breucki zur Heimatmannschaft mehr zu sagen haben. Ja, haben sie. Japan bekommt immer dieselben Standardsätze und einen einzigen individuellen Kommentar beim Eintritt ins Achtelfinale, während quasi jeder deutsche Spieler seine persönliche Beweihräucherung abbekommt. Wer mit B-Teams spielen will, wird Teams ohne Persönlichkeit spielen.

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Da hilft nicht, dass es in der Kampagne keine atmosphärischen Spielüberbrückungen gibt. Da hilft nicht, dass sich normale Matches mit langweiligen Minigames abwechseln, die kein Feedback darüber geben, was man falsch macht. Da hilft auch nicht, dass die Trainer vor der Bank wild gestikulieren, um über ihre fehlenden Gesichtsmuskeln hinwegzutäuschen. Und erst recht hilft da nicht, dass die Sequenzen ruckeln, Hosen wild herumclippen und Torschützen während der Jubelanimation durch Bandenwerbung von euphorischen Mitspielern hindurchgetackelt werden.

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014 hatte einen einzigen Job: die WM-Stimmung zu verkaufen. Das ist ihm nicht gelungen, dafür ist die Präsentation zu mau. Wer guten Fußball spielen will, kauft sich entweder günstig FIFA 14 oder wartet noch ein halbes Jahr auf ein neues FIFA 15.

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

Kommentare

Ben
20. Mai 2014 um 10:57 Uhr (#1)
Die Logos, die Musik,... es ist einfach der einzige Weg, genau diese Elemente in einem Spiel zu erleben, die man sonst nur bei der Übertragung der Fussball-WM mitbekommt. Die Lizenzen verkaufen dem Spieler das WM-Gefühl und das ist es eben.

Ich denke, Brasilien 2014 ist eher etwas, das die Spieler sich unter einem solchen Spiel vorstellen als das damalige FIFA Fussball WM 2002, das einigen Spielern Supersprints und Powerschüsse verlieh und unter dem Deckmantel einer Simulation verkaufte.
Mahmuda
Gast
15. Januar 2015 um 11:57 Uhr (#2)
It's great to see a country that relaly gets behind even the most trivial of sporting accomplishments in the name of supporting the country. If this were the U.S., it would have maybe been a 5 second spot on Sportscenter, and it would also be a paragraph on the bottom of the sports page.U17s getting any press is amazing, and girls at that!Very nice win, but feel sorry for the Japanese girl that missed her kick.
Gast
09. Dezember 2019 um 12:34 Uhr
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Spiele des Artikels

RELEASE
17. April 2014
PLATTFORM
Playstation 3
Plattform
Xbox 360
Plattform

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