Hammerfight

(Artikel)
Rian Voß, 28. April 2014

Hammerfight

Perlen vor die Säue

Manchmal gibt es so Spiele, die... Also, ab und zu, da möchte man ein Spiel einfach... Da ist es regelrecht schwierig... Wie Tag und Nacht... Okay, um Hammerfight ist es einfach verdammt schade, klar? Ich habe mein Lebtag noch nie so sehr um verschwendetes Potenzial weinen müssen.

In einer gerechten Welt könnte ich Hammerfight mit den Worten "simpel, aber genial" vollständig zusammenfassen. In diesem PC-Titel macht man nämlich einfach nur Folgendes: Man rüstet eine fliegende Maschine mit gigantischen Hämmern, Dreschflegeln, Kanonen oder Schwertern aus und schlägt sich gegenseitig mit rotierenden Mausbewegungen in einer lieblichen, effektgeladenen, arabisch angehauchten 2D-Welt physikalisch korrekt die Köppe ein.

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Und das klappt in den meisten Fällen auch wunderbar. Die herunterbaumelnden Totschläger haben alle ihr eigenes Gewicht und eine eigene Balance, so dass sich meine Maus irgendwie schwerer anfühlte, wenn ich sie bedrohliche Kreise ziehen ließ. Und ich habe kaum eine befriedigendere Erfahrung in einem Kampfspiel erlebt, als die Momente, in denen ich meinen Feind mit einer ausladenden Handbewegung und ein bisschen Hilfe von Mutter Schwerkraft in einen explodierenden Schrotthaufen verwandelt habe. Der Bildschirm wackelt, aus den Boxen scheppert es, Motion Blur überdeckt alles. Klasse. Auch die Umgebung will verwendet werden: Crashs gegen Wände können betäubend wirken, in manchen Arealen brennt's, in anderen wurden Dornen ausgefahren und wer faul am Boden liegt, auf den wartet nur der erlösende Knüppelschlag. Es ist einfach egal, was man in diesem Spiel macht - es hat ordentlich Wumms.

Waffen kommen in so vielen Formen und Farben, dass jeder seinen Liebling findet. Die Imperiale Waffenkammer zieren potenziell an die dreißig Autschwerkzeuge, die man an seinen kleinen Flieger hängen mag. Jeder Waffentyp seine Eigenheiten: Klingen machen auch ohne viel Schwung großen Schaden an ungepanzerten Gegnern, dafür zerdeppert der Vorschlaghammer jede Rüstung und schlägt dem Feind öfter mal die Waffe aus der Hand. Darüber hinaus lassen sich Objekte doppelt führen, so dass man mit einem Schwert auf jeder Seite zu einem bedrohlichen Klingenwirbel wird. Das Gewicht von Waffen und Rüstungen wirken sich auf die Behäbigkeit unserer Maschine aus, außerdem kann man gemeine Verbrauchswaffen, wie Speere oder Bomben, einstecken und unerwartet abfeuern. Es ist maßgeblich entscheidend für den Erfolg einer Mission, wie und wie gut man sich ausgerüstet hat.

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Und dann erst die Spielmodi! Der Storymodus lässt den Spieler zwischen komplett unterschiedlichen Pfaden wählen, keine Mission ist wie die andere - manchmal muss man nur einen taffen Gegner besiegen, mal eine Horde von Wurmmonstern, manchmal eine ganze Schwadron schwacher Schergen und manchmal ist man unbewaffnet, angekettet und muss eine zeitlang nur ausweichen. Die Erzählung selbst führt den Spieler durch die Geschichte dreier verfeindeter Königreiche, Verrat, Tücke, Sklaverei, Gladiatoren und den Schlund der Welt. Darüber hinaus gibt es ein Hammerfußball, einen Jagdmodus und eine Arena, wo man sich Geld für neue Ausrüstung erbeuten kann. Und wer Freunde bei sich hat, kann bis zu vier Mäuse an einem PC anschließen und die wilde Hammerparty steigen lassen.

Warum dann nur, warum haben sich so viele grobschlächtige Fehler in dieses Spiel eingeschlichen? Damit sind nicht mal Bugs gemeint (auch wenn es davon einige gibt), sondern eine Mixtur aus Unfähigkeit und Sadismus des Spieldesigners. Viele dunkle Flecken, die sich zwischen den wenigen, aber großen Glanzpunkten verstecken.
Das beginnt damit, dass man selten faire Kämpfe austrägt. Oft konfrontiert man eine totale Übermacht von zwei, drei oder noch mehr Gegnern. Allgemein ist das nicht kritisch in Videospielen, denn üblicherweise sind die Spielercharaktere von den Fähigkeiten her übervorteilt, was durch mehr Gegner ausgeglichen werden soll, damit eine Herausforderung entsteht. In Hammerfight ist es genau anders herum: Jeder Computergegner steht höher in der Nahrungskette. Die NPCs halten oft mehr aus, als man selbst, können dank ihrer Überzahl zu gemeinen Gruppentaktiken greifen (einer rammt den Spieler, beide sind betäubt, der Rest prügelt auf einen ein), beschleunigen übermenschlich und richten bereits bei kleinen Berührungen großen Schaden an. Die Kombination dieser Übervorteilungen führt dazu, dass manche Matches schon kurz nach dem Startschuss vorbei sind, weil dem Spieler nicht die Zeit bleibt, dem ersten Kamikaze auszuweichen. Besonders der spätere Spielverlauf wird so zu einem frustrierenden Erlebnis, in dem man einzelne Missionen zwanzig- oder dreißigfach im Halbminutentakt neu starten muss.

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Vieles wird, wie oben schon erwähnt, durch die geeignete Waffenwahl erleichtert. Doch neue Knüppel sind enorm teuer und der Storymodus wirft nicht mal ansatzweise genug Gewinn ab, um auch nur in die Nähe einer komplettierten Waffenkammer zu kommen. So kann man zwar im Kampf seinen Gegnern die Waffen abnehmen und zur eigenen Sammlung hinzufügen, doch verliert man mal sein gutes Stück, verschwindet es mit sofortiger Wirkung, sobald der "Victory"-Schriftzug den Bildschirm ziert. Mir ist es mehrfach passiert, dass mir mit dem gewinnenden Schlag - und ohne dass ich es bemerkte - meine Lieblingswaffe aus der Hand rutschte. Mission wiederholen ist unmöglich: Pro Charakter gibt es nur einen Spielstand. Ist das Spiel durch, darf man sich nur noch den Epilog anschauen. Will man seine Lieblingsmissionen noch einmal spielen, muss man einen neuen Charakter anlegen, der natürlich noch keine Waffen hat. Im Shop wird immer nur eine einzige, per Zufall ausgewählte Waffe angeboten. Ein ganzer Spielmodus, der perfekt zum Geldgrinden für bessere Waffen geeignet ist, versteckt sich hinter der ersten Mission, die mit "Hard" gekennzeichnet ist, so dass "Weicheier" es eigentlich schwieriger haben. Warum wird der Spieler derart schikaniert?

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Den Vogel schießt Hammerfight in puncto Übersichtlichkeit ab - es gibt keine. Ständig explodiert etwas, raucht etwas, oder brennt lichterloh, Objekte werden zehn oder zwanzig Sekunden am Stück unscharf, grelle Lichtblitze färben den Bildschirm für halbe Sekunden komplett weiß. Oft hat man damit zu kämpfen überhaupt herauszufinden, wo man gerade ist. Wo ist man? Natürlich betäubt am Boden. Die Effekte wirken zwar unglaublich cool, fangen aber an zu stören, sobald man unter ihnen leiden muss. Ein bisschen Abhilfe kann man sich durch Gefuddel in einer Config-Datei verschaffen: Hier lassen sich die Auflösung von 800x600 auf den eigenen Bildschirm anpassen und beliebige Spezialeffekte ausschalten. Warum letzteres im Options-Menü kaum ordentlich funktioniert und ersteres gar nicht erst möglich ist, ist mir ein Rätsel.
Ein weiteres Fragezeichen wirft die Platzierung des HUDs auf: Oben in der Mitte und unten links sind riesige Elemente der grafischen Oberfläche, die einen guten Teil des Spielfelds verdecken und Feinden ein prima Versteck bieten, aus dem sie unerwartet hervorschnellen können. Und genau das tun sie, und nicht zu selten.

Versteht mich nicht falsch: Hammerfight macht enorm viel Spaß, egal ob allein oder gemeinsam. Es macht so viel Spaß, dass ich jeden Bullshit-Kampf über mich ergehen ließ, weil das Grundgameplay nahezu makellos ist. Ich fing sogar einen zweiten Durchgang des Storymodes an, der mir dann auch wesentlich leichter fiel. Nur wurde dieser reine Kern unachtsam unter einem Haufen dampfenden Kots vergraben. Dieses Spiel wechselt im Minutentakt zwischen höchsten Höhen und tiefsten Tiefen. Es fühlt sich soooo guuuut an, wenn man seinen Feinden eine Abrissbirne über die Schädeldecke zimmert. Für jeden glorreichen Moment muss man allerdings mit fünf kleinen Vergewaltigungen bezahlen. Seit Dragon's Dogma habe ich kein Spiel so sehr geliebt und so sehr gehasst. Gerettet wird die Note durch den Multiplayer - hier muss immerhin jeder zu gleichen Teilen leiden. Rian

Hammerfight

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

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13. Dezember 2019 um 10:03 Uhr
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29. Oktober 2009
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Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

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