Betrayer

(Artikel)
Benjamin Strobel, 10. April 2014

Betrayer

Schwarzweiße Schnitzeljagd

Wir befinden uns im 17. Jahrhundert - mitten in der Kolonialzeit. Die Briten und Spanier stechen sich um einen Platz an der Sonne die Augen aus. Ein hervorragender Tag, um die amerikanische Kolonie zu besuchen! Der Himmel ist weiß, der Boden ist grau, die Bäume tiefschwarz. Moment, was? Tatsächlich. Betrayer ist völlig monochrom mit einer Ausnahme: alarmierendes Blutrot.

Seit Herbst 2013 konnte man Betrayer als Early-Access-Spiel über Steam herunterladen, mittlerweile ist die Vollversion erhältlich. Rian war begeistert von der schwarzweißen Gruselwelt, bot sie doch mehr als eine Handvoll spannender Features. Die triste Umgebung aus schwarzen und weißen Elementen ist selten bedrückend und erzeugt eine dichte, einzigartige Atmosphäre. Um sich davon zu überzeugen, muss man nur auf die Screenshots schauen. Der Spieler erreicht die Kolonie nur schiffbrüchig und muss sich zum britischen Fort erst durchkämpfen - ein Tutorial. Man lernt, mit dem Bogen leise zu töten, sich an die spanischen Feinde heranzuschleichen und die Beine nur dann zum Sprint in die Hand zu nehmen, wenn der Wind über die Felder fegt und die eigenen Geräusche kaschiert. Die Munition ist rar, also will man nicht in hastige Schlachten geraten, in denen man seine Pfeile hektisch verschleudert. Und natürlich will man seine tödlichen Geschosse wieder aus den Kadavern gefallener Feinde ziehen, man weiß ja nie, wann man sie wieder braucht! Spoiler: man braucht sie ständig. Der Einsatz roter Farbe markiert dabei ganz geschickt wichtige Objekte und Gegner, die aus der schwarzweißen Umwelt schnell herausstechen.

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Rotkäppchen, deine Großmutter hat nach dir gerufen!

Ansonsten verrät das Spiel nicht viel. Man ist angehalten, selbst durch die Spielwelt zu streifen und sein Schicksal zu finden. Und irgendwie tut man das auch. Am Fort angekommen, offenbart das Spiel seinen Twist. Das Fort ist verlassen und verlottert. Stattdessen wird das Gebiet von einer Dame in rot bewohnt. Das Mädel will nichts darüber wissen, was sie da macht und was mit ihr los ist - dieses Geheimnis wird verständlicherweise erst im Laufe des Spiels gelüftet. In Betrayer jagt ein Mysterium das nächste, und das sage ich nicht nur, weil überall Notizen verstreut sind, die merkwürdige Geschehnisse schildern. Im verlassenen Fort findet man schnell eine dubiose Glocke, die man aufhängt und unerschrocken läutet. Dong! So nimmt das Schicksal seinen Lauf. Dunkelheit zieht heran und hüllt die Welt in finstere Nacht, Geister schlüpfen aus ihren Löchern. Die untoten Kameraden finden keine Ruhe, können sich aber nur schlecht an die Geschehnisse zu Lebzeiten erinnern. Fortan wird es zur Aufgabe des Spielers, ihnen unter die Arme zu greifen und die Geschehnisse aufzuklären. Die Atmosphäre ist umso beklemmender bei Dunkelheit, die Sicht stark eingeschränkt. Es spielt keine Musik. Zu hören ist nur garstige Wind. Wer mehr wissen will, muss lauschen. Auf Tastendruck spitzt man das Ohr und kann Stimmen und Geräusche aus der Ferne hören. Es gibt keinen klassischen Questmarker, der Spieler muss einfach seinem Gehör folgen, bis das nächste Gebiet erreicht ist. Zumeist gibt es dort neue Hinweise oder ein weiterer Geist erscheint. Die spanischen Soldaten haben in der dunklen Welt Platz gemacht für Skelette, die gruselig aus dem Boden schießen. Auch die will man möglichst unbemerkt ausschalten, umschleicht sie mit Pfeil und Bogen. Nach einem Kopfschuss klirrt es und die Knochen fallen wieder ineinander zusammen. Die Sounds sind großartig und lassen einen die musikalische Untermalung nicht vermissen.

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Leider entartete Betrayer fortan zur stumpfen Schnitzeljagd. Die Geschichten hinter dem ganzen Gerenne sind zwar ganz nett (Intrigen, Missverständnisse und natürlich Verrat), aber das Gameplay entwickelt sich über seine eingangs etablierten Mechaniken nicht mehr hinaus. Es gibt keine spannenden Rätsel, allenfalls trägt man gefundene Objekte zu ihren Besitzern zurück, um den nächsten Texthappen von ihnen aufzunehmen und zurück an die Arbeit zu gehen. Ja, das Questen ist regelrechte Arbeit. In den ersten zwei Spielstunden ist man noch von der Atmosphäre verblüfft und freut sich, den Stimmen im Wind zu lauschen und sich an seine Opfer heranzupirschen. Doch dann wird es schnöde. Man trifft auch bis zum Schluss nur auf dieselben drei Gegnertypen, sodass Kämpfe wenig abwechslungsreich sind. Selbst wenn man mal entdeckt wird, kann man die KI austricksen und mit seinen Feinden solange im Kreis rennen, bis man alle abgeschossen hat. Ab und zu ducken sie sich, das ist ganz intelligent, aber wenn man das weiß, überlisten sie einen damit auch nicht mehr.

Hier und dort lässt sich die Weltkarte zwar erkunden, bietet aber nicht viel, das man entdecken könnte. An mancher Ecke finden sich Schatzkisten, aber das Geld braucht man nicht sehr dringend. Es gibt zwar einen Shop, der neue Waffen und Munition verkauft, beides sammelt man auf dem Weg aber auch von den Feinden auf, sodass man selten darauf angewiesen ist. Hat man in einer Location alle Aufgaben erledigt, kann man zur nächsten weiter reisen und bemerkt so auch, dass man in keiner echten Open World steckt, sondern in einem von mehreren Arealen, die aneinander gereiht wurden.

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Farbe kann man einstellen, aber das zerstört die gute Atmosphäre.

Die Magie der ersten Spielstunden verschwindet in der zweiten Hälfte des Spiels und so ist es ganz okay, dass man Betrayer nach fünf bis sechs Stunden auch durchgespielt hat. Wirklich coole Mechaniken wurden letztlich etwas verfeuert und lassen ein gemischtes Ergebnis stehen. Allein für die Ideen und das spannende Spielgefühl am Anfang ist Betrayer einen Versuch wert. Dann aber ist es schade, dass nichts Neues mehr kommt und das Bekannte schnell langweilig wird. Ben

Betrayer

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

Kommentare

Haris
11. April 2014 um 15:30 Uhr (#1)
Schade, dass es am Ende nicht gereicht hat, das Niveau über die gesamte Spielzeit zu halten... so wird es für mich wohl ein Fall für die Steam-Grabbelkiste, denn Optik und Konzept sorgen dafür, dass ich zumindest mal spielen will.
Gast
15. Januar 2021 um 17:48 Uhr
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