Let's Plays, Livestreams und Co.

(Artikel)
Haris Odobašic, 12. Februar 2014

Let's Plays, Livestreams und Co.

Wieso gibt es so viele schlechte Spielevideos?

Das Internet steckt in einer kleinen Identitätskrise. Quasi seit fünf Minuten nach der Entstehung stand nämlich fest, dass das globale Netzwerk den primären Zweck verfolgte, Pornographie frei unter den Nutzermassen zu verteilen. Mittlerweile hat das Internet aber mehr und mehr eine weitere Aufgabe: Videospielevideos. Auf YouTube ist der populärste Channel der von PewDiePie, Twitch.tv ist zu Stoßzeiten die Seite im Internet, die den vierthöchsten Traffic erzeugt, und unzählige weitere Beispiele belegen, dass die Popularität dieser Videos sprunghaft angestiegen sind. Und, um ehrlich zu sein, ist das auch gut so!

Als kleiner Junge habe ich mir immer gewünscht, dass es ein ordentliches Fernsehprogramm zum Thema Videospiele geben würde, doch gerade in den 90ern sah es dort eher mau aus, während Giga im neuen Jahrtausend nicht unbedingt weitreichend verfügbar war. Und nun gibt es Leute da draußen, die Inhalte zu Videospielen produzieren, mit denen man wohl nicht nur einen sondern hunderte von Fernsehsendern im Vollprogramm füllen könnte. Da gibt es natürlich Preview- und Video-Reviews en masse, aber die Kreativität, die durch das Internet freigesetzt wurde, hat ganz neue Formate ans Tageslicht gebracht. Shows wie "Game Theory" und "Did you know Gaming?", die allerlei interessantes Wissen zu Videospielen auf unterhaltsame Art und Weise vermitteln, oder auch Comedy-Formate wie JonTron und der Angry Video Game Nerd. Eine echte Bereicherung für die Zockkultur und doch nur ein sehr kleiner Teil der Videospielvideos.

Denn wer heute nach Videospielvideos schaut, wird zwangsläufig auf die Leute stoßen, die womöglich die geringste Daseinsberechtigung haben: Livestreamer und Let's Player. Sie spielen, während sie das Geschehen gleichzeitig kommentieren, und lassen sich grob in drei Kategorien einteilen. Auf der einen Seite hat man die Leute, die obskure Spiele präsentieren oder herausragende Fähigkeiten am Controller haben. Wer von euch würde denn ohne Rian Breakdown kennen? Importgamer oder Speedrunner zählen zu dieser Kategorie. Hier liegt das Rampenlicht auf dem Spiel an sich, während die Person am Controller zweite Geige spielt. Die Kommentare des Spielers können der Erfahrung zuträglich sein, aber die Videoinhalte wären auch ohne einen Klick wert.
Im Gegensatz dazu stehen die Entertainer, die ihre Videos mit ihrer Persönlichkeit würzen und ihnen so eine eigene Note verpassen. Es ist ihre Sprache, die das Video erst sehenswert macht, während das Gameplay normalerweise Standardkost ist, die ohne die Person dahinter niemanden vor den Bildschirm locken würde. Natürlich mögen die meisten dieser Leute eher Bushido und Barth sein statt Prinz Pi und Pispers, Unterhalter, deren Produkt weder sonderliche Intelligenz erfordert noch irgendwelchen Anspruch hat, aber die den Nerv der Masse treffen. Sie besitzen einfach ein nicht von der Hand zu weisendes Talent und Charisma, welches ihnen verdienten Zuspruch bringt.

Und schließlich bleibt der gesamte Rest und die riesige Mehrheit. Die normalen Gamer, die der Wahnvorstellung verfallen sind, dass ihr Gespiele für irgendwen interessant wäre, oder die glauben, dass sie zur Entertainer-Gruppe gehören, obwohl man sie höchstens im Schlaftabletten-Sortiment einer gut sortierten Apotheke wieder finden würde. Leute, die ein sehr schlechtes Surrogat für das eigentliche Zocken anbieten, so ein bisschen wie die Wahl zu haben zwischen dem Schauen eines Erotikfilms und einer guten Stunde mit dem Hauptdarsteller/der Hauptdarstellerin, und sich dann für ersteres zu entscheiden. Wieso soll ich xXC00LG4M3R93Xx zuschauen, wie er Call of Duty spielt, wenn ich einfach selbst das Spiel einlegen kann? Bei solchen Leuten ist jegliches Amüsement aufgrund ihrer gesprochenen Worte kosmischer Zufall, während die dargebotenen Spielfertigkeiten allerhöchstens Durchschnitt sind, was man auch daran sieht, dass diese Leute sich eben im Sumpf von Millionen anderer "Videoproduzenten" kaum herausheben können.

Dennoch machen diese Leute weiter und Fluten das Netz mit ihren Videos und Streams, und das selbst, wenn sie geringen Zuspruch kriegen und kaum einer das sieht, was sie da machen. Wieso? Weil wir Menschen im Grunde allesamt Selbstdarsteller sind. Das ist die Motivation, wieso wir unser Leben auf Facebook offenlegen, uns in belanglosen Konversationen auf Twitter beteiligen und wieso manche von uns auch Autoren werden. Es gibt uns riesige Befriedigung. Die gleichen Bereiche im Gehirn, die aktiv werden, wenn wir Schokolade essen, Geld verdienen oder Sex haben, der Nucleus accumbens und die Area tegmentalis ventralis, Teile des limbischen Systems, werden auch dann angesprochen, wenn wir über uns reden: unser Leben, unsere Meinung, unsere Hobbies. Und wenn wir darüber mit, beziehungsweise genauer, zu anderen Leuten sprechen können, zum Beispiel indem wir ein Video aufnehmen davon, wie wir ein Spiel spielen, und das dann mit der gesamten Welt teilen, dann wird dieser Belohnungsmechanismus nur noch weiter verstärkt.

Und deswegen müssen wir uns gefasst machen. Früher waren Videos zu Spielen immer mit einer gewissen Einstiegshürde verbunden, da man spezielle Hard- oder Software benötigte für die Videoproduktion. Dies hat sich in den letzten Jahren geändert durch kostenlose Anbieter, die direktes Streaming vom PC ermöglichen, und kulminiert in der weitreichenden Integration solcher Dienste sowie Video-Aufnahmefähigkeiten der aktuellen Konsolen. Diese Hürde diente als eine Art Qualitätssicherung, die zwar schlechte Videos nicht komplett verhindern konnte, sie aber zumindest selten machte. Dass der Einstieg nun kinderleicht ist, ist im Endeffekt eine Chance, dass der ein oder andere kreative und talentierte Zocker, der, aus welchem Grund auch immer, nicht die Möglichkeit hatte, Videos zu machen, nun eine Plattform bekommt sich zu präsentieren. Vielleicht erwartet uns also bald der nächste Angry Video Game Nerd, JonTron oder TotalBiscuit. Doch der Damm ist gebrochen und der Weg dahin wird gepflastert sein mit abertausenden minderwertiger Let’s Plays und einer noch höheren Anzahl langweiliger Live-Streams. Haris

Kommentare

Ben
13. Februar 2014 um 14:12 Uhr (#1)
Sich selbst zu wichtig nehmen, zeugt von gesunder Psyche. Studien zeigen, wer sich selbst überschätzt und seien Fehlschläge auf äußere Umstände zurückführt anstatt auf eigene Schwächen, ist deutlich glücklicher und gesunder. Realistische Einschätzungen stammen dagegen von Personen, die zugelich zahlreiche Symptome von Depression zeigen.
Rian
13. Februar 2014 um 15:15 Uhr (#2)
Jozu
13. Februar 2014 um 18:24 Uhr (#3)
Ich freue mich, dass ihr beiden euch mal einig seid :3
Gast
29. November 2022 um 15:59 Uhr
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