Assassin's Creed Liberation HD

(Artikel)
Torsten Ingendoh, 20. Januar 2014

Assassin's Creed Liberation HD

Kleine Assassinin ganz groß?

Assassin's Creed: Liberation schleicht schon eine Weile auf der PS Vita vor sich hin. Als erstes voll funktionstüchtiges Assassin's Creed für die Hosentasche musste ich es haben. Es war eine ernüchternde Erfahrung, die sich an sich nur dadurch rettete, weil es halt ein voll funktionstüchtiges Assassin's Creed für die Hosentasche war. Jetzt bietet Ubisoft uns die Abenteuer von Aveline de Granpré auch auf dem großen Bildschirm an. Ob das dem Spiel gut tut?

Liberation führt uns ins New Orleans des 18. Jahrhunderts und spielt damit etwa zeitgleich zum großen Bruder Assassin's Creed III. Aveline ist die Tochter des französischen Kaufmanns Philippe Olivier de Granpré und seiner afrikanischen Sklavin Jeanne. Da ihr Vater ihre Mutter liebte, schenkte er beiden die Freiheit, wodurch Aveline im Wohlstand aufwachsen konnte. Aber in der ersten Sequenz des Spiels verschwindet Jeanne. Aveline trennt sich kurz von ihrer Mutter, nur um einem Hühnchen hinterher zu jagen. Kaum das Huhn eingefangen, ist die Mutter weg. Schnitt in die Jugend, ohne Vorwarnung wohlgemerkt, und Aveline in Sklavenkluft erwehrt sich einiger Wachen. Das geschafft, erwacht Aveline wohlbehütet in ihrem Bett. Nur ein Traum und ich habe den ersten Eindruck davon bekommen, wie gehackstückelt die Erzählweise ist. Diese Sprünge ziehen sich durch die ganze Story.

ACL01Damals konnten Hühner noch frei durch Amerika laufen ohne in der Fritteuse zu landen

Liberations Story kann bei Weitem nicht mit den anderen Teilen der Serie mithalten. Zum einen ist Avelines Geschichte im großen Assassin's-Creed-Mythos völlig unwichtig. Die "Enthüllung", die das Vorgängerartefakt bietet, verwirrt nur. Bis auf eine Mission, in der man mit Connor, dem Protagonisten von Teil 3, zusammenarbeitet, verbindet diesen Teil rein gar nichts mit der Hauptserie. Zum anderen ist sie einfach schlecht erzählt. Die neun Sequenzen der Story spielt man in gut sechs Stunden durch, wodurch keine Zeit bleibt irgendwelche Templerfiguren groß aufzubauen. Bis auf den einen Gegenspieler eliminiert man jede Schlüsselfigur etwa 20 Minuten nachdem man sie kennengelernt hat. Dann ist die Sequenz vorbei und das Spiel springt mal eben zwei oder drei Jahre weiter. Das ist besonders schade, da Aveline eigentlich eine tolle Assassinin ist. Ich mag ihre Art, ihren Stil und ihren Hintergrund. Aber das Spiel macht einfach nichts daraus. Wenigstens wurde ihr in Black Flag ein ganzer DLC gewidmet.

Noch etwas, aus dem das Spiel nicht viel macht, sind die interessanten Ideen, die in das Spiel eingebracht wurden, allen voran die Verkleidungen, jede mit eigenem Bekanntheitsgrad. Aveline kann ihre Assassinen-Kluft tragen, sich als Sklavin verkleiden, oder standesgemäß als Lady über die Straßen flanieren. Jedes Kostüm hat Vor- und Nachteile. Als Assassinin kann man besser kämpfen und klettern ohne an Bekanntheit zu gewinnen. Dafür ist man immer mindestens auf Bekanntheitsstufe 1. Als Sklavin hat man eingeschränktere Waffenwahl und es fällt sofort auf, wenn man an Gebäuden rumkraxelt. Dafür kann man relativ unerkannt durch die Straßen schlendern. Als Lady ist man im Kampf mehr oder minder aufgeschmissen. Bis auf die versteckten Klingen und später einen Giftpfeilsonnenschirm kann man verständlicherweise keine Waffen mit sich führen. Dafür kann Aveline auf die Waffen einer Frau zurückgreifen und Wachen verführen, um sie wegzulocken und bei Bedarf zu töten. Die Idee ist da. Die meisten Missionen zwingen einem aber ein Kostüm auf und wenn es keine Vorgabe gibt, dann ist das Assassinen-Outfit eh die beste Wahl. Gipfel ist hier das erste große Attentat. Als 100%-Synchronisationsvorgabe soll man die Mission als Sklave oder Lady absolvieren. Und mitten in der Mission erfährt man die zweite Vorgabe: Töte das Ziel mit einer Muskete. Tja, als Lady kann man aber keine Musketen benutzen, also muss man für 100% Synchronisation ausschließlich als Sklavin vorgehen. Das war schon in der Vita-Version so dämlich und wurde für den HD-Release NICHT verbessert. Obwohl einige andere 100%-Sync-Vorgaben abgeändert wurden.

ACL04Ich bin eine Lady.

Was wurde denn verbessert? Nun, an sich nur die Grafik. Wo die Vita-Version immer noch mit Framerate-Problemen kämpft, obwohl das Spiel nicht mal auf voller Vita-Auflösung läuft, läuft hier alles flüssig. Ich habe vielleicht ein oder zwei mal ein kurzes Stottern bemerkt, das war es aber auch. Ein paar schärfere Texturen hier, ein bisschen bessere Beleuchtung dort, und das war's. Das optische Niveau von Teil 3 wird nicht erreicht. Spielerisch können die Wachen jetzt die Schusslinienformation aus Teil 3 verwenden und die eine Mission mit Connor kann man jetzt auch aus Connors Sicht spielen. Und jetzt haltet euch fest: Es wurde mehr entfernt als hinzugefügt. Ganz recht, die HD-Version hat tatsächlich weniger Inhalte als die Vita-Version. Während man auf dem Handheld als Lady von Schlägern belästigt wird, ist mir derartiges im HD-Port nicht aufgefallen. Schlimmer ist jedoch, das Teile der Missionen fehlen. In der ersten Sequenz soll ich eine Sklavin retten. Ich infiltrier also die Plantage, finde die Sklavin, vermöbele die Wächter und... das war's. Sprung zurück zur Granpré-Villa. In der Vita-Version muss ich die Sklavin noch von der Plantage geleiten, mit Zusatz-Vorgabe, dass ich das innerhalb einer Minute tun soll. Fehlt einfach.

Da Liberations ein früher Vita Titel war, enthielt das Spiel auch einige Vita-spezifische Features. Auch hier schlampte Ubisoft. Recht früh erhält man eine spezielle Linse zum Entziffern von Templerbriefen. Dies funktionierte mithilfe der Rückkamera der Vita und den Touchscreen. Man musst die Vita gegen eine Lichtquelle halten und dann Räder verschieben, damit der Text sichtbar wird. Mit etwas Fantasie hätte man das auf das Gamepad übersetzen können. Aber entweder fehlte der zündende Gedanke, oder Ubisoft war hier einfach zu faul. Dieses Element fehlt völlig. Und da dieser Dekodierer immer noch in der Story vorkommt, wurde ein Plotloch geschaffen. Als ob die Story nicht schon genug Plotlöcher hätte.

ACL05Der Tod kommt von oben.

Der Rest vom Gameplay ist mehr oder minder auf derselben Stufe wie Assassin's Creed III. Das Kampfsystem ist komplett identisch, anstelle von Pfeil und Bogen bekommt man ein Blasrohr, einzig die Peitsche für die Kämpfe ist neu. Und Rauchbomben sind immer noch der "Töte alles"-Knopf. Während die Hauptmissionen immerhin durchweg gut designet sind, bis auf den Kostümzwang, so fehlt es den Nebenmissionen an Spannung. Gehe zu Ort X und töte Person Y, für 100% Sync mit Methode Z. Zu sammeln gibt es auch wieder einiges. Als Lady kann man auch spezielle Gentlemen für Broschen verführen. Nett. Die Belohnungen dafür sind oftmals kosmetischer Natur. Und weil die Kämpfe so pisseinfach sind, lohnt es sich auch nicht, groß Waffen zu kaufen. Dass Aveline anstelle von Assassinenrekruten auf Knopfdruck einen Kettenkill auslösen kann, hab' ich die meiste Zeit komplett vergessen. Wenn verfügbar, wählt man dabei seine Ziele nacheinander aus und schaut denen dann beim Sterben zu.

Assassin's Creed Liberation HD, was soll ich von dir halten? Das Original hatte die richtige Idee, hatte aber nur eine Daseinsberechtigung, weil es halt das erste (und bislang einzige) echte Assassin's Creed für die Hosentasche war. Zu viel verschenktes Potential. Da ich das Gameplay der Serie mag, erfüllte es so für mich seinen Zweck. Aber der Schritt auf den großen Bildschirm tat diesem Spiel keinen echten Gefallen. Besonders dreist finde ich aber, dass hier einfach Teile des Spiel fehlen. Der Multiplayer des Originals war auf Browsergame-Niveau, dessen Abwesenheit kann ich verschmerzen, aber dass ganze Features und sogar Teile von Missionen einfach rausgenommen wurden, das kann ich wirklich nicht verstehen. Wer keine Vita hat und unbedingt neues Assassin's-Creed-Futter braucht, kann es sich überlegen, ob 20 Euro das Wert sind. Alle anderen verpassen nichts, wenn sie diesen Titel links liegen lassen.

Assassin's Creed Liberation HD

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

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15. Januar 2014
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