OBJECTION! 3D

(Artikel)
Rian Voß, 15. November 2013

OBJECTION! 3D

Phoenix Wright: Ace Attorney - Dual Destinies

Ich kann nicht viel an Lastern vorweisen. Ich nasche gern. Ich gucke viel zu oft Serien im Marathon. Und ich trinke eine unanständige Menge Tee. Das ist alles nicht so schlimm. Wenn Capcom allerdings einen neuen Teil der Ace-Attorney-Serie herausbringt, verschwinde ich für ein paar Tage von der Erdoberfläche. Nun, ein neuer Teil ist rausgekommen. Und mit Phoenix Wright: Ace Attorney - Dual Destinies kehren wir nach den Ausflügen bei Apollo Justice: Ace Attorney und Ace Attorney Investigations: Miles Edgeworth zum Urkern der Serie zurück. Und ich kehrte zum Erdkern zurück.

Ein Jahr ist seit den Geschehnissen in Apollo Justice: Ace Attorney vergangen. Eine dunkle Zeit ist für das Gesetz angebrochen: Die Anzahl fabrizierter Beweisstücke schoss in die Höhe, falsche Anklagen sind inzwischen die Norm. "Der Zweck heiligt die Mittel" ist der Leitsatz vieler praktizierender Juristen geworden. Aber alles hat seine Sonnenseiten, denn aktuelle Anlässe haben unseren werten Phoenix "Nick" Wright dazu bewogen, sich endlich seine Anwaltslizenz wieder zu holen. Mit der Unterstützung seines Protegés Apollo, seiner Tochter Trucy und dem Neuzugang Athena Cykes macht der Mann in blau erneut mit wilden Vermutungen und harten Bluffs den Gerichtssaal unsicher.

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Wenig Neues
Am Prinzip des Spiels hat sich nichts geändert: Aus der Sicht des Anwalts - mal Nick, mal Polly, mal Thena - untersuchen wir Tatorte und bestreiten Verhandlungen. Während der Verhandlungen wird uns ein neues Gimmick zuteil: Wo Nick mit seinem Magatama unterdrückte Aussagen und Polly mit seinem scharfen Auge Lügen ausmachen kann, kann Thena mit ihrem Gehör die Herzen von Zeugen untersuchen, Emotionen auslesen, sie in ein Programm eingeben und so auf Unstimmigkeiten zur Aussage gegenprüfen. Wenn die Zeugin sagt, dass sie fast von Steinen erschlagen wurde und dabei Glückshormone versprüht, dann ist irgendwas faul im Staate Dänemark. Insgesamt eine nette Neuerung. Ansonsten quetschen wir im üblichen Plauderton die Zeugen aus.
Auch die Untersuchung ist leicht abgeändert: Man kann nun nicht mehr jeden Ort auf lustige Beschreibungen anstubsen (der Wachmann im Detention Center bleibt stumm...), dafür werden bereits untersuchte Objekte mit einem Marker versehen, was das Abgrasen von Tatorten wesentlich angenehmer macht. Auch cool: die meisten Tatorte lassen sich aus drei Perspektiven untersuchen. Viel gemacht wird damit allerdings nicht.

Der erste große Buh-Ruf kommt dadurch, dass es nicht nur irgendwie an Gameplay-Neuerungen fehlt, sondern es wurden sogar bekannte entfernt. Echte Videoaufnahmen untersuchen? Gibt es nicht. Puzzle lösen? Fehlt. 3D-Objekte untersuchen? EIN. EINZIGES. MAL. Damit bleibt der letzte Fall des ersten Spiels weiterhin das unbestrittene Gimmick-Feuerwerk der Serie.

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Es wird wieder schlimmer
Wenn mir mit dem Altern der Serie eines grundsätzlich auf den Geist geht, dann die Wischi-Waschi-Gesetzesführung. Wie immer scheint jeder, abgesehen von der Verteidigung, mit allem möglichen Bullshit durchzukommen. Das war ja von mir aus noch okay, als Nick und Polly grün hinter den Ohren waren, aber der gute Blaumann ist nun schon elf Jahre im Dienst. Von unseren drei Protagonisten ist er zwar immer noch der coolste Tischklopfer, aber auch nicht um Vieles.
Mir ist klar, dass ein Großteil des Reizes der Spieleserie von einem konstanten Kampf gegen eine Übermacht kommt. Jeder kleine Sieg soll hart erkämpft sein, damit der Nicht-Schuldig-Spruch umso süßer ist. Aber, Himmelherrgott, kann nicht zumindest mal der Angeklagte die Zeit bekommen, der Verteidigung alles zu schildern? Selbst wenn es geflunkert ist? Muss ich denn ständig sämtliche Klinken putzen, um eigene Ermittlungen anstellen zu dürfen? Können Verteidigung und Anklage nicht einmal zumindest oberflächlich denselben Überblick haben? Und, Mann, die Polizei. Wenn die Polizei beim nächsten Spiel nicht endlich ordentlich ein Acht-Quadratmeter-Zimmer auf Beweise untersuchen kann, dann fahre ich nach Japan, kauf' mir ein Katana und suche die Capcom-Zentrale auf.

OBJECTION!
Das Meiste wird glücklicherweise durch die Atmosphäre wieder gut gemacht. Der Sprung in die dritte Dimension hat der Serie keinesfalls geschadet, unterscheidet sich teilweise von den bekannten 2D-Illustrationen überhaupt nicht. Bei manchen Standbildern dachte ich, das wäre jetzt gezeichnet, aber eine kleine Animation straft mich dann immer wieder ab. Auch die Musik ist vom Feinsten: mit schönen neuen Stücken sowie neu aufgelegten Entleihungen aus Apollo Justice und alten Phoenix-Wright-Spielen ist es ein Muss, Kopfhörer aufzusetzen. Auch nett: Zwischensequenzen bekommen gerne einmal die volle Anime-Behandlung. Nicht so nett: Die englischen Synchronsprecher sind rotz. Sie reden aber immerhin nicht viel und jedes OBJECTION! oder HOLD IT! kommt von Herzen.

Was Neuzugänge zur Serie von Dual Destinies abschrecken wird, ist der direkte Bezug zum inhaltlichen Vorgänger, Apollo Justice: Ace Attorney. Nicht nur ist Dual Destinies vollgestopft mit Gastauftritten bekannter Charaktere, sondern enthält auch viele Anspielungen auf alte Fälle. Es ist nicht grundsätzlich notwenig, Serienvorgänger gespielt zu haben, aber gerade beim Plattformwechsel vom DS zum 3DS sollte man meinen, dass hier neue Fans an Land gezogen werden sollten. Stattdessen gibt es eine Fanservice-Fontäne - was ja auch okay ist.

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Letzter Halt: Epicness
Die übergreifende Storyline ist nicht gut. Gut gedacht vielleicht, aber nicht gut gemacht. Moment, EINSPRUCH! Die letzten zwei Sätze stehen im Widerspruch zum Absatztitel! Egal, wir machen trotzdem weiter, mal sehen, wo uns der Gedankengang hinführt.
Ein Problem der Storyline ist, dass sich alles stark um das ominöse Dark Age of the Law dreht. Fabrizierte Beweise, falsche Anklagen. Davon erfährt man aber so gut wie nichts am eigenen Leib - zumindest nicht mehr als sonst. Irgendjemand faked ja immer irgendwas. Trotzdem wird einem das Dark Age of the Law immer und immer wieder an die Rübe geklatscht. Dark Age of the Law hier, Dark Age of the Law dort, blabla! Die eigentliche Story mit all ihren Andeutungen kommt bis zum letzten Fall überhaupt nicht in Fahrt - da war der erste Phoenix Wright mit einem kurzen Tutorial-Fall, drei Akten und einem Bonus-Fall für den DS wesentlich besser strukturiert.
Was aber hervorragend ist, sind die fünf Fälle für sich. Okay, der zweite nicht, der ist für die Tonne. Mystik-Bullshit habe ich schon immer gehasst, weil man da nicht logisch sein darf. Dafür übertreffen sich die anderen Fälle, insbesondere die letzten drei. Es gibt immer mehrere Verdächtige, die allesamt die Tat ausgeübt haben könnten. Es werden Verdächte aufgebaut, eingerissen, dann wieder re-etabliert. Selten habe ich bei einem PW-Spiel so lange rätseln müssen, wer sich nun hinter dem Verbrechen verbirgt. Nicht zuletzt wird jeder Fall mit einem fulminant epischen - und ich verwende das Wort inzwischen eigentlich nur ungern - Kombinations-Minigame abgeschlossen. Hier geht unser Anwalt im Kopf noch einmal den ganzen Tathergang durch, wendet die Sachlage um 180°, wählt die einzig möglichen Folgerungen und ich kriege schon beim Schreiben eine freudige Gänsehaut. Brrr. Es ist fast schon ein erfüllter Wunschtraum und übertrifft in dieser Hinsicht sogar mit dem ersten Teil meinen Favoriten der Serie. Man kann sagen, dass die Messlatte für zukünftige Fälle weitaus höher gelegt wurde.

Phoenix Wright: Ace Attorney - Dual Destinies hätte ein gigantisches Spiel werden können. Die Fülle an Fanservice erwärmt einem das Herz, die Musik lässt einen jubeln und die gloriose Kombinations-Sequenz verdient jedes Mal aufs neue ein lautstarkes "FUCK YEAH!" Weil sich Capcom aber mit dieser Fortsetzung, abgesehen vom Sprung in die dritte Dimension, so gut wie gar nichts Neues getraut hat und sogar bekannte Elemente entfernte, ist es nur gut. Es ist aber insgesamt immer noch nicht besser als der erste Teil, und deswegen muss am Ende des Artikels weiterhin Polizeichef Gant triumphieren. Rian

Phoenix Wright: Ace Attorney - Dual Destinies

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Nils
16. November 2013 um 14:24 Uhr (#1)
Irgendwann muss ich die Reihe auch noch spielen...irgendwann...
blackmaniac
16. November 2013 um 21:42 Uhr (#2)
DL-6
Never forget
Gast
15. Dezember 2019 um 15:31 Uhr
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RELEASE
24. Oktober 2013
PLATTFORM
Nintendo 3DS
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