Journey of a Roach

(Artikel)
Kristin Riedelsberger, 14. November 2013

Journey of a Roach

Wie schwindelfrei bist du?

Die gequälten Deponia-Fans sind noch voll dabei, nach Ende der Trilogie in den Daedalic-Foren ihren kollektiven Wutausbruch zu zelebrierten, da steht auch schon der neueste Hoffnungsträger des hamburger Unternehmens in den Startlöchern. Er heißt Journey of a Roach, ist der Erstling der schweizer Spieleschmiede Kobold Games und stellt das althergebrachte Adventure-Erlebnis ganz schön auf den Kopf.

perspektive

Haben wir als Anhänger des klassischen Point&Click-Kults nicht bislang immer die Nase gerümpft, wenn wir uns plötzlich mit eckigen Protagonisten durch missratene 3D-Locations kämpfen mussten? Haben wir Daedalic nicht gerade deshalb so gefeiert, weil sie den Pfad der ach so fortschrittlichen Mehrdimensionalität verlassen haben und zum althergebrachten 2D-Comic-Design zurückgekehrt sind? Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, aber Kobold Games haben tatsächlich eine Welt geschaffen, die nicht nur "trotz 3D" mit liebevollem Zeichentrick-Scham auftrumpft, sondern die grafischen Möglichkeiten auch noch voll auskostet.

Jim heißt der Protagonist des etwa vierstündigen Rätselerlebnisses, und er ist eine Kakerlake. Natürlich ist er eine Kakerlake, welch anderes Lebewesen käme schließlich für ein Spiel in Frage, das nach dem letzten großen Atomkrieg unserer Zeit spielt? Nach der Katastrophe ist die Erdoberfläche wie leergefegt, nur die unterirdischen Bunker sind erhalten geblieben. Und während sich in den Schutzräumen noch eine Handvoll anderer dubioser Insekten tummelt, hat die fiese Ameisenmafia die ehemaligen Forschungslabore unter Beschlag genommen und terrorisiert - die neugewonnene Macht im Rücken - die friedlichen Erdbodenbewohner. Ausgerechnet Jims tollpatschiger Freund Bud landet durch einen dummen Zufall in den feindlichen Gefilden - klar, dass Jim sich sofort auf den Weg macht, um die geliebte Pappnase schnellstmöglich zu retten!


Und dafür reicht es dieses Mal nicht, einfach nur in der Waagerechten herumzuschlurfen und per Hot-Spot sämtliche Gegenstände einzusammeln, nein, diesmal müssen sogar Zimmerwände und -decken gewissenhaft erkundet werden! Schließlich spielt sich die Welt der Insekten nicht auf einer Ebene ab. So müssen plötzlich wildgewordene Fliegenkinder von der Zimmerdecke gekescht, Glühbirnen kopfüber abgeschraubt und Stromleitungen geschickt umkrabbelt werden, um ans Ziel zu kommen. Da tun sich ganz neue Möglichkeiten auf, was das Rätseldesign angeht, und Kobold Games haben sich alle Mühe gegeben, diese auch komplett auszukosten!

Allerdings: so innovativ der Perspektivwechsel auch sein mag, so ungewohnt ist er auch für unsere Sehgewohnheiten, und besonders, wenn Jim von einer Wand zur nächsten krabbelt, dreht sich zuweilen nicht nur das Bild, sondern der Spielermagen gleich mit um. So wird die größte Stärke des Spiels auch zu seiner größten Schwäche, zumindest für all jene, denen keine Vorliebe für Loopingbahnen und Kaffeetassenkarussels in die Wiege gelegt ist.

kommunikation

Eine weitere Schwäche ist aus meiner Sicht die irreführende Klassifizierung von Journey of a Roach als Point&Click-Adventure, denn das ist es definitiv nicht. Ohne WASD kommt hier niemand aus und die Steuerung ist ganz grundsätzlich eher unintuitiv, egal ob man Jim nun mit Tastatur und Maus oder mit dem Controller durch die Untergrundwelt steuert. Wer sich bisher vor allem auf 2D-Adventures konzentriert hat, weil ihm die 3D-Konsolen-Controller-Welt schon immer zu anstrengend war, der wird auch mit Journey of a Roach nicht richtig warm werden. Ich jedenfalls habe meinen Controller schon bald in die Hände meines fachkundigen Personals übergeben und mich aufs Zugucken und Miträtseln beschränkt.

Die Rätsel wiederum sind vielfältig und stellen - ganz im Sinne des perspektivischen Spielerlebnisses - ganz unterschiedliche Anforderungen an den Spieler. Von einfachen Kombinationsrätseln und Schalterrätseln über Codes bis zu 3D-Geschicklichkeitsspielen ist alles dabei. Nur herauszufinden, was man nun eigentlich genau warum tun soll, das ist nicht so einfach. Meistens ist nur eins von beiden wirklich klar. Das ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass es sich bei Journey of a Roach (mal wieder) um ein Spiel ohne Worte handelt; kommuniziert wird ausschließlich über unverständliches Gemurmel und über mit Skizzen gefüllte Sprechblasen.

mama

Genauso trendy: das Ende. Das kommt nämlich auch schon wieder so plötzlich und unspektakulär um die Ecke wie das von Goodbye Deponia oder Lilly Looking Through. Liegt das irgendwie am Herbst oder so?

Ich würde Journey of a Roach so zusammenfassen: Innovative Idee, atmosphärische Grafik, mittelmäßige technische Umsetzung mit solidem Rätselspaß, eine Story ohne jedweden Tiefgang - und ein Soundtrack, der meines Erachtens weit über das Ertragbare hinaus geschossen ist, was stilistische Dissonanzen angeht. Es lebe die Stummtaste! Trotzdem: der Erstling aus der Schweiz ist auf jeden Fall einen Blick wert. Kristin

Journey of a Roach

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

Kommentare

Nils
17. November 2013 um 18:59 Uhr (#1)
Ich muss auch leider sagen, dass ich den Preis von 18 Euro (Amazon) bzw. 15 Euro (Steam) nicht unbedingt für gerechtfertigt halte. Wenn ich überlege wie schnell wir im Prinzip damit durch waren...

Schätze, es gehört zu den Spielen, wo man wartet, bis sie < 10 Euronen kosten und dann mal einen Blick riskiert.
Gast
19. April 2021 um 05:30 Uhr
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05. November 2013
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