Journey

(Artikel)
Kristin Riedelsberger, 04. Oktober 2013

Journey

Intensiv und formvollendet.

Ihr wisst nicht, woher ihr gekommen seid. Und ihr wisst nicht, wo ihr hin sollt. Vor euren Augen liegt nichts als gleißend gelber Wüstensand, den der Wind hier und dort zu hohen Dünen aufgeschwungen hat – und ein geheimnisvoll leuchtender Berg, der, gespalten wie ein Baumstamm nach einem Blitzeinschlag, in unermesslich weiter Ferne hinter dem Horizont hervorlugt. Noch einmal dreht ihr euch, sanft den Controller nach links und rechts neigend, um die eigene Achse; dann macht ihr euch auf den Weg. Eure Reise hat begonnen.

Nichts weiter am Leibe als einen dunkelroten Beduinen-Poncho, besteigt ihr mühsam die heißen Berge, um sie dann mit beschwingter Leichtigkeit wieder hinab zu gleiten, bis ihr auf einen Schwarm seltsamer roter Vögel trefft. Sie sehen aus wie herumwirbelnde Papierfetzen, doch wenn ihr sie ruft, sind sie viel mehr als das: Mit einem freudigem Surren fliegen sie auf euch zu und verleihen euch einen kräftigen Aufwind, und ehe ihr euch versieht, betrachtet ihr die unter der heißen Sonne glitzernde Sandlandschaft von oben. Schwerelos schwebt ihr weiter eurem Ziel entgegen, immer auf der Suche nach weiteren Schwärmen der friedlichen kleinen Flieger, die euch dabei helfen, die größten Distanzen zu überwinden und hohe Gebirge zu erklimmen.

Hört ihr die Musik? Spürt ihr die Gänsehaut? DAS ist Journey.

Und dann vernehmt ihr plötzlich ein Rufen aus der Ferne, das dem euren gleicht: Es ist nur ein sanfter Ton, ein kleiner Klang, der sich wie von selbst in die träumerische Musik einbettet, die euch während eurer Reise begleiten wird. Ihr folgt dem Klang, und tatsächlich: Vor euch dreht sich, klingend und springend, ein zweiter Reisender in weißem Gewand und mit einem so langen Schal, dass er sich selbst mindestens vier Mal darin einwickeln könnte - euer eigener ist bisher nichts weiter als ein kleiner Wimpel im Wind. Schnell wird klar, dass es sich hier um einen erfahrenden Reisenden handelt, und in euch verspürt ihr schon jetzt einen kleinen Funken Dankbarkeit - wer geht schon gern ganz allein auf eine lange, beschwerliche und gefährliche Reise?

Wenn der Fremde mag und wenn ihr selbst mögt, setzt ihr sie also gemeinsam fort - und wenn ihr Glück habt, dann wird er euch an geheime Orte führen, an denen euer eigener jämmerlicher kleiner Schal endlich mehr und mehr an Länge gewinnt. Denn: Je länger der Schal, umso mehr Energie der kleinen Papierflieger könnt ihr speichern und umso weitere Strecken könnt ihr segelnd und Pirouetten drehend in der Luft verbringen. Und wenn euch auf eurer Reise plötzlich Dunkelheit, Eiseskälte und riesige wütende Drachen heimsuchen, dann wird euer weißer Begleiter es sein, in dessen Schatten ihr euch sicher fühlen und in dessen Fußstapfen ihr treten könnt, wenn ihr selbst nicht mehr wisst, wohin.

Oder aber ihr trefft auf einen zweiten rotkleidigen, kurzschaligen Begleiter, mit dem ihr gemeinsam voller Neugier die fremde Welt erkunden, himmelhoch jauchzend Sanddünen hinab sausen, euch ängstlich in dunklen Höhlen verkriechen oder euch qualvoll wütenden Schneestürmen entgegen werfen werdet – wer weiß?

nimmmichmitFolge mir. Ich leite dich.

Wer auch immer euch begegnen wird: Ihr werdet schnell merken, dass es keiner Worte bedarf, um miteinander zu sprechen. Es braucht nichts mehr als freudige, klangvolle Rufe, mal nur einer, mal mehrere kurze hintereinander, ermutigende Hüpfer, kleine Schweber und hin und wieder eine fröhliche Drehung. Und das Wundervolle daran ist: Jede Kommunikation ist echt, denn ihr spielt nicht mit irgendwelchen computergesteuerten Bots, sondern mit anderen Spielern aus der ganzen Welt. Menschen, die ihr noch nie zuvor gesehen habt, aber auf die ihr euch in kürzester Zeit zu verlassen lernt – oder auch nicht. Menschen, die euch in schwierigen Lagen helfen können, und denen auch ihr helfen könnt, nur indem ihr euch in brenzligen Situationen nah an ihrer Seite haltet. Und wenn es nur für die nächsten zwei Stunden ist.

Journey ist nicht einfach irgend so ein Indie-Spiel. Es ist tatsächlich eine echte kleine Reise durch irgendwo minimalistische und doch wunderschöne, träumerische Schauplätze, durch Licht und Schatten, aber immer der Sonne entgegen. Mit echten Begegnungen mit echten Menschen, die allein einem in der finstersten Gegend ein Gefühl von Sicherheit geben können. Und irgendwann, wenn ihr selbst lange genug durch die fantastische Welt von Journey gereist und alle Geheimnisse entdeckt habt, dann werdet ihr selbst die ahnungslosen Neuen unter eure Fittiche nehmen und sicher zum geheimnisvollen Berg führen. Immer und immer wieder, und jedes Mal um einen kleinen oder großen Funken Erfahrung reicher. Kristin

Journey

(Ranking)
S
RANK
Herausragend. S-Spiele erweitern Horizonte. Sie bieten intensive Erlebnisse oder halten den Spieler noch lange am Bildschirm gefesselt. Selbst wenn man sie nicht jedem empfehlen kann, will man doch mit jedem über sie reden.

Kommentare

Rian
04. Oktober 2013 um 22:40 Uhr (#1)
Es heißt, dass einige Tester von Journey am Ende des Spiels geweint haben. Ich kann das voll und ganz verstehen.
Heiler
05. Oktober 2013 um 19:25 Uhr (#2)
An dieser Stelle möchte ich mich nach langer Zeit mal wieder melden um von einem der eindrucksvollsten Momente meiner Zockerhistorie zu erzählen. Ich möchte nicht meine eigene, sondern die Reise eines sehr alten Freundes beschreiben.

Nachdem ich Journey beendete rief ich meinen besten Freund an, mit dem spielte ich schon zu C64 Zeiten. Ich bat ihn darum vorbeizukommen, damit er Journey bei mir zockt.
Der Gute war schon immer einer von der Sorte, der Spiele hasste, wenn sie seiner Ansicht nach zu viel gelobt werden, so saß ich mich zum Spiel schweigend neben ihn und beobachtete sein tun.

Er begann das Spiel meckernd und regte über Journeys zugesprochenen Kunstaspekt auf: "Ohh nur weil der Stil mal bisschen anders ist schreit jeder gleich Kunst! Son Blödsinn Shinobi und Shenmue sind vielleicht Kunst oder Kult, aber das aus völlig anderen Gründen, was macht das den hier anders, außer die Optik?"
Blah blah blah.... so ging das 5 Minuten bevor er auch nur einen Meter gegangen war.

Ich entschied mich dazu zu schweigen und stellte mich auf 2 Stunden Trotzköpfigkeit und vehementes Beschweren ein.

Nach ein paar Minuten bekam ich einen Anruf, also griff ich mir mein Handy und verließ das Zimmer, aus dem ich ihn immernoch toddern hörte. Nach 10-15 Minuten beendete ich mein Telefonat und stieß wieder zu ihm. Das Erste was von ihm kam: "Ey guck mal, das Mädel hier hilft mir die ganze Zeit! Die zeigt mir hier die ganzen Upgrades und tanzt immer um mich rum."

Ich setzte mich wieder schweigend neben ihn und schaute ihm aus dem Augenwinkel ins Gesicht, obwohl er vor 10 Minuten noch ne Fresse zog als müsste er den Entwicklern eine seiner Nieren spenden, lächelte er nun und war fest davon überzeugt dass der weiße Wanderer ne Dame war.
Ich überlegte kurz ob ich ihn darauf ansprechen sollte, aber entschied mich, ihn in dem Glauben zu lassen.

"Sie" wies ihm den Weg, wartete auf ihn wenn er irgendwo hinunter fiel, stellte sich vor ihn wenn die Steindrachen ihn im Visier hatten und die Reise die ihn zu Beginn so unheimlich anzukotzen schien, entfaltete ihren Zauber und nahm ihn ganz für sich ein.

Leider musste ich dann noch mal fix mit dem Auto los um einzukaufen, also ließ ich ihn bei etwa 3/4 der Reise nochmal allein. Als ich zurückkam, sah ich den Abspann über den Fernseher rollen, ich wollte ihn schon fragen wie er es fand, bis ich dann sein Gesicht sah. Er weinte und beachtete mich kaum. Etwa 2 Minuten stand ich fassungslos und stumm im Raum, bis ER die Stille brach und sagte: "Ich denke ich werd den Wanderer nicht anschreiben. Nachhern ist das noch irgend son dämmlicher Typ und ich will den Moment nicht zerstören, das wäre schade."

Ich fing an zu lachen und zog ihn ein bisschen auf, was er denn für ne Heulsuse sei, er regte sich schrecklich auf und ich goss noch ein bisschen Öl ins Feuer, nachdem sich sein Gemüt wieder ein bisschen abkühlte, begann ich ihm von meiner "Reise" zu erzählen und das ich vermutlich noch mehr geflennt habe als er. ^^

Seiner Zeit habe ich den Wanderer mit dem ich meine allererste Reise erlebte angeschrieben, sein Name ist Shu und er lebt in Osaka, ich habe ihn bis heute in der Freundesliste und versuche mich mit ihm in gebrochenem japanisch zu unterhalten *grins*

Nun Zum Thema, sehr sehr schön geschriebener Test meine Liebe und ich hoffe inständig das der gute Rian es mitlerweile gespielt hat. ^^
Rian
06. Oktober 2013 um 01:59 Uhr (#3)
Habe es mit Kristin zusammen gespielt und fand es herzzerreißend und schön. In deine Geschichte kann ich mich sehr gut hineinversetzen - wir waren auch mit einem weißen Reisenden unterwegs und es ist einfach erstaunlich, wie schnell dieser einsame Ort zwei völlig Fremde für wenige Stunden zu besten Freunden macht.

"Kunstspiel" ist für mich übrigens auch ein abwertender Begriff, weil er so eine "Ich habe keine Ahnung, was es soll, aber ist ganz hübsch?"-Einstellung mit sich trägt. Spiele müssen nicht nur Charakterlevel, Highscores und 10 Stunden hochqualitative Cutscenes sein. Journey hat ein anderes Ziel als das der mechanischen oder geistigen Herausforderung. Was nur wichtig ist, ist die Vereinigung mit dem Gameplay-Aspekt - egal, was man tut, es muss ein Spiel sein, wie auch immer das jeder für sich definiert. Da stößt bei mir im Vergleich etwa Heavy Rain sauer auf, bei dem das Gameplay wie ein Hindernis auf dem Weg zum interessanten Teil des Titels wirkt. Es ist, als hätte Quantic Dream gerne ein animiertes "Choose your own adventure"-Buch gemacht, aber mittendrin ist ihnen eingefallen, dass sie ja noch Gameplay brauchen.

Jedenfalls ist ein Spiel, das seine Wurzeln akzeptiert anstatt sie zu verabscheuen, weiterhin genau das: ein Spiel - und kein "Kunstspiel". Sonst heißt es auch hinterher, dass nur Kunstspiele wirklich Kunst seien und der Rest nur schnöde Unterhaltung für den Pöbel.
Kristin
06. Oktober 2013 um 10:39 Uhr (#4)
Ich kann das auch sehr gut nachvollziehen, auch dass dein Freund sich am Ende nicht getraut hat, den fremden Mitspieler anzuschreiben. Die gemeinsame Reise hat etwas Magisches, dass ich mich gar nicht anzutasten getrauen würde... Vielleicht irgendwann einmal?

Und auf der anderen Seite ist es glaube ich auch der schlussendliche Abschied voneinander, der einen am Ende des Spiels so melancholisch stimmt. Man lernt jemanden irgendwie kennen, vertraut sich ihm an, betritt mit ihm eine für einen selbst völlig neue Welt und ist am Ende doch dazu gezwungen, Abschied zu nehmen und...

Kristin
06. Oktober 2013 um 10:40 Uhr (#5)
--- ACHTUNG SPOILER ---

...nebeneinander in absoluter Eiseskälte dem Tod ins Auge zu blicken. Vorerst natürlich nur. Aber wenn man wieder erwacht, ist man von neuem allein...
Gast
20. November 2019 um 09:07 Uhr
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RELEASE
07. März 2012
PLATTFORM
Playstation 3
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