Arsenal und Sega

(Artikel)
Haris Odobaši?, 24. Juli 2013

Arsenal und Sega

Der Start einer ungewöhnlichen Liebe

Wie wird man eigentlich zum Fußballfan? Manchen Leuten wird es durch die Familie in die Wiege gelegt: der Vater ist Fan, geht zu Spielen, schleppt das Kind Woche für Woche mit und lässt dem Nachwuchs quasi gar keine Wahl. In anderen Fällen wird man es, um einfach dazuzugehören: Schulhöfe oder selbst der Wasserspender am Arbeitsplatz können ziemlich einsame Orte sein, wenn die üblichen Kontakte primär Fußballfans sind. Und selbst viele Fußball-Vollverweigerer machen alle zwei Jahre für einen Monat eine Ausnahme aus patriotischen Gründen und sind in diesem Zeitraum, sehr zum Ärgernis echter Fußballfans, meist genauso leidenschaftlich dabei. Ich muss mich hier outen: ich bin Fußballfan, doch nicht aus diesen traditionellen Gründen. Das ich so ein großer Fan geworden bin, habe ich nämlich vor allem Videospielen und insbesondere Sega zu verdanken.

Es war das Jahr nach der WM 1998, Deutschland hatte sich ziemlich blamiert und ich war bis zum nächsten internationalen Turnier in meiner Fußball-Stasis verschwunden. Was nicht heißt, dass ich sonst ziemlich fußballdesinteressiert war: wie die meisten Jungs hatte ich mal Panini-Sticker gesammelt, mir auch mal Ran am Samstag auf Sat1 angeschaut, um die Zusammenfassungen der Bundesliga mitzukriegen, und natürlich regelmäßig auf dem Schulhof gekickt. Doch bei meinen Hobbies nahm Fußball doch eine ziemlich geringe Rolle ein, so waren Videospiele viel wichtiger und wenn ich mal ein paar Wochen gar nichts mit Fußball zu tun hatte, war das auch kein Weltuntergang.
Der erste Grundstein, um das alles zu ändern, wurde April 1999 gelegt, als Sega beschloss, eine sehr große Summe in die Hand zu nehmen, um die in den Startlöchern stehende Dreamcast in Europa zu bewerben. Teil dieses Vorhabens war auch ein geplantes Sponsoring des amtierenden englischen Double-Siegers, Arsenal FC. Mit einem Sponsoring-Vertrag, der zum damaligen Zeitpunkt englischer Rekord war, sollte ab der Saison 1999/2000 der ansprechende Dreamcast-Kringel das rot-weiße Shirt der Gunners zieren.

Vor diesem Moment kannte ich Arsenal nicht mal. Einige der für den Verein tätigen Spieler waren mir bekannt, beispielsweise der Holländer Dennis Bergkamp, der zu einem der besten Spieler der damaligen WM zählte und die Kommentatoren in unserem Nachbarland gekonntzum Höhepunkt bringen konnte, aber viel mehr wusste ich auch nicht über den Fußball außerhalb deutscher Grenzen. Doch schlagartig war klar: Arsenal mussten die Guten sein! Sega, die Firma, die meine Kindheit prägte wie keine andere, würde doch den damals nicht mal 10-jährigen Haris verraten, indem sie einen schäbigen Verein unterstützen? Wenn da Dreamcast drauf stand, dann musste es einfach gut sein, genauso wie Segas weiße Wunderkiste. Für mich kleinen Jungen war das eine stimmige Logik, weswegen ich nun anfing, wenn ich mal eine Zeitung in die Hände bekam, auch immer mal wieder auf die Ergebnisse in England zu schielen.
Wenige Wochen später machte Manchester United das historische Treble mit einem spektakulären Sieg über Bayern München im Champions-League-Finale fertig und der "amtierende Double-Sieger" sollte die nächsten paar Jahre nichts mehr gewinnen. Wer zu diesem Zeitpunkt in die Glaskugel geschaut hätte, um dies als schlechtes Omen zu deuten, hätte absolut Recht gehabt: als Arsenal wieder erfolgreich war, ein weiteres Double im Jahr 2002, dem letzten Jahr des Sponsorings durch Sega, hatten die Japaner sich schon seit einem Jahr aus dem Konsolengeschäft zurückgezogen gehabt und ein brandneues Spiel für eine der Konkurrenzkonsolen hatte denselben Preis wie eine neue Dreamcast.

Doch die Periode der Erfolglosigkeit und selbst der Untergang meiner liebsten Konsole konnte es nicht mehr verhindern: ich war Stück für Stück zum Arsenal-Fan geworden, versuchte nun auch das ein oder andere Live-Spiel zu verfolgen, wenn sich die deutschen Sender erbarmten, auch wenn es meistens in eher negative Erfahrungen mündete. Statt dass das Sega-Sponsoring die Dreamcast bekannt machte, war für mich persönlich der umgekehrte Effekt in Aktion gewesen.
Aber ein bisschen fehlte noch zur totalen Fußballverrücktheit und da kam Pro Evolution Soccer ins Spiel. Als damaliger König des Fußballgenre wurde es, egal wo sich Jungs zusammentrafen, ausgiebig gezockt. Doch mich RPG-Fan hatte neben dem Multiplayer vor allem die Meister-Liga gereizt, wo die Spieler quasi "leveln" konnten, indem man sie oft spielte und so immer besser wurden. Der besondere Kniff dabei war, dass jeder Spieler unterschiedliches Potenzial hatte und man natürlich nicht unendlich Finanzmittel besaß. Gerade am Anfang galt es, sich eine eher junge und rudimentäre Mannschaft zusammenzustellen, die dann hoffentlich mit der Erfahrung besser wurde, Geld einbrachte und es so ermöglichte, sich auch mal den ein oder anderen Star zu holen. Ich brauchte bei PES 5 auf jeden Fall einen guten Mittelfeldspieler für mein neues Team und bemühte die ausführliche Suche des Spiels nach einem Talent. Cesc Fàbregas war dieses Talent, unter 20, mit einem geringen Kaufpreis und sehr viel Potenzial. Mit ihm in der Mannschaft gelang quasi fast alles und seine rasend-schnelle Entwicklung sorgte auch dafür, dass er innerhalb weniger Spieljahre zu den besten auf seiner Position gehörte. Ohne ihn jemals in echt kicken gesehen zu haben, war Cesc Fàbregas zu meinem Lieblingsspieler geworden. Selbstverständlich wurde er auch in der nächsten PES-Iteration sofort geholt und enttäuschte auch dort nicht. Doch irgendwann packte mich die Neugier: war dieser Spieler wirklich so gut wie in meinem Spiel? Ich recherchierte, und es stellte sich heraus: Fàbregas war wirklich so gut. Und er spielte für Arsenal. Schicksal? Auf jeden Fall war das der Moment, ab dem ich den Fußballwahn voll zuließ.

Es ist schon komisch: Sega ist für mich nur noch eine Fußnote. Alles, was Sega vor 2001 machte, ist Teil einiger sehr positiven Erinnerungen und die Dreamcast ist für mich noch immer die wohl beste Konsole, die es jemals gab. Doch die heutige Firma erweckt bei mir nur selten positive Emotionen. Ich müsste schwer überlegen, welches Sega-Spiel das letzte war, das mich so richtig begeistert hat. Resonance of Fate vielleicht, und das ist ein absolut untypisches Sega-Produkt. Gewissermaßen ist Sega für mich gestorben.
Und Arsenal? Kontrolliert meine Freizeit komplett. Einladungen zu allerlei Treffen, sei es Freunde oder Familie, werden mit fadenscheinigsten Ausreden abgewimmelt. Einfach, weil ich, wie jeder Mensch, der an einer Sucht oder irrationalen Abhängigkeit leidet, mich dafür schämen würde, den wahren Grund zuzugeben: weil ich mir lieber ein Arsenal-Spiel anschauen würde, selbst wenn es nur gegen einen englischen Viertligisten im unwichtigen Ligapokal geht, statt etwas anderes zu unternehmen. Und wer es doch schafft, mich irgendwie für einen Zeitraum zu buchen, in dem Arsenal spielt, muss damit leben, dass ich das Spiel trotzdem schauen werde und in dessen Verlauf normalerweise Seiten an mir zum Vorschein kommen, die total konträr zu meiner Persönlichkeit sind.

Am Ende bleibt mir deswegen nur eines zu sagen: danke, Sega. Ich werde euch zwar nie verzeihen können, dass ihr kein Shenmue 3 gemacht habt, aber dafür, dass ihr Arsenal gesponsort habt, bin ich euch ewig dankbar. Man stelle sich bloß vor, was passiert wäre, wenn ihr damals wirklich einen Gammelclub unter eure Fittiche genommen hättet... Haris

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28. Februar 2020 um 20:09 Uhr
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