Triff OUYA

(Artikel)
Benjamin Strobel, 02. Juni 2013

Triff OUYA

Die Open-Source-Heimkonsole

Ouya. Die Open-Source-Konsole. Die Tegra-3-Android-4.1-Maschine, deren Entstehung wir live beobachtet haben. Eine der erfolgreichsten Kickstarter-Kampagnen bis heute. Vielleicht die einflussreichste Schwarmfinanzierung in der Geschichte der Heimkonsole. Eine Idee, in die wir voller Hoffnung investiert haben ohne zu wissen, ob sie jemals real wird. Jetzt ist sie es.

Das zauberwürfelgroße Kästchen steckt in einer schwarzen Box und bringt nicht mehr mit als einen Controller, Netzstecker und HDMI-Kabel. Unscheinbar neben dem Fernseher platziert, bootet die Konsole ihr Android-Betriebssystem binnen weniger Sekunden und zieht selbstständig ihre Updates. Mit Nachrichten wie "Downloading Awesomeness" stellen die Entwickler der Ouya subtil ihren Humor unter Beweis und machen neugierig. Wenn der Ladebalken voll ist, muss Ouya schließlich Butter bei die Fische geben. Was kann das Stück?

In großen Lettern spricht das Dashboard zum Spieler: DISCOVER, PLAY, MAKE und ... MANAGE (Settings). Die Optionen mal außen vor gelassen, zeigt sich darin auch das Motto der Ouya-Entwickler.

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MAKE. Die Ouya-Spielebibliothek führt 130 Titel. Was beachtlich ist, wenn man bedenkt, dass die Konsole erst Ende Juni in den Handel kommt. Aber wo kommen die alle her? Die müssen erst mal gemacht werden! Ohne Entwickler gibt es auch kein Spiel. Am Anfang steht für viele die Idee, doch leider kommt mit Ideen nicht automatisch das Geld. Während große Plattformen wie Xbox Live scharfe Richtlinien auffahren und große monetäre Hürden für kleine Entwickler aufbauen, möchte Ouya eine Konsole auf Augenhöhe mit Entwicklern sein. Hier kann jeder seine Spiele veröffentlichen, auch dann, wenn sie vielleicht noch nicht fertig sind. Die Community kann sich die Spiele ansehen und entscheiden, was sie davon hält.

Grenzen gibt es für Entwickler und Interessierte fast keine. Das Android-Betriebssystem und die Ouya-Software sind frei und quelloffen. Egal, ob Unity oder Java: auf der Ouya geben sie sich die Klinke in die Hand. Und neben Spielen kann man für Android und Ouya auch jede Menge Software installieren, die mit Gaming nur am Rande oder gar nichts zu tun hat. Schon jetzt gibt es eine Twitch-App und weitere Dienste sind geplant oder lassen sich aus bestehenden Android-Anwendungen portieren. Das gilt übrigens auch für die bestehenden Emulatoren, die sich bereits auf Smartphones größter Beliebtheit erfreuen.

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DISCOVER. Auch für den Spieler gibt es keine Grenzen. Wenn man durch die Softwarelisten schnüffelt, lädt Ouya schnell zum Spielen ein. Auf der Seite eines Spiels findet man keine Preise vor, sondern nur den Download-Knopf. Diese Art der Präsentation regt zu wilden Probier-Eskapaden an. Vielleicht ist der Titel kostenlos, vielleicht wird er irgendwann fragen, was man für ihn bezahlen möchte. Aber das ist egal! Preise sind ein Problem von morgen, heute wird gespielt! Das Ouya-Konzept geht auf. Und damit erbt auch die generelle Free-2-Play-Idee etwas Respekt von mir. Hier wurde sie zu Ende gedacht. Schnell verliert man alle Hemmungen und lädt ein Spiel nach dem anderen, bis die 8GB inter Speicher langsam ausgereizt sind. Später entscheidet man in Ruhe, was einem gefällt.

Böse Zungen mögen zischen, dass der potentielle Käufer hier in fiese Fallen gelockt wird, weil er vorher eben nie so genau weiß, was ein Spiel am Ende kosten wird. So werden dann weitaus mehr Leute dazu ausgetrickst, zum Kauf zu schreiten. Vielleicht! Aber die Basis scheint fair: Man probiert ein Spiel erst mal aus und kann danach auch besser einschätzen, ob fünf Dollar dafür angemessen sind. Und letztlich kommt man mit Spielen in Berührung, die man sonst nie gespielt hätte. Vielleicht sehen die Bilder seltsam aus, der Titel ist schlecht oder der Preis zu hoch. Die Ouya macht, dass einem das egal wird. Man probiert einfach und entdeckt so manche Überraschung.

hidden-in-plain-sight-raceHidden In Plain Sight existiert schon fast zwei Jahre. Entdeckt habe ich es aber erst vor Kurzem - als ich es auf Ouya einfach ausprobierte.

PLAY. Hat man mit dicken Kellen Spiele auf das Gerät geschaufelt, kann es losgehen. Nach einer kurzen Installation über das bekannte Android-Interface starten die Spiele ohne große Verzögerung. Einige entscheiden sich allerdings schon kurz danach zum Absturz. Da ist man natürlich froh, dass man vorher kein Geld ausgegeben hat. Oftmals sind solche Titel aber auch als Beta-Version gekennzeichnet und wollen sowieso keinen Cent. Stattdessen kann man sich vorab ein Bild davon machen.
Die Spiele-Auswahl bietet eine bunte Mischung von Canabalt bis Final Fantasy 3. Aber nicht alle Spiele haben große Namen. Die allermeisten Titel tragen mit selbst gemachten Artworks und charmanten Pixelgrafiken die Handschrift unabhängiger, kleiner Entwickler. Schon jetzt ist zu erkennen, dass Ouya allen Indies ein Dach über dem Kopf bieten kann.

Aber das Gerät hat auch seine Probleme. Die sind weniger ideologisch, sondern greifbar und handfest. Es beginnt mit dem Interface: Das Menü ist träge und langsam. Grafiken laden mühsam oder gar nicht und schnelles Scrollen durch die Spiele bringt das System zum Ruckeln. Die Sounds wirken schwer, blechern und scheinen die klobige Bedienung des Menüs nur weiter zu unterstreichen. Auch Abstürze, vor allem bei den Spielen, gehören momentan noch zum Ouya-Erlebnis dazu. Aber man muss auch berücksichtigen, dass der Launch noch bevorsteht und stetig Patches eintrudeln. Eine abschließende Bewertung der Software wäre zu diesem Zeitpunkt ungerecht und voreilig.

Der beiliegende Controller bekommt von mir nicht diese Gnadenfrist. Ich gehe davon aus, dass es sich um das finale Design und übliche Produktion handelt. Während er sehr gut in der Hand liegt und die Form sich angenehm anfühlt, machen die Tasten schnell Probleme. Die Trigger sind laut und klingen nach billigem Plastik; auch die Face-Buttons schlackern labberig herum und verklemmen sich nur allzu schnell in der Schale des Controllers. Einzig das Touchpad und die Analogsticks machen einen guten Eindruck. Letztere lassen sich am besten als Kreuzung der widerstandsfähigen 360-Sticks mit der griffigen Oberfläche eines Dualshock 3 vergleichen. Das Steuerkreuz ist wiederum keinem dieser beiden Controller nachempfunden. Erneut fühlt sich das Element zwar richtig an, steuert aber zu träge und ungenau. Insgesamt ist die Qualität des Geräts weit abgeschlagen von seinen großen Brüdern aus den Häusern Nintendo, Sony und Microsoft, und mit einem Kaufpreis von 50 US-$ viel zu teuer.

ouya-hardware-2Enttäuschend: der Controller ist leider sehr unpräzise.

Aber dann spielt Ouya die Open-Source-Karte. Man werfe den beiliegenden Wireless-Controller in die Ecke und schließe seine liebsten USB-Pads an. PS3- und 360-Controller werden nativ unterstützt, ebenso wie zahlreiche anderer Hersteller. Mit den richtigen Treibern und Dank Bluetooth 4.0 lassen sich sogar Wiimotes benutzen - weshalb auch immer man das will. In der Praxis kann man mit einem simplen USB-Hub problemlos vier 360-Controller anschließen, ohne dass die Stromzufuhr Probleme macht.
Das ist genau das, was man auch möchte, denn Ouya bietet schon jetzt eine gute Auswahl an Multiplayer-Spielen für die Couch. Hidden In Plain Sight ist nur eines der großartigen Spiele, die kaum etwas kosten und mit kleinen, aber guten Ideen großen Spaß machen. In der kommenden Woche werde ich noch über weitere Spiele berichten.

Insgesamt macht Ouya einen unfertigen, aber sehr guten Eindruck. Zu einem Preis von 99 Dollar bekommt man ein Gerät mit der Leistung eines Tablets, welches das Vielfache kosten würde. Wer sich für Indie-Spiele und Couch-Multiplayer interessiert, ist bei Ouya völlig richtig. Ich sehe für die kleine, aber mutige Konsole noch viel Platz nach oben und bin sehr gespannt, wie sich die Software und Spielebibliothek noch entwickeln werden. Ben

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20. Januar 2022 um 10:01 Uhr
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OUYA
Plattform - Durch Crowdfunding finanzierte Open-Source-Konsole mit Android-Betriebssystem. Ihr Herz schlägt mit einem Tegra 3 T33 Quad-Core und einer NVIDIA ULP GeForce GPU. Sie kommt mit 8GB internem Flash-Speicher und einem Wireless-Controller. Schnittstellen: HDMI, Wi-Fi (802.11 b/g/n), Bluetooth (LE 4.0), Ethernet-Port, USB-2.0-Port. Der Verkauftstart ist für den 25. Juni 2013 geplant.
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