Expeditions: Conquistadors

(Artikel)
Rian Voß, 29. April 2013

Expeditions: Conquistadors

Spanischer Eroberer oder Samariter?

Kennt ihr gute Videospiele aus Dänemark? Nun, ich bis jetzt nicht. Logic Artists hat das allerdings schwer geändert, denn deren historisches Runden-Taktik-RPG Expeditions: Conquistadors bringt alles mit, was man braucht, um sich in einer virtuellen Welt vollkommen zu verlieren - und noch mehr. Im direkten Vergleich ziehen die drei mir bekannten und sehr ähnlichen Heroes of Might and Magic- bzw. Might and Magic: Heroes-Teile merklich den Kürzeren.

Die Geschichte hangelt sich entlang der wahren Historie: 1518, ein Jahr bevor Hernan Cortés in die neue Welt hinübersegelte, die Azteken abschlachtete und ihr verfluchtes Gold auf der Isla de Muerta versteckte, macht unser eigener Protagonist das Ruder klar und nimmt eine Handvoll Mitstreiter sowie einen ganzen Haufen Vorräte und Gold ins Boot, um Mittelamerika zu erkunden und Abenteuer zu entdecken. Was ab diesem Zeitpunkt passiert, ist offen und schmeißt unseren bisherigen globalen Kanon in den Müll, denn nun entscheidet der Spieler über Leben und Tod vieler, vieler Menschen. Nichtsdestotrotz bleibt einem dank Codex, einem Sammelsurium an geschichtlichen Fakten, eine anfängliche Warnung immer dicht auf den Fersen: You might actually learn some history!


Bereits mit der Zusammenstellung unserer Truppe, die uns eine lange Zeit begleiten soll, kann man viele Stunden verbringen. Zuerst sind wir selbst als Heeresführer an der Reihe: Auf sechs Attribute wollen Punkte verteilt werden. Diplomatie ermöglicht uns, uns besser aus Gefahrensituationen herauszureden und vielleicht Extrazahlungen herauszuschlagen. Heilung verstärkt unsere Mediziner zu einer Zeit, wo Leute noch reihenweise an Pocken gestorben sind, Aufklärung gibt uns mehr Bewegungsweite, bevor wir für die Nacht Rast machen müssen. All diese Statistiken haben ihren eigenen Wert und bestimmen maßgeblich, wie wir das Spiel spielen werden. Darüber hinaus können wir bis zu zehn Leute unserer Gruppe hinzufügen, die je nach Klasse wieder bestimmte Attribute passiv verstärken (Gelehrte geben uns mehr Diplomatie, Soldaten bessere Taktik...), ihrerseits Namen und Persönlichkeiten und eigene Spezialfähigkeiten haben. Es lohnt sich, das kleine Bisschen Extrazeit zu investieren und sein Gefolge von ihren Persönlichkeiten her aufeinander abzustimmen, denn jeder Mann und jede Frau hat drei Charakterzüge. Gläubige Mitstreiter freuen sich, wenn wir selbstlos etwas für die Religion tun, Rassisten sind gut auf uns zu sprechen, wenn wir Amerikaner unterjochen, Mutige sind happy, wenn wir uns einer Übermacht stellen. Stellen wir unsere Leute zufrieden, steigt ihre Loyalität. Im Gegenzug sinkt sie, wenn wir unter Aufsicht des Rassisten ständig mit Einheimischen schnakseln oder dem Kirchenvorstand für eine Lieferung Bibeln unnötig viel Geld aus der Tasche leiern.

Mehrere Stunden später ist der Truppen-Editor endlich geschlossen und wir kommen in Santa Domingo an. Da ist allerdings noch lange nicht Schluss mit der Gedankenaction, denn in jeder Hinsicht ist Expeditions: Conquistadors ein regelrechter Zeitfresser. Kaum haben wir den Hafensteg betreten, werden Schiff, Güter und Männer auf Geheiß der hiesigen Koloniallordschaft in Gewahr genommen, um den Fortbestand der Siedlung zu gewährleisten. Hier dürfen wir schon unsere erste Entscheidung treffen: Lassen wir einen unserer Leute beim Steg, damit er aufpasst, dass nichts wegkommt? Und wen wählen wir aus für diese prestigereiche Aufgabe?
Noch vor dem ersten Tutorial, das den Kampf erklärt, fällt bereits auf, wie textlastig Expeditions: Conquistadors doch ist. Jeder NPC mit Namen hat viel zu sagen, Umgebungsbeschreibungen und Gefühle in verschiedenen Farben füllen die stilvollen und pragmatischen Textboxen neben Portraits des jeweiligen Gegenübers. Dem Himmel sei's gedankt, dass die literarischen Ergüsse fabelhaft geschrieben sind. Alle Charaktere fühlen sich lebensecht an; betritt man einen Markt, hat man das allgemeine Getummel bildlich vor Augen und auch Gespräche mit dem eigenen Gefolge dienen hervorragend dazu, die Involvierung ins Schicksal unsere mitgebrachten Leibeigenen zu vertiefen.


Was besonders schlimm ist, denn manchmal kommen sie einem abhanden. Es dauert nicht lang, bis man sich zum ersten mal in die Wildnis trauen darf. Ab da passieren mehrere Dinge: Zuerst gehen mit jedem Schritt die Bewegungspunkte herunter. Bis sie Null erreichen, kann man Berge, Straßen, Wälder und Küsten erkunden und nach wertvollem Gut, Kräuter für Medizin oder dem ein oder anderen wandelnden Fleischvorrat namens Schwein Ausschau halten. Alternativ kann man sich auch um Haupt- und Nebenquests kümmern, aber ERKUNDEN!
Und während man tags nur Ausrüstungspunkte auf seine Leute verteilen kann, um ihnen bessere Chancen in Kämpfen zukommen zu lassen, beginnt nachts das Micromanagement. Hier kann man zuerst einstellen, wer welche Jobs erledigen soll. Grundlegend sind die Patrouille, die Wache und die Jagd. Die Patrouille sucht nach allerlei Loot, die Wache versucht Diebstähle und Überfälle zu verhindern und die Jäger erbeuten Fleisch, das dann hoffentlich für die nächste Nacht reicht. Schließlich will jeder Mensch gefüttert werden - entweder mit teuren Rationen oder leicht verderblichem Schinken. Geschieht das nicht, sinkt die Moral. Andersrum steigt sie, wenn man spendabel ist. Zu weiteren Jobs zählt dann auch, überschüssiges Fleisch zu erhalten, Fallen und Barrikaden zu erbauen, neue Gerätschaften zu erforschen oder sich um Patienten zu kümmern.
Es kann nämlich häufig mal passieren, dass das für die Nacht ausgesuchte Gebiet nur schwierig zu verteidigen ist und man dann ein paar Räuber am Kragen hat. Im rundenbasierten Kampf mit üblicherweise fünf oder sechs Einheiten pro Team lässt Expeditions dann noch mal richtig die Tabletop-Muskeln spielen, denn mindestens genauso vielschichtig wie das Dialog-System und die nächtliche Arbeitsverteilung ist auch das Kampfsystem. Es gibt sechs verschiedene Einheitentypen, die alle ihre Stärken und Schwächen haben - so können etwa nur Doktoren heilen, dafür können Scouts doppelt so weit ziehen. Deren Bewegungsreichweite ist dabei im Vergleich zum eher lahmen Soldaten nicht zu unterschätzen, denn während jede Einheit eigentlich recht weit ziehen kann, ist der Radius, in dem man dann auch noch gleichzeitig Aktionen wie einen Angriff oder eine Spezialfähigkeit benutzen darf, meist recht gering. Und während Scouts sich dann auch mal durch fliehende Truppenverbände durchschlängeln können, um Fernkämpfer in einen Nahkampf zu verwickeln, aus dem sie nur schwer fliehen können, haben Soldaten den Vorteil von Betäubungsangriffen und alternativen Fernkampfwaffen. Welche sich wieder aushebeln lassen, wenn man seine Einheiten geschickt hinter Hindernissen platziert.


Mit dem Kampfsystem kann unglaublich viel gemacht werden und nicht zuletzt ist jedes Scharmützel spannend, weil jede unserer ausgeschalteten Einheiten eine Chance hat, Verletzungen mit auf die Weltkarte zu nehmen. Dann muss der Doktor seine Ärmel hochkrempeln und hoffentlich haben wir genug Medizin dabei, als dass man den Gefallenen nach mehreren Nächten wieder gesund machen kann.
Mein guter Pascual, den ich schon beim Namen kannte, seitdem er am Hafen von Santa Domingo Diebe in flagranti erwischte, hat es leider nicht geschafft. Es war auch schon ein herber Unglücksfall: Zuerst hat er nach einem Kampf fatale Frakturen davongetragen. Es gibt mehrere Stufen bezüglich der Schwere von Wunden und fatal bedeutet, dass jede Nacht, die er nicht von einem Arzt gepflegt würde, seine letzte sein könnte. Ich war zwar recht knapp mit der Medizin, aber es reichte, um ihn auf harmlose Frakturen zurück zu päppeln. Dadurch konnte er immer noch nicht an Kämpfen teilnehmen, aber immerhin gab es nun keine Chance mehr, dass seine Wunden sich wieder verschlimmern würden. Leider nahm mich in der Nacht meine Ärztin bei Seite, weil sie an Pascuals Taille einen Tumor palpieren konnte. Die Wahl lag an mir: Aufschneiden und den Tumor entfernen oder warten und das Beste hoffen. Da die Ärztin meinte, wir hätten noch genug Medizin, entschied ich mich für die OP, was Pascual wieder in den fatalen Zustand zurückschmiss. In derselben Nacht musste ich ein Gefecht bestreiten, bei der meine beste Aufklärerin kritisch verletzt wurde. Obwohl ich zwei Ärzte dabei hatte, musste ich abwägen, wen der beiden ich behandeln würde, denn ich hatte in der letzten Stadt nicht genug Medizin eingetauscht, um beide gleichzeitig behandeln zu können. Ich war zu dem Zeitpunkt mitten im Niemandsland und hatte keine Chance, meine Vorräte aufzufüllen. Ich entschloss mich, die Aufklärerin zu verarzten und hoffte, dass Pascual eine Nacht unbeaufsichtigt überstehen würde, so wie er es mit seiner Fraktur auch schon mal tat. Am nächsten Morgen war Pascual tot. In der folgenden Nacht trug ich einem Soldaten anstatt der üblichen Wache auf, ein Begräbnis und eine Gedenkfeier für Pascual vorzubereiten.

Ich weiß jetzt gar nicht so recht, wie ich mich aus diesem emotionalen Tiefpunkt wieder rausschreiben soll, schließlich gibt es noch so viel zu erzählen: Conquistadors verfügt in der finalen Version (uns lag Previewmaterial vor) über einen Multiplayer- und klassischen Hotseat-Modus, man kann sich zwischen Städten, die verschiedene Güter in unterschiedlichen Mengen vorhanden haben, eine goldene Nase erhandeln, man kann einzigartiges Gefolge über Missionen erhalten, man kann seine Leute befördern und mit Perks ausstatten, wegen der Unity-Engine wird es eine Mac- und Linux-Version geben und wenn sich das Spiel im englischen sowie spanischen Sprachraum gut verkauft, wird es noch eine deutsche Übersetzung geben - und ich liebe deutsche Textübersetzungen, wenn sie denn gut sind.

Expeditions: Conquistador ist ein Loch, in dem eure Jugend, euer Abitur, eure Ausbildung und euer Studium verschwinden kann. Es wird viel Wert auf Authentizität gelegt, Dialoge und sonstige Texte sind fabelhaft und jedes Gameplay-Element ist wohldurchdacht und macht für sich schon tonnenweise Spaß. Zusammengeschnürt ist das Paket so erschreckend vielversprechend, dass man sich schon fragen muss, warum bis jetzt anscheinend nur Ubisoft von diesem Genre profitiert hat. Setzt euch die Blechhüte auf und werdet Konquistadoren! Bald geht's los! Rian

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22. Februar 2020 um 01:12 Uhr
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