Silhouette Mirage

(Artikel)
Rian Voß, 26. März 2013

Silhouette Mirage

Schizophrene Gerechtigkeit

Mit Treasure kann man nichts falsch machen. Nichts! Selbst McDonald's Treasure Land Adventure ist nicht schlecht! Okay, ich muss zugeben, dass ich das nicht weiß, weil ich es nie gespielt habe. Aber ich glaube nicht daran, dass Treasure schlechte oder mittelmäßige Spiele produzieren kann! Eines meiner Lieblingsprodukte des japanischen Entwicklers ist Silhouette Mirage. In diesem Shoot 'em Up geht es um einen blonden Engel der Gerechtigkeit namens Shyna. ...Und mehr weiß ich nicht, denn ich habe die japanische Saturn-Version gespielt.


Wie ich an dieses 2D-Kleinod gekommen bin, ist ein ulkiger Umstand. Mein Vater hatte seinerzeit eigentlich, wie er es etwa seit fünfzehn Jahren mindestens einmal jede Sonnenumrundung tut, eine Flippersimulation für Segas 32-Bit-Konsole bei einem Katalog-Spielehändler bestellt. Anstatt der üblichen Proto-Papp-DVD-Hülle befand sich im gelieferten Paket allerdings ein CD-Kuvert mit buntem Cover und einem kleinen Anime-Mädchen darauf. Die Front zierte der Schriftzug "Silhouette Mirage" und darunter waren komische Schriftzeichen. Das, wie ich durch meine bereits im zarten Jugendalter aufkeimenden Fremdsprachenkenntnissen wusste, war definitiv KEIN DEUTSCH.

Anstatt den Kram einzuschicken, schlug unser familiäres Finanzbewusstsein aus: 20 D-Mark für ein japanisches Importspiel, von dem noch keiner von uns Gaming-Enthusiasten gehört hat? Score! SAMMLERWERT! Endlich Millionäre! Wir trieben es aber noch ein Stück weiter, indem wir für die schwarze Box ein Übersetzermodul besorgten, welches hinten in den Memory-Card-/Schummelmodul-Slot kam. Außerdem fungierte das Steckgerät doppelt als Speicherkarte. DOPPELSCORE! Schließlich war Speicher damals sauteuer und äußerst knapp berechnet. Damit ließ sich das Spiel dann auch tatsächlich abspielen und ich habe mich genug durch die Menüpunkte raten können, um die gesamte Steuerung zu lernen, mich durch Quiz-Fragen zu knobeln und trotzdem so viel Spaß zu haben, dass ich mich zum und durch den mörderharten Endboss gekämpft haben.


Die Welt von Silhouette Mirage ist zweigeteilt. Da gibt es die blauen Silhouette-Schergen und die roten Mirage-Puppen. Beide sind sich nicht sonderlich grün miteinander und Shyna ist mittendrin - als Streiterin für das Gute und Gerechtigkeit hat sie beide Seiten in sich vereint. Sogar wortwörtlich: Schaut sie in die eine Seite, zeigt sich ihre rote Kleidung und ihre Geschosse sind genauso eingefärbt. Andersrum kommt ihr blaues Ich zur Geltung. Der Trick ist nun: Feinde lassen sich nur durch das gegenteilige Element erledigen. Trifft man sie dagegen mit derselben Farbe, verlieren sie nur Magie. Das muss aber nicht unbedingt was Dummes sein, denn genau wie Shyna verfügt jeder Feind über eine sichtbare oder unsichtbare Manaleiste und ist die alle, können sie nicht mehr angreifen. Das gilt für die Latzhosenjungs mit den grünen Kürbisköpfen genauso wie für die größten Bosse. Und manchmal ist die Manaleiste einfach schneller geleert als die Lebensenergie.
Aber fair ist fair: Was bei den Feinden zieht, ist auch für Shyna gefährlich. Wenn das Health sinkt, droht das Aus und der Neustart. Nimmt dagegen die Magie ab, werden die Angriffe immer schwächer, bis sie letztlich gar nicht mehr funktionieren. Dann kann man nur noch hoffen, dass kaputte Feinde entsprechende Items zur Regeneration fallen lassen, dass man ihnen mit Treffern derselben Farbe Magie stiehlt oder man kauft beim fahrenden Hasen was nach.

Geld ist für Transaktionen finanzieller Art natürlich hochgradig essentiell. An die Moneten kommt man nach bewährter Schulhofmethode: Man grabscht sich jemanden, der kleiner ist, und prügelt die Münzen aus ihm raus. Wobei man da natürlich auf den eigenen Rücken aufpassen muss. Hat man genug Kohle zusammen, kann man beim Hasen aber nicht nur Energie nachkaufen, sondern auch neue Waffen erstehen, die sich alle stark voneinander unterscheiden. Mit der einen kann man bleibende Giftwolken verschießen, mit der nächsten Energieflügel vor sich projizieren, die man nach Bedarf vor sich anwinkeln kann. Dann gibt es noch Pistolen, Bumerangsicheln und das Kamehameha. Und mehr! Alle naslang kann man dann noch aufgelevelte Versionen erstehen, um den Bildschirm mit noch mehr Explosionen und Photonenlasern zu füllen.
Aber wenn es bei den Waffen mit Shynas krassen Moves aufhören würde, dann wäre es ja langweilig. Stattdessen wird man vor dem eigentlichen Spielbeginn durch ein Tutorial gejagt, das einem alle wichtigen Bewegungen beibringt. So kann man sich unter Feinden durchgrätschen, über sie hinwegschwingen, sie mit den Greifhaaren unserer Heldin auf den Boden schmettern, in die Luft schleudern, an Wänden hochlaufen, dashen oder mit einem Schild Projektile reflektieren. Und das alles ist auch notwendig, denn Shynas Repertoire ist gerade so ausreichend, um die Masse an kleinen und großen Feinden ihrer gerechten Strafe zuzuführen.


Und es gibt viele merkwürdige Feinde, die besiegt werden wollen. Dazu gehört nicht nur der fliegende Fisch mit dem Mädchenkopf, die gigantische Silhouette-Mirage-Revolverkanone, ein riesiger Limousinenfahrer und ein Suppengourmet, sondern auch ein schüchterner Werwolf, ein Schattenspieler, ein ständig stolpernder Blechsamurai und eine Schmetterling-Opernsängerin. Genauso wechselhaft wie die Feinde sind auch Szenenbilder, die das Shooter-Gameplay aufpeppen. Manchmal flieht man vor rollenden Riesenrädern, manchmal spielt man während des Kampfes am einarmigen Banditen oder muss auf sich stets verändernden Untergründen die Balance behalten. Unterstützt wird die liebliche 2D-Grafik von einem einmaligen Soundtrack, der gleichsam alberne Slapstick-Einlagen wie wahrhaft epische Momente mit Leben füllt.

Silhouette Mirage ist ein fabelhaftes Shmup und stellt gameplaytechnisch die Spitze des Möglichen in seiner Generation dar. Nicht nur ist die spielerische Meisterleistung vollkommen, sondern auch die Präsentation ist grandios und gegen Ende darf man sogar noch ein paar Entscheidungen treffen, um verschiedene Enden und Bosskämpfe zu erleben. Glücklicherweise hatte nicht nur ich das Glück, Silhouette Mirage im europäischen Raum zu spielen, sondern irgendwann kam der Titel auch für die PlayStation nach Übersee. Allerdings in einer Version mit inhaltlichen Änderungen, so dass etwa Schüsse die Manaleiste wie Munition verwendet und so verringert. Dadurch wurden viele Waffen nur leider vollkommen unbenutzbar. Schade. Jedenfalls: Silhouette Mirage! Gutes Spiel! Schaut es euch an! Und wackelt ab zum Hasensong! Rian

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12. November 2019 um 23:14 Uhr
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Spiele des Artikels

RELEASE
30. Dezember 1999
PLATTFORM
Playstation
Plattform
Playstation 3
Plattform
Sega Saturn
Plattform

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