Gears of War: Judgment

(Artikel)
Benjamin Strobel, 24. März 2013

Gears of War: Judgment

Neu, anders, gut?

Der vierte Teil der Gears-Reihe ist nach Indizierung der ersten beiden schon der zweite, der ungekürzt auch in Deutschland erscheint. Erstmals haben Epic Games die Entwicklung dem Tochterstudio People Can Fly überlassen. Das Prequel Gears of War: Judgment spielt zeitlich vor den anderen Spielen und bringt viele Neuerungen in die Serie. Brechen People Can Fly mit den Fans oder bringen sie Gears of War auf die nächste Stufe?

Der Spieler schlüpft dieses Mal in die Rolle von Damon Baird, der schon früher als Nebencharakter aufgetreten ist. Baird und seine Leute müssen sich vor einem militärischen Tribunal verantworten, weil sie - um zahlreiche Leben zu retten - Befehle missachtet haben. Nacheinander müssen die Charaktere ihre Aussage machen und erzählen die Geschichte des Spiels in Flashbacks. Zur Truppe der Befehlsverweigerer gehören neben Augustus Cole auch der weibliche COG Sofia Hendrik und Fanchise-Newcomer Garron Paduk, der mit seinem russischen Akzent und trockenem Humor eine großartige Ergänzung für das Team ist.


Der Kampagnen-Modus von Judgment unterscheidet sich fundamental von vorherigen Spielen. Es gibt nach wie vor eine Hintergrundgeschichte und käsige Sprüche, aber das Spieldesign macht eine Wende ins Arcade-Territorium. Die Geschichte gliedert sich, wie bei früheren Titeln, in Kapitel und innerhalb dieser in kurze Sektionen. Oft bestehen sie nur aus wenigen Räumen oder Arealen und lassen sich binnen weniger Minuten bewältigen. Jeder Abschnitt wird dann mit bis zu drei Sternen bewertet, je nachdem wie gut man sich geschlagen hat. Punkte für die Sternleiste lassen sich besonders gut durch Headshots und Exekutionen verdienen - wird man von den Feinden ausgeknockt, gibt es Abzüge. Jeder Abschnitt wird damit zur Punktejagd und spannt eine zusätzliche Spieldimension auf. Im Ko-op-Modus werden die Punkte auch auf ein gemeinsames Konto gescheffelt, was das Teamplay noch weiter verbessert und ständige Absprachen umso nötiger macht. Schließlich will man nicht, dass jemand gedownt wird und dadurch Punkte kostet!
Aber damit noch nicht genug, denn Judgment führt ein weiteres Element ein, um dem Spieler alles abzufordern. Am Anfang jedes Areals befindet sich ein leuchtendes Symbol, durch das man die sogenannten Declassified Missions aktivieren kann. Dabei handelt sich um Zusatzmissionen oder Modifikatoren, die das Spiel weiter erschweren. Manchmal darf man nur bestimmte Waffen verwenden, bekommt Munition abgezogen, muss im Dunkeln oder gegen stärkere Feinde kämpfen. Auch wenn sich ein paar Aufgaben wiederholen, ist die Variation recht groß und nimmt mitunter großen Einfluss auf das Gameplay. Zur Belohnung winken nicht nur Erfolge, sondern auch mehr Punkte für die Sternwertung.


Diese Änderungen machen einen großen Sprung weg vom letzten Gears of War und stellen vermutlich den größten Bruch seit Beginn der Franchise dar. Die Level sind recht kurz, eher klein und sehr urban, außerdem gibt es keine Abschnitte mit Vehikeln mehr. Das heißt aber nicht, dass Judgment deswegen langweilig ist. Abwechslung erhält das Spiel nicht nur durch die Zusatzmissionen, sondern auch durch Abschnitte, die dem Horde-Modus früherer Spiele entlehnt sind. Spieler müssen hier Positionen verteidigen, indem sie Geschütze platzieren, die Umgebung verminen und sich auf ankommende Feindwellen vorbereiten. Insgesamt war ich positiv überrascht, wie gut diese Änderungen zum Spiel passen. Durch die zusätzlichen Aufgaben ist man immer wieder gezwungen umzudenken und zu variieren und lernt auf diese Weise ganz neue Spielweisen und den Umgang mit Waffen kennen, die man sonst verschmäht hätte. Dazu gesellt sich eine gute Portion Ehrgeiz, eine hohe Sternwertung zu erzielen und dafür die Königsdisziplinen (Headshots, Exekutionen) des Spiels zu meistern.

Der Multiplayer-Modus von Judgment ist auf ähnliche Weise mit Neuerungen gespickt. Die schlechte Neuigkeit zuerst: es gibt keinen Horde-Modus mehr. Dieser wurde ersetzt durch den neuen Survival-Modus. Die Veränderungen sind hier nicht unbedingt von Vorteil. Während man in Gears 3 noch fleißig seine Basis ausbaute, befestigte und mit Geschützen bewaffnete, fallen alle diese Elemente hier völlig weg. Stattdessen sind ein paar Verteidigungsmaßnahmen an festen Stellen angebracht und können bei Zerstörung auch nicht ersetzt werden. Auf jeder Map gibt es drei Punkte, die beschützt werden müssen. Die Spieler gewinnen, wenn sie 10 Feindwellen überstehen, ohne dass der letzte Punkt zerstört wird. Andernfalls verlieren die Spieler und müssen von vorne spielen. Einen neuen Twist erhält der Spielmodus durch verschiedene Charakterklassen. So gibt es den Mechaniker, den Medic, den Soldaten und den Scharfschützen, die jeweils unterschiedliche Fähigkeiten und Aufgaben im Spiel haben. Dieser Modus ist wirklich nur entfernt verwandt mit Horde und wäre eine nette Ergänzung, wenn Horde weiter bestanden hätte. Als Ersatz finde ich ihn leider etwas enttäuschend.


Pluspunkte gibt es dagegen für den neuen Modus Overrun, der im Vorfeld als "Horde VS Beast" angekünfigt wurde. Hierbei übernehmen je fünf Spieler die Seite der Menschen und die Seite der Locust. Die menschliche Seite spielt sich genauso wie der Survival Mode, die Locust müssen entsprechend umgekehrt die Punkte der Menschen zerstören. Unter den Locust findet man die meisten üblichen Klassen (Ticker, Grenadier, Kantus etc.) und eine Gruppe stärkerer Kämpfer wie den Serapede und den Mauler. Diese muss man für Punkte durch Kills und Zerstörung erst freischalten und kaufen. Die Asymmetrie bringt reichlich Abwechslung ins Spiel und ist für mich der interessanteste Modus des Spiels. Schön finde ich auch, dass man auf beiden Seiten nicht nur Punkte durch Kills verdient, sodnern auch durch Support-Aktivitäten, wie die Heilung von Mitspielern oder das Reparieren respektive Zerstören von Befestigungen. Die Klassen sind sehr gut ausbalanciert und ich hatte Spaß mit jeder von ihnen. Da es keine Nachteile für Support-Klassen gibt, werden diese genauso viel gespielt wie die übrigen Charaktere. So soll es sein!

Die übrige Auswahl an Modi ist sehr begrenzt: es gibt eine Spielliste für Team Deathmatch, eine für Free For All und eine für Domination. Bekannte Modi aus früheren Teilen, wie Warzone und Wingman, fehlen leider genauso wie Horde. Auch gibt es für Overrun und die übrigen Modi nur je vier Maps, die man nach ein paar Spielsessions so gut kennt, dass man sich mehr Abwechslung wünscht. Am Multiplayer-Umfang dermaßen zu sparen wirkt einfach nur faul. Insbesondere wenn es um Modi geht, die spezifisch für Gears sind und die bei Fans großen Anklang gefunden haben, kann man diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Zu den fragwürdigen Entscheidung zählt unter anderem auch, dass man die bisher drei Waffenslots auf zwei reduziert hat. Stattdessen gibt es endlich eine Taste für Granaten, sodass man sie deutlich schneller werfen und wirklich gewinnbringend einsetzen kann. Das Spiel wird dadurch sowohl im Singleplayer als auch im Mehrspielermodus deutlich schneller und dynamischer.

Gears of War: Judgment ist ein zweischneidiges Schwert. Während ich die Neuerungen, insbesondere in der Kampagne, begrüße, schmerzen die Verluste wichtiger Multiplayer-Modi schon sehr. Ich habe noch einen Funken Hoffnung, dass diese mitsamt neuen Maps als DLC noch nachgeliefert werden, bleibe aber enttäuscht, dass sie in jedem Fall nicht zum Standard gehören. Fans der bisherigen Spiele sollten nicht blind zugreifen, sondern sich vorher anschauen, wie sie zu den Neuerungen stehen. Freunde der Highscore-Jagd und von Arcade-Spielen werden an der Kampagne sicher ihre Freude haben. Was den Multiplayer angeht, darf man nicht auf Horde hoffen, dafür über Overrun durchaus freuen. Insgesamt hatte ich viel Spaß mit dem Spiel und finde ein mutige Veränderungen durchaus besser als dasselbe Gameplay nochmal zu verwerten. Nex

Kommentare

Rian
24. März 2013 um 21:24 Uhr (#1)
Die Kampagne hat mich von ihrer Art irgendwie stark an Bulletstorm erinnert - nur dass man nicht die ganze Zeit ins Menü wechselt, um zu gucken, was man noch alles für Kills machen muss.
Darleth
Gast
25. März 2013 um 01:55 Uhr (#2)
Du hast vergessen bzw. weisst es wahrscheinlich nicht, dass ab dem 2. April afaik Umsonst Execution (Hinrichten) als Spielmodus zusammen mit 2 Maps hinzugefügt wird.

Dennoch guter Beitrag und teilweise fühl ich mich an vielen Stellen ähnlich wie der Autor.
Ben
25. März 2013 um 09:17 Uhr (#3)
Vielen Dank für den Hinweis! Dann geht mein Wunsch ja in Erfüllung :D
Gast
07. Dezember 2019 um 03:45 Uhr
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RELEASE
22. März 2013
PLATTFORM
Xbox 360
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