Anarchy Reigns

(Artikel)
Benjamin Strobel, 24. Januar 2013

Anarchy Reigns

Slash- und Trash-Geschichten

Camus plädierte in seiner Philosophie dafür, das Leben sei absurd. Er wollte damit die Fremdheit des Menschen in der Welt ausdrücken. Nun, Camus hat offenbar nicht Anarchy Reigns gespielt. Wenn ein Ding in der Welt fremd und absurd ist, dann dieses Spiel. Die auf Disc gepresste Metapher für Chaos und Anarchie läuft einen schmalen Grad auf der Grenze von gutem zu schlechten Trash. Man kann den Entwickler Platinum Games nur höflich fragen: Was hat das alles zu bedeuten?

Was ist hier eigentlich los?

Das Cover des Prügelspiels zeigt - neben dem Zeichen für Anarchie in groß und rot - einen wütenden älteren Herren mit Kettensägenarm und einen futuristisch gekleideten Jungspund mit Messerchen, der mit etwas Phantasie als Metal Gears Raiden für Arme durchgehen würde (@Konami: no offense). Im Story-Modus von Anarchy Reigns kann der Spieler in eine dieser beiden Häute schlüpfen, um einen von zwei Story-Pfaden zu beschreiten. Wannabe-Raiden arbeitet für die Sicherheitspolizei, die in der postapokalyptischen Welt hohen Rang genießt. Jack, der Einzelgänger mit Kettensäge, geht als Kopfgeldjäger seiner eigenen Agenda nach. Ab und zu kreuzen sich ihre Wege und manchmal finden Sie auch einen albernen Grund, warum sie gegeneinander kämpfen müssen. Falls sie sich nicht begegnen, finden sie Gründe, warum andere Figuren verprügelt werden müssen. Insgesamt macht der Story-Modus eher den Eindruck, als diene er dazu, die Charaktere kurz vorzustellen und dann für den Multiplayer-Modus freizuschalten, um den es eigentlich gehen soll.

Mad World gespielt? Der Protagonist Jack Cayman ist gleichzeitig eine Hauptfigur in Anarchy Reigns. Es handelt sich jedoch nicht um ein Sequel!
Der Singleplayer gliedert sich in je vier Stages pro Spielfigur, die alle nach demselben Schema ablaufen: Der Spieler findet sich in einem offenen Areal wieder, das von Gegnerhorden überschwemmt wird. Das Slashen der Feinde bringt Punkte, die man benötigt, um Missionen freizuschalten - da sollte man die Kettensäge ordentlich brummen lassen! Es gibt immer drei Neben- und drei Hauptmissionen. Immer. Während man bei den Sidequests in der Regel viele Feinde töten muss, bestehen die Mainquests aus Bosskämpfen. Beides erfordert wenig Strategie und dafür viel Buttonmashen. Das Kampfsystem gibt leider auch nicht viel mehr her, da es ihm völlig an Progression fehlt. Es gibt Schlagen, hartes Schlagen und Greifen, per Schultertaste setzt man beim Prügeln seine Spezialwaffe (z.B. Kettensäge) ein. Neue Moves oder Kombos lernt man nicht dazu, man verdient auch keine Erfahrungspunkte und levelt seinen Char nicht auf. Insgesamt ist das Spiel auch zu einfach und fühlte sich in der zweiten Hälfte wirklich an wie Arbeit. Und was den Spielpfad angeht, für den man sich zu Beginn entscheidet, sollte man sich auch nichts vormachen. Man muss sowieso beide Seiten spielen, die Wahl bestimmt nur die Reihenfolge. Und das ist kein Bonus, denn obwohl sie sich leicht unterscheiden, steht das Recycling von Umgebungen und Bosskämpfen weit im Vordergrund.

Könnt ihr da was erkennen?

Ein Vogel, ein Flugzeug! Nein, es sind plötzlich reinploppende Texturen.
Nachdem ich alle Erwartungen desillusioniert habe und klar ist, was Anarchy Reigns nicht ist, bricht mit einem neuen Absatz auch die Frage an, was es denn sein könnte und worum es denn eigentlich geht. Die käsigen B-Movie-Synchronstimmen und der völlige Mangel an Lippensynchronität geben erste Hinweise darauf, dass man diesen Titel als Trash behandeln muss (wofür auch der günstige Launch-Preis von 29,99 EUR spricht). Leider ziehen sich weitere technische Mängel auch durch die grafische Umsetzung. Man kann es nicht schönreden, die Grafik von Anarchy Reigns ist der Horror. Ich weiß nicht, was da schiefgelaufen ist! Alles ist irgendwie blurry und niedrig aufgelöst. Trotzdem brauchen die Texturen ewig zum laden und ploppen oft völlig verspätet in ein bereits laufendes Spiel. Ich muss vermutlich nicht erwähnen, dass die Cutscenes prerendered sind und keinesfalls Ingame-Material darstellen. Und so wie ich das sehe, ist das ein Zeichen dafür, dass die Entwickler kein vertrauen in die eigene Engine haben.

Ich habe die Theorie, dass Platinum Games eigentlich wollen, dass man den Multiplayer spielt. Je nach Spielmodus kann man zu viert oder mit bis zu 16 Spielern einem bunten Chaos frönen. Die Unvorhersehbarkeit bei diesen großen Matches macht Anarchy Reigns zweifelsohne zu einem interessanten Erlebnis. Von Fairness gibt es zwar keine Spur, aber das wird durch das Chaos wieder ausgeglichen. Jeder prügelt auf jeden! Und wenn jemand wenig Energie hat, werden alle anderen versuchen, sich den Kill zu sichern, da es dafür die meisten Punkte gibt. Da springt man jemandem auch mal in heiße Dämpfe hinterher, um den Killing Blow zu sichern. Es kann aber genauso gut passieren, dass man in einer unfairen Endlos-Combo gefangen wird und schnelle Tode stirbt. Es kann andere Spieler aber genauso erwischen. Die große Auswahl an Charakteren kränkelt jedoch schnell an der kärglichen Unterschiedlichkeit der Spielfiguren. Im Grunde ändert der Kämpfer keinesfalls die Spieltaktik und es gibt insgesamt nur wenige Neuerungen (einige Figuren sind halt langsamer oder schneller, etwas stärker oder schwächer). Daher wird auch der Kampf gegen reale Gegner relativ schnell langweilig. Für Käufer der limitierten Erstauflage gibt es allerdings einen kostenlosen Download von Bayonetta als Spielfigur, die zumindest optisch aufreizend ist.

Buntes Chaos.

Leider hinkt meine Multiplayer-Theorie ein bisschen. Man stellt sich doch die Frage, warum man die Charaktere erst mühselig freispielen muss und nicht gleich in die Fülle des Mehrspieler-Modus eintauchen kann. Zuletzt grenzt es wieder ans Absurde, dass man sämtliche Erfolge des Spiels im Singleplayer freischaltet. Das wiederum wirft mich zurück mit der Frage, was das alles zu bedeuten hat. Der Multiplayer-Modus ist zwar witzig, verliert aber zu schnell an Attraktivität und gesellt sich damit zum Singleplayer in die Langeweile-Sparte. Der Trash-Faktor ist nicht von der Hand zu weisen, sein Unterhaltungswert reicht aber nicht, um das eintönige Gameplay zu kompensieren. Platinum Games, ihr müsst euch etwas mehr anstrengen! Nex

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25. Februar 2018 um 08:19 Uhr
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Spiele des Artikels

RELEASE
11. Januar 2013
PLATTFORM
Playstation 3
Plattform
Xbox 360
Plattform

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