Kleines Daedalic-Roundup

(Artikel)
Rian Voß, 20. August 2012

Kleines Daedalic-Roundup

Zwei Adventures, ein Redakteur

Überraschung! Daedalic hat auf der Gamescom unter anderem ein paar Adventures vorgestellt! Aber ernsthaft: Das können sie ja auch. Meistens. Beim Experimentieren geht zwar auch immer mal wieder etwas schief, aber ich finde es großartig, dass die Hamburger Entwickler/Publisher das Genre quasi für Deutschland annektiert haben. Nachdem wir die Strategie-Simulation, mal abgesehen von den letzten starken Franchises von Blue Byte, ja vollkommen verloren haben, ist es ganz nett zu wissen, dass Deutschland international für noch andere Dinge bekannt ist als Crysis und Sauerkraut. Ich bin daher guter Dinge, dass 1954: Alcatraz und The Rabbit's Apprentice: Im Bann des Zaroff ebenfalls den aktuellen Standards entsprechen oder sie übertreffen.

1954: Alcatraz

Womit ich mir auch gleich widersprechen darf, denn 1954: Alcatraz wird nicht von Daedalic entwickelt, sondern unter anderem von Gene Mocsys von Irresponsible Games, welcher an A Vampire Story mitentwickelte und für sein eigenes Spiel dieselbe Engine verwendet. Am Spiel muss noch einiges gemacht werden, in den Spielszenen begegneten mir etwa noch so einige Platzhalter, jedoch ist die Geschichte immerhin schon abgewickelt. Das wurde auch gleich schamlos ausgenutzt, denn mir wurde unumwunden der gesamte Plot von vorne bis hinten in Screenshots gespoilert. Aber keine Angst, ich verrate nichts. Wenn ihr das Ende erfahren wollt, müsst ihr schon selbst Hand anlegen.

Wieder eine Überraschung: Das Adventure spielt auf Alcatraz. Aber nicht nur. Während Hauptcharakter Joe wegen eines Transporterdiebstahls für 40 Jahre auf die kuscheligen Urlaubsinsel verknackt wurde, muss sich seine Frau Christine in San Francisco gegen Gangster wehren, deren Kohle Joe versteckt hat. So bekommt der Spieler zwei ziemlich unterschiedliche Settings an die Hand: einerseits die Bohème-Szene mit all den Künstlern, Buchläden für verbotene Lektüre, dem Jazz, den von der Polizei geschlossenen Kaffeehäusern und ständiger Angst vor kommunistischen Spionen; andererseits der knallharte Gefängnis-Alltag, der mit den Insassen, der Arbeitswelt, den Wärtern, deren Familien und der ein oder andere Boutique sein ganz eigenes Ökosystem in der Großstadtbucht schafft. Für Authentizität ist also gesorgt.
Zwischen den beiden Perspektiven lässt sich jederzeit wechseln - wenn man auf der einen Seite nicht weiterkommt, kann man's mal auf der anderen probieren. Schafft man es irgendwie nicht, den richtigen Gegenstand im Knast zu klauen (keine Ehre unter Dieben), oder hat genug vom transvestiten Insassen, dann kann man vielleicht irgendeine Information aus Christines homosexuellen Poeten-Freunden quetschen. Das Spiel häuft eine ganze Menge Charaktere an, die man nur selten im Genre sieht - vor allem aus der damals stark strafrechtlich verfolgten LGBT-Gesellschaft, wie es scheint.
Und manchmal beeinflusst das eine auch das andere. Man mag zwar denken, dass die zwei Welten vollkommen voneinander abgeschottet sind, aber es lebt beispielsweise der Gefängnispriester Martini in der Großstadt und fährt immer mal wieder mit dem Boot zur Arbeit. Da gibt's Chancen!

Zu guter Letzt ist aber nicht alles völlig geradlinig und läuft auf Friede, Freude und Eintracht zwischen den beiden Eheleuten hinaus. Joe ist auf lange Zeit im Gefängnis, Ausbruch so gut wie unmöglich. Seine Frau wird wegen ihm ständig bedroht und muss das Geld auftreiben, während sie nicht weiß, ob ihr Mann sie irgendwo belügt. Das Spiel featured Entscheidungen, die vielleicht nicht den Handlungsablauf im großen Zuge abändern, allerdings dem Spieler eine andere Sicht auf die Dinge gibt, so dass man zu Beginn nicht wissen kann, wie beim großen Showdown zuletzt der Entscheidungsfinger handeln wird. Und es geht dabei nicht nur um Leben und Tod, sondern auch um die Liebe zweier Menschen.

1954: Alcatraz verspricht ein potenziell interessantes Szenario mit potenziell interessanten Charakteren in einer potenziell interessanten Welt. Bis es fertig ist, wird es noch ein Weilchen dauern. Leider lässt sich gerade ein Adventure-Spiel nur sehr schwierig in Alpha-Auszügen verkaufen, von daher ist mein erster Eindruck wohl am besten umschrieben als: zurückhaltend enthusiastisch.

The Rabbit's Apprentice: Im Bann des Zaroff

Es ist eigentlich schon ein bisschen verwunderlich, wenn man so drüber nachdenkt: Es gibt kaum richtig bekannte Adventures für Kinder. Klar, es werden viele Monkey Island oder King's Quest mit ihrer Kindheit in Verbindung bringen, aber so wirklich gedacht war es für einen damals eigentlich nicht. Wenn man drüber nachdenkt. Im Gegensatz dazu hatten Kinderspiele wie, naja, generell alles für den Gameboy keinerlei Probleme, auch heute noch Kultfaktor zu besitzen. Selbst wenn man sich Daedalics Adventures anguckt, haben sie trotz Knuddelgrafik ein eher erwachsenes Publikum im Sinn - Protagonisten umfassen einen depressiven Gnom, eine Irrenhausinsassin, eine mörderische Jugendliche, einen von seiner Familie verlassenen Blaualgenforscher und einen Vogelfänger, der seinem Meister nach den ersten Spielminuten beim Sterben beisitzen darf. Das möchte Matthias Kempke mit The Rabbit's Apprentice: Im Bann des Zaroff etwas ändern, jedoch wird das Spiel, meiner Einschätzung nach, immer noch genug erwachsene Situationen enthalten, um auch Spielern jenseits der Krabbelgruppe zu gefallen.

Hauptfigur des Spiels ist Jerry. Eigentlich hat er einen wesentlich komplizierteren Namen, aber ich fürchte, ich würde mir was brechen, wenn ich den niederschreiben würde, also nenne ich ihn Jerry. Jerry hat noch zwei Tage lang Ferien und würde die Zeit gerne nutzen, um ein Magier zu werden. Hochgesteckte Ziele für einen Zwölfjährigen, die aber urplötzlich in greifbare Nähe rücken, als ihm der Marquis de Hoto, ein fein gekleidetes Riesenkaninchen, erscheint und Jerry als Lehrling annimmt. Es folgt eine Reise tief zu den Wurzeln der Bäume, zu einem Ort namens Mousewood, wo sich viele verschiedene Märchenwelten begegnen und sich wilde Abenteuer bestehen lassen. Doch irgendwann stellt sich einem wohl oder übel die Frage: Was hat der Marquis eigentlich vor und wer ist dieser Zaroff...?

Die Welt in und um Mousewood sieht allein schon herzzerreißend hübsch aus. Ich muss ja schon jedes Mal das Lesezeichen beim Eintrag für "schön" in meinem Thesaurus bemühen, wenn ich von Daedalic entwickelte Hintergründe und Charaktere beschreiben möchte, aber langsam gehen mir die Adjektive aus. Sagen wir so: Als ich die Maus- und Eichhörnchenmenschen von Mousewood sah, wollte ich schon ein bisschen vor Knuffigkeit sterben. Jerrys lustige Knopfaugen, die gemalten Hintergründe oder das Fuchsmädchen Kitsune taten dann ihr Übriges.
...Ja, ja, Kitsune. Schon richtig gelesen. Hier wird nicht nur aus westlicher Mythologie entliehen. Der Name ist zwar nicht sonderlich originell, aber naja. Märchen. Der "große, böse Wolf" war jetzt auch kein sonderlich kreativer Erguss.

Spielerisch wird sich The Rabbit's Apprentice eher an Titeln wie Machinarium oder Botanicula orientieren, will heißen: Linker Mausklick reicht für alles. Sachen aufnehmen, Sachen benutzen, Sachen kombinieren. Alles schön einfach. Dazu noch ein Inventar und gut ist. Die beliebte Hotspot-Anzeige, die interagierbare Objekte hervorhebt, ist auch wieder da, aber momentan muss Daedalic ein bisschen mit den Kehrseiten der Münzen kämpfen und die beiden Lager ("Ich will nie mehr ohne Hotspots spielen!" und "Hotspots machen faul und ruinieren das Spiel!") gleichsam zufriedenstellen. Das soll durch einen In-Game-Trick funktionieren: Jerry wird eine Münze mit Loch in der Mitte bekommen, durch die er Besonderheiten leichter erkennen können wird. Ich bin mir noch nicht sicher, wie viel das die Puristen beschwichtigen wird, aber immerhin sind die Gedanken da.

Von den Sprechern her mischen wieder bekannte Stimmen mit (wie etwa der ruppige Bent aus A New Beginning oder der Schlüsselmeister aus Edna Bricht Aus), aber auch neue Talente. So hat es mich doch gefreut, als Jerry zum ersten mal den Mund öffnete und es einerseits nicht nach total nervigem Balg klang, sich andererseits aber auch noch kein hörbarer Stimmbruch vernehmen ließ.

The Rabbit's Apprentice: Im Bann des Zaroff releast im November. Ich wage zu behaupten: Wenn ihr ein Daedalic-Adventure mögt, werdet ihr dieses auch mögen. Rian

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06. Dezember 2019 um 12:44 Uhr
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