Zu Gast bei der USK

(Artikel)
Benjamin Strobel, 16. August 2012

Zu Gast bei der USK

Ein Überblick, das Internet und die Zukunft

Zum Auftakt der diesjährigen Gamescom war ich zu Gast am Stand der USK. Dort hatte ich die Möglichkeit, mit Felix Falk, dem Geschäftsführer der USK, darüber zu reden, wie genau die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) ihre Alterskennzeichen vergibt. Wir kamen auch darauf zu sprechen, warum der Online-Markt bisher kaum abgedeckt wird, und klären endlich die Frage, ob die Alterskennzeichnung über die Jahre wirklich lascher geworden ist.

Felix Falk ist Branchenprofi. Seit 2009 ist der passionierte Jazzmusiker auch Geschäftsführer der USK. Auf der Gamescom bewegt er sich wie ein Fisch im Wasser. Er redet mit vielen, kennt die meisten. Heute sind wir verabredet, weil ich neugierig bin.Aber mit welchem Auftrag kommt das halbstaatliche Unternehmen jedes Jahr auf die Gamescom nach Köln? Felix Falk erzählt mir, dass die USK drei wichtige Funktionen auf der Messe erfüllt. Zuallererst kümmern sie sich um den Jugendschutz auf der Messe. Diesen Einfluss wird der ein oder andere schon bemerkt haben, wenn er sich während seines Besuches ein buntes Bändchen zur Alterskennzeichnung abholen musste. Was vielen nervig und lästig erscheint, ist tatsächlich ein Service für die Gamer: Durch die Alterskennzeichnungen wird sichergestellt, dass die Messe offen ist für alle Altersgruppen. Viele andere Messen sind einfach nur ab achtzehn zugänglich und bieten dem jüngeren Publikum keinen Einlass. Als zweite wichtige Aufgabe nennt Falk das Informationsangebot der USK. Die Mitarbeiter informieren auf der Messe Spieler, Eltern, Lehrer und andere Besucher über den Jugendschutz. Zuletzt bemüht sich die USK auch um Kommunikation mit Unternehmen. Auch wenn sie keinen Stand im Businessbereich haben, stehen sie für andere Firmen zur Verfügung und informieren sie darüber, wie der Jugendschutz in Deutschland sichergestellt werden kann.

Und wie funktioniert überhaupt das Bewertungsverfahren der USK?
Was viele vielleicht nicht wissen, ist, dass die USK selbst keine Entscheidungen über die Alterskennzeichen trifft. Sie organisiert und kontrolliert den Vorgang der Alterskennzeichnung. Die eigentliche Bewertung der Spiele erfolgt durch ein Gremium aus vier Sachverständigen. Diese arbeiten ehrenamtlich und bestehen aus Medienpädagogen, Mitarbeitern des Jugendamtes und anderen Institutionen, die Fachkompetenzen in Sachen Jugendliche besitzen und sich mit Spielen auskennen. Die Entscheidung über die Kennzeichnung wird dann nach der Präsentation eines Spiels gefällt. Die Gutachter selbst spielen die Games nicht. Für diese Aufgabe rekrutiert die USK jedes Jahr Spielesichter, die ebenfalls ehrenamtlich die Titel durchspielen und anschließend dem Gremium präsentieren. Diese Aufgabe wird oftmals von Studenten übernommen. Wie mir Felix Falk erklärt, ist die Aufnahmeschwelle aber ziemlich hoch. Ein Spielesichter muss mindestens achtzehn Jahre alt sein und in Berlin wohnen, wo die USK ihren Sitz hat. Außerdem sollte sich ein Sichter auf allen Plattformen und in allen Genres auskenne. Nur Shooter spielen ist also nicht. Außerdem sind gutes Englisch und eine gewisse Präsentationsfähigkeit eine wichtige Voraussetzung.

Aber nach welchen Kriterien wird ein Spiel von den Gutachtern beurteilt?
Wie ein Spiel zu beurteilen ist, geht aus den Leitkriterien der USK hervor. "Das sind für uns die wichtigsten Kriterien und das, worauf sich Gutachter stützen müssen in ihrer Arbeit, auch wenn es natürlich für jedes Spiel neu ausgelegt werden muss. Da steht jetzt nicht so etwas wie 'Blut Ja oder Nein.'", erklärt Felix Falk. Stattdessen wird aufgeführt, dass zum Beispiel Gewalt ein wichtiges Kriterium ist und welche Unterkriterien dafür geprüft werden müssen.

"Der Leitfaden selbst ist vom Beirat der USK verfasst worden. Die Herleitung ist so: Im Grundgesetz Art. 5 steht drin, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt werden kann, wenn der Jugendschutz berührt ist. Das Jugendschutzgesetz, das sich darauf bezieht, legt außerdem fest, dass es ein [Prüf]verfahren geben soll und nennt auch einige Kriterien.", sagt Falk.

Spiele, die nicht auf einem Datenträger vertrieben werden, werden von der USK bisher nicht mit einem Alterskennzeichen versehen.
"Zum Teil wird der Online-Markt aber abgedeckt.", so Falk. "Wir prüfen schon viele Spiele, die auch online verfügbar sind, weil es z.B. sehr viele Spiele gibt, die zwar online laufen, bei denen es aber auch mal einen Client gab, der auf einen Datenträger gepresst wurde. Oder es gibt Spiele, für die mal eine Version auf Datenträger geplant war, die dann aber doch nicht gemacht wurde. Dann haben sie das Kennzeichen aber schon und sind auch geprüft."

Weiter sagt Felix Falk, "Es stimmt aber. Es gibt viele Spiele im Internet, die nicht geprüft sind, weil Jugendschutz im Internet sich nach dem Jugendmedienschutz-Staatverstrag richtet. Das USK-Verfahren richtet sich nach dem Jugendschutzgesetz, aber leider gibt es in Deutschland diese zwei Gesetze, die unterschiedliche Regularien vorsehen. Und nach dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag muss man sein Spiel nicht kennzeichnen, muss aber gleichzeitig trotzdem darauf achten, dass man z.B. Inhalte ab 16 oder 18 nicht frei verfügbar macht, selbst wenn sie nicht gekennzeichnet sind. Da gibt es dann Alterversverifikationssysteme wie den Perso-Check und Sendezeitbeschränkung. Man muss nach dem Gesetz schon eine Menge beachten, aber man muss kein Kennzeichen haben."

Gibt es Bestrebungen, den Online-Markt noch weiterreichend in das USK-Verfahren einzubeziehen? Das Gesetz sieht es bisher nicht vor.
"Es wird immer wieder gesagt, dass man es [das Gesetz] anpassen will, denn es ist von 2003 und das Internet war damals ein anderes als heute.", erklärt uns Felix Falk. "Eigentlich muss das Gesetz darauf auch reagieren - das Web 2.0 ist ja auch nichts, das letzte Woche entstanden ist und da muss noch einiges passieren[...] Seit letztem Jahr ist die USK als Selbstkontrolle aber auch für den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag anerkannt. Das bedeutet, dass wir auch zuständig sind für den Online-Bereich. Da sieht unsere Arbeit allerdings anders aus als im Datenträger-Bereich. Man kann Mitglied bei der USK werden und die Firmen, welche das gemacht haben, die beraten wir kontinuierlich im Jugendschutz und schauen, dass deren Angebote jugendschutzkonform sind. Wir kümmern uns beispielsweise darum, dass user-generated content auf Webseiten durch Moderatoren geprüft wird. Wir schulen sie, machen Leitfäden für sie und im Zweifel können sie uns auch anrufen."

Eine Frage brannte uns noch auf der Zunge: wir haben das Gefühl, dass die Bewertungen über die letzten Jahre lascher geworden sind. Erscheint das nur so oder ist das eine tatsächliche Entwicklung?
"Es passt sich an mit der Medienrealität.", so Falk. "Wenn wir uns anschauen, was die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in den 80ern noch indiziert hat: Doom - das beste Beispiel. Doom wurde 1992/93 indiziert und ist jetzt von der Liste gestrichen worden mit der Begründung, so eine Pixelgrafik gefährdet keinen Jugendlichen mehr heutzutage. Es wurde bei der USK eingereicht und wir haben nicht eine Achtzehn drauf gemacht, sondern das Gremium hat gesagt, es ist eine Sechzehn. Daran sieht man, wie stark sich die Medienrealität verändert. Es geht nicht darum zu sagen, was gut ist für Jugendliche und was schlecht ist, sondern darum, was eine Gefahr ist und was Jugendliche beeinträchtigt in ihrer Entwicklung. Wo bekommt beispielsweise ein Siebenjähriger Alpträume, die ihn tatsächlich beeinträchtigen, welchen Film, welches Spiel sollte er nicht sehen, weil er in seiner Entwicklung noch nicht so weit ist? Die Medienrealität und auch die Grafik entwickeln sich sehr stark weiter. Ich habe Doom damals selbst gespielt in einem dunklen Zimmer und das war richtig spannend. Da hab ich mich schon oft erschreckt. Das würde mir heute wahrscheinlich nicht mehr passieren, weil ich etwas ganz anderes gewohnt bin. Und genauso geht es Kindern und Jugendlichen heute."

"Wenn man heute im Internet unterwegs ist, hat man eben nicht mehr 8-Bit-Grafik, sondern man ist ganz anders umgeben von Realismus in Spielen. Wenn Shooter immer realistischer werden, dann geht es eher um Verrohung und Abstumpfung." Der Leitfaden wird daher regelmäßig angepasst und lässt bereits von sich aus Spielräume und Flexibilität zu, darauf zu reagieren wie sich die Medienrealität verändert. Der aktuelle Leitfaden ist im letzten Jahr aktualisiert worden.

Ich hoffe, für euch war das Gespräch ebenso interessant wie für uns. Falls ihr Fragen habt, schreibt uns gern einen Kommentar! Ben

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Felix Falk
Person - CEO der USK (2009 - heute) und Jazzmusiker.
Gamescom 2012
Event - Köln 2012.
Interview
Sparte - Ob Entwickler, Publisher oder andere Gurus, wir reden mit den Verantwortlichen.
Jugendschutz
Themengebiet - Ob freiwillige Selbstkontrolle, "Killerspiele" oder Indizierung - über Jugendschutz kann man stundenlang lang und breit diskutieren.

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