Tony Hawk's Pro Skater HD

(Artikel)
Haris Odobaši?, 20. Juli 2012

Tony Hawk's Pro Skater HD

Auf den Brettern, die die Welt bedeuten

Es ist wirklich schon fünf Jahre her, dass ich das letzte Mal ein Tony Hawk spielte, und 13 Jahre, dass diese Serie zum ersten Mal die Bühne betrat und damit Tausende von Heranwachsenden quasi über Nacht ihren nächsten Geburtstagswunsch diktierte: ein Skateboard, damit man sich bei den Versuchen, Tony Hawk und Co. nachzuahmen, richtig schön auf die Fresse legen konnte. Als ich Tony Hawk's Pro Skater HD startete, kam es mir zumindest vor, wie als wenn es gestern gewesen wäre. Nein, nicht weil ich den Boden immer noch genauso gut mit meinem Gesicht poliere! Aber es war als ob ich niemals aufgehört hätte, Tony Hawk zu spielen -- meine Finger bewegten sich automatisch, einem Sprung über eine Rampe inklusive Kickflip folgte ein Manual und ein Grind über eine Kante, der Highscore schoss nur so in die Höhe. Schon nach den ersten zwei Minuten stand fest: das hier ist wirklich Tony Hawk, mit allem, was die alten Teile gut beziehungsweise schlecht gemacht hat.

Denn das Gameplay wurde nicht angerührt, sämtliche Neuerungen nach dem zweiten Teil fehlen. Ihr werdet also weder vom Skateboard steigen können noch in großen, open-world-mäßigen Arealen auf Missionsjagd gehen. Was ihr aber könnt, ist in kurzen, zwei-minütigen Runden über eines von sieben klassischen Tony Hawk Leveln zu skaten, um die typischen Aufgaben zu erfüllen: die Buchstaben SKATE einsammeln, Highscores knacken, bestimmte Tricks an bestimmten Orten ausführen und natürlich die versteckten Kassetten DVDs suchen.


Die Beschränkung auf zwei Minuten ist dabei natürlich bewusst gewählt, denn es ist nur schwer möglich alle Aufgaben in diesem knappen Zeitraum zu lösen, geschweige denn die Level komplett zu erforschen. Also ist man gezwungen, es einige Male zu probieren, natürlich auch oftmals damit verbunden, dass man knapp scheitern wird. Und das ist der Clou: denn durch die Kürze der Spielsessions fällt es THPS sehr leicht einen zu überreden, es noch mal zu probieren. Und gerade wenn man nur ein paar tausend Punkte vom Highscore entfernt war, drückt sich der Retry-Knopf fast wie von selbst. Das ist fies, denn wenn man realisiert, dass auch solche kurzen Runden sich aufsummieren können, sind meist schon Stunden rum und man persönlich ist vollkommen der Sucht verfallen.

Doch die Begeisterung, die die Spielmechanik noch immer auszulösen vermag, sorgt dafür, dass man erst auf den zweiten Blick das massive grafische Update bemerkt. HD ans Ende eines Spieles geklatscht bedeut ja mittlerweile höhere Auflösung und ansonsten dieselbe Gammelgrafik wie zu Opas Zeiten. Nicht so bei THPS HD, wo alle Level und Animationen grafisch auch wirklich auf den jetzigen Stand der Technik gebracht worden sind. Altbekannte Skate-Locations bieten neue Details, die Kleidung der Trendsportler bewegt sich realistisch, während ihr durch die Gegend rollt, und Tony Hawk sieht mit seinen nun über 40 Jahren einfach nur noch alt aus.


Doch so wichtig -- und gern gesehen -- diese massive Verbesserung der Grafik ist, bei der Musik haben Fans seit der Ankündigung die Daumen gedrückt und tägliche Stoßgebete gen Himmel geschickt, dass sich bloß nichts ändert. Immerhin, ähnlich wie bei Crazy Taxi, war der geniale Soundtrack eines der Hauptmerkmale von THPS. Dieser Wunsch wurde leider nur teilweise erfüllt.
Sieben Songs aus dem Soundtrack des ersten und zweiten Teils machen ein Comeback, angereichert mit sieben komplett neuen Stücken. Es ist ein bisschen schade, denn gerade der zweite Teil bot weit mehr gute Songs, die man als nostalgischer Fan gerne wiedergehört hätte. Lieder wie Guerilla Radio von Rage Against The Machine und Blood Brothers von Papa Roach werden schmerzlich vermisst. Die neue Hälfte des Soundtracks hingegen ist vernachlässigungswürdig. Bei dem Wahn, an allen anderen Ecken und Enden bloß nichts zu verändern, ist es schade, dass man sich ausgerechnet hier an was Neues gewagt hat.


Und dafür, dass THPS HD so gut wie keine Neuerungen bietet, ist auch der Gesamtumfang an klassichen Inhalten etwas gering. Die sieben Level, allesamt gut gewählt, sind weniger als nur ein Tony-Hawk-Teil normalerweise enthält, und Features wie einen Charakter- oder Streckeneditor sucht man ebenfalls vergebens. Gerade Letzteres wäre in der Onlinezeit ein Selbstläufer gewesen und hätte durch die Community für stundenlange Unterhaltung gesorgt.
Aber Activision nimmt sich der Level-Problematik zumindest an: der kostenpflichtige DLC, der mehr Spielumgebungen nachreichen wird, wurde schon lange vor Release angekündigt.


Kurios auch der Multiplayer-Aspekt. Man kann zwar online spielen, was damals nicht ging, aber dafür fällt lokales Spielen weg, was in den alten Teilen noch fester Bestandteil war. Diesem Online-Fokus wegen musste auch einer der populärsten Multiplayermodi weichen: Horse. Das Potenzial hier allerlei Schimpfwörter zu diktieren, hat wohl dafür gesorgt, dass man statt eines Wortfilters einfach komplett darauf verzichtete. Dennoch sind auch die übrig gebliebenen Spielmodi spaßig genug und der Online-Modus funktioniert auch soweit problem- und laglos, dass es sich lohnt, hier ein paar Stunden zu investieren.

Tony Hawk's Pro Skater HD lebt und fällt mit der Nostalgie. Jeder, der sich Ende der 90er plötzlich zum Skating-Fanatiker mutiert sah, nachdem er auf den alten Konsolen die ein oder andere zweiminütige Runde gedreht hatte, wird sich mit diesem Best-of-Spiel einige schöne Stunden machen können. Der Umfang ist zwar teilweise etwas mickrig, aber die Inhalte, die im Spiel sind, begeistern noch genauso wie zur Jahrtausendwende. Ob es ausreichen wird, die Tony-Hawk-Reihe, die seit dem Skateboard-Peripherie-Desaster schon als tot galt, wiederzubeleben, muss sich zeigen. Komplette Neulinge dürften sich von dem veralteten Gameplay womöglich abgeschreckt fühlen, vor allem wenn sie EAs Skate-Spiele angetestet haben. Aber alte Fans, egal ob sie nur was suchen, um gelegentlich mal zwei Minuten zu töten, oder endlich auch mal online zeigen wollen, wer der Gott auf dem vierrolligen Brett ist, können bedenkenlos zuschlagen. Evil

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06. April 2020 um 13:37 Uhr
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