Gravity Rush

(Artikel)
Rian Voß, 18. Juni 2012

Gravity Rush

Fliegende Mädchen in der Altstadt

Schon als ich während der Gamescom 2011 zum ersten Mal eine PS Vita in die Hände nehmen konnte, war ich von dem System angetan. Doch auch wenn viele große und kleine Titel, die zum Anspielen freistanden, entweder mit Namen, ein paar netten Ideen oder dem üblichen Konsolen-Launch-Techdemo-Scheiß zu locken versuchten, hat mich vor allem ein Spiel interessiert: Gravity Rush. Dieser Open-World-Herumflieg-Plattform-Hybrid mit künstlerischer Animegrafik inklusive Story sah nicht so aus, als würde er es kampflos von Japan bis nach Europa schaffen, geschweige denn irgendwo in der Nähe des Release-Zeitraums erscheinen. Aber allem Anschein zum Trotz ist Gravity Rush hier. Und mein erster Eindruck wurde übertroffen.


Mit dem "Herumfliegen" habe ich ein bisschen gelogen, denn in diesem Spiel dreht sich in Wirklichkeit alles ums Fallen. So begegnet uns auch die gedächtnislose Protagonistin Kat zum ersten Mal in dem Moment, wo sie nach einem ziemlich hohen Sturz auf dem Boden der freischwebenden Stadt Hekseville aufschlägt - vollkommen unverletzt. Wie sich schnell herausstellt, hat Kat besondere Kräfte, die von einer wabernden Katze, die sie auf Schritt und Tritt begleitet, herrühren und die es ihr ermöglichen, ihre persönliche Schwerkraft zu ändern. Das bedeutet: Knopf drücken, zielen, FEUER! Auf diese Weise prallt man gegen Häuserwände, die man dann hinauflaufen kann, unterfliegt herumhängende Eisenbahnschienen oder, solange die sich wiederaufladende Energieleiste noch reicht, wechselt mitten im Flug die Richtung über den Dächern. Die Kontrolle geht dabei sehr leicht von der Hand: Nachdem der Kurs gesetzt ist, fliegt Kat immer in gerader Linie und der linke Analog-Stick hat nur einen geringen Einfluss auf die Flugbahn. So kann man sich während einer langen Strecke auch gerne mal umgucken, um die handgebastelten, abwechslungsreichen Bezirke von Hekseville aus der Luft unter die Lupe zu nehmen. Allein bei eng gebauten Straßen oder späteren, sehr dunklen Gebieten wird der kleine Bildschirm der Vita ein wenig zur Last, ansonsten ist aber die Steuerung über den integrierten Gyro, den rechten Analogstick oder eine beliebige Kombination zwischen den beiden zur Zielkontrolle durchaus vortrefflich gelungen. Selbst bei verwirrenden Flügen durch Schächte und Tunnel verliert man nur selten den Überblick, weil Kats Haare samt Kleidung immer in Richtung der originalen Erdanziehungskraft zeigen. Logisch? Nein. Nützlich? Japp.


Aber was soll das Ganze eigentlich? Nur durch die Luft zu sausen ist ja schließlich langweilig. Was? Nein, Schwachsinn, es ist toll! Aber gut, man will ja doch ein bisschen mehr für sein Geld. In diesem Fall ist Hekseville bei Spielbeginn noch lange nicht vollständig: Wegen Schwerkraftsstürmen sind drei weitere Stadtgebiete abhanden gekommen und nach einiger Zeit läuft Kat dem selbsternannten Schöpfer der Welt über den Weg, der ihr bei der Wiederherstellung hilft. Terranigma-Style! Auf dem Weg dorthin begegnet der Blondschopf allerdings schon einigen abstrusen Charakteren, eine Nebenstory mit einem Meisterdieb und einer Rivalen-Gravitations-Shifterin wird aufgetan und selbst nach vielen Stunden der Spielzeit ist alles noch genauso ominös wie im ersten Moment, wenn nicht ominöser!
Um aber ein bisschen Zeit zwischen den Story-Events zu schinden gibt es vollkommen optionale Challenges. Natürlich muss man sie trotzdem machen, weil sie der größte Quell an Erfahrungspunkten sind, aber das macht nichts, weil diese Herausforderungen gut gelungen daherkommen. Hier muss man mal Zivilisten mit einem Stase-Feld aus einem Gefahrenbereich fliegen, dort eine ganze Schwadron Monster zerkloppen oder, mein Lieblings-Ereignis, Rennen bestreiten. Die Rennen sind dabei sehr cool rübergebracht, vor allem sobald der Gravity Slide verbaut wird: Während man zwei Daumen auf dem Touchscreen hält, kann man durch Kippen der Vita Kats Rutschrichtung ändern und so auf eine absurde Weise Gebäude hochrutschen und Tunnelsysteme in einer 360°-Drehung überwinden. Und je mehr Challenges man schafft, desto stärker wird man, desto besser schafft man die Challenges. Gegen Ende des Spiels fühlt man sich wie Superman, der sich auch wirklich seine Kräfte verdient hat und mit einem gezielten Gravity-Kick jeden Schwachpunkt-Kristall an den bösen, schwarzen Schleimkreaturen zertreten kann. Allein das Fehlen eines Neustart-Knopfes in Verbindung mit recht langen Ladezeiten drückt ein wenig die Stimmung.

Doch selbst im Detail hat Gravity Rush eine Menge zu bieten: Hebt man von der Stelle ab, reißt man ab und zu verwunderte Bürger mit, die dann in der Ferne gegen einen Kaminschlot klatschen. Genauso passen alle sonstigen Animationen (durch zu starken Aufprall zerberstende Wände und ab und an gelungene Zehn-Punkte- sowie lustige Bruchlandungen) sehr gut zu Kats Persönlichkeit, die in ihrem Heldentum komplett aufgeht, aber trotzdem manchmal doch unabsichtlich mehr Schaden anrichtet als dass sie Nutzen bringt. Ist das noch nicht genug fürs Auge, dann kann man sich auf ein paar nette, interaktive Comics zwischen den einzelnen Kapiteln freuen, die von Zeit zu Zeit von einer Phantasiesprache begleitet werden, welche mich zuerst an Französisch, später an Panzerese erinnerte. Und damit war ich wahrscheinlich gar nicht so weit ab vom Schuss, denn die ganze mystisch-abstrakte Art Direction vom steampunkigen Hekseville erinnerte mich unweigerlich an Panzer Dragoon Orta. Was vollkommen okay ist! Passt ja letztendlich auch zur beigesteuerten Musik, welche eine Qualität und den Stil von Ghibli-Filmthemen aufweist.


Gravity Rush ist, trotz des bisher schon sehr soliden PS-Vita-Angebots, als erster Nischentitel sehr schnell an Platz 1 meiner System-Charts geschossen. Die Implementierungen der PS-Vita-Features sind sinnig, Stil und Grafik vollkommen verführerisch, den Soundtrack würde ich am liebsten sofort kaufen, die Geschichte ist unerwartet vielschichtig (trotz eines fiesen Cliffhangers - Hallo, Gravity Rush 2!), die Missionen unterhaltsam und die Steuerung ist, in 95% aller Fälle, der pure Genuss. Wer nicht gerade von Kulleraugen Hautausschlag bekommt, der sollte dieses Spiel nicht verpassen. Rian

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08. Dezember 2019 um 00:01 Uhr
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RELEASE
13. Juni 2012
PLATTFORM
PS Vita
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