Trails in the Sky

(Artikel)
Haris Odobaši?, 23. April 2012

Trails in the Sky

Jetzt neu: ohne TitS-Witze!

Es wurde Nacht, dann Tag und dann wieder Nacht. Schließlich ging ich schlafen. Nicht etwa, weil ich müde war, aber die Vernunft meldete sich und meinte, dass es nützlich wäre meinem Körper noch in diesem Monat eine Ruhepause zu gönnen. Zudem hatte sich meine Vita gegen mich verschworen und wollte, zum 5. oder 6. mal während dieses Marathons, an den Strom gestöpselt werden. Am Ende hatte ich von gut 40 Stunden Schlaflosigkeit an die 25 in Trails in the Sky investiert.
Und dabei fing alles so harmlos an: ich wollte nur schauen, was die Ys-Macher Falcom Corporation noch so für Spiele entwickelt hatten und fand mich plötzlich in diesem epischen Abenteuer wieder.

Um dieses Review auch für pubertäre Jugendliche lesbar zu machen, wird Trails in the Sky nicht mit TitS, sondern mit Trails abgekürzt.
In Trails begleitet ihr das Geschwisterpaar Estelle und Joshua Bright auf ihrem Weg, vollwertige Bracer zu werden. Bracer sind dabei in der Welt von Trails und im Königreich Liberl, in dem die Geschichte spielt, eine Art moderne Ritter, die dem Volk helfen, wo es nur geht. Dabei ist kein Bracer bekannter als Estelles Vater Cassius, von dem sie eine Menge Talent geerbt hat, das sie aufgrund ihrer Unreife und der Tendenz, etwas hitzköpfig zu werden, nicht immer ganz ausschöpfen kann. Joshua ist da das ziemliche Gegenteil, nicht nur von der Persönlichkeit sondern auch vom Aussehen her. Er ist nämlich im Alter von 11 Jahren nur von Cassius adoptiert worden.


Mit 16 stehen die Beiden nun vor der Prüfung, um als Junior-Mitglieder in die Bracer-Gilde aufgenommen zu werden, mit dem Ziel vor Augen irgendwann ein prachtvoller Teil der Organisation zu werden. Doch auf dem Weg, sich an den jeweiligen Gilden-Standorten im liberlschen Königreich als würdig zu erweisen, werden die beiden auf das Mysterium eines verschollenen Luftschiffes angesetzt. Bald stellt sich jedoch heraus, dass dieses Verschwinden in ungeahnte Geheimnisse gewoben ist, und Estelle und Joshua werden in eine Verschwörung verwickelt, die das Potential hat das Königreich in die Knie zu zwingen.

Im Aufbau der Geschichte lässt sich Trails in the Sky Zeit. Viel Zeit. Wer der Meinung ist, dass Storysequenzen, die länger als eine Minute dauern, ein Verbrechen an der Menschheit sind, sollte klar Abstand halten, denn textintensive Gespräche machen gut ein Drittel des Spiels aus. Diese Langsamkeit ist vor allem darin ersichtlich, dass das Spiel in fünf Kapitel unterteilt ist, die zwar alle miteinander verbunden sind, aber jedes Kapitel für sich erzählt eine alleinstehende Geschichte. In einem Kapitel hat man zum Beispiel einen Vermisstenfall zu lösen, in einem anderen kommt man korrupten Politikern auf die Spur. Erst nach und nach finden sich immer mehr Hinweise, die auf das große Finale hindeuten.


Was für den ein oder anderen wie ein Rezept für große Langweile klingt, fesselte mich auch nach fast zwei durchgemachten Tagen an den Handheld. Der primäre Schuldige in diesem Fall: die wunderbar geschriebenen Dialoge. Gerade weil sich Trails genug Zeit nimmt, auf jeden Charakter einzeln einzugehen, wachsen die Figuren dem Spieler schnell ans Herz, was dazu führt, dass man die Gespräche, die kleinen Streitereien, Sticheleien und Witzeleien unter den Protagonisten mehr und mehr genießen kann.
Einer meiner liebsten Charaktere ist der flamboyante Barde Olivier, der so eingebildet ist, dass er meint für niemanden unwiderstehlich zu sein -- und auch prompt versucht sich an alle hübschen Wesen ungeachtet ihres Geschlechts ranzuschmeißen. Jede Zeile aus seinem Mund ist ein garantierter Lacher

Aber Trails ist natürlich keine Visual Novel, weswegen in den weiteren zwei Dritteln des Spiels Kämpfe und der RPG-Aspekt nicht zu kurz kommen. Schon das Kampfsystem ist ein interessanter Mix aus Strategie und üblicher RPG-Kost, denn ganz wie in den taktischeren Vertretern der RPG-Zunft stehen eure Figuren nicht starr auf einem Fleck, sondern können sich über das 17 mal 17 Felder große Kampfgebiet bewegen. Da Attacken in der Regel eine Reichweite haben und es beispielsweise auch solche Späße wie Flächenangriffe gibt, kann es durchaus von Nutzen sein, die Party ein bisschen strampeln zu lassen. Dabei wird das Spiel aber niemals so übertrieben kompliziert wie Disgaea oder Tactics Ogre -- umzingelt ihr einen Gegner mit euren Figuren, bringt das beispielsweise keine Boni.

Den letzten Kick erhält das Kampfsystem aber noch dadurch, dass man die Zugreihenfolge der einzelnen Figuren beeinflussen kann. Auf der linken Seite des Bildschirms befindet sich eine kleine Box, die anzeigt, welche Charaktere, eure und natürlich die der Feinde, als nächstes dran sind. Per Schnelligkeitszauber oder lähmenden Angriffen kann man diese Reihenfolge etwas durcheinanderwürfeln, was an sich schon praktisch ist. Richtig nützlich wird diese Möglichkeit aber dadurch, dass manche Kampfrunden mit einem Bonus versehen sind, der auch angezeigt wird. Das kann eine kleine HP-Heilung sein, aber auch ein garantierter kritischer Treffer. Tötet ihr nun zum Beispiel einen Gegner, der in so einer Bonus-Runde dran wäre, ehe sein Zug gekommen ist, rutscht ein Charakter auf diesen Platz nach. Gerade in späteren Spielverlauf kann man also durch schlaues Beobachten der Kampfreihenfolge so manchen knackigen Bosskampf etwas erleichtern.

Außerhalb des Kampfsystems hat Trails aber auch noch die ein oder andere coole Idee. So könnt ihr zwar bei der Charakterentwicklung keinen großen Einfluß nehmen, dafür aber umso mehr bei den magischen Fähigkeiten eurer Protagonisten. Das Herzstück dabei sind die sogenannten Orbments, spezielle Gadgets, die mit dem Auffüllen von magischen Kristallen, Quartz genannt, Kräfte erhalten. Jeder Charakter hat eines und kann die bis zu sechs Slots mit Quartz belegen. Diese Steinchen wirken einerseits wie genre-übliche Accessoires, geben zum Beispiel kleine Boni auf die Charakterwerte, andererseits bestimmen sie aber auch welche Magie ihr einsetzen könnt. Wer einen roten Quartz in sein Orbment packt, hat nicht nur mehr Kraft beim Zuhauen, sondern darf sich auch an leichter Feuermagie erfreuen. Wer nun aber noch ein grünes und orangenes Quartz hinzufügt, darf sich nicht nur an den zu diesem Element gehörigen Zaubern gütlich tun, sondern schaltet auch plötzlich flächendeckende Flammenzauber frei.


Knapp 50 Zauber und ebenso viele Quartz sorgen für eine große Anzahl an Kombinationsmöglichkeiten und die perfekte Belegung der Orbments der bis zu vier Charaktere, die ihr in der Party haben könnt, regen durchaus zum Grübeln an. Und natürlich stellen sich ganz besondere Glückshormone ein, wenn man im späteren Verlauf mächtigere Quartz freischaltet, die eine höhere magische Wertigkeit haben und es euch dadurch ermöglichen, stärkere Zauber freizuschalten.
Es ist nur etwas schade, dass eigentlich alle wichtigen Mechaniken von Anfang an verfügbar sind. Die Kämpfe werden zwar anspruchsvoller, aber die Gameplaykniffe, die ihr in den ersten fünf Stunden verinnerlicht, müssen bis ans Spielende reichen.

Folgt ihr mal nicht der Hauptquest, dürft ihr für die jeweils lokale Bracer-Gilde Aufträge zu erledigen. Diese werden meist von normalen Bürgern gestellt, die Hilfe bei alltäglichen Dingen haben wollen wie der Überbringung eines Liebesbriefes, aber auch mal mit ungewöhnlicheren Anfragen wie dem Aushelfer bei der Dekoration für ein Schulfestival oder dem Austesten eines Turnschuhprototyps. Richtig nervige Nebenmissionen gibt es nur selten -- manchmal wird man etwas zu arg zum Backtracking gezwungen -- und die Belohnungen sind meistens auch sehr gut, weswegen es durchaus empfehlenswert ist so viele wie möglich davon zu erledigen. Und wer ganz aufmerksam ist, entdeckt sogar die ein oder andere versteckte Mission.


Eine kleine Auswahl dessen, was euch leere Schatzkisten noch so mitzuteilen haben: "The chest is empty... because of you. Nice work, hero." "I AM ERROR." "<Insert treasure here>" "The chest is empty? Madness! Madness? MADNESS!"
Extrem positiv fällt die Liebe zum Detail auf, mit der die Entwickler hier an teilweise absolute Kleinigkeiten rangegangen sind. Fast alle NPCs haben Namen und ein paar Persönlichkeitszüge, die durch regelmäßige Dialogwechsel ausgearbeitet werden. So ziemlich nach jedem kleineren und größerem Ereignis im Spiel hat nämlich fast jeder Charakter was Neues zu sagen -- das lässt diese passiven Figuren überraschend lebendig wirken im Vergleich zu anderen J-RPGs.
Aber auch die Übersetzter haben ihren Job extrem gut gemacht, denn nicht nur die Qualität der Lokalisierung ist hochklassig, an manchen Stellen hat sich das Team von XSEED sogar erlaubt, seine Kreativität ein bisschen spielen zu lassen: in der japanischen Version erhaltet ihr beim nochmaligen Durchsuchen einer leeren Kiste nur eine Standard-Nachricht, die diesen Zustand nochmal bestätigt. In der englischen Version hat aber fast jede verdammte Kiste statt dieses 08/15-Satzes eine individuelle, kleine Nachricht gezimmert bekommen, die zudem in den meisten Fällen verdammt lustig ist.

Da das Spiel schon Anfang 2004 auf dem PC erschienen ist, sieht man der Grafik, die 3D-Umgebungen mit zweidimensionalen Sprites kombiniert, ihr Alter etwas an. Hier und da wird's etwas pixeliger, Animationen könnten besser aussehen. Dafür sind die Zaubereffekt aber ganz ansehnlich.
Im Bereich des Sounds lässt Falcom, wie man es gewohnt ist, nichts anbrennen. Angesichts der schieren Menge an Text wäre eine Synchronisation wohl absolute Utopie, weswegen es nur kurze Sprachfetzen während der Kämpfe zu hören gibt, die aber, wie allgemein alle Geräusche, ziemlich gut klingen und einem zumindest ermöglichen sich beim Lesen vorzustellen, wie die Charaktere sprechen würden.
Die Musik steht im krassen Gegensatz zum Progressive Rock der Ys-Serie. Trails kommt mit sanften, eingängigen Melodien an mit Verzicht auf schreiende Gitarren und ausufernde Keyboard-Teppiche, doch der gewählte Musikstil passt zum leichtherzigen Stil des Spiels und manche Songs haben richtigen Ohrwurmcharakter.


Den Entwicklern ist dabei der glanzvolle Spagat gelungen, in den knapp 50 Stunden Spielzeit eine tolle Geschichte zu erzählen, die in sich abgeschlossen ist, gleichzeitig aber genug Vorarbeit zu leisten, dass man am Ende des Spiels am liebsten sofort den Nachfolger, der mehr als doppelt so umfangreich ist, nachschmeißen würde. Würde nur die Übersetzung nicht so lange dauern! Wenigstens wird man aber den Spielstand aus Trails in the Sky in den Nachfolger übernehmen können.

Ich hatte erst lange mit dem Kauf gezögert, war Trails doch nicht der allgemeinen Reduzierungswelle, die uns solch großartige Spiele wie Ys Seven und Ys: The Oath in Felghana für 10€ brachte, zum Opfer gefallen. Der Preis beträgt stolze 35€. Am Ende habe ich aber keinem Cent nachgeweint. Trails in the Sky ist eine wunderschöne Erinnerung an die Zeit, als J-RPGs nicht nur eine bloße Aneinanderreihung von Klischees gepaart mit schrecklichem Charakterdesign waren. Ein Ensemble aus ausschließlich liebenswerten Charakteren und eine wunderschöne Geschichte über Freundschaft, Abenteuer und das Erwachsenwerden sind das Glanzsstück, welches von einem durchdachten Kampfsystem gut unterstützt wird. Es ist schade, dass das Spiel erst so spät nach Europa kam, denn als Fan von Rollenspiele kann man auf Handhelds kaum was Besseres erwischen. Evil

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19. November 2019 um 07:25 Uhr
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RELEASE
28. Oktober 2011
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

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