Corpse Party

(Artikel)
Rian Voß, 24. Februar 2012

Corpse Party

Rian verkriecht sich unter der Bettdecke

Es gibt doch nichts Ulkigeres, als einem Angsthasen dabei zuzugucken wie er ein Horrorspiel spielt, nicht wahr? Nicht wahr? HahahahaSCHNAUZE. Verzeihung. Was ich damit sagen will, ist: Nachdem ich mich vor kurzem mutwillig in den Bereich der klassischen, japanischen Horrorspiele mit Clock Tower geschleudert habe, nimmt nun der nicht enden wollende Versuch, mich selbst um den Verstand zu bringen, mit Corpse Party für die PSP seinen weiteren Lauf. Stichwort laufen: Während des Spielens lief bei mir auch etwas. Könnt ihr erraten, was es war? Tipp: Nicht die Nase...


Denn es ist ja wie es ist: Ich kann Horrorspielen nichts abgewinnen. Ich quäle mich irgendwie hindurch, aber diese Erkenntnis, dass etwas "schaurig schön" war, bleibt mir vollkommen verschlossen. Was ich aber nach einem Horrortrip bekomme, sind paranoide Wahnvorstellungen. Inzwischen würde ich ja sogar lieber mit zurückgezogenem Vorhang duschen, damit niemand Psycho-artig die Plastikgardine zurückreißt und mich mit einem Küchenmesser erdolcht, während ich mich einseife. Aber da hat der Rest des Haushalts irrationalerweise etwas dagegen.
Nichtsdestotrotz wirkte Corpse Party auf mich sympathisch - schöne, gewohnte 2D-Isometrieansicht, die man aus jedem x-beliebigen SNES-RPG kennt, ein paar Animecharaktere, schöne Musik und ein Name, der eher nach dem gemütlichen Dienstagabend-Zombieslasher klingt. So gruselig wird's also schon nicht sein, hohoho. Tjaaaaa.

Corpse Party ist wohl das bisher verstörendste, gruseligste Horrorspiel meiner Laufbahn (wenn man mal den Anfang von Silent Hill 2 herausrechnet). Die Prämisse ist folgende: sieben Schulfreunde treffen sich nachts in ihrer High School, um sich Gespenstergeschichten zu erzählen. Als die Lehrerin auf den Plan tritt, um die Gören endlich heimzuschicken, kommt noch die kleine Schwester eines Protagonisten dazu, um ihn abzuholen. Eigentlich wollten nun alle aufbrechen, aber ein Mädchen muss natürlich noch so eine Art Papiervoodoopuppe aus der Tasche holen und überredet alle dazu, diese Puppe bei einem "Freundschafts"-Ritual in neun Teile zu reißen. Ein Erdbeben lässt die Wände erzittern, der Boden reißt ein und kurz darauf findet sich die Gruppe zersprengt und verängstigt in einer von Geistern heimgesuchten Grundschule wieder, die in den Siebzigern wegen einer Mordserie geschlossen wurde. Grundschule. Super.

Bereits die ersten paar Schritte aus der Perspektive von den Mädchen Seiko und Naomi geben die Manege frei für alle Spieler mit einem morbiden Entdeckertrieb: mehrere Richtungen sind geöffnet und viele Dinge sind untersuchbar, aber nach einer gewissen Zeit bekommt man das Gefühl, dass es besser ist weniger zu wissen. Meine erste WTFCREEPY-Erfahrung machte ich nach keinen zehn Sekunden, indem ich eine geschlossene Glasvitrine untersuchte, die anscheinend bis zum Rand mit schwarzen Haaren vollgestopft war. "Ok", dachte ich mir. "Noch mal untersuchen, vielleicht kommt noch eine andere Nachr--WASZUM" Ich sah ein Gesicht in den Haaren! Ich war natürlich zu dem Zeitpunkt am Text-Durchdrücken-Modus, so dass das Bild nur einen Sekundenbruchteil zu sehen war und ich dachte mir: "Du fängst schon an zu spinnen!" Beim dritten und vierten Blick war anscheinend wieder alles normal...

Aber irgendwann muss man ja mal das Klassenzimmer verlassen. Also herumstöbern. Man stolpert natürlich sehr schnell über die erste Leiche, was einen normalerweise auf einem so kleinen Bildschirm nicht beeindrucken würde, aber mit Kopfhörern im Ohr und der fantastisch guten Soundkulisse, die die japanischen Sprecher und die feinfühlig eingestellten Richtungen, aus denen die Klänge ertönen, erschaffen, wird jedes erschreckende Erlebnis unserer Hauptcharaktere unter der erdrückenden Last der hervorragend arrangierten Hintergrundmusik direkt in unser emotionales Verständnis kopiert.

Aufgrund dieser gut geschaffenen Bindung möchte man natürlich seine Schützlinge mit heiler Haut aus diesem Labyrinth des Schreckens herausführen, aber die über eine Zeitspanne von 30 Jahren hinterlassenen Nachrichten ähnlicher Opfer zeichnen kein gutes Bild. Und seien wir mal ehrlich: Neun Protagonisten unterhält nicht mal ein besonders ambitionierter Slasherfilm, ganz zu schweigen von neun Überlebenden. Bereitet euch also darauf vor, dass hin und wieder jemand, den ihr nicht gerne gehen sehen wollt, das Zeitliche segnet.
Auf welche Art und ob überhaupt das geschieht, liegt allerdings gänzlich in eurer Hand! Es gibt Ereignisse, die sind unumgänglich. Wie gesagt: Zu viele Startpersonen. Allerdings ist es durchaus möglich, durch richtige Entscheidungen und gewissenhaftes Durchsuchen des Gemäuers das Schicksal der Schüler zum Besseren zu wenden. Oder zum Schlechteren. Was natürlich viel wahrscheinlicher ist. Viele andere Möglichkeiten als diese hat man auch eigentlich nicht, um auf das Spielgeschehen Einfluss auszuüben. Man darf sich keinen Illusionen hingeben: Wir haben es hier mit dem Übernatürlichen zu tun. Nur Idioten versuchen auf Geister loszugehen. Wer es dennoch versucht, wird es wohl oder übel mit einem Wrong End zu tun bekommen, bei dem entweder jemandem unter expliziter Beschreibung mit einer stumpfen Schere ein Augapfel herausgetrennt oder bei dem man mit anhören muss wie ein Schüler lebendig begraben wird.

Und glaubt mal bloß nicht, dass hier irgendjemand irgendwas mit Würde nimmt oder dass irgendwelche Tabus intakt bleiben. Es wird sichtbar gekotzt, geweint, geschrien, erhängt und zerschmettert. Bekommt das kleine Kind, das immer am Rockzipfel seines Bruders hängt, Traumata-Immunität? Keineswegs. Ich sage nicht, dass sie stirbt. Vielleicht stirbt sie. Aber (seelisch oder körperlich) unbeschadet kommt sie auf keinen Fall davon.

Es gibt eigentlich nur zwei Dinge an Corpse Party, die mich sachte störten: Zum einen wäre da dieses Unding, dass man bereits gesehene Textpassagen nicht überspringen darf. Läuft man also demselben Übel zweimal ins Messer, was zu bereits einverleibten Wrong Ends führt, muss man sich den ganzen Kram noch einmal angucken. Da spielt dann das andere mit hinein: einige Entscheidungen sind einfach nur fies und führen zu unerwarteten Ergebnissen. An einer Stelle musste man, angelehnt an Clock Tower, fliehen und sich verstecken. Schlüpft man in das falsche Zimmer, schließt hinter einem die Tür, ein Geist erscheint und man kann solange vor ihm auf dem kleinen Raum weglaufen, wie man will - das schlechte Ende ist unausweichlich. Dem gegenüber stehen leider auch eine Menge Entscheidungen, die zwar übel aussehen, aber keine rechte Tragweite entwickeln. Ein Beispiel, was beim ersten Durchgang auf mich starken Eindruck hinterlassen hat, beim zweiten aber ein wenig ernüchternd war:
Ich betrat ein Zimmer mit einer Leiche und einer Zeitung am Boden. Da man bei Leichen ja nie so recht weiß, entschied ich mich für's Papier und las Genaueres über die einstigen Mordfälle. Prompt schlugen sämtliche Türen zu. Ich ging zur Leiche und las: "Anscheinend hat sich unter Schmerzen vor ihrem Tod etwas in den Boden gekratzt: 'Was auch immer du tust, LIES NICHT DIE ZEITUNG!'" ...fuck. Nach wenigen Momenten öffneten sich die Türen aber vollkommen konsequenzenfrei und ich bin mit dem Schrecken davongekommen.

Corpse Party verpasste mir beim Spielen durchgängig eine Gänsehaut. Meine Körpertemperatur ist wortwörtlich so sehr in den Keller gefallen, dass ich zu frieren begann. Ich will nicht sagen, dass die Schreckparade für hartgesottenere Gemüter dieselben Tiefen bereithält wie für meinereiner, aber selbst Veteranen des Psychoterrors sollten an der Atmosphäre trotz der simpel gehaltenen Grafiken gerade wegen des exzellenten Soundkulisse schweren Gefallen finden. Rian

Kommentare

Ben
28. Februar 2012 um 18:14 Uhr (#1)
Ich habe letzte Nacht das erste Kapitel zu Ende gespielt und war ziemlich begeistert. Bin mal gespannt, wohin meine Entscheidungen mich führen...
Gast
19. Oktober 2019 um 18:27 Uhr
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