Ms. Splosion Man

(Artikel)
Rian Voß, 16. Februar 2012

Ms. Splosion Man

Wir verwandeln Wissenschaftler in Gulasch

Es war schon an sich eine merkwürdige Idee: "Machen wir doch ein Spiel um einen Kerl, der ständig explodiert, und nennen wir es Splosion Man!" Irgendwie aber auch nicht abwegiger als: "Ok, in diesem Spiel steuert man einen gelben Kreis, der Pillen frisst und vor Geistern flieht." Und was folgte auf Pac-Man? Ja, gut, Pac-Man 3D, aber SCHNAUZE! Verzeihung. Ich meine natürlich Ms. Pac-Man. Der Pac-Man, der eine Schleife im Haar (?) hatte und deswegen eindeutig femininer war. Und jetzt gibt es eben Ms. Splosion Man - samt Schleife. Aber es wäre ja banal, wenn darin der einzige Unterschied zwischen den Spielen bestünde, anstatt dass man Ms. Splosion Man, oh ich weiß nicht, tausend mal umfangreicher gestaltet hat.


Am eigentlichen Spielprinzip hat sich seit dem letzten Spiel von Twisted Pixel Games nicht viel geändert. Warum auch? Nach allen Regeln der Kunst lässt sich Ms. Splosion Man als liebe Schwester von Super Meat Boy bezeichnen: Man versucht von Anfang bis Ende im 2D-Plattform-Stil zu kommen, sammelt pro Level ein optionales Item ein (letztes Mal waren's Torten, die modebewusste Ms. fährt dafür natürlich eher auf Schuhe ab), kann durch Druck der Sprungtaste in der Luft bis zu drei Mal explodieren, um an Höhe zu gewinnen, und ansonsten prallt man munter von Wänden ab und versucht sich die Flamme im Herzen nicht auslöschen zu lassen. Immer mit dabei: Checkpoints!

Was Ms. Splosion Man aber viel größer macht als ihren alten Liebhaber (?), ist, nun, die Größe: Der Singleplayer-Modus allein umfasst 47 Level, für die man schon gut mal acht bis zehn Minuten beim ersten Anlauf aufbringt. Dann kommen erneute Durchgänge dazu, um Punkte für freischaltbare Gimmicks zu erhaschen, oder um an die infamen Schuhe ranzukommen. Ist man damit fertig, hat man bestimmt schon gut zehn Stunden ins Spiel gesteckt. Dann folgt der nicht weniger ergiebige Ko-Op-Modus, in dem man mit einem Freund zusammenarbeitet, sich auf eine Portal-2-ähnliche Art und Weise zu Taktiken verabreden und das Timing von Luftakrobatik- und -Explosionen genauestens aufeinander abstimmen muss. Und dann kann man sich immer noch "Geister" anderer Top-Spieler direkt ins eigene Spiel laden, um zu sehen, wie diese verdammten Bastarde die eigene Zeit immer noch um ein Hundertstel unterschnitten haben. Wenn man allein den Umfang bewertet, ist Ms. Splosion Man schon ein Xbox-Live-Arcade-Spiel, das seinen Preis um ein Vielfaches übertrifft.


Wäre das Gameplay denn irgendwie muffig oder frustrierend, könnte man sich zumindest noch Einwände erheben. Aber das ist es nicht! Die sich durch die Architektur ergebenen Rätsel, bei denen häufig verschiedenartige Schalter in der logisch richtigen Reihenfolge betätigt werden müssen, sind sehr gut zu durchsteuern, sind abwechslungsreich (etwa indem das Gameplay von Winter Bells mit Leichtigkeit oder anderen bekannten Spielen adaptiert wird) und zuweilen knüppelhart. Das führt leider später gerne Mal zum einzigen Designfehler, der vielleicht ein bisschen ärgerlich ist, nämlich dass Ms. Splosion Man sich auf einem Hochgeschwindigkeitsflug befindet, weil sie durch das Explodieren eines grünen Fasses durch sämtliche Himmelszonen befördert wird, und irgendwo während des freien Falls taucht für den Bruchteil einer Sekunde ein weiteres Fass auf, das man hätte erwischen müssen. Vorbei, aus, tot. Bei SMB ist ein schrittweises Vortasten in den meist doch sehr kurzen Levels vertretbar, aber in Ms. Splosion Man darf man oft nach jedem Tod wieder an einer bereits geschafften, einfach zu meisternden Stelle vorbeiwatscheln, bis man wieder zum schwierigen Hänger kommt. Wenn die Kamera ab und an mal ein bisschen weiter herauszoomen würde, wäre es schon sehr hilfreich gewesen. Nichtsdestotrotz hinterlässt das Gros der Level ein durchweg positives "Ich hab's geschafft!"-Gefühl, wenn man durch die Ziellinie moonwalked, vor allem wenn einem dann doch mal eine Sprungkombo auf Anhieb geglückt ist - was wesentlich häufiger geschieht als beim Fleischjungen.
Abgeschlossen wird jedes der Kapitel von einem wirklich schönen Bosskampf, der Ein-Button-Quicktime-Events enthält (was soll die Dame auch tun außer zu explodieren?) und sich an guten Endfights klassischer Plattformer das Beste abguckt.

Von der sehr poppig-pinken Aufmachung sollte man sich übrigens nicht in die Irre führen lassen: Ms. Splosion Man verhüllt unter der zuckersüßen Lackierung einen sehr derben Humor, bei dem sich explodierte Wissenschaftler in einen Haufen Knochen und Steaks verwandeln, bei dem sie in ein Säurebad geschubst werden, bei dem Ms. Splosion Man sich über den Mund in den Magen von weiblichen Forscherinnen stürzt, sie von innen lenkt und dann aus dem Darm herausexplodiert, und bei dem Rollstuhlfahrer als brennende Langstreckengeschosse verwendet werden. Vertuscht wird dieses mörderische Verhalten von Ms. Splosion Mans Persönlichkeit, die der einer Teenie-Tochter der späten Neunzigern entpricht. Naja, und sie ist verrückt, aber das schließt sich ja nicht aus. Die von allem, was die Popkultur so hergibt, besessene Ms. redet mit "Oh mah god, you didn't!? And then I was like..."-Phrasen in ihr imaginäres Handy, singt Britney Spears und zitiert Die Brautprinzessin und Titanic.
Twisted Pixel scheint ohnehin einen ziemlich abgefahrenen Humor zu haben. Was mich am meisten verwirrt hat, war schon das Video zur Grafikengine: BEARD.

Dazu kommen noch einige Tutorialvideos, in denen die Ansagerin anscheinend einen ziemlichen Hals auf die Versuchsperson Debbie hat, eingeleitet von den Worten: "This is Debbie, she's a stupid piece of &"§$"§$"
Ich kann das gar nicht in eigenen Worten erklären, was sich noch so für Absurditäten in diesem Spiel finden, das muss man selbst erlebt haben.

Was letztendlich das ganze Bild ausmacht, ist, dass die vollständige Präsentation von vorne bis hinten stimmt: Der Grafikstil ist einzigartig, die Steuerung ein Traum, der Humor ist lolwhat, an der Masse von Extras können sich andere Entwickler ein Beispiel nehmen, der Spielumfang ist gewaltig und letztendlich ist sogar die Musik ohne Tadel. Der leicht poppige Soundtrack bleibt sofort im Kopf stecken und geht nicht mehr raus. Versprochen.

Ms. Splosion Man ist ein Spiel, das vor zehn Jahren zum Vollpreis in den Läden gestanden hätte und über das man sich heute mit einem nostalgischen Lächeln auf den Lippen zurückerinnern würde. Es wäre so ein Spiel gewesen, das zu den Evergreens einer Generation geworden wäre, das sich das Treppchen mit obskuren Charakteren wie Conker oder den Fahrern aus Crazy Taxi geteilt hätte. Heute ist es leider nur ein verdammt gutes Spiel, das viel mehr Geld wert ist als dass man zum Kauf wirklich aufbringen muss.

...WHERE HAVE ALL THE COWBOYS GO-HOO-HOOOOONE?! Rian

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20. September 2019 um 18:55 Uhr
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