Frozen Synapse

(Artikel)
Rian Voß, 16. Juni 2011

Frozen Synapse

Das taktische Sahnehäubchen fürs Hirn

"Komplex - aber simpel!" Eine Anforderung, die nicht viel Sinn macht, aber die Game-Designer trotzdem tagein, tagaus von ihrem Entwickler-Team und sich selbst fordern und die häufig dazu führt, dass irgendwelche halbgaren Titel doch in irgendein Extrem überschlagen oder nicht mal halbwegs ordentlich funktionieren. Da müssen natürlich erst mal wieder die Indie-Entwickler, diesmal von Mode 7 Games, kommen, und den Großen zeigen, wie man gute, taktisch-strategische Spiele zum Viertel eines AAA-Verkaufspreises aufzieht.

Frozen Synapse kommt so ziemlich jedem Spieler irgendwie bekannt vor - es ist eine Mischung aus Schiffe Versenken, Schach, SWAT oder Rainbow Six und noch einer ganzen Menge anderer Spiele, allerdings so neu (oder zumindest ungewöhnlich), dass sich andere Spieleschmieden in den Hintern beißen und "Warum sind wir nicht dadrauf gekommen?!" schreien sollten. Der Spieler nimmt in-game die Vogelperspektive ein, kommandiert eine kleine Einheit aus gewöhnlich drei bis fünf Figuren in einer abstrakten Virtual Reality-Arena und gibt den Soldaten auf dem Schlachtfeld verschiedene Befehle, welche dann innerhalb der nächsten fünf Spielsekunden ausführen werden. Es lassen sich also für alle Waffenschwinger unter dem eigenen Pantoffel Wegpunkte setzen, die abgelaufen werden, es lässt sich in bestimmte Richtungen zielen, Feinde anvisieren oder man kann sich auch in Deckungen verkriechen. Das Ganze lässt sich beliebig oft durchtesten, damit auch jeder macht, was er soll. So viel zum rundenbasierten Aspekt.
Eigentlich interessant wird es erst, wenn man den bedrohlichen PRIME-Button drückt, denn erst dann beginnt der richtige Tanz. Nun werden nämlich nicht nur die eigenen Züge ausgeführt, denn in der Zwischenzeit hat der Gegner natürlich auch die nächsten fünf Sekunden durchexerziert und nun werden beide Pläne gleichzeitig in den Shaker geschmissen und man darf dabei zusehen, wie bunte Männchen blutend umkippen. Da das Interface, ohne zu überladen, über eine ganze Menge an Befehlsoptionen pro Einheit verfügt und da es verschiedene Einheiten (Maschinengewehr, Shotgun, Raketenwerfer, Granatwerfer, Sniper) mit unterschiedlichen Verhaltensweisen gibt, muss man dem Gegner schon ordentlich ein paar Schritte voraus sein, wenn man den Plan auch nach seinen Wünschen ausgeführt sehen möchte.

Meist ist das aber nicht so. Meist startet man einen Zug und irgendwie klappt das mit der Planung erst nach ein paar Minuten erst zumindest soweit, dass nicht alle Männeken am Ende der nächsten fünf Sekunden ihren letzten Atemzug röcheln. Sehr hilfreich ist da, dass man auch die gegnerischen Figuren in der Ausbaldower-Phase nach eigenem Gutdünken bewegen kann (und sollte), so dass man schlussendlich für alle Eventualitäten eine Antwort auf Lager haben sollte. Und es dauert seine Zeit, bis man mit den hintergründigen Spielmechaniken vertraut wird, denn Frozen Synapse kommt in erster Linie ein defensiv daher: wer seine Truppen kopf- und vor allem deckungslos herumlaufen lässt, der hat bald nur noch einen einzigen, verängstigten Granatenmann, der blind in alle Richtungen feuert, bevor er erlöst wird. Nicht, dass man aus dieser Situation unmöglich herauskäme, denn es gilt: solang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.

Wichtig ist es auch, die Vorzüge und Nachteile der zwei verschiedenen Deckungsarten zu kennen, zu lernen, auf welche Distanz Shotgun-Gegner gefährlich werden, wie große Löcher in Wänden denn Raketen hinterlassen und inwiefern gesprengte Wände noch Einheiten dahinter schützen, wie lange die schweren Kaliber nach einem Schuss laden und vor allem zu bedenken, dass man einen Schussbefehl in Ausführung nur durch das Ableben des jeweiligen Soldaten unterbrechen kann und und und. Es klingt komplexer als es ist und es spielt sich nicht so simpel wie es scheint, aber wenn alles klappt wie geplant, dann fühlt man sich wie das Mastermind und das Dominanzgefühl ist ein reines "MMmmmmmh, aaaaaaaa, ooooooooooh, MMMMMMMH!"

Der Singleplayer-Modus von Frozen Synapse umfasst eine ganz nette Story um eine politisch zerrüttete Welt, in der Menschen sich in quasi-virtuelle Netzwerke einklinken können (ein bisschen wie in Matrix) und hält locker über 15 Stunden stand. Die Missionen sind ganz abwechslungsreich (hier mal alle auslöschen, da mal jemanden beschützen, dort mal erobern) und halten vor allem dadurch, dass die Positionen der Figuren bei keinem Neustart identisch sind, bei der Stange. Die KI macht ihren Job auch nicht übel, läuft selten in offensichtliche Kreuzfeuerzonen rein und weiß, wie man Camper flankiert.

Das wahre Wunder kommt aber erst bei der Online-Komponente zur Geltung, bei der selbst Online-Multiplayer-Muffel wie ich ein paar glänzende Momente erleben dürfen. Erst einmal vorweg, wobei mir absolut die Luft im Halse stecken geblieben ist: Frozen Synapse-Spieler sind geduldig. Sie sind freundlich. Sie sind zuvorkommend, sie unterhalten sich mit einem über Taktiken und ich freue mich darüber, wenn ich alte Spieler für ein Rematch herausfordern kann. Das habe ich bisher bei keinem anderen rundenbasierten (oder echtzeitigem) Spiel erlebt und werde es wahrscheinlich in meinem Leben nie mehr.
Meine Vermutung ist, dass der gute Ton am asynchronen One-on-One-Spielprinzip liegt: man kann quasi unendlich viele Spieler herausfordern und mit ihnen Matches beginnen und man muss keines sofort spielen. Hat man sich einen Zug überlegt und geprimed, schickt man ihn an den Server und sobald der Gegner seinen Zug fertig hat, bekommt man eine Nachricht (in-game und wahlweise auch per E-Mail) und kann sich das Ergebnis angucken. Das wirkt ungemein entspannend! Natürlich kann muss man das Spiel so nicht auf mehrere Tage strecken, sondern kann auch im selben Match bleiben und sich gepflegt mit seinem Gegenüber unterhalten - oft lohnt es sich!


Es gibt mehrere Spielvarianten jenseits vom Deathmatch namens Extermination, etwa Charge, bei dem ein Spieler einen bestimmten Bereich erobern und halten muss, während der andere verteidigt, eine Art King of the Hill, ein VIP und noch mehr, dabei alles in Light oder Dark, was bedeutet, dass man entweder den Gegner immer sieht oder ihn nur erblickt, wenn er auch ins Sichtfeld der eigenen Figuren gekommen ist (was meiner Meinung nach wesentlich mehr Spaß macht, da so die aufmerksamen Spieler die unachtsamen leicht überrumpeln können).
Zum Luxus von automatischer und manueller Spielersuche kommen noch verschiedene andere Online-Goodies hinzu, etwa kann man sämtliche gespielten Matches jedes Spielers jederzeit einsehen, es gibt Tages- und Globalranglisten, Spiele des Tages, es gibt den infamen LIKE-Button, man kann Videos von Matches aufzeichnen und bei Youtube hochladen (leider klappt das automatische Verfahren noch nicht, aber offline speichern und dann selber hochladen geht), es gibt einen umfangreichen Karteneditor und dieser erstellt sogar aufgrund von hochgeladenen PNGs auf eigene Faust Arenen. Auf diese Weise kann man etwa den Flur-Plan eines bekannten Gebäudes mit wenig Arbeit ansatzweise maßstabsgetreu nachstellen.

Frozen Synapse macht eigentlich alles richtig, was nur richtig zu machen geht: umfangreiche Story-Singleplayer-Kampagne, ausgefeilte Multiplayer-Modi mit einem Arsch voller angenehmer Features, genug gutes Karma, um sich eine angenehme Community einzuhandeln und einen Preis von 11,50 Euro (zur Zeit nur als Doppelpack für 23 Euro erhältlich, also müsst ihr mit einem Kumpel halbe-halbe machen). Leider merkt man manchmal noch ein bisschen, dass Mode 7 Games noch am Spiel herumschrauben, weil die Server schon mal aus Wartungszwecken mehrere Stunden offline gehen oder weil das Spiel mal abstürzt, aber hey - den verlorenen Zug kann man schnell wieder neu machen. Kauft euch Frozen Synapse auf alle Fälle und zögert nicht, Rianq oder TheNex herauszufordern. Ich bin auf Server UK7! Rian

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19. November 2019 um 07:23 Uhr
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