Guardian Heroes

(Artikel)
Rian Voß, 05. August 2010

Guardian Heroes

Alte Schule mit Extras

Wir nähern uns langsam dem Ziel, eine vollständige Review-Sammlung zu allen Treasure-Spielen anzufertigen. Langsam. Ganz langsam. Es fehlen noch so viele gute Sachen! Etwa Silhouette Mirage, Radiant Silvergun oder Gunstar Heroes. Oder Guardian Heroes. Und über genau dieses Spiel möchte ich heute referieren, denn das war einer der ganz großen Unbekannten der Saturn-Ära, der eigentlich alles hatte, was man sich wünschen konnte, aber nun mal wirtschaftlich leider auf der falschen Konsole kam - und natürlich theoretisch zu einem falschen Zeitpunkt, denn in einer Generation, die gerade die 3D-Entwicklung als neue Zukunft des Videospiels erklärte, war ein 2D-Beat 'em Up irgendwie fehl am Platz.


In seinem Kern ist Guardian Heroes sehr simpel: Man wählt einen Charakter aus einer bunten Gruppe von Fantasy-Abenteurern, die ein altes, mysteriöses Schwert erbeutet haben, und kämpft sich langsam aber sicher durch die Armeen des Königs sowie, je nach Geschmack, gegen die Mächte des Himmels und der Erde. Wie kommt es, dass diese friedlichen Draufgänger in solch einen Trubel geraten? Nun, Gegenstand des Problems ist eben das gefundene Schwert: Kaum im Guardian Heroes-HQ angekommen, stürmt eine königliche Offizierin rein und warnt die Truppe vor dem Angriff von Soldaten, die das Schwert haben wollen. Viel Zeit für Erklärungen bleibt nicht - die Bude brennt! Nach ein paar kleinen Gefechten finden sich die Kameraden und die Offizierin auf einem alten, königlichen Friedhof zusammen, wo das Schwert auf irgendwas reagiert, zu einem Grabhügel fliegt - und ein ein wenig abgemagerter, Goldener Krieger steigt empor, schnappt sich den Zweihänder und metzelt erst mal fröhlich umher. Zum Glück nicht uns, denn der Schnitter-Verschnitt hört auf's Wort. Hm.
Es stellt sich heraus, dass der goldene Krieger in vergangenen Zeiten wohl schon einmal dem Königreich in großer Not geholfen hat und alle Zeichen deuten daraufhin, dass wieder etwas im Argen liegt: Revolutionäre sammeln sich zusammen, der König ist unbarmherzig, yadda yadda. Wird also Zeit, jemandem auf die Schnauze zu hauen und Level aufzusteigen!


Wie man das Spiel spielt, hängt sehr stark vom Charakter ab, den man gewählt hat, denn die Frage lautet: Magie oder nicht Magie? Es gibt den typischen Kämpfer, der mit Zauberzeug nicht viel anfangen kann - immerhin weiß er, wie man ein paar kleine Feuerbälle schmeißt. Der Ninja hat da schon mehr drauf, ist aber mehr schnell als stark und benutzt sein Ninjutsu eher auf kurze Entfernung. Der Mönch/Zauberer kann zwar mit seinem Stab schon noch was reißen, aber besser ist's dann doch, wenn er höllisch große Blizzards entfesselt. Die Offizierin, nach einmaligem Durchspielen erhältlich, übernimmt dann die Rolle des Paladins, will heißen: Sie kann alles und ist unfair. Oh, und dann ist da noch die Smiley-Magierin. Die ist... anders. Sie kann heilen und Smiley-Regen herbeizaubern oder Smiley-Blitze beschwören. Die Frau sollte man wirklich nur im Ko-Op spielen.
Aber wo wir schon dabei sind: Man sollte allgemein im Ko-Op spielen! Der ist nämlich klasse und utilisiert wunderbar das Drei-Stages-Kampfsystem. Ganz recht, man kämpft nämlich nicht immer nur auf einer Ebene von links nach rechts und draufdraufdrauf, sondern man kann auch auf den Spieler vor dem Bildschirm zu oder von ihm weg springen, um auf einer anderen Ebene zu kämpfen, was neue taktische Möglichkeiten für Menschen und Monster eröffnet - so ist es keine schlechte Idee mit einem Charakter ein riesiges Bossviech in Schach zu halten, während sich der andere drum herumschleicht und ihm in den Rücken fällt. Außerdem sind die mächtigsten Attacken, die Feuer- und Eis-Kamehamehas, nicht sonderlich gefährtenfreundlich, da ist's immer sicherer, sie auf einer anderen Ebene loszulassen.

Aber ob nun Mehrspieler oder nicht, man hat immer den goldenen Krieger an der Seite, der gehörig aufräumt - wenn man es ihm befiehlt. Es gibt mehrere Order, die man an ihn übermitteln kann, etwa dass er immer vorgehen oder folgen soll, dass er die Position halten soll oder in den Berserker-Modus überzugehen hat. Der letztere ist übrigens keine Untertreibung, denn als Berserker macht das Skelett mal locker alle Gegner mit wahnsinnig schnellen Schwerthieben platt und wenn das nicht reicht, lässt er den Bildschirm explodieren. Immer und immer wieder, denn der Krieger ist nicht aufzuhalten und hat auch keine Energieleiste, die runtergehen könnte.
Aber wird dadurch das Spiel nicht zu leicht? Nein, denn was der Krieger killt, wirft keine Erfahrungspunkte mehr ab und es ist übermäßig wichtig, dass man genug Erfahrung sammelt, um nach jedem Abschnitt neue Fähigkeiten auf Stärke, Resistenzen, Gesundheit, Magie und Glück zu verteilen, denn auch wenn der goldene Kumpel nicht sterben kann - man selbst kann es schon und schnell. Und wenn sich auf zwei Dritteln des Spiels ein Troll am Krieger vorbeischummelt (ihr erinnert euch an das Drei-Ebenen-Kampfsystem?) und euren Level 1-Char verprügelt, dann seht ihr aber ganz schön alt aus. Das ist wie mit elektronischen Rollstühlen: Eigentlich sind sie total bequem und nützlich und jeder sollte einen haben, aber am Ende wären alle so fett und wehrlos wie die Leute in Wall-E.


Aber es reicht ja nicht nur, dass das Spiel (geschätzt) siebzig verschiedene Feindtypen hat, die es zu verprügeln gilt, sowie eine abwechslungsreiche Auslese an Kampfstrategien pro Charakter, nein: Treasure musste auch noch zwanzigtausend verschiedene Storypfade einpflegen! Nach vielen Stages hat man Entscheidungsmöglichkeiten, die einen auf andere Pfade führen - und die zuweilen die Story, die Bosskämpfe und die Enden grundlegend ändern. Das ist allerdings auch nur die Spitze des Eisberges, denn abhängig vom Charakter, den man gewählt hat, bringen verschiedene Wege auch Vor- und Nachteile. Nimmt man den Zauberer Randy bei der Hand und führt ihn zu seinem alten Meister, bekommt man einen massiven Stufenboost. Schlägt man mit dem Kämpfer Han eine Kopie des goldenen Kriegers zu Brei, kann man dessen Schwert erhalten, um einen ähnlichen Vorteil zu erhalten.
Fixpunkt eines jeden Spieldurchlaufes ist aber das Treffen mit Kanon, Erzmagier und Berater der königlichen Familie, welcher ein Zeitalter der Magie einläuten möchte - mit ein wenig unlauteren Methoden. Vielleicht finden wir das klasse, vielleicht aber auch nicht. Die Verzweigungen der Entscheidungen sind so komplex, dass ich mir seinerzeit, ALS NOCH KEIN INTERNET GAB (*gasp!*), vier Din A4-Blätter nahm, sie zusammentackerte und ein Flussdiagramm für alle Entscheidungen aufmalte. Natürlich wusste ich damals noch nicht, was ein Flussdiagramm überhaupt war, aber das hielt mich nicht auf. Ich habe das hier mal als Modell nachentwickelt:


Ich habe STUNDEN damit verbracht, alle möglichen Wege abzuarbeiten. Und wofür das Ganze? Chars. Ganz viele Chars. Man kann jeden Gegner im Spiel als Kämpfer freischalten, um damit in einer Arena gegen Freunde anzutreten. Dabei ist die Wahl der Charaktere natürlich absolut unausbalanciert, schließlich kann man den tödlichen Demi-Gott mit seinen Laseraugen genau so wählen wie den tumben Dorfbewohner, den man mal im Vorbeigehen eine geboxt hat.
Glaubt ihr, das war's jetzt? Mehr geht nicht? Wo soll jetzt noch mehr herkommen? Na, ich sag euch was: Der Mehrspielermodus unterstützt sechs Spieler! Selbstverständlich hat der Saturn keine Anschlüsse für sechs Pads, aber für so eine Awesomeness lohnt sich glatt die Anschaffung eines Adapters.

Wahrlich, Guardian Heroes ist eins der abartig größten 2D-Beater der Videospielegeschichte und zum Dank für die Arbeit, die Treasure in dieses absolute Machwerk gesteckt hat, kennt's kaum einer. Das ist traurig. Traurig und schäbig. Aber jetzt kennt ihr die Wahrheit und könnt sie verbreiten! Lauft! Fliegt! Erzählt allen vom goldenen Krieger und den tapferen Guardian Heroes! Rian

Kommentare

Ralle
01. Juli 2011 um 07:52 Uhr (#1)
Es ist so wunderwunderschön dass es dieses Jahr auch für die Xbox 360 kommt! :D
Gast
11. Dezember 2017 um 07:00 Uhr
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