Schrott für Kinder

(Artikel)
Haris Odobašić, 28. Oktober 2008

Schrott für Kinder

Verzweiflung macht sich breit

"Wie kannst du das denn bloß spielen, das ist doch Schrott!"
In meinem näheren, familiären Umkreis habe ich mich schon oft ertappt, solche Sätze vom Stapel zu lassen. Das Ziel solcher Anschuldigungen sind dabei meistens entweder jüngere Geschwister oder Kinder Bekannter, doch ungeachtet der Zielperson bleibt mein Unverständnis riesig. Wie kann es sein, dass Kinder, selbst wenn man sie mit viel tolleren Spielen konfrontiert, lieber Müllspiele spielen?

Selbst das N64 hatte höher aufgelöste Texturen zu bieten.
Eine Situation im Alltag: ich sitze zu Hause und beobachte den Sohn der Freundin meines Vaters wie er Defender auf seiner Gamecube spielt. Und ich kriege schreckliche Krämpfe beim Zugucken, denn Defender ist so ein richtig liebloses 3D-Remake eines alten Klassikers. Im Prinzip funktioniert das Spiel dabei genau wie das Original: man fliegt in einem Raumschiff über eine matschbraune Planetenwüste, knallt Alienschiffe ab und hebt Menschen auf. Doch was vor 20 Jahren akzeptabel war, nicht nur mangels Alternativen, ist heutzutage nur noch Mist. Also kann ich es irgendwann nicht mehr ertragen ihm beim Spielen zuzugucken und nachdem die deutsche Sprachausgabe sich einmal zu oft zu Wort gemeldet hat (in ihrer typisch niedrigen Qualität) mache ich etwas ganz Außergewöhnliches. Ich lasse ihn an meine Spielsammlung ran.

Normalerweise bin ich jemand, der außer Freunde niemanden an seine Games lässt. Zuviel Angst habe ich davor, dass meinen Spielen etwas passieren könnte, denn dafür habe ich es zu oft erlebt wie fremde Leute die Discs greifen (Falsch!), die Controller halten (Verkehrt!) und die Spiele spielen (Schlecht!). Aber nachdem sich dieser Junge wochenlang mit Defender abplagte hatte er es irgendwie verdient. Also drücke ich ihm mein Super Smash Bros. Melee in die Hand und beobachte ihn beim Spielen. Nach gut einer halben Stunde stelle ich erschreckt fest: es macht ihm keinen Spaß! Zeit für Plan B, ich spiele mit ihm im Multiplayer. Doch auch dort kommt bei ihm keine richtige Freude auf. Er spielt vollkommen teilnahmslos und obwohl ich die Matches bewusst spannend gestalte und ihn NICHT durchgehend zerstöre kommen bei ihm keine Emotionen auf. Und Emotionen sind ja das Wichtigste beim Spielen. Völlig fassungslos, dass es tatsächlich jemanden gibt, der im Multiplayermodus von SSBM KEINEN Spaß hat, lasse ich ihn wieder sein Defender spielen. Aufgegeben habe ich aber noch nicht.

Futter für Fanboys: Zelda schlechter als Defender?
Der nächste Tag bricht an und ich habe mir ausführliche Gedanken gemacht. Vielleicht ist er einfach nicht der Typ für Smash Bros., soll's ja geben. Ich kenne auch Leute, die niemals ein Halo anfassen würden, weil sie einfach eine Abneigung gegen das Genre haben. Also muss ein anderes Spiel her und da sich die Anzahl meiner Gamecube-Spiele beschränkt bleibt nur ein Titel, von den ganzen Zwei die ich besitze, übrig: Zelda - The Wind Waker! Das ist farbenfroh, actionreich, fesselnd, selbst für den größten Einsteiger geeignet und hat seinen ganz eigenen Charme, das muss es sein! Und es klappt! Er spielt es den ganzen Tag. Und den ganzen nächsten Tag! Und am übernächsten Tag spielt er... wieder Defender??? Aaaaaargh! Grausame Welt, womit habe ich es das verdient?

Und anhand dieses Fallbeispiels frage ich mich nun, wieso können Kinder sich so in ein "schlechtes" Spiel verlieben, dass sie Spiele, die eigentlich viel toller sind, links liegen lassen? Ich kann mich zwar jetzt spontan an keine meiner Jugendsünden erinnern, auf dem Mega Drive hatte ich nur eine handvoll von Spielen, mehr als die Hälfte mit Sonic im Namen, und als ich meinen Nintendo 64 bekam las ich schon das Club Nintendo-Magazin, welches, wie es sich für ein kostenloses Propaganda-Magazin gehört, jeden Titel schönredete, aber es doch irgendwie klarmachte, dass ein Zelda oder ein Banjo & Kazooie eben doch hochwertiger sind als ein Superman 64. So blieben mir Fehlkäufe erspart. Aber selbst wenn, auch als 11-jähriges Kind muss man doch in der Lage sein zu erkennen, dass zwischen repetitivem Schwachsinn wie Defender und Zelda oder SSBM ein gewaltiger Unterschied herrscht. Ich werde es wohl nie verstehen. Aber ihr könnt gerne in den Kommentare von scheußlichen Spielen berichten, die ihr als Kinder gerne gespielt habt!Evil

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21. November 2017 um 16:20 Uhr
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