Life is Strange: Before the Storm im Test

(Artikel)
Benjamin Strobel, 05. September 2017

Life is Strange: Before the Storm im Test

Episode 1: Awake

Die Nase im Wind, die Beine baumeln lassen. Den Controller einfach mal weglegen und der Musik lauschen. Mit den Augen über die Landschaft streifen und dem Licht der Sonnenstrahlen folgen. Die Welt ist tief orange - und scheint kurz stehenzubleiben. Life is Strange: Before the Storm transportiert gerade dann besonders viel, wenn auf dem Bildschirm wenig passiert - und Spielenden Zeit gibt, etwas zu fühlen.

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Before the Storm ist ein episodisches Adventure und Prequel zum meisterlichen Life is Strange, das vom Studio Dontnod in die Hände von Deck Nine übergeben wurde. Es hat all diejenigen Dinge, die den Vorgänger so prägend gemacht haben: Malerische Farben in gleißendem Orange, ein Indie-Soundtrack, der Zach-Braff-Filmen in nichts nachsteht, und eine zielsicher melancholische Stimmung, die dem Spiel eine einzigartige Atmosphäre gibt. Eines hat Before the Storm allerdings nicht: die ehemalige Protagonistin Max Caulfield und ihre Fähigkeit, die Zeit zu manipulieren. Im Original war Max Freundin Chloe auf der Suche nach der vermissten Rachel Amber. In Before the Storm erfahren wir, was die beiden Mädchen verbindet.

Achtung! Es folgen kleine Spoiler zue ersten Episode von Life is Strange: Before the Storm.

Coming of Age
Chloe ist 16 Jahre alt und kanalisiert ihre Teenage Angst in Rebellion. Sie kämpft nicht nur mit dem Alltag des Coming of Age, sondern auch mit dem Tod ihres Vaters. Ihre Mutter hat gerade einen neuen Mann kennengelernt und räumt nach und nach die persönlichen Gegenstände des Verstorbenen aus der Wohnung. Das schmeckt Chloe doppelt und dreifach nicht. Nachts bleibt sie länger weg und wenn Spielende es wollen, stiehlt sie ohne Zögern, kauft sich Drogen und geht stoned zur Schule. Eigentlich will sie raus aus diesem Leben, raus aus der ganzen Scheiße, raus aus Arcadia Bay. Auftritt Rachel Amber: Das begehrteste Mädchen der Schule rettet Chloe vor Ärger mit zwei ekligen Typen. Am nächsten Tag reißen die beiden Mädchen zusammen aus und schwänzen die Schule. Schnell wird klar, dass in der beliebten Rachel mehr schlummert als man ahnen konnte.

Den Entwicklerwechsel merkt man Before the Storm kaum an, die Verbindung zu Life is Strange ist atmosphärisch nahtlos. Deutlich wird das vor allem in den ruhigen Szenen. Um dem Alltag zu entfliehen, springen die beiden Mädchen kurzerhand in den Güterwagon eines Zuges, fahren davon. Rachel schlägt ein Kennenlernspiel vor: Zwei Wahrheiten und eine Lüge. Eine Person erzählt zwei wahre Dinge und eine Lüge, die andere muss erraten, was was ist. Das einfache Spiel taugt für eine intensive Szene, in der ihr euch entscheiden müsst, wie viel Chloe von sich preisgibt, wie sehr sie Rachel vertrauen soll. Anschließend klinkt sich der Indie-Soundtrack ein und ihr könnt einfach die Fahrt genießen. Wie im Original dürft ihr beliebig lange Zeit in diesen Szenen verbringen. Dadurch kehrt eine Ruhe ein, die man aus Telltale Adventures nicht kennt, weil sich die Handlung dort Schlag auf Schlag abspielt. Vor allem gibt sie Gelegenheit dazu, die wichtige Szene zu verarbeiten, die ihr vorher gespielt habt. War es ein harmloses Spiel? Ein Flirt von Rachel? Oder möchte sie unser Vertrauen gewinnen, uns manipulieren? Die wahren Intentionen der Figur sind nicht leicht zu durchschauen.

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Déjà-vu?
Wer zuvor Life is Strange gespielt hat, wird womöglich von einem Déjà-vu ereilt: War im Original noch Chloe die mysteriöse, aufständische Figur, die man enträtseln möchte, so ist es nun Rachel. Damit scheint sich auch eine Beziehungsdynamik zu entfalten, die der von Max und Chloe ähnelt. Rachel muss man etwas Raum lassen und hoffen, dass sie sich öffnet. Andererseits haben wir mit Chloe keine so gefasste und gefestigte Figur wie Max, die trotz wirrer Teeny Feelings recht gut mit sich klar kommt. Chloe ist selbst im Chaos der Gefühle. So trifft ein Fuckup auf den anderen. Am Ende bleibt es wohl bei dem initialen Gefühl, etwas Bekanntes wiederzuerleben. Mehrere Hinweise in der ersten Episode deuten außerdem an, dass hinter Rachels Geschichte mehr steckt, als man auf den ersten Blick erhaschen kann. Hinweise, dass Rachel lügt und manipuliert, häufen sich zum Ende - wie es weitergeht bleibt vorerst abzuwarten. Dass die Spielenden aber noch ein Twist erwartet, ist sehr wahrscheinlich.

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Labern ist keine Superkraft. Oder doch?
Spielmechanisch sucht Before the Storm ebenfalls Anschluss an den Vorläufer - und findet ihn vor allem in den gut geschriebenen Dialogen und kleinen Rätseleinlagen. Allerdings müssen Fans des ersten Teils ein großes Gimmick missen: Man kann nicht länger die Zeit zurückdrehen, um Entscheidungen zu revidieren und die Konsequenzen einfach zu testen, bevor man sich entscheidet. Stattdessen sind wir zurück bei der bekannten Telltale-Formel: Diese Entscheidung wird Konsequenzen haben. Überlegt es euch gut, denn ihr müsst damit leben. Das ist schade, weil dieses Prinzip vom Original durch die Zeitmechanik so geschickt aufgebrochen und erneuert wurde.

An die Stelle der Zeitmechanik tritt ein neues Feature: Backtalking. In einigen Spielpassagen, kann Chloe sich durchsetzen, indem sie anderen ordentlich Kontra gibt. Die Idee ist vor allem sehr nett, weil sie super zur Figur passt und viele Gelegenheiten eröffnet, Chloes Charakter ins Spiel zu bringen. Dabei muss man dem Gegenüber genau zuhören und unter Zeitdruck Antworten auswählen, die auf das Gesagte passend reagieren. Wird Chloe vom Türsteher ein Kind genannt, kann sie beispielsweise Antworten, dass der Club ihr Spielplatz ist. Um jemanden zu überzeugen, muss man mehrere Runden gewinnen und bei schwierigen Gegnern darf man sich nur wenige Fehltritte erlauben.

Labern ist Chloes kleine Superkraft, doch gelingt es dieser nicht, als Feature hervorzustechen. Sie passt zur Figur und ist charmant umgesetzt, fällt im Vergleich aber hinter dem Original zurück.

Fazit
Life is Strange: Before the Storm lässt die großen Gefühle wiederaufleben, die das Original bei mir hervorgebracht hat. Spielmechanisch fällt es leicht hinter Life is Strange zurück, weil die tolle Zeitmechanik nicht gleichwertig ersetzt werden kann. Aber Before the Storm knüpft atmosphärisch nahtlos an den Vorgänger an und vermag Spielende mit derselben Detailtiefe in sich aufzusaugen. Die Geschichte von Chloe und Rachel vespricht noch sehr spannend zu werden. Mit zwei weiteren Episoden soll sie zu Ende erzählt werden. Bisher ist das Prequel äußerst vielversprechend.

Episode 1 von Life is Strange: Before the Storm wurde auf der Xbox One getestet. Ein Testmuster wurde uns von Square-Enix zur Verfügung gestellt.

Kommentare

Ralleee
Gast
06. September 2017 um 13:41 Uhr (#1)
"Spielende" ist irgendwie ein furchtbares Wort und ich lese initial immer Spiel-Ende. :(
Ben
07. September 2017 um 10:09 Uhr (#2)
Oh, die Verwechslung ist mir nie aufgefallen. Vielleicht schreibe ich das zukünftig anders!
Gast
23. September 2017 um 07:25 Uhr
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