Injustice 2 im Test

(Artikel)
Benjamin Strobel, 21. Juni 2017

Injustice 2 im Test

Haue haue, Helden baue

Im Kino scheint Marvel die Nase noch vorn zu haben. Wenn es aber um Fighting-Games geht, hat DC Comics ein Ass im Ärmel: Injustice 2 hat eine große Auswahl ikonischer Charaktere und episch inszenierte Superhelden-Kämpfe. Alles nur optisches Blendwerk oder kann der Prügler auch mit Spieltiefe überzeugen? Unser Test.

Ein guter Tag zum Prügeln
Injustice 2 trumpft mit etwas auf, das nur wenige Fighting-Games in dieser Form bieten: eine ausgearbeitete Geschichte. Der Vorgänger Injustice: Götter unter uns war damit so erfolgreich, dass eine große Comic-Reihe daraus hervor gegangen ist, die bis heute fünf Volumes zählt. Ich kenne mehr als eine Person, die den ersten Teil nur für den Story-Modus gespielt haben. Der Stellenwert der Geschichte ist deutlich höher als bei anderen Fightern, die hauptsächlich kompetitiv gespielt werden. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Injustice 2.

Das Setting ist düster. Nachdem Batman das totalitäre Regime von Superman zerschlagen hat, sitzt der Mann aus Stahl in seinem Gefängnis ein. Noch ehe sich der Staub der letzten Schlacht legen konnte, stehen die Helden vor einer neuen Bedrohung. Die Super-KI Braniac, die bereits Supermans Heimat Krypton zerstört hat, plant nun eine Invasion der Erde. Alte Freunde und Feinde müssen neue Allianzen schließen.

Injustice_2_Screenshot_Deadshot_and_Aquaman

Der Story-Modus ist beeindruckend inszeniert. Wie im Vorgänger erzählt das Spiel in aufwändigen Cutscenes und überlässt die Kämpfe dann den Spielerinnen und Spielern. Die Synchronsprecher sind erneut wahnsinnig gut, was nicht zuletzt bekannten Größen wie Kevin Conroy (Batman) und Mark Hamill (Der Joker) zu verdanken ist. Auch sonst ist das technische Niveau extrem hoch. Während Tekken 7 mit Ladezeiten des Todes kämpft und das kommende Marvel VS Capcom: Infinite für detailarme Charaktermodelle kritisiert wird, kann Injustice 2 mit Lightspeed-Ladezeiten und lebensechten Gesichtsanimationen überzeugen.

Obwohl Injustice 2 insgesamt eine interessante Geschichte erzählt, hat das Spiel Probleme damit, die zahlreichen Einzelkämpfe sinnvoll zu motivieren. Nicht jeder Konflikt ergibt sich organisch aus der Geschichte und nicht jede Meinungsverschiedenheit müsste gleich in einem Kampf ausgetragen werden. Mehrmals läuft es darauf hinaus, dass ein Freund den anderen zur Besinnung prügelt. "Vielen Dank für die ganzen Schläge auf meinen Kopf, jetzt kann ich wieder klar denken." taucht beinahe wörtlich im Spiel auf. Dr. Fates Helm hatte den Helden unter seiner Kontrolle und etwas Prügel konnte dem Problem Abhilfe schaffen. Gedankenkontrolle ist in den Szenarien des Spiels noch eine der besseren Ausreden. Manchmal bekommen Figuren einfach leuchtend rote Augen, weil sie gerade nicht zurechnungsfähig sind. Das wirkt dann doch etwas plump und sollte ordentliches Writing in einem Story-Modus nicht ersetzen. Besser hätte sich zum Beispiel angefühlt, wenn man die Kämpfe um ein einfaches Dialogsystem ergänzt hätte. Manche Konflikte im Gespräch zu lösen, oder jedenfalls den Versuch zu unternehmen, hätte einige Szenen glaubhafter gemacht. Andere Fighting-Games haben in der Vergangenheit auch alternative Siegesbedingungen angeboten: Beispielsweise darf man nur bestimmte Angriffe verwenden oder muss eine bestimmte Zeit lang durchhalten ohne den Gegner vorher zu besiegen. Das macht nicht nur das Gameplay diverser, sondern zeigt auch an, dass nicht alle Konflikte gleich auf Mord und Totschlag hinauslaufen müssen. Die, die dann tatsächlich auf Mord und Totschlag hinausliefen, wären dadurch umso epischer.

Injustice_2_batman_superman

Unten, vorne, X
Injustice 2 schafft eine gute Balance zwischen leichtem Einstieg für Anfänger und Spieltiefe für die kompetitive Szene. Das Kampfsystem funktioniert ganz wie beim Vorgänger und ist fast identisch mit dem Mortal Kombat X. Es gibt einfache Kombos, die maximal vier Tasten lang sind, und Spezial-Attacken über Richtungseingaben und einer Taste. Zusätzlich hat jede Figur eine individuelle Character Power, die auf einer eigenen Taste liegt. Die Basics sind simpel und Kombinationen lassen sich schnell einprägen, sodass man auch als Anfänger ein paar flotte Moves aufs Parkett legt.

Der Witz des Spiels ist nun aber ein zweites System, das sich über das erste legt. Wenn ihr Schläge austeilt oder einsteckt, baut ihr bis zu vier Leisten Spezialenergie auf. Diese könnt ihr für die unterschiedlichsten Dinge ausgeben, was den Kämpfen eine taktische Komponente gibt. Ihr könnt einen Balken ausgeben, um eine Spezial-Attacke zu verstärken. Häufig ändert sich ein Angriff dann so, dass ihr leicht mit einer Kombo anschließen könnt. Alternativ könnt ihr zum Preis eines Balkens eine Ausweichrolle machen, die euch entweder aus einer Ecke hinter den Gegner rettet oder schnell große Distanz gutmacht – beispielsweise wenn ihr online gegen einen Projektilstinker wie Deadshot kämpft und euer Gegner es super witzig findet, ständig aus der Ferne zu feuern. Zack, Rolle, auf die Fresse! Fühlt sich gut an.

Natürlich gibt es für volle vier Balken auch einen übertriebenen Super-Angriff. Der macht nicht nur enormen Schaden, sondern ist mit einer Cutszene aufwändig in Szene gesetzt. Mit dem Clash gibt es andersherum noch eine Möglichkeit, Spezialenergie defensiv einzusetzen. Der Clash ist erst verfügbar, wenn ihr die erste von zwei Lebensleisten verloren habt. Anschließend könnt ihr ihn einsetzen, um aus einer Kombo eures Gegners auszubrechen, egal wieviele Balken ihr gerade habt. Anschließend müssen beide Seiten Balken gegeneinander verwetten. Wer mehr Balken ausgibt als der Gegner, gewinnt den Clash. Wenn ihr ihn ausgelöst habt und gewinnt, bekommt ihr etwas Lebensenergie zurück und könnt das Blatt wenden.

Die Spezialenergie richtig einzusetzen, erfordert nicht nur Geschick, sondern auch strategische Entscheidungen. Anfangs ist es verlockend, Spezialenergie für den beeindrucken Super-Angriff zu sparen. Allerdings muss man aufpassen, dass man den Gegner in einem günstigen Moment erwischt. Ahnt euer Gegenüber, was ihr vorhabt, können auch Super-Angriffe leicht geblockt werden. So müsst ihr euch gut überlegen, ob ihr alle vier Balken auf eine Karte setzt, die Energie lieber auf kleine Verstärkungen und Ausweichmanöver verteilt oder sie taktisch für den Clash aufspart.


Eine Maske für jeden
Injustice 2 hat nicht vor, euch schnell zu langweilen. Der Roster umfasst 29 Kämpferinnen und Kämpfer, darunter viele bekannte Visagen wie Batman, The Flash, Superman und Wonder Woman. Im Vergleich zum Vorgänger haben es aber auch Figuren ins Spiel geschafft, die etwas diverser und unbekannter sind, darunter Cheetah, Dr. Fate und Captain Cold. Eingefleischte Fans werden sich da sicher freuen, alle anderen bekommen einen guten Blick über den Mainstream-Tellerrand des DC-Universums.

Auswahl und Abwechslung gibt es nicht nur im Roster, sondern auch bei den Spielmodi. Neben dem Story-Modus gibt es Einzelkämpfe, einen Übungsmodus und das Multiversum. In letzterem Modus gibt es täglich neue Events, die unterschiedlich schwierig sind und Matches durch Modifikatoren interessanter machen. Mal muss man über Kopf spielen, mal fallen Bomben vom Himmel oder die Lebensenergie regeneriert. Je besser ihr euch schlagt, desto mehr Loot dürft ihr am Ende einstreichen. Einige Events winken sogar mit seltenen Rüstungssets. Beispielsweise konnte man sich zum aktuellen Wonder-Woman-Film das zugehörige Outfit verdienen. Das motiviert natürlich, immer wieder einen Abstecher ins DC-Multiversum zu machen.

Wenn ihr mit anderen eure Kräfte messen wollt, könnt ihr entweder offline mit Freunden spielen oder habt online gleich mehrere Möglichkeiten, euch mit anderen zu keilen. Neben privaten Sessions, Matchmaking und Ranked gibt es auch einen King of the Hill Mode. Ihr könnt sogar Freunde zum Üben einladen oder euch zu mehreren in einem Raum treffen. Ob casual oder kompetitiv, Injustice 2 hat die richtige Option.

Injustice_2_Screenshot_Harley_Quinn

Die Heldenschmiede
Outfits sind immer ein großes Thema für Fighting-Games, aber Injustice 2 schlägt besonders tief in diese Kerbe. Mit dem neuen Gear-System kann man für alle Figuren neue Rüstungsteile sammeln und frei kombinieren. Alle Kämpferinnen und Kämpfer haben ihr eigenes Rüstzeug und einen individuellen Satz an Shadern, die sicherstellen, dass eure Figuren nicht völlig abwegig aussehen, egal welche Rüstung ihr kombiniert habt. Ihr müsst also keine Angst haben, dass ihr online gegen einen Superman mit Riesenpenis kämpfen müsst.

Als Inspirationen für die unterschiedlichen Kostümteile dienten dem Entwicklerteam zahlreiche Comics, Serien und Filme. Viele Rüstungen sind aber eigens für das Spiel designt, beispielsweise Batmans ikonischer Kryptonit-Anzug.

Das Gear-System begeistert mich nicht nur, weil man sich kreativ austoben kann, sondern weil man sich die Version einer Figur zusammenbauen kann, zu der man sich am meisten verbunden fühlt. Vielleicht ist Harley Quinn aus dem Neunzigerjahre-Batman-Cartoon die definitive Version für euch – dann könnt ihr euch genau dieses Kostüm auch zusammenstellen. Wenn euch der Kryptonit-Anzug nicht zusagt, dann ja vielleicht eher die Kinoversion aus Batman v Superman? Oder lieber ein klassisches Kostüm, in das seinerzeit Adam West hineingeschlüpft ist? Mit dem Gear-System ist vieles möglich! Vorausgesetzt ihr habt etwas Geduld. Neues Loot für eure Heldinnen und Helden gibt es nämlich meist nur zufällig. Entweder nach einem Kampf oder aus Lootboxen, die ihr euch im Spiel verdienen könnt. Wenn ihr ganz bestimmte Rüstung wollt, müsst ihr auf jeden Fall etwas Zeit investieren.

Neue Ausrüstung ist nicht nur ein optisches Upgrade, sondern verbessert auch Attribute wie Angriffsstärke und Lebensenergie. Zwei Fähigkeiten-Slots erlauben euch außerdem, einige Angriffe der Figur zu modifizieren oder durch neue zu ersetzen. So könnt ihr nicht nur optisch experimentieren, sondern auch mit dem Ability-Set.

soul-calibur-5-injustice-2-comparison
Bei Injustice 2 warten keine Riesenschniedel auf euch. Versprochen.

Fazit
Injustice 2 ist ein ambitionierter Fighter, dem der Spagat zwischen Einsteigerfreundlichkeit und Spieltiefe gelingt. Er bietet eine eindrucksvolle Story, viele kompetitive Spielmodi und gibt euch eine Heldenschmiede an die Hand, in der ihr eure definitive Version jeder Figur zusammenstellen könnt. Abwechslungsreichtum und technische Exzellenz lassen kleine Schwächen schnell in den Hintergrund treten. Ein Fest für alle Superheldenfans! Ben

Injustice 2 wurde auf der Xbox One getestet. Ein Testmuster wurde uns von Warner Bros. zur Verfügung gestellt.

Injustice 2

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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20. November 2017 um 20:20 Uhr
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18. Mai 2017
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