Ruinieren Games die Erfolge des Alltags?

(Artikel)
Rian Voß, 28. Juni 2017

Ruinieren Games die Erfolge des Alltags?

Laute Gedanken zu epischen Videospielen und so

Epische Spiele sind eine wunderbare Erfahrung. Und die kommt nicht einfach aus dem Nichts. Man muss mit den Charakteren warm werden. Man muss das Spielsystem aus dem Effeff beherrschen. Es darf zu keinem Moment zu leicht oder zu schwer sein. Und dann, nach Stunden und Stunden des Aufbaus, des Kämpfens und vielleicht auch der ein oder anderen Verzweiflung heben die Violinen an, die E-Gitarre schmettert los, der Bass haut einem aus den Socken und das ist der Moment, in denen Spieler und Spielfigur die Ungerechtigkeit in der Welt sehen und wie aus einem Mund rufen: "GENUG!" Es wird Zeit, das Böse ein für alle Mal auszulöschen!

Yeah!

In diesen Momenten kribbelt es mich am ganzen Körper. Es passiert nicht mehr so häufig wie früher, aber immer wieder steigere ich mich so in ein Spiel bis zur Erschöpfung hinein, dass ich zur Klimax gleichzeitig schreien, weinen, lachen und tanzen möchte. Das war bei Persona 5 der Moment, als zum ersten Mal die Lyrics der Dungeonmusik "Life will change" einsetzten. Das Musikstück ist ohnehin schon genial. Am Ende eines Dungeonruns legt man den Weg zum Schatz des Levels frei, dann ruht man sich einen Tag aus und am nächsten herrscht höchste Alarmstufe und die Diebesbande muss sich mit aller Kraft zum letzten Gefecht durchboxen. Dazu spielt dieses Stück.

Fffffffuuuuuuuck yeaaaaaah!

Ich dachte mir, dass es nicht mehr besser werden könnte. Aber als dann die voluminöse Stimme von Lyn Inaizumi einstimmte, musste ich erst mal ein paar Sekunden ehrfürchtig inne halten, dann dreimal fistpumpen, "YEAH!" schreien und dann mit aller Macht durch den Dungeon rasen. Der megalange Aufbau hat bis zum Ende einen unglaublichen Hype aufgestaut, der tosend und ohne Vorwarnung aus mir losbrach. So ein Gefühl hat man echt selten in Videospielen!

So ein Gefühl hat man überhaupt echt selten.

Denkt mal drüber nach. Und ich kann mich natürlich nicht in jeden hineinversetzen, aber ich gehe mal davon aus, dass es nicht nur mir so geht, darum: Denkt mal drüber nach. Wann wart ihr das letzte Mal im Leben jenseits von Film, Serien, Musik, Spielen, Theater, Sportaustragungen und Büchern jemals so aufgeregt, so angespannt, so mitfiebernd und so mitfühlend wie in eben jenen Medien? Klar, auch im echten Leben gibt es Herzrasen und schiere Freude. Wenn man das Ergebnis einer Prüfung abwartet. Wenn man Monate oder Jahre an etwas arbeitet und am Ende klatscht es Beifall. Wenn man jemandem sagt, dass man ihn liebt. Wenn man sich selbst übertrifft.

Auch monströs epische Bossmusik.

Aber solche Momente sind, so vermute ich, selten. Und teuer erkauft. Und unsicher. Videospiele bergen kaum Risiken. Im schlimmsten Fall involviert man sich emotional und wird hängen gelassen. Ab zum nächsten Game! Im besten Fall erlebt man einen euphorischen Moment, der mit den schönsten Erinnerungen im echten Leben konkurrieren kann. Und aufgrund der schiere Menge an genialen Videospielen da draußen, kann man mit diesen Perlen seine Freizeit bis zur Abstumpfung füllen, bis pure Lebensfreude auch nur eine Nadel ist, die an blauen Flecken baumelt.

An dieser Stelle würde ich gerne mit dem Finger in irgendeine Richtung zeigen und einen Schuldigen benennen. Ich weiß aber nicht mal, ob es überhaupt ein Problem gibt. Entwickler kann man kaum vorwerfen, dass sie etwas erschaffen, das sie lieben. Spielern kann man auch schlecht sagen, dass sie aufhören sollen, Spaß an etwas zu finden, was ihnen Spaß macht. Und da wir alle mit Medien aufgewachsen sind, kann kaum einer eine Versuchsreihe starten, um herauszufinden, ob unser Leben ohne Medien besser oder glücklicher oder bedeutsamer wäre. Wenn man überhaupt davon ausgehen kann, dass Menschen jemals ohne Medien (aka "Geschichtenerzählen am Lagerfeuer") existiert haben.

Aber irgendwie bin ich doch unzufrieden mit dieser Erkenntnis, dass Spiele einen so hohen Stellenwert in meinen Lebenserfahrungen einnehmen können. Vielleicht ist die einzige Lektion, die man daraus ziehen sollte: Macht mehr tolle Lebenserfahrungen! Videospiele sind großartig und eröffnen Perspektiven und lassen einen erleben, was man sonst nicht erleben kann - aber sie sollten trotzdem kein Ersatz sein.

Kommentare

Undead
29. Juni 2017 um 10:47 Uhr (#1)
Was du in diesem Artikel ansprichst ist Kern für Videospielabhängigkeit.

Es gibt diverse Studien dazu, dass spielen von Videospielen zum Dopaminausstoß führen. Das, gekoppelt an die extreme Flut an Mini-Erfolgserlebnissen und Belohnung, kann durchaus gegen den Alltag abstumpfen und zu einen unzufrieden machen. Eben weil die Bite-Size-Erfolge fehlen.

Ist das schlecht? Sind Videospiele Hitler? Nö. Solang man in Maßen zockt ist auch alles gut. Menschen lieben seit ihrer Entstehung Spiele und Geschichten, heute haben wir halt nur ganz andere Möglichkeiten jene medial zu stützen.

Enjoy dem gaems, just do other things as well. :D
Rian
29. Juni 2017 um 18:45 Uhr (#2)
:3
Stephan
Gast
10. Juli 2017 um 23:31 Uhr (#3)
Der Persona 5 Moment war bei mir genau derselbe so HYPE.

Nur beim letzten Absatz bin ich anderer Meinung: warum sollten Medien (hier Videospiele) denn nicht so einen hohen Stellenwert in meinem Leben haben können?

In der Hinsicht, dass sie kein Ersatz sein sollen, stimme ich dir natürlich überein, letzten Endes wird es aber wohl eine Sache des Geschmacks sein, was welchen Einfluss auf das eigene Leben hat.
Gast
27. Juli 2017 um 04:57 Uhr
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