Horizon: Zero Dawn im Test

(Artikel)
Adrian Knapik, 23. April 2017

Horizon: Zero Dawn im Test

Der große Auftakt eines neuen Universums

Normalerweise ist Guerilla Games eher für seine schlauchigen Levels aus der Killzone-Reihe bekannt. Nun haben sie aber den Spieß komplett umgedreht und kreieren eine der außergewöhnlichsten Open Worlds, die wir je gesehen haben. Horizon: Zero Dawn entführt euch in eine postapokalyptische Zeit, in der ihr auf der Erde mit in die Steinzeit zurück katapultieren Stämmen gegen hochmoderne, wilde Tier-Roboter kämpfen müsst.

horizonzerodawn_1Kämpfe auf engem Raum sind besonders herausfordernd.

Gebt mir mehr... Informationen!
Ihr schlüpft in die Rolle von Aloy, einer Ausgestoßenen, die von ihrem Ziehvater in der Wildnis aufgezogen wurde. Schon in den ersten zehn Minuten bindet Horizon euch die Hauptfigur und ihr Leben ans Herz. Die erste Szene zeigt Aloy als Säugling, die darauffolgenden Zwischensequenzen ihre Entwicklung zur Kämpferin im Schnelldurchlauf. Schlüsselszenen in ihrer Kindheit dürft ihr selbst nachspielen. So lernt ihr den Charakter kennen, identifizieren euch mit ihr und durchlebt ihre Vergangenheit – wobei trotz alledem weiterhin offene Fragen bleiben. Aus einer ergibt sich nämlich schon die Hauptstory von Horizon: Wieso wurden wir aus dem Stamm verstoßen? Was ist mit unseren Eltern geschehen? Und wieso zur Hölle ist es überhaupt zur Apokalypse gekommen? All dies werdet ihr herausfinden.

Die Story wirft immer wieder kleine Rätsel in den Raum, die im ersten Moment unwichtig erscheinen, sich aber später als durchaus entscheidend herausstellen. Je länger ihr Horizon spielt, desto häufiger treten Aha!-Momente auf, die das Spielerlebnis unglaublich gut bereichern. Hier findet sich aber auch ein deutlicher Negativpunkt: bis die Story ins Rollen kommt, dauert es einige Spielstunden. Die ersten Berührungen mit der Welt bleiben sehr oberflächlich und reißen bei bestem Willen einfach nicht mit. Da es sich aber nicht nur auf die ersten Minuten beschränkt, sondern eben einige Stunden betrifft, muss man sich schon selbst seinen Teil denken. Im Gegenzug zieht die Erzählung in der zweiten Hälfte deutlich an. Die erzeugte Spannung ist hervorragend und die Storymissionen sind so mitreißend, dass ich gar keine Nebenquests mehr absolvieren möchte. Das Licht erreicht ihr also erst, wenn ihr den Schatten überwunden habt.

horizonzerodawn_2Geile Landschaften können sie ja.

Pfeile gegen Stahl
Die Maschinenarten in Horizon sind vielfältig: ob fliegende, schwimmende, schnelle aggressive, riesige oder einfach nur simple Läufer, Abwechslung wird in jedem Fall geboten. Jeder Typ hat eigene Schwachstellen, die ihr mithilfe eures Scans, den ihr per Knopfdruck aktivieren könnt, herausfindet. Trefft ihr mit eurer Waffe diese Stellen, macht ihr deutlich mehr Schaden und schränkt den Gegner eventuell in Fähigkeiten wie Bewegung, Angriff oder Verteidigung ein. Das Kampffeedback ist gut gelungen, denn es ist immer sofort klar, ob ihr einen guten Treffer gelandet habt, oder nicht. Ist der Laser auf der Schulter eine Schwachstelle, fliegt er funkensprühend ab. Ist ein Bein eine Schwachstelle, geht die Maschine für kurze Zeit zu Boden und humpelt daraufhin langsam weiter. Manchmal habt ihr sogar die Chance, eine große abgeschossene Waffe selbst zu nutzen und den Gegnern mächtig einzuheizen – absolute Genugtuung, das Monster mit eigenen Waffen zu schlagen.

Was direkt vor dem ersten großen Kampf auffällt: ihr seid den Maschinen unterlegen – und könnt ohne klugen Einsatz eurer Möglichkeiten nichts daran ändern. Deswegen sind die Kämpfe mehr als nur bloßes Ballern, ihr müsst eure Waffen und eure Umgebung klug einsetzen. Dadurch werden die Situationen nie langweilig und sind bei schlechten Verhältnissen selbst nach etlichen Spielstunden noch eine Herausforderung.

horizonzerodawn_3Gleichzeitig reiten und kämpfen? Kein Problem!

Gamedesign exploited
Was hingegen kaum Spaß macht, sind die Stealth-Einsätze, die vor allem bei Barbarenlagern oder Kämpfen gegen die KI-Menschen zum Tragen kommt. Im hohen Gras könnt ihr euch vor Feinden verstecken und eine Funktion ausnutzen, die man schon aus anderen Spielen kennt: das Pfeifen. Wenn ihr pfeift, könnt ihr einzelne Gegner anlocken und dann per Stealth-Kill einfach und lautlos erledigen. Es macht keinen Unterschied, ob zwei Meter vor euch eine Traube von fünf Gegnern steht, oder einer in 20 Metern Entfernung – es kommt immer schön geordnet ein Gegner zur Zeit angetrottet, ohne dass der Rest auch nur einen Finger krümmt. Die ganzen Leichen, die da vor dem Gebüsch liegen, sind ja auch überhaupt nicht merkwürdig, die schlafen da doch bestimmt nur.

Auch bei der Schnellreise gibt es eine einfache Möglichkeit, hohe Kosten zu sparen. Normalerweise benötigt ihr für jede Reise zu einem Lagerfeuer, die gleichzeitig Speicher- als auch Reisepunkte sind, ein Schnellreisepaket. Diese sind allerdings rohstoffseitig relativ teuer, weshalb es sich nur für lange Strecken lohnt, sie wirklich einzusetzen. Spart euch das und holt euch einfach zu Beginn das nur unwesentlich teurere Meister-Schnellreisepaket, mit dem ihr unbegrenzt reisen könnt. Wieso baut man überhaupt so was ein, wenn man ohne wirkliche Hürde an eine unbegrenzte Reisemöglichkeit kommt?

horizonzerodawn_4Der Scan gibt euch alle Informationen über Gegner und Umwelt.

Auch Höhlen findet ihr gelegentlich in der Spielwelt von Horizon, in denen Loot und Geschichte auf euch warten. Na ja, häufig mehr Geschichte und weniger Loot. Die Höhlen sind Ruinen der Welt vor der Apokalypse und zeigen ansatzweise den technologischen Fortschritt der Menschen vor dem großen Knall. Hier findet ihr Aufzeichnungen, Tagebucheinträge und alles, was das Entdeckerherz begehrt. Wollt ihr kleine Details erfahren, seid ihr in den Höhlen auf jeden Fall richtig – interessiert euch das eher weniger, habt ihr keinen Grund, euch auch nur in die Nähe dieser Ruinen zu begeben. Zugegebenermaßen findet man sporadisch auch die ein oder andere Lootbox, die auch brauchbare Gegenstände beinhaltet – insgesamt ist die Ausbeute bis auf die Geschichtsstunde aber deutlich zu gering, um zu motivieren.

Nichts für Veganer
Im Hintergrund werkelt ein Rollenspiel-System wie in vielen anderen Genre-Ablegern. Pro Kill und Quest erhaltet ihr Erfahrung, mit der ihr Level aufsteigt und Fähigkeitspunkte sammelt. Diese könnt ihr in einem Fähigkeitsbaum ausgeben, in dem ihr zum Beispiel Angriffsmöglichkeiten oder Vorteile beim Looten freischalten könnt. Toll ist, dass ihr kein bestialisches alles-tötendes Monster werdet, wenn ihr alle Fähigkeiten freigeschaltet habt, sondern nur in Teilen eure Möglichkeiten erweitert und ausbaut.

horizonzerodawn_5Ob Dschungel, Wüste, eisige Höhen oder flaches Land - die Open World von Horizon bietet wirklich alles.

Ein wichtiger Bestandteil von Horizon ist außerdem die Herstellung – denn alle Verbrauchsgegenstände können von euch selbst jederzeit gebastelt werden. Dazu benötigt ihr natürlich die entsprechenden Materialien, die ihr durch das Töten von Monstern, Looten der Natur und Jagen erhaltet. Denn auch ein paar sterbliche Tierarten haben überlebt, deren Felle und Knochen ihr vor allem für Inventarerweiterungen braucht. Dadurch müsst ihr euch natürlich auch ab und an auf die Jagd begeben, was eine erfrischende kleine Abwechslung zu den mächtigen Kämpfen gegen die Maschinen ist.

Zum Protokoll: Machen wir uns nichts vor, Horizon ist einfach ein Brett, was Grafik und Inszenierung angeht. Trotz der Open World sind die Texturen detailreich, die Sichtweiten groß und die Animationen der Menschen, Maschinen und Natur so wunderschön, dass ich es am liebsten mit meinem Fernseher treiben würde. Dazu gesellt sich auch die musikalische Untermalung, die immer wieder die geniale Optik stimmungsvoll begleitet.

Horizon: Zero Dawn ist ein sehr gutes Spiel – ohne Frage. Die Story ist mitreißend, das Setting gut ausgearbeitet und die Kämpfe bieten immer wieder neue Herausforderungen. Besonders gefallen tut das Zusammenspiel aus Umgebung, Waffennutzung und Kampf, das immer wieder neue Möglichkeiten bietet. Nichtsdestotrotz gibt es Punkte, die nicht auf dem Top-Niveau des restlichen Spieles liegen. Der Anfang der Geschichte ist schleppend, die Stealth-Mechanik ein schlechter Scherz und die erforschbaren Höhlen nicht wirklich nötig. Insgesamt haben wir es hier mit einem absolut überzeugenden Auftakt in eine neue Spielwelt zu tun, der einen lange Zeit an den Bildschirm fesselt.

Horizon: Zero Dawn wurde auf der PS4 getestet. Ein Testmuster wurde uns von Sony Interactive Entertainment zur Verfügung gestellt.

Horizon: Zero Dawn

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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24. Mai 2017 um 17:47 Uhr
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01. März 2017
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Playstation 4
Plattform - Die Playstation 4 (PS4) von Sony ist eine Spielkonsole der 8. Generation. Sie erschien am 29. November 2013 europaweit als Nachfolger der Playstation 3.

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