For Honor im Test

(Artikel)
Adrian Knapik, 06. April 2017

For Honor im Test

Die Spieler zerstören alles

Ritter, Wikinger oder Samurai – einer cooler als der andere. Schwerter, Äxte, Morgensterne – jede Waffe tödlicher als die andere. Und lauter Spieler, die sich auf den Servern tummeln – einer unfairer als der andere. For Honor hat lauter vielversprechende Ansätze, verschenkt aber dafür an fast allen entscheidenden Stellen sehr viel Potenzial.

Verlorenes Potenzial
Zuerst einmal sei gesagt: egal, welche Fraktion ihr zu Beginn des Spieles wählt, spielen könnt ihr trotzdem alle 12 Helden aus allen Lagern. Die Auswahl zu Beginn bestimmt nur, für welche Fraktion eure Ressourcen nach den Matches im Season-Krieg eingesetzt werden. Der Season-Krieg trägt sich auf einer Karte im Hauptmenü aus. Nur wenn die eigene Fraktion am Ende die meisten Territorien unter Kontrolle hat, winken Belohnungen in Form von Kisten, die Gegenstände für eure Helden beinhalten. Im Hintergrund werkelt also ein System, das versucht, euch zum Spielen von Online-Matches zu animieren. Die Motivation ist auf jeden Fall gegeben, da die Premiumkisten nicht einfach zu erhalten sind, allerdings ist der eigene Einfluss auf dieses Kriegsgeschehen so marginal, dass man in den seltensten Fällen groß etwas bewegt. Durch die Funktion des Spiels, die Ressourcen automatisch im Hintergrund auf die Kriegsgebiete einzusetzen, kriegt das Feature seinen Todesschuss – denn spätestens jetzt ist es nahezu vollkommen irrelevant für den Spieler.

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Bevor wir uns den Kern von For Honor, den Online-Modus, genauer anschauen, werfen wir einen kurzen Blick auf den Story-Modus. Schnell gesagt: erwartet nicht zu viel. Die Spielzeit bewegt sich zwischen vier bis sechs Stunden, je nachdem, wie oft ihr sterbt und wie viel ihr von den Karten erkunden wollt. Die Dialoge sind einfallslos und im Grunde genommen ist die "Kampagne" nur ein sehr langes und umfangreiches Tutorial, in der ihr fast jeden Helden einmal spielen dürft und die Spielmodi einmal kennenlernt. Die Story ist fast immer Nebensache. Die einzigen Lichtblicke sind die vorgerenderten Zwischensequenzen, die im Gegensatz zum restlichen Matsch wirklich gelungen sind. Mitreißende Musik und ein spannender roter Faden, der uns Spielern im ersten Moment nicht alles auf dem Tisch ausbreitet, was wir wissen wollen. Und eins kann ich sagen: vergessen wir das ganze Drumherum, lohnt es sich, das Ende zu erleben. Zumindest hatte ich nach dem Durchspielen nicht das Gefühl, dass alles umsonst war. Insgesamt retten die Zwischensequenzen die mehr als durchwachsene sonstige Vorstellung allerdings nicht wirklich.

Viele Spielmodi, viel Frust
Im Online-Modus gibt es die verschiedensten Spielmodi, in denen ihr euch austoben könnt. Neben dem 1vs1-Duell-Modus gibt es den Handgemenge-Modus, in dem ihr 2vs2 kämpft, und drei 4vs4-Modi. Der erste Modus nennt sich hier Vernichtung, der im Prinzip eine erweiterte Version des Handgemenge-Modus darstellt. Der zweite nennt sich Scharmützel, ein typischer Deathmatch-Modus. Der dritte heißt Herrschaft, wo die Kampfmechaniken mit einem Eroberungsmodus wie aus Battlefield kombiniert werden.

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Der Duell-Modus ist der einfachste und funktioniert dementsprechend auch gut: ihr werdet mit einem Gegner gematched und schlagt euch in kleinen Arenen solange den Kopf ein, bis einer drei Runden gewonnen hat. Ist kein Dauerbrenner, macht zwischendurch aber Spaß und passt natürlich super in For Honor rein.

Der 2vs2-Handgemenge-Modus macht besonders Spaß, wenn ihr im Team mit einem Freund nach Widersachern sucht. Hier spawnt ihr auf etwas größeren Arenen getrennt voneinander in 1vs1-Situationen, sodass kein großes Gekloppe entsteht, sondern voneinander getrennte Duelle. Hier gibt es wie im Duell keine Spezialfähigkeiten, sondern nur euren Skill, der wichtig ist. Es stellt sich aber folgendes Problem in den Vordergrund: For Honor lebt und stirbt von der Fairness der Spieler und wie sie den Spielmodus verstehen. Der Nahkampf ist nun mal darauf ausgelegt, dass ihr in 1vs1-Situationen kämpft und wenn sich einer der Spieler entscheidet, im anderen Duell einzusteigen, sieht es schlecht aus. Zwar gibt es den Rage-Modus, der sich mit jedem Treffer, den ihr einsteckt, langsam auflädt, aber die Unterzahlsituation wird dadurch nicht zwingend einfacher.

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Manche Spieler nehmen das automatisch zum Anlass, sich bei Duellen nicht einzumischen und erst zu attackieren, wenn der andere Kampf vollendet ist. Andere wiederum mischen sich ein und zerstören die Duell-Situation. Hier lässt For Honor den Spielern zu viel Freiraum. Dadurch, dass jeder ein anderes Spielverständnis hat, entsteht automatisch Frust. Es werden nur Tendenzen gezeigt, aber nicht konsequent umgesetzt.

For Honor zeigt schon durch die Spawns in den 1vs1-Situationen, dass die Spieler sich im Sinne der Entwickler nur duellieren sollen. Problematisch wird es eben dann, wenn sich ein Spieler dazu entscheidet, sich diesem System nicht zu unterwerfen – es wurde nicht weit genug gedacht. Es gibt keine Mechanik, die Spieler bestraft, die sich bewusst in Überzahlsituationen versetzen, um einen einfacheren Sieg einzufahren. Besonders, wenn man selbst darauf erpicht ist, immer fair zu spielen, zerstört das den Spielspaß von jetzt auf gleich. Es ist also reine Glückssache, ob ihr mit Leuten zusammengewürfelt werdet, die so spielen wir ihr, oder nicht.

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Spür' meinen Feuerball, Junge!
Auch im 4vs4-Vernichtungs-Modus, der eine erweiterte Variante des eben genannten Modus ist, findet sich das Problem wieder. Hier ist es allerdings weniger schlimm, da hier noch Spezialfähigkeiten und Power-Ups verfügbar sind, die das Spiel ohnehin verfälschen. Außerdem ist es möglich die gefallenen Teamkameraden wiederzubeleben, falls sie nicht mit einem Finisher exekutiert wurden. Die Power-Ups beschränken sich auf einfache Dinge wie eine partielle Heilung, stärkere Schläge oder eine Rüstung, während die Spezialfähigkeiten einzeln für die Helden ausgewählt werden können. Hier könnt ihr zum Beispiel auch Sofortheilungen oder sogar große Feuerballbeschüsse nutzen, wenn ihr genug Punkte gesammelt habt. Damit klassifiziert sich der Vernichtungs-Modus vielmehr als Deathmatch, was das häufige unfaire Spiel nicht so gravierend negativ auffallen lässt wie im skillbasierten 2vs2. Genauso platziert sich der Scharmützel-Modus, der gar nicht auf Duelle setzt, sondern nur auf unkoordiniertes Herumrennen und Töten auf einer mittelgroßen Karte, bis die Respawn-Tickets eines Teams ausgegangen sind.

Der Herrschafts-Modus ist der größte der Spielmodi. Hier müsst ihr auf einer riesigen Karte drei Gebiete unter eure Kontrolle bringen. Wenn ihr genug Punkte gesammelt habt, müsst ihr nur noch alle gegnerischen Helden töten und schon habt ihr gewonnen. Auch hier sind die Spezialfähigkeiten verfügbar, was sehr nützlich sein kann, um die Situation zu drehen, wenn es mal schlecht für euer Team aussieht. Im Herschafts-Modus findet ihr die groß inszenierten Schlachten aus den Trailern wieder, denn ein Eroberungspunkt besteht immer aus der Front, wo schwache NPC-Krieger aufeinander einkloppen. Tötet ihr viele gegnerische Minions, verschiebt sich die Front zu euren Gunsten und der Eroberungspunkt ist euer. Ein erfrischendes System, das den Mittelpunkt einer Karte zu einem großen umkämpften Schlachtfeld macht – richtig cool!

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Supergeiles Kampfsystem
Kommen wir nun endlich zum Kampfsystem von For Honor. Ich kann eins vorwegnehmen: jeder der zwölf Charaktere spielt sich auf seine eigene Art und Weise ansprechend und abwechslungsreich – schnell langweilig werden sollte euch jedenfalls nicht. Ob ihr nun mit einem langen Katana, mit einem Morgenstern, mit Speer, Schild und Schwert oder doch lieber mit Äxten angreift, For Honor bietet euch alles, was das Herz begehrt. Jeder Charakter hat dabei auch noch eigene Special-Moves, die durch bestimmte Tastenfolgen ausgelöst werden können.

Im Kampfmodus visiert ihr einen gegnerischen Helden an und befindet euch dann in einer Art Tunnelblick, der andere Spielbereiche ein wenig ausblendet, sodass ihr euch auf die Bewegungen eures Gegenübers konzentrieren könnt. Das ist gerade dann wichtig, wenn ihr die Schlaganzeige deaktiviert habt. Denn For Honor bietet in seinem Kampfsystem drei Schlagrichtungen: oben, links und rechts. Greift ihr von links an und euer Gegner spiegelt die Bewegung – hat seine Waffe also gerade auf der rechten Seite – pariert er den Schlag. Wenn ihr einen Gegner kurzzeitig durch einen Rempler verwirrt, hat er keine Chance den nächsten Schlag zu blockieren, kann aber, wenn er schnell reagiert, den Rempler umkehren, sodass ihr kurz außer Gefecht seid. Das Schöne: wie ein Kampf abläuft, entscheidet ihr, solange ihr die Kontrolle behaltet. For Honor zeigt euch eure Macht und das ist unglaublich befriedigend.

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Fleißarbeit
Und das ist noch nicht das Ende: ihr habt noch die Wahl zwischen schnellen, normalen Schlägen und langsamen, starken Schlägen. Außerdem verursacht jeder Charakter eine andere Menge an Schaden pro Schlag, steckt aber auch unterschiedlich viel ein. So bekommen träge Helden weniger Schaden, weil sie schlechter ausweichen können, greifen aber auch langsamer an und machen dementsprechend deutlich mehr Schaden pro Schlag. Dieses rudimentäre Balancing reicht aus, damit die Duelle nicht unfair werden. Es gibt immer eine Möglichkeit, den Gegner auszutricksen. Man muss nur wissen, wie. Natürlich macht es einen aggressiv, wenn der flinke Samurai um einen herumfliegt und ständig mit dem kleinen Schwertchen irgendwo reinsticht. Generell gilt aber: je besser ihr den Charakter kennt, der euch gegenübersteht, desto besser könnt ihr auch auf seine Angriffe reagieren.

For Honor setzt also komplett darauf, dass sich die Spieler voll und ganz in die Welt einarbeiten. Das erfordert viel Zeit und Geduld, was viele Spieler zu Beginn abschrecken kann. Vor allem die Tatsache, dass das Matchmaking kaum nach Spielererfahrung sortiert, führt zu großen Leistungsgefällen. Wenn ihr gerade mit dem Spiel begonnen habt, aber zehn Spiele hintereinander nur auf die Nase bekommt, weil ihr noch zu sehr mit euch selbst beschäftigt seid, ist das Mist. Genauso ist es für Spieler langweilig, die bereits 100 Stunden eingesetzt haben und dann gegen absolute Neulinge kämpfen müssen.

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Serverprobleme und geschmeidige Animationen
Wenn wir gerade schon beim Matchmaking sind, dürfen auch die Server nicht unerwähnt bleiben. For Honor hat keine dedizierten Server, was zu häufigen Spielunterbrechungen führt und noch viel zu oft dafür sorgt, dass die Spielclients einfrieren oder in einer Endlosschleife feststecken. Es klingt nach einem kleinen Problem – und es wäre auch nicht erwähnenswert, wenn es nicht so häufig passieren würde, aber die Serverprobleme bei For Honor sind leider allgegenwärtig. Wirklich unnötig.

Grafisch haben wir es hier nicht mit einem der größten Feuerwerke zu tun. Gerade was die Umgebungstexturen angeht, wäre mehr drin gewesen. Wo aber richtig gepunktet wird, sind die Animationen der Kämpfer. Jede Bewegung sieht so absolut geschmeidig und grandios aus, dass es Spaß macht, einfach nur bei Kämpfen zuzuschauen. Auch das Klirren der Klingen und das Keuchen der Charaktere passt sich gut in das allgemeine Bild rein, sodass Grafik und Sound insgesamt stimmig sind und sich auf hohem Niveau bewegen.

For Honor wollte das ambitionierteste Kampfspiel sein und versprach viel. Die Duelle sind intensiv und machen unglaublich Laune – vor allem, wenn ihr ebenbürtige Gegner vor euch habt. Grafik und Sound präsentieren sich rund und die Spielmodi bieten eine gute Abwechslung. Richtig problematisch wird es bei der Abhängigkeit von der Fairness der Spieler, denn wenn Leute miteinander gematched werden, die nicht das gleiche Verständnis vom Spiel haben, ist Frust vorprogrammiert. Das ist schlechtes Spieldesign und darf so nicht sein. Leute mit dicker Haut werden aber dennoch ihren Spaß am Kämpfen haben, sodass wir uns insgesamt in der Mittelmäßigkeit wiederfinden.

For Honor wurde auf dem PC (Windows 10 64-bit, Intel i5-4670, 16 GB RAM, Radeon RX 480 8GB) getestet. Ein Testmuster wurde uns von Ubisoft zur Verfügung gestellt.

For Honor

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

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22. August 2017 um 13:10 Uhr
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14. Februar 2017
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