theHunter: Call of the Wild im Test

(Artikel)
Adrian Knapik, 19. Februar 2017

theHunter: Call of the Wild im Test

Wecke den Jäger in dir

Was gibt es Schöneres, als mit seiner Flinte im feuchten Gebüsch zu hocken und darauf zu warten, bis das nächste leichtgläubige Reh vorbeikommt, um ihm eine fette Ladung Schrot ins Herz zu jagen? theHunter: Call of the Wild ist ein Jagdsimulator, der euch das befriedigende Gefühl eines Triumpfes auch ohne das feuchte Gebüsch vermitteln möchte. Ob das gelingt, klären wir in diesem Review.

thehunter_cotw_1Auf Aussichtspunkten erhaltet ihr Informationen über wichtige Punkte in der Umgebung.

Eine große Welt
Der Aufbau von theHunter erinnert dabei ein wenig an ein MMO. Ihr wählt einen Charakter, mit dem ihr dann in einer riesigen, offenen Spielwelt Quests absolviert. Pro Quest erhaltet ihr Erfahrung, mit der ihr eure Fertigkeiten verbessern könnt und neue freischalten könnt, und Geld, mit dem ihr neue Waffen kaufen könnt. Ein wirkliches Ende gibt es nicht, abgesehen vom Ende der Hauptquest – denn es gibt immer genug Tiere zum Erlegen.

Aber schaffen es die Entwickler, die große Open-World-Natur auch mit genug Stoff zu füllen, sodass einem nicht langweilig wird? Um mehr entdecken zu können, sind überall Aussichtspunkte verteilt. Wenn ihr einen solchen erklommen habt, werden euch alle Punkte, an denen es etwas zu entdecken gibt, auf der Karte aufgedeckt. Außerdem sind an diversen Stellen Heimatpunkte verteilt, an denen eine Hütte mit einem Bett zur Rast steht und außerdem ein kleiner Waffenschrank, der als Shop dient. Zu diesen Heimatpunkten kann man sich auch jederzeit teleportieren, um lange Laufwege zu sparen – vorausgesetzt, ihr habt sie entdeckt. Und hier ist der Haken an der Sache.

thehunter_cotw_2Widerspenstige Viecher.

Denn wie es nun mal so ist, habt ihr zu Beginn der Story noch kaum was entdeckt, dementsprechend könnt ihr euch auch nirgendwo hinteleportieren. Jeder Punkt muss erst mal zu Fuß besucht werden, was extrem langwierige Märsche durch die Natur von euch fordert. Natürlich kann man sich den Weg auch damit vertreiben, ein paar Hirsche zu erlegen, aber das nötigt einen häufig auch dazu, so weit von der geplanten Route abzuweichen, dass es sich wieder nicht lohnt. Das Schnellreise-System müsste einfach schon von Beginn an freigeschaltet sein. Denn so verbringt man in den ersten Stunden die Hälfte der Zeit damit, stumpfsinnig in eine Richtung zu rennen, was überhaupt keinen Spaß macht.

Hingegen ist das Freiheitsgefühl, was die Welt vermittelt, grandios. Dadurch, dass man wirklich jeden Winkel erkunden kann, hat man nie das Gefühl, an Grenzen zu stoßen. Auch die Ausarbeitung der Landschaften ist wunderbar gelungen. Ich hatte an keiner Stelle den Verdacht, dass hier Ideen wiederverwendet worden sind. Jeder Abschnitt steht in seiner Schönheit für sich selbst.

thehunter_cotw_3Auch einen Multiplayer-Modus zum gemeinsamen Jagen gibt es.

Optik und Sound
Denn wenn theHunter: Call of the Wild eins kann, dann ist es gut aussehen. Die Natur ist so was von grandios modelliert, dass sich die Welt auch einfach nur als Walking Simulator anbieten würde. Die Farben sind ein lebhaftes Spiel aus saftigem Grün und herbstlichem Gelb und es gibt kaum einen Punkt, der nicht von Vegetation überwuchert ist. Es gibt Gebüsche, große und kleine Bäume, Sträucher, kleine Gewächse, verdorrende Hölzer. Das Licht der Sonne schlängelt sich durch die Freiräume zwischen den tausenden von Blättern und die Geräusche des Windes hauchen nicht nur durch eure Ohren, sondern bewegen die gesamte Flora mit – einfach fantastisch! Bewegt ihr euch durch dichtes Gestrüpp, knirscht jeder Schritt ohrenbetäubend. Seid ihr am Rande eines Teiches, plätschert das Wasser so realistisch in euren Kopfhörern, dass ihr nachschauen müsst, ob eure Füße nicht wirklich im Wasser stehen. Die Präsentation ist auf ganz hohem Niveau.

Um dem Spielgefühl einen realistischen Stempel aufzudrücken und damit ihr nicht einfach wie ein Berserker mit eurer Schrotflinte durch die Wälder poltert, sind Spielmechaniken eingebaut, die eure Handlungsmöglichkeiten beim Tiereerlegen auf zwei Vorgehensweisen reduzieren. Ihr könnt euch entweder im nächstbesten Gebüsch verstecken und darauf warten, dass eure Ziele sich euch nähern, oder ihr pirscht euch an eure Beute heran und versucht dabei, so leise wie möglich vorzugehen. Dabei müsst ihr auch auf den Boden unter euch achten, denn je nachdem, welche Pflanzen sich unter euch befinden, variiert auch eure Bewegungslautstärke. Diese wird euch ständig im HUD angezeigt, sodass ihr immer kontrollieren könnt, wie laut ihr euch gerade bewegt. Auch eure Sichtbarkeit wird ständig angezeigt: hockt oder liegt hier, seid ihr natürlich deutlich weniger sichtbar.

thehunter_cotw_4Nur die Ruhe bewahren...

Die Jagd
Der Lautstärkepegel hat dabei allerdings einen gravierenden Mangel: die meiste Zeit befindet er sich in zwei Positionen – entweder vollkommen leise oder laut. Das hilft einem beim Suchen der richtigen Anpirsch-Route nicht gerade weiter und macht dieses System im ersten Moment auch vollkommen irrelevant. Dabei ist durchaus Potenzial vorhanden, denn wenn ein starker Windstoß kommt, sinkt der Pegel ausnahmsweise deutlich herab. Das Lautstärkesystem hat also gute Ansätze, schreit aber danach, deutlich differenzierter ausgearbeitet zu werden.

Eine nette Feinheit präsentiert sich auch beim Tag-Nacht-Rhythmus von theHunter. Wenn ihr in der Dunkelheit jagt, seid ihr deutlich geschützter auf offenem Terrain, sodass ihr einfacher an eure Beute herankommt. Andererseits ist es aber auch für euch schwieriger, Tiere ausfindig zu machen, da ihr nur eine kleine Taschenlampe besitzt. Diese benötigt ihr allerdings, um in der Nacht Spuren lesen zu können, um zum Beispiel angeschossene Tiere zu verfolgen.

thehunter_cotw_5Zu Heimatpunkten könnt ihr euch teleportieren und euer Arsenal erweitern.

Die Tiere verteilen nämlich überall in der Welt ihre Spuren durch flachgesessenes Gras oder Abdrücke. Diese könnt ihr analysieren, wodurch ihr einen Hinweis über die Laufrichtung bekommt. Wenn ihr einen Schuss getroffen habt, finden sich auch in regelmäßigen Abständen Blutflecke auf dem Boden, die euch helfen, das entlaufene Tier zu finden, wenn ihr es nicht im ersten Anlauf töten konntet. Das ist gerade am Anfang nicht gerade leicht, doch nach einigen Stunden Spielzeit klappt das Verfolgen schon deutlich besser. Wenn ihr Punkte in entsprechende Fertigkeiten einsetzt, bekommt ihr durch das Spurenlesen auch noch etwas detailliertere Informationen, wodurch die Suche dann noch etwas erleichtert wird.

Das Belohnungsgefühl, wenn man erst mal ein Tier geschossen hat und es regungslos hinter dem nächsten Stein liegt, ist unbeschreiblich. Vor allem, wenn man wie ich die ersten 90 Minuten zu unfähig war, auch nur ein beklopptes Reh zu töten. Wenn ihr den regungslosen Leib dann untersucht, erhaltet ihr ausführliche Informationen über den Einschlag eurer Patronen. In einer netten Abbildung werden die getroffenen Organe hervorgehoben und ihr erhaltet die genaue Schadensangabe, sodass ihr mit jedem Abschuss lernt, wo die kritischen Stellen sind. Schießt ihr zum Beispiel in die Lunge oder das Herz, habt ihr schon sicher gewonnen. Trefft ihr hingegen nur ein Bein oder einen Muskel, entwischt das Tier noch deutlich leichter. Ohne diesen Abschussbildschirm wäre die Jagd also nur halb so spannend.

thehunter_cotw_6Die Landschaften bieten häufig tolle Ausblicke.

Profischütze und Callcenter
Am Anfang der Story habt ihr nur ein ziemlich einfaches Gewehr mit einem Visier zur Verfügung. Wenn ihr wollt, könnt ihr dieses aber durch größere Gewehre, Flinten oder handliche Pistolen austauschen. Ich meine, wer möchte schon ein Gewehr, wenn man einen Revolver mit total unnötigem Scharfschützenaufsatz haben kann? Das ist zwar weniger effektiv, aber dafür seid ihr eindeutig der Coolste im Wald! Die verschiedenen Waffen sind vor allem auch für unterschiedliche Distanzen geeignet. Gut ist auch, dass sich das Handling der verschiedenen Waffen deutlich unterscheidet. Während euch ein Gewehr oder eine Flinte mit großer Wucht nach hinten schmeißt, habt ihr mit einer Pistole weniger Probleme mit schnellen Schüssen hintereinander.

Aufpassen müsst ihr dabei stets auf euren Puls, denn je schneller euer Herz schlägt, desto stärker zittert eure Hand. Dieser erhöht sich durch schnelle Bewegungen, schnelle Schüsse oder durch langes Luftanhalten erheblich. Auch der Wind kann euch einen Strich durch die Rechnung machen. Kommt plötzlich ein starker Windstoß, kann sich die Flugbahn eurer Kugel sehr verfälschen. Die Windrichtung wird dabei in einem kleinen Radar angezeigt, der allerdings nur sichtbar ist, wenn man nicht durch den Waffenaufsatz schaut. Eine gute Idee wäre es gewesen, wenn man erst etwas Laub hochschmeißen müsste, um die Windrichtung zu erfahren. Insgesamt macht das Schussverhalten als Kern-Feature trotz kleiner Einschränkung einen tollen Eindruck.

thehunter_cotw_7Die verschiedensten Tierarten warten auf eure Kugeln.

Die Aufgaben, die ihr absolviert, sind in Form eines Quest-Systems präsentiert. So gibt es eine Hauptquest, die im Prinzip dazu dient, euch einmal in jeden Winkel der Karte zu scheuchen, und Nebenquests, die ihr von Personen erhaltet, die einem bestimmten Gebiet zugehörig sind. Die Quests erreichen euch über euer mächtiges Smartphone, auf dem ihr rund um die Uhr von Jägern belagert werdet. Hier noch mal eben zwei Rehe erlegen, dort fünf Fotos von einem Hirsch machen – es gibt immer was zu tun. Auch wenn die Quests teilweise nicht von Einfallsreichtum geprägt sind, halten sie einen doch bei Laune.

So präsentiert sich theHunter: Call of the Wild abschließend als solider Jagd-Shooter mit überzeugendem Schussverhalten, fantastischer Grafik und gutem Zusammenspiel zwischen Spielerinteraktion und Natur. Die teils lahmen Quests, das undifferenzierte Lautstärke-System und die Spielspaß-tötenden Laufwege in den ersten Spielstunden führen aber zu dicken Abzügen. Wer aber die Zeit dazu hat, lange in eine Richtung zu sprinten, findet hier einen starken Jagd-Simulator, der aber noch Raum für Verbesserungen bietet.

theHunter: Call of the Wild wurde auf dem PC (Windows 10 64-bit, Intel i5-4670, 16 GB RAM, Radeon R9 270X) getestet. Ein Testmuster wurde uns von Astragon zur Verfügung gestellt.

theHunter: Call of the Wild

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

Kommentare

Rian
20. Februar 2017 um 09:17 Uhr (#1)
Es ist schon irgendwie merkwürdig. Ich habe in Spielen schon tausende Menschen über den Haufen geschossen, aber wenn ich hier lese, wie man Tieren auflauert und heimtückisch aus dem Dickicht erschießt, denke ich mir: "Schrecklich. Wer hat an sowas Spaß?"

Das nur mal als Beobachtung ohne viel Wertung dahingestellt xD
Kristin
20. Februar 2017 um 11:13 Uhr (#2)
Kann ich total nachvollziehen. ;) Ich würde vermutlich auch nur spazierengehen. Von daher wäre für mich wichtiger, ob man die Tiere denn auch bei interessanten Aktivitäten beobachten kann? Fuchsmama mit Welpen spielend vorm Höhleneingang z.B.? :3 Fototour wäre eher was für mich. :D
Ben
20. Februar 2017 um 17:24 Uhr (#3)
"Fuchsmama mit Welpen spielend vorm Höhleneingang" - und dann kommt Adrian mit der Flinte.
Adrian
21. Februar 2017 um 18:19 Uhr (#4)
Die einzigen interessanten Aktivitäten, die ich beobachten konnte, waren rastende/schlafende Tiere oder essende Tiere. Mehr konnte ich leider nicht beobachten :D
Es gibt auch eine integrierte Foto-Funktion, die auch automatisch die Fotos in Steam exportiert, sodass sie nach dem Spielen direkt hochgeladen werden können, wenn man das will :)
Kristin
21. Februar 2017 um 19:06 Uhr (#5)
Hättest sie mal nicht gleich erschießen sollen, dann hättest Du sie bestimmt bei der Morgentoilette beobachten können. :(
Gast
23. September 2017 um 07:46 Uhr
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