Zero Time Dilemma im Test

(Artikel)
Rian Voß, 24. Januar 2017

Zero Time Dilemma im Test

Immer auf die Kleinen!

Die Zero-Escape-Serie ist so etwas wie Saw für intelligente Menschen: Der Plot ist undurchdringlich, die Charaktere wachsen einem ans Herz und die Rätsel sind manchmal abgefahren schwierig. Trotzdem bleiben die Spiele ausgesprochen sadistisch. Hier ist kaum etwas heilig. Im neuesten Teil, Zero Time Dilemma, wird das ganz besonders deutlich. Denn hier werden Kinder ermordet.

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Neun Personen wachen in ihren Zellen auf. Sie wissen nicht, wo sie sind, aber kaum dass sie das Bewusstsein erlangt haben, kommt auch schon eine Gestalt mit einer mittelalterlichen Gasmaske ans Gitter und sagt: "Ich werfe jetzt eine Münze. Wenn ihr die richtige Seite erratet, lasse ich euch frei. Ansonsten müsst ihr an meinem Spiel teilnehmen, das erst aufhört, wenn sechs von euch tot sind." Die Münze hat eine blaue und eine rote Seite. Ich wähle blau. Die Münze zeigt blau. Zero lässt uns frei. Die Charaktere stehen in der Freiheit, wundern sich, was vorgefallen ist, und die Credits spielen ab. Wie jetzt?

Ich springe in der Zeitlinie zurück. Das ist ein Merkmal der Serie: Bestimmte Knotenpunkte in der Story lassen sich immer wieder ansteuern. Neue Entscheidungen zwingen die Geschichte dann in einen neuen Zweig. So lässt sich Wissen, unter Umständen sogar das eine oder andere Passwort, von einem Pfad in den nächsten übertragen. Was sich wie pures Geschummel anfühlt, hat tatsächlichen Hintergrund. Auf den gehe ich jetzt aber nicht ein, nur für den Fall dass ihr die Vorgänger nicht kennt - wäre ein fieser, fieser Spoiler.

Jedenfalls wähle ich beim zweiten Mal rot. Die Münze zeigt weiterhin blau. Das Spiel beginnt.

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Ab jetzt sind die Charaktere in drei Teams à drei Personen aufgeteilt. Carlos, Diana und Q leiten jeweils ein Team. Diese drei gehören zu den insgesamt fünf neuen Charakteren der Serie. Der Feuerwehrmann, die junge Frau und der kleine Junge, dessen Kopf in einem großen Metallball feststeckt, sind sympathische Charaktere und klicken hervorragend mit den anderen Figuren. Von Teil Eins und Teil Zwei machen dagegen Junpei, Akane, Sigma und Phi wieder mit, deren Geschichten fortgesetzt werden. Ich rate allen Interessierten dringend, die Vorgänger durchzuspielen - ansonsten seid ihr gekniffen.

Die Story von Zero Time Dilemma beginnt nämlich, wie man es gewohnt ist, relativ simpel, wird ab dem Mittelteil aber notorisch komplex. Es gibt Dutzende Referenzen zu 999 und Virtue's Last Reward, und dass man mehrere sich aufgabelnde Storypfade in quasi zufälliger Reihenfolge spielt, hilft beim Überblick nicht. Selbst ich als jemand, der die Vorgänger kennt und vorher noch mal die Plots bei Wikipedia durchgelesen hat, war am Ende so durch wie die Spielfiguren selbst. Unterm Strich ist die Geschichte zwar nicht so unglaublich verwuselt wie Virtue's Last Reward, aber da die Teile eng verknüpft sind, heißt das nicht viel.

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Zero Time Dilemma präsentiert die Story in vollständig und sehr gut synchronisierten Zwischensequenzen. Die Sprecher sind auch diejenigen, die den ziemlich miesen Animationsteil wieder ausgleichen. An vielen Stellen fühlt es sich an, als wollte das Spiel viel lieber in Standbildern erlebt werden, aber dann musste halt doch mal jemand rennen oder jemand musste wen anders schlagen. Das Resultat ist etwas, das ich lieber am Handheld statt am großen PC-Bildschirm erfahren hätte, denn da wäre der Bildschirm kleiner gewesen und es hätte nicht so beschämend ausgesehen.

Nicht zuletzt ist das Spiel wegen der Steuerung auf den Mobilkonsolen daheim. Am PC funktioniert die Mauskontrolle zwar, aber Zero Time Dilemma wurde null für das Eingabegerät angepasst. Auf Bildschirmen mit Scrollbalken darf man mit dem Mausrad nicht scrollen, die einzige Memofunktion des Spiels erlaubt Herumgemale mit dem Zeiger statt Eingaben per Tastatur.

Neben Storysequenzen gibt es Escape-Room-Rätsel im wahrsten Sinne des Wortes: Die Figuren sind eingesperrt und müssen, manchmal unter Zeitdruck, den Schlüssel hinaus finden. Diese Puzzle sind zwar enorm künstlich gestaltet und man fragt sich schon mal zwischendurch, warum Zero sich solche Mühe gemacht hat, Schalterrätsel mit Sprengstoffzügen zu verknüpfen und in Formaldehyd eingelegte Tiere mit Bodensensoren zu verknüpfen - allerdings machen die Rätsel so viel Spaß, dass ich diese Gedanken bis gerade eben wieder verdrängt habe.

notizenDie Memo-Funktion am PC ist Dreck. Notizzettel sind Pflicht!

Und mit "machen viel Spaß" meine ich, dass die Rätsel bockig schwer sind. So richtig schön knackig, wie eine frisch ausgebuddelte Möhre. Herzhaft reinbeißen und dann entdecken, dass die Kauleiste wegen Unterforderung total eingegangen sind. Manche Rätselräume sind noch ganz lauschig und basieren darauf, dass man im Wust der Objekte auch alle kombinierbaren Teile ins Inventar schaufelt. Andere Räume haben mich dagegen bis sieben Uhr morgens beschäftigt. Das war das Ende eines 12-Stunden-Marathons, bei dem ich dachte, ich bekäme Zero Time Dilemma an einem Tag des Wochenendes in einer Sitzung durch. Nein, bekam ich nicht. Aber das Rätsel, das mich zwei Stunden beschäftigt hat, habe ich dann doch ohne Walkthroughs in die Knie gezwungen bekommen. HAH! Das fühlte sich gut an.

Weniger gut fühlen sich dagegen die Charaktermomente an. Weniger gut in einem positiven Sinne. Die Figuren werden richtig getrieben, machen ungeahnte Verzweiflung durch und rührten mich auch. Das ist die Menschlichkeit, die ich an Virtue's Last Reward vermisst habe. Das ist dann auch der Grund, warum Zero Time Dilemma bei der Stange hält. Nicht wegen des absurden Plots, sondern das Schicksal der Figuren ist das, was neugierig macht. Bis zum Schluss, wo die Auflösung um das Mysterium Zero dann eine so gigantische Enttäuschung darstellt, dass selbst Dianas niedliche Sommersprossen nichts dagegen tun können.

Zero Escape steckt ein wenig in der Formelhölle. Spike Chunsoft versucht es seit dem ersten Teil immer wieder mit demselben Storygimmick und baut darum eine wachsende, immer verworrenere Narrative, die inzwischen nichts mehr tragen kann. Glücklicherweise sind die beiden anderen Standbeine intakt und können die klaffende Wunde ganz gut schließen: Sowohl die Figuren als auch die Rätsel sind enorm unterhaltsam und verdienen großes Lob.

Zero Escape: Zero Time Dilemma wurde auf dem PC (Windows 10 64-Bit, 16 GByte RAM, Intel Core i5-4690, Nvidia GeForce GTX 970) getestet. Für den Test hat sich der Redakteur das Spiel selbst gekauft.

Zero Time Dilemma

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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24. April 2017 um 07:25 Uhr
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30. Juni 2016
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Nintendo 3DS
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Plattform

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