Remember Me im Test

(Artikel)
Vivian R., 09. Juli 2016

Remember Me im Test

Erinnerungslücken und Plotholes

Remember Me liegt schon seit einer Weile bei mir auf der Wunschliste. Cyberpunk-Setting, weiblicher Hauptdarsteller, das ganze Erinnerungsmotiv – wenn ich das so aufzähle, frage ich mich, warum ich so lange mit dem Kauf gezögert habe. Ach ja. Da war ja die Flut an "Ist so mittelgut"-Rezensionen, die das Spiel umgaben. Hört man auf die Entwickler, ist das Spiel wegen des weiblichen Hauptcharakters gefloppt. Die Rezensionen sind sich einig: Die Story ist schuld. Vor ein paar Wochen habe ich Remember Me günstig geschossen und konnte dann selbst schauen, was los ist.

RM Strasse

Wer bin ich?
Wie sollte ein Spiel, in dem es um Erinnerungen geht, auch anders anfangen als mit einer Heldin mit Amnesie? Als Nilin in einer Art Gefängnis erwacht, ist sie orientierungslos und kann sich nur noch bruchstückhaft an ihren Namen erinnern. Ohne Vergangenheit flattert ihr jeglicher Wille zur Gegenwehr weg. So stolpert sie voran wie ein Schäfchen zur Schlachtbank, als ihr auch noch der Rest ihrer Erinnerungen gelöscht werden soll.

Mit der Hilfe von Edge, einem ominös-freundlichem Fremden, entkommen wir der Anstalt. Und er erzählt uns, wer wir sind – Nilin, einst Teil der Errorists, einer Terrororganisation, die sich geschworen hat, das dubiose Geschäft des Memorize-Konzerns mit den Erinnerungen der Menschen zu beenden und die Welt wachzurütteln.

RM Edge"Du bist mein Skalpell, Nilin, eine Waffe gegen eine Welt voll von Tumoren." - Ho, boy.

Moral ist was für die Anderen.
Denn in Neo-Paris im Jahre 2084 sind Erinnerungen längst zum Handelsgut geworden. Mit Hilfe des Sensen, einer Modifikation, die mit dem Gehirn verbunden ist, kann man Erinnerungen aufnehmen, verkaufen, mit den Liebsten teilen und sogar löschen. Nilin hat zudem die Eigenschaft, in Erinnerungen einzudringen und sie zu verändern, was sie für die Errorists besonders wertvoll macht.

Auf den ersten Blick klingt das, was Edge so verwerflich findet, eigentlich ganz nett – wer möchte nicht die schönsten Erinnerungen seines Lebens immer und immer wieder erleben und sie direkt mit seinen Liebsten teilen? Aber wie es das Genre verlangt, folgen auch in Remember Me moralische Dilemmata auf technologische Errungenschaften.

Nicht nur werden Gefängnisinsassen um ihre Erinnerungen beraubt, um sie gefügig zu machen, auch können Grenzen von Privatem und der Öffentlichkeit durch den Zugriff zu intimsten Erinnerungen durchbrochen werden. Und dann gibt es noch die Leaper, geistig und körperlich degenerierte Menschen, die ihrem Zustand dem unvorsichtigen Spiel mit ihren Erinnerungen zu verdanken haben.

Klingt spannend, klingt nach viel philosophischem Futter. Leider bleibt das Spiel dann aber hinter der Prämisse zurück. Mit Moral hat Remember Me ohnehin so seine Probleme: Während unser Freund Edge zu immer härteren Mitteln greift und Nilin dabei als sein ausführendes Werkzeug benutzt, hinterfragt sie seine Entscheidungen nur kurz, führt seine Anweisungen dann aber trotzdem aus.

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Erinnerungen umzuschreiben, damit sich Feinde uns anschließen, oder sie sogar ganz zu löschen und aus dem Gedächtnis eines Menschen zu ziehen, erscheint mir irgendwie als ziemlich zwielichtige Angelegenheit, wenn man einer Organisation angehört, die genau dieses Herumspielen mit Erinnerungen kritisiert. Kurzes Aufblitzen von Gewissensbissen sind das einzige, was uns dazu aus Nilins Gedankenwelt geboten wird. So findet weder eine emotionale Entwicklung noch ein moralisches Hinterfragen der Taten statt. Ihre Emanzipation über den Radikalinski Edge wird angedeutet, verläuft sich dann aber schnell wieder, als ihr einfällt, dass er es ja war, der sie aus dem Knast befreit hat.

Was mir das Spiel damit mitteilt, ist, dass Moral nur auf böse Megacorporations wie Memorize angewandt werden kann. Die bleiben aber so wenig gefährlich und unpersönlich, dass ich sie nur schwammig als die Bedrohung für die Gesellschaft, für die Edge sie mir verkaufen will, wahrnehme.

Auch interessante Ideen in der Welt werden angekratzt, aber dann nicht weiter ausgeführt. Dass gute Erinnerungen auch als Drogenersatz benutzt werden, fand ich eine spannende Idee, leider erfahre ich davon nur in einem kleinen Gespräch zwischen zwei Junkies auf der Straße. Allgemein hätte man um das Thema Erinnerung und der Manipulation dieser viel machen können. Remember Me hat diese Energie aber lieber in eine mediokre und wirr erzählte Haupthandlung gesteckt. Alle ihre moralischen Dilemmata verschiebt Nilin auf später, wenn sie ihre Erinnerungen zurück bekommt, frei nach dem Motto "Edge wird schon wissen, was er tut."

RM dödö

Den Plot kann man getrost vergessen
Auch der Plot fängt spannend an, ist streckenweise aber hakelig erzählt und verschenkt viel Potential. Emotionale Momente verlaufen sich durch stockige Dialoge im Sande. Ab einem gewissen Punkt wird die Geschichte dann nur noch hanebüchen. Oder eher: der vermeintliche Plottwist um Nilins Vergangenheit ist nicht besonders gut vorbereitet. Er überrascht nicht, sondern lässt nur Fragezeichen zurück. Da, wo die Handlung dann dramatisch und komplex erscheinen soll, sitze ich nur vor dem PC und stöhne "Oh Gott" mit ungefähr dem gleichen Ton, als hätte man mir einen schlechten Wortwitz erzählt.

Ohnehin ist das das größte Problem, mit dem Remember Me zu kämpfen hat: Das Spiel stellt so viele spannende Prämissen auf, lässt sie aber komplett im Sande verlaufen. Nach einer Weile motivierten mich weder Nilins Hintergrundgeschichte noch die Ziele der Errorist-Organisation. Was mich dann doch noch zum Spielen trieb, war die Frage nach Edge und wer der Kerl eigentlich ist. Wenigstens hier hat Remember Me für mich noch einmal Punkte eingeholt, denn das Ende hat wirklich Charme.

RM Tipps

Das Setting
Wenn man Remember Me eines lassen muss, dann, dass es wirklich hübsch ist und einen in eine interessante und wundervoll gestaltete Welt wirft. Cyberpunk-Elemente wie riesige Wolkenkratzer, schlammige Rotlichtviertel mit Android-Prostituierten und blinkender Reklame verbinden sich geschickt mit Jugendstilschnörkeln, Stuckverzierungen und eleganter Abendgarderobe. Das schafft Remember Me definitiv besser als zum Beispiel Deus Ex, bei dem mir diese Verbindung eher forciert und künstlich vorkam. Zu der dichten Atmosphäre trägt auch die stimmige Musik bei.

Kurz: Die Welt von Remember Me ist interessant gestaltet und lädt zum Staunen und Erkunden ein. Tja. Schade, dass uns das Spiel gerade das nicht erlaubt. Die Wege sind linear und es finden kaum Interaktionen mit der Umwelt statt. Nilin darf sich nur an die Rohre hängen und über die Kisten klettern, die uns angezeigt werden. Gibt es zwei Wege, führt der Nicht-Plot-Weg nur in kleinere Nebenkammern oder -gassen, und da sich oft hinter uns Türen verschließen, sobald wir dem Handlungs-Weg folgen, sind wir selten richtig frei, ein Areal zu erkunden.

Der ohnehin schon schleppenden Immersion in die Welt helfen auch die Mini-Tutorials nicht, die in den ersten zwei Stunden bei fast jedem Kampf aufploppen und uns zum Handeln zwingen. Denn die Tutorials müssen wir Schritt für Schritt befolgen. Ich glaube, ich habe noch nie ein Spiel gespielt, das so hilfreich sein wollte und mich stattdessen nur wütend gemacht hat.

RM Tutorial

Linker Fuß, rechte Faust
Das Kampfsystem erinnert an die Arkham-Spiele. Nilin schlägt und tritt sich von Gegner zu Gegner, hüpft galant über sie, wenn sie ihren Schlägen ausweicht. Obwohl wir nur zwei Tasten haben (schlagen + treten), geben uns das Kombo-System und die Spezialfähigkeiten etwas mehr Variation. Die Abfolge der Kombos ist uns zwar vorgegeben, aber wir können spezielle Effekte für jeden Schlag/Tritt einsetzen. Rote Elemente machen Schaden, gelbe heilen, blaue verstärken den vorherigen Effekt und violette verkürzen den Zähler unserer Spezialfähigkeiten.

Diese können wir nur einsetzen, wenn wir Fokus gesammelt haben. Fokus wird generiert, wenn wir genug Schaden gemacht oder selbst eingesteckt haben. Die Spezialfähigkeiten sind besonders im späteren Verlauf essentiell, wenn auch die Gegner spezielle Rüstungen und Attacken haben. Mit dem Sensen Camo machen wir uns unsichtbar, um so einen Soldaten mit einer Rüstung, die uns sonst bei jedem Treffer selbst Schaden zufügt, von hinten mit einem Schlag unschädlich machen. Mit Sensen DOS machen wir unsichtbare Gegner sichtbar.

Grundsätzlich sind die Kämpfe kurzweilig, durch ihre Hektik aber oft frustrierend. Die Heilkombos braucht man dringend, weil man, selbst wenn wir zur richtigen Zeit ausgewichen sind, ständig Schaden kassieren. Wenn man einmal die richtige Kombination für sich gefunden hat, ist der Reiz zum Ausprobieren verloren. Das hat mich stark an Transistor erinnert, wo das Kampfsystem auch grundsätzlich Spaß gemacht hat, es aber, sobald man wusste, was für einen funktioniert, nur noch zum wenig taktischen Abreißen von Kombos geworden ist.

RM Memory Overload

Fazit
So schön Remember Me auch ist, so ganz reicht das alleine nicht aus, um mich zu überzeugen. Das Cyberpunk-Setting und die Erinnerungsthematik laden ein, nicht nur ästhetisch starke Geschichten, sondern Handlungen mit etwas mehr Tiefgang zu erzählen. Remember Me nutzt diese Chance nicht, sondern verschwendet zu viel Energie, um mir eine mit Pathos aufgeladene und unglaubwürdige Hintergrundgeschichte von Nilin zu erzählen. Mir hat Remember Me zwar mehr Spaß gemacht als Watch Dogs, das mit einer ähnlich interessanten Cyberpunk-Hacker-Prämisse daherkommt. Beide leiden aber an den gleichen Fehlern: Blasse Figuren, mittelmäßiges Gameplay und eine lahme Hauptstory verspielen jeglichen Charme, den das Setting zu bieten hat. Gefloppt ist es also nicht nur, weil sie sich für einen weiblichen Hauptdarsteller entschieden haben.

Remember Me wurde auf dem PC (Windows 7 64-bit, 8 GByte RAM, AMD FX-8150, AMD Radeon R9 280 3GB) getestet. Für den Test hat sich die Redakteurin das Spiel selbst gekauft.

Remember Me

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

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25. Juli 2017 um 12:49 Uhr
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RELEASE
07. Juni 2013
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 3
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Xbox 360
Plattform

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